Weniger könnte mehr sein
Was hält Solo-Rollenspieler davon ab, sich in die Onlinewelten eines MMORPGs zu stürzen? Genau: Den Abenteuern fehlt eine mitreißende Handlung, die von großen Kriegen und menschlichen Schicksalen erzählt. Außerdem bleiben die eigenen Charaktere im Verlauf der Geschichte meist blass, so dass man sich nur über trockene Werte (m., 1,87, 43 Monde alt, beruflich als Mönch tätig&) mit dem Alter Ego identifizieren kann. Guild Wars und
insbesondere die erste Erweiterung Factions legten den Schwerpunkt sogar bewusst auf Multiplayer-Gefechte (... sucht Attentäter für gelegentlichen Plausch und PvP-Treffs) - Solospieler mussten sich hingegen durch Textfenster und sterile Aufträge kämpfen, um wenigstens den Hauch eines echten Abenteuers zu spüren. Mir macht es Spaß, aber gegen Kaliber wie Knights of the Old Republic oder Oblivion kann Guild Wars nicht anstinken.
Einer der zwei neuen Charaktere bei der Arbeit: Im Fernkampf ist der Paragon eigentlich besser aufgehoben.
Um es vorweg zu nehmen: Letzteres wird sich auch in Nightfall nicht ändern. Aber zumindest sollen Solisten diesmal eine spannende Geschichte erleben. Zu den Zutaten zählen charismatische Helden, schöne Zwischensequenzen und eure eigene Party. Ihr seid nämlich nicht mehr alleine oder mit einer Hand voll unpersönlicher Gefolgsleute unterwegs, sondern tretet viele Missionen mit einem oder mehreren echten Helden an - mindestens zwölf davon begegnet ihr auf eurer Reise. Allerdings werdet ihr nur drei davon in eure Gruppe aufnehmen, mitunter habt ihr deshalb die Qual der Wahl: Wer ist euch sympathischer, wessen Fähigkeiten ergänzen sich besser mit euren eigenen?
"Ihr kämpft nie allein"
So weit, so gut, aber schon in Guild Wars: Prophecies (der Untertitel des Hauptspiels) sowie der ersten Erweiterung seid ihr selten solo losgezogen. Auch dort waren es höchstens drei Begleiter, die euch zur Seite standen. Warum macht Nightfall also so viel Wirbel darum? Ganz einfach: Die Helden sind keine profillosen Mitläufer, sondern begegnen euch in filmisch inszenierten Dialogen, haben unterschiedliche Hintergründe und vor allem ihre eigenen Motive, um durch das neue Land Elona zu ziehen. Koss z.B., den ihr gleich am Anfang trefft, ist ein junger Krieger wie er im Buche steht. Er gehört zum militärischen Orden der Sonnenspeere, führt seine Leute mit dem Charisma eines Anführers an und will sie stark genug machen, um die schon im Titel drohende Finsternis abzuwenden.
Euch selbst erteilen die Figuren dabei keine Befehle, denn nach wie vor bringt ihr den Ablauf nur mit euren eigenen Aktionen voran. Ihr könnt den Helden allerdings Anweisungen geben. So bestimmt ihr Wegpunkte, zu denen sie vorstoßen sollen, legt ihre Angriffslust (aggressiv, normal, zurückhaltend) fest und kümmert
euch wie beim eigenen Alter Ego um deren Ausrüstung sowie das Zuweisen von Fähigkeiten. Die Helfer steigen zudem im Rang auf und wenn das geschieht, kümmert ihr euch um die Verteilung von Erfahrungspunkten - genau so, wie ihr es von den Begleitern anderer Rollenspiele kennt. Bislang konnte ich leider allerdings nicht entdecken, dass die Akteure ein Eigenleben abseits der Zwischensequenzen entwickeln: Sie unterhalten sich zwar über Textfenster miteinander, das konnten die bisherigen Gefolgsleute aber ebenfalls. Auch könnt ihr keine echte Unterhaltung mit den Gefährten führen, sondern entlockt ihnen lediglich Monologe.
Solchen Gemäuern begegnet ihr oft. Katapulte wie das im Vordergrund könnt ihr selbst benutzen.
Mehr für Mehrspieler
Die Entwickler haben aber nicht vergessen, dass sie trotz ihrer Bemühungen in Sachen Solospiel an einem Multiplayer-Titel werkeln und so dürft ihr die Helden sogar in PvP-Kämpfe mitnehmen: In einer speziellen Variante der Auseinandersetzungen tretet ihr mit eurem Team gegen die Mannschaft eurer Widersacher an. Dabei geht es nicht nur ums Erledigen der gegnerischen Gruppe, sondern z.B. um das Halten bestimmter Stellungen. Falls ihr das Zeitliche segnet, bleibt die Kamera übrigens nicht auf dem Toten fixiert; stattdessen beobachtet ihr das Geschehen bis zur Wiederbelebung aus der Sicht eurer Mitstreiter.


