Special: Half-Life 2

15.11.2004, Autor: Paul Kautz

Shooter für PC




Ende 1998: Der unbekannte Entwickler Valve Software um den ehemaligen Microsoft-Mann Gabe Newell landet mit Half-Life einen Mega-Hit. Das Programm wird zum Dauerseller und für Publisher Vivendi zum etlichfach vermarktbaren Goldesel; diverse Sondereditionen und Compilations bringen die Kassen bis heute zuverlässig zum Klingeln. Der Nachfolger steht kurz davor, die Läden zu stürmen – wir laden euch ein, mit uns über die Vergangenheit und Zukunft des Shooters zu diskutieren.


Video: Half-Life 2, VR-Greenlight-Trailer



Alles im grünen Bereich?

Nach dem Hype um Half-Life wurde es verdächtig still um Valve, bis im Jahre 2001 die Bombe platzte: Half-Life 2 befände mitten in der Entwicklung. Wie so oft gaben sich die Entwickler optimistisch, ein 2002er-Release sei absolut machbar. Und wie so oft wurden Designer und Spieler eines Besseren belehrt; erst Mitte April 2003 sorgte eine Anzeige im Computermagazin Edge für erste Freudenschreie: das markante Brecheisen in Verbindung mit der Aussage »Next Month« ließ Hoffnung aufkeimen. Eine erste Präsentation gab es jedoch erst zur E3 auf dem ATi-Stand, kurz darauf wurde das Game ausgewählten Journalisten direkt bei Valve vorgeführt - die dazugehörigen Previews versprachen den spielbaren Orgasmus. Die nächsten Release-Gerüchte machten die Runde, die allesamt den November 2003 anpeilten Valve hielt sich bedeckt, schraubte fleißig weiter an der eigenen 3D-Engine »Source« sowie der Vertriebsplattform »Steam« und veröffentlichte ein kinnladenklappendes Ingame-Video nach dem anderen. Diese ließen den Fans vor allem deshalb das Wasser im Mund zusammenlaufen, weil sie die technische Brillanz des Spiels betonten: perfekte Gesichtsanimationen, unglaubliche Physik-Anwendung, tolles Leveldesign sowie vorher nicht gesehene technische Tricks.

Im Laufe dieser Veröffentlichungen machten drei große Ankündigungen die Runde: Erstens sei ein Half Life-Film in Planung. Zweitens fielen nVidia-Jünger aus allen Wolken, als Valve verkündete, dass es auf GeForce-Karten aus technischen Gründen vermutlich kein Antialiasing geben würde. Die erhitzten Gemüter kühlten sich aber schon kurz darauf wieder ab, indem Valve selbst einige Lösungsvorschläge bekannt gab. Die dritte Meldung versetzte Ende August den hiesigen Fans einen Schock: Vivendi kündigte an, dass die deutsche Version stark geschnitten sein würde (Roboter statt Menschen, kein Blut, keine Leichen etc.), um einer möglichen Indizierung vorzubeugen - was gottseidank schon einige Tage später wieder dementiert wurde.

Das September-Massaker

Im September 2003 zog Unheil über die von weiteren Release-Verschiebungen geplagte HL2-Welt: Einem findigen Hacker war es aufgrund der mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen bei Valve gelungen, einen großen Teil der HL2-Files zu klauen, welche sich daraufhin wie ein Lauffeuer über das Internet verbreiteten. Kurz darauf tauchte tatsächlich eine spielbare Version des Games auf, die auf dem geklauten Material basierte. Diese fand sich sogar als eingetütete Jewelcase-CD in einigen russischen Händlerregalen wieder komplett lokalisiert! Diese Gelegenheit wurde von Valve genutzt, die Veröffentlichung von HL2 abermals auf den April 2004 zu verschieben die Begründung dafür war, dass der Mehrspielercode zum großen Teil neu geschrieben werden musste, um keine Scheunentore für Cheater zu öffnen.

Das Ganze hatte allerdings auch einen peinlichen Beigeschmack für Valve - schließlich sah alle Welt durch die Veröffentlichung (und den dazugehörigen Gift und Galle spuckenden Text des Hackers), dass das Spiel noch lange nicht so fertig war, wie Valve nach wie vor ausdauernd propagierte. Alle bisher gezeigten Szenen entpuppten sich als oftmals gescriptete Ansammlungen von Levelbruchstücken, von einem fertigen Spiel keine Spur. In einem einzigartigen Zusammenspiel von Fancommunity und FBI gelang es nach mehr als einem halben Jahr, die Täter zu überführen - ein deutscher Virenautor soll dabei stark involviert gewesen sein. Danach verhängte sich Valve selbst eine Funkstille bis zur E3 zwischendurch wurde nur bekannt, dass die Xbox-Entwicklung vorerst auf Eis gelegt wurde, außerdem wurden die Fans aufgerufen, Ideen für einen Nachfolger vorzuschlagen.

Das Ende ist nahe

Am 22. April 2004 kippt Kevin »Fragmaster« Bowen, ehemaliger Webmaster von Planethalflife.com Wasser auf die Mühlen aller HL2-Release-Skeptiker: An diesem Tag zog er nicht nur für sich einen Schlussstrich unter die populäre Homepage, sondern auch ordentlich über Valve her. Besonders im Bezug auf die Informationspolitik des Entwicklers sowie die offensichtlichen Lügen zum Thema Releasetermin lässt Bowen kein gutes Haar an seinen ehemaligen Partnern. Davon ließ sich Valve jedoch nicht beirren, denn danach ging alles Schlag auf Schlag: Neue Bilder und die offizielle Webseite wurden veröffentlicht, CS Source als offizieller Mehrspielerpart vorgestellt, als »endgültiger« Releasetermin wurde September 2004 benannt - Vivendi sollte spätestens im August einen Release Candidate zum Test vorgelegt bekommen. Außerdem versicherte Gabe Newell den deutschen Fans nochmals, dass die deutsche Version lange nicht so stark geschnitten sein würde wie angenommen nur am Blutfaktor werde etwas geschraubt, der Rest bleibe original!

Kurz darauf (am 21. Juli 2004) ließ sich Gabe zu einer konkreten Aussage hinreißen: »HL2 ist in 16 Tagen bugfrei!«, danach wurde der Fokus allerdings unauffällig weg von HL2 und hin zu CS Source, der Counter Strike-Neuauflage aus der Source-Engine, gelenkt, welches auch prompt kurz darauf das Licht der Spielewelt erblickte. Zum gleichen Zeitpunkt glaubte man Valve endlich, dass HL2 einigermaßen fertig sei denn der Preload über Steam begann! Damit konnte man verschlüsselte Teile des kompletten Spiels Stück für Stück schon auf die Festplatte saugen, um später schneller loslegen zu können. Mittendrin sorgte ein Rechtsstreit mit Publisher Vivendi für Ärger, der etwas gegen den Steam-Vertrieb hatte, weil dieser angeblich gegen den Publishing-Vertrag verstieße. Letzten Endes ging es wohl nur darum, dass sich Vivendi (verständlicherweise) nicht einen großen Teil des Verkaufskuchens wegschnappen lassen wollte was angesichts der aktuellen Meldung um millionenfache Vorbestellung der Box-Version mittlerweile müßig erscheint.

Kurze Zeit später wurden die darbenden Fans mit der Mitteilung um fünf verschiedene HL2-Versionen verwirrt: zwei (die normale und eine umfangreiche Collectors Edition) wird es im Handel geben, drei Varianten exklusiv über Steam. Anfang Oktober schließlich schossen Fans aufgrund der ersten internationalen Reviews die Freudentränen in die Augen: Amerikanische und englische Magazine zückten Traumwertungen im hohen 90er Bereich, andere Zeitschriften zogen lemminggleich enthusiastisch nach. Am 18. Oktober gab es dann endlich die heiß ersehnte offizielle (und allem Anschein nach letzte) Gold-Meldung: Laut Vivendi erscheint das Spiel am 16. November, hierzulande ausschließlich auf DVD und nur für Volljährige.


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