Polarity (Ouya)05.09.2013, Michael Krosta
Polarity (Ouya)

Im Test:

Was haben Ubisofts Watch_Dogs und der Indie-Titel Polarity gemeinsam? Auf den ersten Blick gar nichts. Trotzdem gibt es eine inhaltliche Verbindung: Beide stellen das Thema „Hacken“ in den Mittelpunkt. Doch während man als Aiden die vernetzte Welt von außen unter Kontrolle bringt, begibt man sich hier direkt in die Schaltkreise und Sicherheitssysteme, um wertvolle Datenfragmente zu sammeln. Haben wir uns bei Retrovirus im Stil von Descent vor allem durch Waffenpower den Zugang verschafft, sind beim Werk von Bluebutton Games Köpfchen und Geschicklichkeit gefragt..

Eindeutiges Vorbild

Das richtige Platzieren der farbigen Würfel ist ein zentrales Spielelement.
Das richtige Platzieren der farbigen Würfel ist ein zentrales Spielelement.
Schaut man sich den Namen „Polarity“ an, könnte man aus den vorhandenen Buchstaben auch „Portal“ bilden. Okay, ein perfektes Anagramm ist es nicht. Warum es mir trotzdem aufgefallen ist? Weil der Ouya-Titel, der mittlerweile auch grünes Licht für eine Veröffentlichung auf  Steam bekommen hat, frappierende Ähnlichkeiten zur fantastischen Valve-Knobelei aufweist. Auch in Polarity ist man die meiste Zeit damit beschäftigt, in der Ego-Ansicht kleine Würfel aufzunehmen und sie durch einfaches Ablegen oder zielgenaue Würfe zu platzieren, um z.B. Schalter, Aufzüge oder Turbo-Sprungschanzen zu aktivieren, mit denen man das Ende des Levels erreichen kann. Im Idealfall sammelt man auf dem Weg noch die drei mehr oder weniger gut versteckten Datenfragmente ein, denn nur mit ihnen erhält man später Zugang zu den höheren Stufen.

So weit, so bekannt. Doch in der Welt von Polarity gibt es abseits des Verzichts auf die Portale ein paar Besonderheiten: Zum einen sind die Würfel blau oder rot gefärbt, was sich selbstverständlich darauf auswirkt, für welche Schalter sie überhaupt benutzt werden können. Später lassen sie sich aber auch durch den Wurf durch ein Energiefeld umfärben. Gleichzeitig bilden die Farben aber auch die beiden Polaritäten ab, zwischen denen man jederzeit auf Knopfdruck umschalten kann. Die Regel ist dabei ganz einfach: Energiefelder lassen sich in der Farbe passieren, deren Polarität man aktuell aktiviert hat. Was bei einer Absperrung super ist, kann auf einer Lichtbrücke unangenehme Folgen haben, wenn man bei identischer Polarität keinen festen Boden mehr unter den Füßen hat, sondern in den Abgrund stürzt. Das Dilemma entsteht auch bei den Würfeln: Ein rotes Exemplar lässt sich z.B. auf eine blaue Brücke werfen, ein blaues würde dagegen einfach durch sie hindurch fliegen. Und was dann? Wie bei Portal muss man in diesem Fall einfach zu einer der Ausgabestellen zurück laufen und auf Knopfdruck einen neuen Kubus anfordern. Das funktioniert übrigens auch, wenn man ihn aus Versehen an eine falsche Stelle geworfen hat und ihn nicht mehr erreichen kann. So gerät man in den clever designten Levels niemals in eine Sackgasse - schön.

Eine Frage der Polarität

Oben ist unten? Leider wird zu selten von der "Level-Drehmechanik" Gebrauch gemacht.
Oben ist unten? Leider wird zu selten von der "Level-Drehmechanik" Gebrauch gemacht.
Das Wechselspiel zwischen den Polaritäten ist eine klasse Basis für gelungene Rätsel in Kombination mit fordernden Geschicklichkeitseinlagen. Hinzu kommt ein weiteres Element, das den Spielablauf bereichert: In manchen Stufen findet man Schalter, mit deren Hilfe sich Teile der Umgebung drehen lassen. Man muss also auch die Level-Architektur verändern, um ans Ziel zu gelangen. Hört sich vielleicht kompliziert an, ist es aber de facto nicht, weil sich die Auswirkungen dieser „Verschiebungen“ in Grenzen halten. Zudem wird die interessante Mechanik leider viel zu selten genutzt. Allerdings gibt es auch kaum Gelegenheit dazu, denn mit seinen gerade mal elf Levels ist Polarity kurz ausgefallen. Viel zu kurz. Schon nach 60 bis 90 Minuten ist man beim minimalistischen Abspann angelangt, in dem immerhin neue Herausforderungen versprochen werden. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, angesichts den knappen Umfangs zu wenig Gegenwert für meine Investition bekommen zu haben, selbst wenn die Vollversion nur fünf Dollar gekostet hat.

Keine ernste Konkurrenz

Erst die Sprungschanze aktivieren, dann geht es weiter...
Erst die Sprungschanze aktivieren, dann geht es weiter...
Auch wenn sich die Entwickler beim Design eindeutig an Portal orientieren, wird das Niveau der genialen Vorlage nie erreicht. Dafür sind einerseits die Lösungen zu schnell durchschaut und andererseits die spielerischen Möglichkeiten im direkten Vergleich zu oberflächlich. Gerade die Wurfaufgaben können frustrierend werden, wenn man das weit entfernte Ziel nicht trifft und ständig zurück marschieren muss, um einen neuen Würfel zu besorgen. Auch die Steuerung geht hier nicht so komfortabel von der Hand, da man immer wieder an kleinen Kanten oder Vorsprüngen hängen bleibt. Nicht zu vergessen, dass ein humorvolles Element wie GlaDOS fehlt  - hier klappert man staubtrocken Level für Level ab. Zwar wird dabei die Zeit gestoppt, doch spielt das Ergebnis keine Rolle, da es keine Online-Bestenlisten gibt, in denen man sich mit den Leistungen anderer Spieler vergleichen könnte. Auch Herausforderungen, die Abschnitte z.B. unter Zeitdruck oder gegen einen Geist zu meistern, sucht man vergeblich.

Polarity zeigt erneut die Schwächen der Ouya-Hardware auf, wenn es um die Berechnung von 3D-Welten geht. Die Kulissen wirken mit ihrer zweckmäßigen, aber minimalistischen Farbgestaltung zwar durchaus ansprechend und passend, doch sollte die Kombination aus mäßigen Texturen und überschaubaren Levelgrößen den Grafikchip nicht unbedingt an seine Grenzen treiben. Und doch schafft es die Unity Engine in diesem Fall nicht, einen durchweg flüssigen Spielablauf zu garantieren.

Fazit

Es kann per se nie verkehrt sein, wenn man sich bei der Entwicklung eines Puzzlespiels an Portal orientiert. Bluebutton Games leistet in dieser Hinsicht gute Arbeit: Polarity greift die Würfel-Schalter-Mechanik des Vorbilds nicht nur gut auf, sondern bereichert den Spielablauf durch Elemente wie die Polarität und das Verändern der Levelstruktur, wobei Letzteres leider viel zu kurz kommt. Kurz ist leider auch das Stichwort bei der Spielzeit, denn schon nach knapp 90 Minuten ist das unbefriedigende Ende erreicht und selbst die gut versteckten Datenfragmente sind gefunden. Das ist mir selbst für knapp fünf Euro zu wenig, zumal auch Defizite bei der Technik und Steuerung auffallen. Trotzdem freue ich mich auf die neuen Level, die hoffentlich etwas komplexer ausfallen, denn bisher hatte ich – vielleicht auch durch meine Portal-Erfahrung – sehr schnell den Durchblick, was zu tun ist. Wer die Testkammern der Valve-Hits schon in- und auswendig kennt, findet in Polarity eine kurzweilige Alternative, die aber zu keinem Zeitpunkt das hohe Niveau der Vorlage erreicht.

Pro

unterhaltsame Kubus-Rätsel im Portal-Stil
durchdachtes Leveldesign
Polarität und Drehen der Schauplätze ergänzen prima ins Konzept

Kontra

viel zu kurz
Steuerung manchmal etwas hakelig
schwankende Bildrate trotz Detailarmut

Wertung

Android

Durchdachtes, aber viel zu kurzes Knobelspiel im Portal-Stil, das leider nie die Qualität des Vorbilds erreicht.

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