Atme, Avatar!
Avatare sind eine knifflige Sache: Genau genommen sind sie nämlich weder Mensch noch Na'vi, also Eingeborene des Planeten Pandora. Vielmehr schlüpfen ausgewählte Menschen in eine Maschine, die ihren Geist in gentechnisch erschaffene Na'vi-Körper transferiert. Denn diese Avatare beherrschen etwas, das den Menschen unmöglich ist: Sie können auf Pandora atmen. Menschen auf einem außerirdischen Planeten? Das kann nicht gut gehen! Und das tut es auch nicht. Denn in Camerons Film steckt nicht nur eine herzerwärmende Romanze, sondern vor allem eine actionreiche Ökobotschaft. Vielleicht hat er sich das auch nur ausgedacht, nachdem gewiefte Ökologen ihren Zeigefinger plötzlich in aller Munde steckten. Egal wie: Die Menschen sind auf Pandora nicht nur zu Besuch - sie attackieren den Planeten...
Mit den im Film agierenden Helden kommt das Spiel selbstverständlich nur am Rande in Kontakt. Und so übernehmt ihr die Rolle des Signalexperten oder der expertin Ryder, entscheidet euch für ein passendes Konterfei, jagt nach euren ersten Schritten auf Pandora eine Hand voll außerirdischer Wölfe und schon dürft ihr euch entscheiden: Na´ vi oder Mensch? Immerhin hechtet ihr einem Verräter unter den Marines hinterher, der euch allerdings schnell darüber aufklärt, wie asozial sich eure Artgenossen im Urwa... Verzeihung, auf Pandora aufführen - Gut und Böse werden viel zu sauber getrennt. Auch in den kommenden Stunden seht ihr immer wieder dabei zu, wie eine Armada Kampfhubschrauber die Flugtiere der Na´ vi geradezu ausräuchert oder wie drei LKW breite Bagger den Dschungel umwühlen. Der Plot war mir zu platt; er wird selbst zum Zeitpunkt der Entscheidung nur mit ein paar Dialogzeilen mehr holprig als hollywoodreif in Szene gesetzt - ich habe mich trotzdem für die Menschen entschieden. In your face, schlecht erzählte Öko-Mär!
Das fremde Neuland
Und ich muss sagen: Gar nicht schlecht, was Ubisoft daraus macht. Erzählerisch kommt zwar wenig rüber, aber immer wenn ich pflichtgetreu die Eroberung von Pandora ein Stück vorangetrieben habe, sehe ich, wie widerlich meine Art über die Eingeborenen herfällt. Schön, dass ein Spiel diesen Zwiespalt spürbar macht. Noch besser gelingt ihm allerdings die Darstellung der ideologisch im Recht befindlichen Partei: Nachdem ich mich im zweiten Anlauf für die Na´ vi entscheiden hatte, bin ich nicht mehr nur mit MG im Anschlag durch die befremdliche Idylle gestiefelt - ich wurde ein Teil von ihr. Denn als Außerirdischer kann ich lediglich zwei vergleichsweise schwache Schusswaffen nutzen: einen Bogen und eine Armbrust. Stattdessen bin ich mit Äxten, Kurzschwertern und Ähnlichem auf den Nahkampf angewiesen. Nicht zuletzt sind die Abschnitte oft so aufgebaut,
dass ich mich öfter in der Vertikalen als in der Horizontalen fortbewege. So schleicht sich tatsächlich das Gefühl ein, dass ich eine andere Welt erkunde.![]()

Unfaires Duell: Zunächst entscheiden die Menschen den Kampf um Pandora für sich.
Eine Welt, die umwerfend schön aussieht! Fremdartige Geräusche umgeben mich, wenn ich durch den dichten Dschungel schleiche, flache Bäche plätschern unter tiefen Wasserfällen hervor, der Wind wiegt tiefe und hohe Gräser. Nur auf PS3 leidet Pandora unter häufigem Stottern, auffälligen Kanten, spätem Bildaufbau und im Zweifelsfalle auch mal einer kurzen Unterbrechung zum Nachladen von Ton und Grafik. Was Ubisofts Botaniker hier zum Leben erwecken, ist zwar keine frei begehbare Welt - es sind aber sehr weitläufige Abschnitte, die in ihrer gefühlten Größe in etwa den Städten aus Assassin´ s Creed entsprechen. Ähnlich wie dort gelange ich auch hier per Ladebildschirm von einem dieser Areale zum nächsten, wobei neue Gebiete stets nach dem Absolvieren bestimmter Missionen zugänglich werden. Das Absolvieren spielt sich dabei in einem herkömmlichen Shooter ab, der das Geschehen aus der Schulterperspektive zeigt. In diesem sind Marines mit ihren Bleispritzen und Sprengstoffwerfern im Fernkampf am effektivsten, während die verwundbaren Na'vi entweder als "Scharfschützen" Pfeile verschießen oder ihre Feinde im direkten Gefecht überrennen. Dass beiden Parteien gelegentlich besonders dicke Tiere oder Helikopter zu schaffen machen, versteht sich von selbst; nennenswerte Bosskampf-Qualitäten offenbart Avatar allerdings nicht.






