The Mind - Brettspiel-Test, Brettspiel, Spielkultur - 4Players.de

4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell. 4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell.

Um dieses Feature zu nutzen, musst du
"4Players pur" nutzen:

Du hast schon einen pur-Account? Dann logge dich ein!
Noch kein pur-Nutzer? 4Players pur – Zahl, was du willst!

Hinweis schließen.


The Mind (Brettspiel) von NSV
Stille Teambildung
Kartenspiel
Entwickler: Wolfgang Warsch
Publisher: NSV
Release:
01.04.2018
Spielinfo Bilder  
Legetaktik, Workerplacement, Tabletop, 4X-Strategie - die Liste der Genre und Subgenre im Brettspielbereich ist noch viel länger. Weil es so viele bekannte Mechaniken gibt, begegnen einem auf dem Tisch nur wenige Exoten. Umso neugieriger wird man, wenn es mal einen ganz anderen Ansatz gibt: Im Kartenspiel "The Mind" von Wolfgang Warsch, das auch zum Spiel des Jahres 2018 nominiert wurde, geht es im weitesten Sinne um die kollektive Psychologie. Kann ein Team ohne Worte, Zeichen und Befehle zusammen arbeiten? "Lass uns eins werden..." lautet der Untertitel dieses kurzweiligen Experiments.


Das kollektive Schweigen

Es ist total still, aber irgendwie knistert es am Tisch. Niemand darf etwas sagen, niemand darf mit den Händen ein Zeichen geben oder über Blicke etwas auslösen - Kommunikation ist untersagt, Stillarbeit ist angesagt. Trotzdem liegt eine Spannung in der Luft, denn alle vier Spieler warten darauf, wer sich wohl traut, die nächste Karte auszulegen. Keiner kennt die von eins bis hundert nummerierten Karten der anderen, aber jeder sieht die 84 in der Mitte des Tisches. Und jeder weiß, dass das Team nur noch einen Lebenspunkt hat. Das bedeutet, dass als Nächstes unbedingt eine höhere Zahl abgelegt werden muss...

The Mind ist komplett auf Deutsch beim Nürnberger Spielkartenverlag (NSV) für knapp acht Euro erschienen.
The Mind ist komplett auf Deutsch beim Nürnberger Spielkartenverlag (NSV) für knapp acht Euro erschienen.
...das klingt einfach, aber wer hat sie? Und wenn einer die 86, der andere die 88 und schließlich jemand die 90 hat - wie soll man wissen, dass man jetzt auslegen soll? Denn die Crux ist: Legt jemand eine zu hohe Karte aus, weil jemand anderes noch eine niedrigere Zahl auf der Hand hat, muss das sofort angesagt werden und das Team verliert ein Leben. Dann heißt es in diesem Fall "Game Over" und ein neuer Versuch muss gestartet werden. Gerade in den ersten Spielen übt The Mind aufgrund seiner ungewöhnlichen Kooperation eine seltsame Faszination aus.

"Lass uns eins werden..."

Es geht um eine Art kollektives Timing und es gibt Situationen, in denen man tatsächlich das Gefühl hat, dass sich die Gruppe blind versteht. Natürlich gibt es auch kleinere Tricks bzw. Routinen, denn wenn da eine 34 liegt und jemand die 35 und 36 auf der Hand hat, darf er sie quasi direkt hintereinander ausspielen. Aber vor allem wenn man das Spiel und sich untereinander noch nicht so gut kennt, oder zu viert loslegt, ist es ganz schön knifflig alle Level zu meistern. Zu zweit spielt man bis Level 12 und hat nur zwei Leben, zu dritt bis Level 10 bei drei Leben und zu viert nur bis Level 8 bei vier Leben.

Zwei bis vier Spieler bilden ein Team, das ohne Worte und Gesten zusammen arbeiten muss.
Zwei bis vier Spieler bilden ein Team, das ohne Worte und Gesten zusammen arbeiten muss.
Das erste Level beginnt immer mit nur einer Karte bei jedem Spieler, die aus dem gemischten Stapel mit Karten von eins bis hundert gezogen wird. Jedes weitere Level verlangt die komplette Neumischung und erhöht die Zahl der Handkarten, so dass jeder z.B. im Level 8 auch acht Karten auf der Hand hat. Je größer die Gruppe desto mehr Spaß macht das Spiel aufgrund der erweiterten Fehlerquellen. Aber es gibt auch Joker in Form der Wurfsterne: Wenn man sie einsetzen will, indem man eine Hand hebt und alle anderen zustimmen, dürfen alle ihre niedrigste Karte aufdecken und ablegen.

Schön ist, dass es mit dem Meistern bestimmter Level auch Boni in Form von Extraleben oder Wurfsternen gibt, so dass man sich ein Polster verschaffen kann. Und wer noch mehr Anspruch sucht, kann eine perfide Variante namens Blind-Modus spielen: Hier legt man die Karten nicht mehr offen mit der Zahl in die Tischmitte, sondern verdeckt! Sprich: Man weiß bis zum Ende eines Levels gar nicht, ob das alles in richtiger Reihenfolge passiert. So steigt die Spannung bei der finalen Abrechnung, denn erst dann wird aufgedeckt und evtl. Fehler von den Leben abgezogen.

Was gefällt nicht so gut?

Wer Level meistert, bekommt manchmal Lebenspunkte oder Wurfsterne als Boni.
Wer Level meistert, bekommt manchmal Lebenspunkte oder Wurfsterne als Boni.
Die Idee ist kreativ, das Regelwerk ist klar, das Artdesign zweckmäßig bis witzig. Aber leider hat "The Mind" ein Problem mit der Langlebigkeit: Als einigermaßen eingespielte Gruppe kann man das Spiel ohne einen offiziellen Regelbruch quasi hacken. Hört sich komisch an und ich werde nicht ins Detail gehen, aber gerade das Zeitgefühl lässt sich trotz der Beteuerung der Anleitung recht simpel synchronisieren. Zwar schließt das Fehler nicht ganz aus, aber wir kamen fast immer durch alle Level. Deshalb hält sich der Wiederspielwert im Gegensatz zu klassischen Kartenspielen schon nach einem Abend in Grenzen. Trotzdem ist es immer wieder lustig, in frisch besetzter Gruppe loszulegen.

Fazit

Ich mag auch am Tisch kreative Spiele, die die Routine durchbrechen! Und genau das gelingt The Mind mit seinem innovativen Ansatz. Der Zwang zur "Stillarbeit" sorgt gerade in den ersten Spielen für eine knisternde Atmosphäre am Tisch. Ohne Worte, Gesten oder Blicke muss man sich als Team so synchronisieren, dass jeder möglichst eine nächst höhere Karte ausspielt. Bei einem Fehler verlieren alle zusammen Lebenspunkte, so dass die Spannung bis zum Game Over steigt. Auch das Levelprinzip mit seinen Boni passt sehr gut zu diesem ungewöhnlichen Konzept. Auch wenn man das Spiel quasi hacken kann und es im Kontext der sonst so langlebigen Kartenspiele eher eine Eintagsfliege ist, würde ich es nicht nur aufgrund der schmalen acht Euro als frische Abwechslung empfehlen. Wer noch andere Kartenspiele für den Sommer sucht, sollte sich gerade mit Kindern mal "Land unter" von Stefan Dorra anschauen, in dem alle gegeneinander auf witzige Art und mit etwas Pokerflair gegen die Flut kämpfen. Und wer es klassischer Richtung Poker, Rommé & Co mag, kennt wahrscheinlich schon das asiatische "Gang of Four", das bei uns seit Jahren immer wieder gerne gespielt wird, wenn mal wieder zu wenig Leute Doppelkopf oder Skat beherrschen.

Für alle, die eine Wertung vermissen: Wir werden hier nur unsere Highlights vorstellen. Natürlich gibt es auch in der Brettspielwelt einen bunten Mainstream und billigen Murks, aber wir wollen euch alle zwei Wochen kreative Geheimtipps, Klassiker oder ungewöhnliche Spieleperlen empfehlen, die man vielleicht nicht in jedem Kaufhaus findet. Mehr Brettspiel-Tests und eine Top 20 findet ihr hier.




Kommentare

Skippofiler22 schrieb am
Hört sich nicht schlecht an und es wäre eine gute Alternative zu dem einen Spiel, was wir noch spielen, wenn überhaupt, neben Kniffel: Triomino.
Raskir schrieb am
Bezüglich Spiel des Jahres: Es gibt ja auch noch die Auszeichnung "Kennerspiel des Jahres" und dort werden auch mal interessante komplexe Spiele prämiert. Allerdings hinterlässt mich der Preis auch oft mit einem Stirnrunzeln. Wie sich ein Isle of Skies gegen ein 7 Wonders Duel, Scythe, Pandamic legacy und Time Stories durchsetzen konnte (unfassbar geiles Jahr dieses 2016), bleibt mir für ewig ein Rätsel.
Die normalen Spiele des Jahres sind aber meist recht simpel, dafür aber richtig spaßig. Dominion und Code Names spielen wir immer mal wieder, einfach weil es sie kurzweilig sind :)
@Ultimatix
Es war mal eine Deutsche Version geplant, bin da aber nicht mehr auf dem Laufenden. In Amazon sind jedoch nur die englischen gelistet.
Ultimatix schrieb am
Raskir hat geschrieben: ?
20.07.2018 01:37

Wurde jetzt viel viel umfangreicher als gedacht, aber ich wollte so fair und umfassend wie möglich antworten. Wenn du auf Spiele wie Uno stehst und eine neue noch unverbrauchte Ausrichtung davon gerne hättest, dann kannst du definitiv einen Blick riskieren. Ansonsten wirds mit ner Empfehlung schon eher schwer, dafür ist der Preis definitiv zu hoch. Hoffe ich konnte helfen
Das dass Spiel auf Englisch ist wusste ich nicht. Finde ich schon ziemlich dreist für den Preis. Da lasse ich es lieber bleiben.
Das beste Gesellschaftsspiel was ich je gespielt habe war übrigens 20 Questions - Querdenker. Da muss man Orte, Personen und Gegenstände anhand von 20 Hinweisen erraten. Es ist knifflig, spaßig, sehr kommunikativ aber nicht so sehr das es nervt und das beste ist es wird so gut wie nie langweilig weil es so viele Karten gibt.
Don Benito schrieb am
Finde es auch klasse, dass die guten alten Brett-/Kartenspiele hier ihren Platz haben. Ich habe meine gesamte Kindheit und auch noch große Teile der Jugend mit solchen Spielen verbracht, und auch heute habe ich noch Spaß daran und bin für kompetente Anregungen immer dankbar. Habe mir aufgrund der Empfehlung damals "Dungeon Twister" gekauft, das hat sich gelohnt.
Bzgl. der "Spiele des Jahres": ich persönlich finde, dass es immer gute "Mainstream-Spiele" sind. Wie vorher jemand schon schrieb, sind das sicherlich in den seltensten Fällen dicke Taktik-Kracher o. ä. Aber es sind Spiele, mit denen ich zumindest oft schon meinen Spaß hatte, siehe "Siedler von Catan". Wer sich näher mit der Welt der Brettspiele auseinandersetzt, wird auch hier einen Mainstream- und einen "Indie"-Markt finden, auf dem es dann echte Hardcore-Spiele gibt. Und auch hier ist es bei mir so wie in der Welt der Videospiele: manchmal ist leichte Kost gut, manchmal dann auch härtere Brocken wie "Arkham Horror".
Ich hab da noch einen Tipp für ein Kartenspiel, welches ich vor ca. 25 Jahren mit einer Gruppe exzessiv gespielt habe: Tichu. Das ist ein echter Kracher, wie ich finde, ein bisschen wie Doppelkopf auf asiatisch. Die Karten sind toll gestaltet, und in meiner Erinnerung entwickelt sich eine tolle Dynamik. Wir waren schwer süchtig nach dem Spiel, und wenn durch unseren Jugendtreff damals der Ruf "Tichu" schallte, sprinteten alle wie irre zum Kartenspieltisch, um sich einen Platz in der 4er-Spielegruppe zu sichern. Habe es mir vor ein paar Jahren dann wieder gekauft, und es hat für mich nichts an Faszination verloren. Leider finden sich nur sehr selten 3 Mitspieler, und ich habe auch nicht mehr so viel Zeit. Aber für mich ein echtes Highlight.
Michi-2801 schrieb am
Wollte nur mal ganz generell loswerden, dass ich super finde, dass neben Videospielen auch Brettspiele ihren Platz auf 4Players finden. Habe aus einem Video der letzten Zeit den Tipp mitgenommen, dass "Hive" sehr gut sein soll. Habe es gestern gekauft und gleich ausprobiert ? der Tipp war grandios!
schrieb am