Von geplatzten Träumen
Aber der Traum vom grandiosen Action-Feuerwerk bleibt Wunschdenken. Too Human ist aber auch weit davon entfernt, an einen Albtraum zu erinnern. Es wirkt nur derzeit einfach zu bemüht, um in der Oberliga mitzumischen. Filmsequenzen und Actionszenen scheinen krampfhaft nach Superlativen zu greifen - ohne auch nur ein einzelnes zu erreichen. Doch was ist der Grund dafür, dass alle vier Redakteure, die sich mit einer frühen Fassung beschäftigt haben, etwas enttäuscht sind?
Vielleicht lag es an der enormen Erwartungshaltung, die ein Titel aufbaut, an dem Kreativ-Köpfe mit einem so kleinen, aber sehr beachtlichen Portfolio arbeiten - Eternal Darkness und Metal Gear Solid: Twin Snakes sprechen Bände. Ist es überhaupt möglich, einen solchen Hype zufriedenzustellen?
Das ist es! Man denke an Shadow of the Colossus
, an Gears of War
, an Super Mario Galaxy
.
Vielleicht rührt die Enttäuschung daher aus den Versprechen, die Microsoft und Silicon Knights immer wieder rezitierten: Schließlich sollte Too Human nicht nur das Beste aus Rollen- und Actionspiel vereinen, es wollte zugleich "nie dagewesene visuelle Lebendigkeit" zeigen. Und beides schafft es einfach nicht. Nach unseren Vorschau-Erkenntnissen ist Too Human ein Action-Rollenspiel unter vielen: Als Baldur treibt ihr zwischen Dutzenden Roboter-Wesen euren Kombo-Zähler nach oben, knallt Spezialattacken aufs Parkett und seht euch an den trocken erzählten Filmszenen schnell satt. Tatsächlich ist es gerade nach Heavenly Sword, Uncharted, Metal Gear Solid 4 oder dem thematisch ähnlichen Mass Effect verblüffend, dass sich die Einfälle eines modernen Spieleregisseurs - überspitzt ausgedrückt - auf bewegte Lippen und das obligatorische Kamerakreisen um die Protagonisten beschränken.
SciFi-Götter
Wobei man vorsichtig sein muss: Wer bei Protagonist an "Helden in glitzernder Rüstung" denkt, erliegt dem Schein des tatsächlich glitzernden Äußeren. Denn in Silicon Knights' Auslegung der nordischen Götterwelt geht es nur allzu menschlich zu: Verrat, Intrigen und Machtgier beherrschen hier wie auch im Original die mythologische Welt. Selbst Baldur, Sohn des Göttervaters Odin, gerät in einen Strudel aus Gewalt, Trauer und Rache, dem er als Mitglied der Aesir eigentlich nicht erliegen dürfte.
Wie im mythologischen Vorbild ist "Aesir" dabei die Bezeichnung einer Gruppe von Göttern. Und genau wie in der Vorlage schwelt auch hier ein martialischer Konflikt, der nur in Ragnarök, der Apokalypse, und dem Tod von Baldur enden kann...![]()

Stilistisch ist die Kreuzung aus Science-Fiction, nordischer Mythologie und anderen Einflüssen ausgesprochen interessant.
So erzählen es jedenfalls die nordischen Sagen. Silicon Knights nimmt es mit seiner Vorlage hingegen nicht ganz so genau. Anders ist z.B. das Auftauchen von Grendel, einer Gestalt aus dem altenglischen Beowulf-Epos nicht zu erklären - vom Übertragen des Mythos' in die Science-Fiction ganz zu schweigen. In der Tat sieht man weder den mechanischen Gegenspielern noch den kybernetischen Implantaten aller Charaktere ihre erzählerischen Wurzeln an. Interessantes Detail: Die Köpfe der kleinen und mittleren Bösewichter erinnern frappierend an die Überwachungskameras, welche Gordon Freeman in City 17
zu schaffen machen. Lediglich die turmhohen Steinmauern der Kellergewölbe sowie der barocke Baustil in Asgard, dem Himmelsreich, Verzeihung: dem Hauptquartier der Aesir, spiegelt den erzählerischen Ursprung wieder.
