Test zu Pathologic von unserem Leser "mr archer" - 4Players.de

 
Survival-Horror
Entwickler: Ice-Pick Lodge
Publisher: Frogster
Release:
13.04.2006
2015
2015
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ab 24,90€
Spielinfo Bilder Videos

Durchschnittswertung

75%Gesamt
75%

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Lesertest von mr archer

"Pathologic" vom Moskauer Studio Ice Pick Lodge aus dem Jahr 2005 ist ein Geheimtipp für Spieler, denen die erzählte Geschichte wichtiger ist als Nebensächlichkeiten wie Spielerfeedback, Flow, Gameplay - und für Leute die gerne dahin gehen, wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Auch wenn sie dort dann feststellen müssen, dass es dafür triftige Gründe gab.

Die Einordnung dieses Spiels in Genre fällt schwer, am ehesten lässt es sich als Hybrid aus First-Person-Adventure und RPG beschreiben. Ice Pick Lodge hat hier eine ganze Reihe interessanter Ideen zu einer Mixtur verrührt, die als Gesamtheit mit Blick auf ihre Qualitäten als Spiel den Status eines Experiments mit unsicherem Ausgang nicht hinter sich lassen kann. Und sie präsentieren eine Geschichte von so hohem erzählerischen Niveau und einer so faszinierenden allegorischen Tiefe, dass man angesichts der sonstigen erschreckenden Dürftigkeit von in Videospielen zusammengeschusterten Storys nur ausrufen kann: "Endlich!"

Handlungsort des Spiels ist eine namenlose Stadt am Rand der zivilisierten Welt irgendwann um das Jahr 1900. Drei Fremde kommen in den Ort, jeder mit anderen Absichten. Doch diese werden schnell nebensächlich, denn in der Stadt bricht eine tödliche Seuche aus. Zwölf Tage lang muss sich der Spieler in der Rolle eines der drei Fremden nun seiner Haut erwehren. Er muss seine Gesundheit bewahren, die auf den Straßen und in den Häusern der Stadt durch die Krankheit aber auch durch einige Bewohner der zunehmend im Chaos versinkenen Siedlung permanent bedroht ist. Er muss Plätze zum Schlafen finden, Nahrung, Verbandszeug, Medikamente und Munition. Alles Dinge, an die nur äußerst schwer heranzukommen ist. Und er muss gleichzeitig das Machtspiel der örtlichen Einflussgruppen durchschauen lernen, muss Verbündete unter ihnen finden und begreifen, wer im Übles möchte - und aus welchem Grund. Gelingt ihm all dies, kann er am Ende des zwölften Tages nicht nur seine Haut retten, sondern der Stadt einen Weg in die Zukunft öffnen.

Spielerisch teilt sich "Pathologic" in zwei Welten: in der ersten versuche ich auf den Strassen der Stadt meine Spielfigur am Leben und damit im Spiel zu halten. Dies tue ich, indem ich für Geld oder bestimmte gefragte Gegenstände von Händlern und den Passanten Essen usw. erwerbe. Ich kann auch in infizierten Häusern nach Wertvollem suchen, es in den Häusern Verstorbener mit Plünderern aufnehmen oder in den Häusern der Gesunden auf Diebestour gehen - was auf der anderen Seite meine Infektion nach sich ziehen kann, meine Gesundheit gefährdet oder meinem Ruf schadet. Hier die Richtige Balance zu finden, ist fordernd. Insgesamt gilt es, fünf Spielerstatistiken im Auge zu behalten und zu managen.
Der zweite Aspekt ist das Vorantreiben der Geschichte. Dies erfolgt über Tagesquests, die mir von einem der 27 NPCs erteilt werden und die in den meisten Fällen hauptsächlich durch viel Laufarbeit und leichte Dialogrätsel mit anderen NPCs zu lösen sind. Nur in Ausnahmefällen beinhalten diese Aufgaben Missionen mit Gewaltanwendung. Bis Mitternacht müssen sie jeweils abgeschlossen sein, was mitunter hektisch werden kann, da im Hintergrund die Zeit erbarmungslos heruntertickt. Zielloses Schlendern ist also nicht drin. Vielmehr gute Planung und schnelles Handeln.

Nimmt man hinzu, dass mit drei spielbaren und von der Fähigkeits-Auslegung her unterschiedlichen Figuren und einigen guten Einfällen der Entwickler zum Anziehen des Spannungsgrades hier einiges geboten wird, kann man erahnen, welches enorme Potenzial "Pathologic" in seinen gut einhundert Spielstunden besitzt.

Leider krankt das Spiel an zwei massiven Designschwächen. Zum ersten ist die Einstiegsschwierigkeit völlig überzogen und gleitet immer wieder ins Unfaire ab. Bis man sich eingermaßen zurechtfindet, ist Frust und Geduld angesagt. Hilfestellungen gibt es so gut wie gar keine, aber leider wird auch Entdeckungs- und Experimentierfreude eher bestraft als belohnt. Hat man diese enorme Hürde überwunden, stellt sich zum zweiten irgendwann eine Routine ein, die nur noch selten Abwechslung erfährt. Man arbeitet das Spiel nach Schema F ab, einzig angetrieben durch die Neugierde, wie die Geschichte wohl weitergehen mag und wie unsere Spielfigur ihren Hals aus der Schlinge bekommt.

Es ist diese Geschichte, die "Pathologic" für mich trotz seiner zahlreichen, teils gravierenden Schwächen zu einem herausragenden PC-Spiel machen. "Pathologic" wird wegen seiner enormen Sperrigkeit immer ein Nischentitel für besonders Geduldige und Neugierige bleiben. Diesen eröffnet sich hier allerdings ein Universum, das sie nicht wieder vergessen werden. Erzählerisch bietet sich hier ein Blick auf eine Zukunft unserer Unterhaltungsform, die ich nur zu gern breite Wirklichkeit sehen werden würde. "Pathologic" ist ein Versprechen auf diese Zukunft. Nun warte ich darauf, dass es eingelöst wird.

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Bei Interesse gibt es hier mehr zu lesen:

http://forum.4pforen.4players.de/viewtopic.php?f=114&t=114912&start=135
Pro
  • ungewöhnliches Setting
  • herausragendes, reifes erzählerisches Niveau
  • komplexes Beziehungssystem zwischen den handelnden Figuren mit überraschenden Aha-Effekten
  • drei spielbare Szenarien mit variierendem Gameplay, anderen Storyschwerpunkten und erhellenden Perspektivverschiebungen
  • allgegenwärtige Bedrohung wird für den Spieler vielfältig erfahrbar
  • grundsetzlicher Wille des Studios zu forderndem Gameplay und Sorytelling ist lobenswert
  • sehr interessanter visueller Stil zwischen Realität und surrealem (Alb)Traum
  • guter, atmosphärischer Soundtrack
  • reichlich einhundert Stunden Spielzeit
  • sehr stabile, bugfreie Engine
  • Grundatmosphäre in der Tradition von Twin Peaks und Akte X
  • Interpretatives Futter für Monate
Kontra
  • enormer Anfangsschwierigkeitsgrad, der teilweise ins Unfaire kippt
  • schlechtes Spielerfeedback
  • sich stetig wiederholendes Spielprinzip vor allem im Rahmen der Queststruktur führt später zu Lehrlauf = tendenziell Spielen als Arbeit
  • stark metapherngesättigte Sprache der NPCs bleibt mitunter unverständlich
  • allgemeine Umgebungssounds zu blass
  • teiweise etwas hakelige Steuerung
  • Grundgeschwindigkeit der Spielfigur etwas zu langsam
  • lange, sich wiederholende Laufwege
  • K.I. aggiert zu simpel
  • Übersetzungsqualität der Texte leicht schwankend
 

Pathologic

Pathologic
mr archer
mr archer 15.01.2012 PC 
75%
5 1

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