Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 02
Freitag, 11.01.2013

Meine FIFA-Diva


Beziehungstherapeut: "Ah, Herr Schmidt! Da sind sie ja wieder, rechtzeitig zur Bundesliga-Rückrunde! Wieder diese Wut im Bauch?"

Ich:
"Es geht einfach nicht mehr. Es reicht! Sie hat es wieder getan. Ich war ganz klar 2:0 in Führung, 65. Minute, königlich hereingeschlenzte Flanke von Götze, Lewandowski braucht nur den Kopf hinhalten, 3:0, Gegner kappt die Verbindung. Und was macht sie? Was macht dieses ignorante Weib? Verweigert meine Punkte, achtes Spiel im Ligamodus! Kurz vor dem Aufstieg und sie??? Tut so, als hätte das Spiel nie stattgefunden!"

Beziehungstherapeut:
"Nun beruhigen sie sich doch, Herr Schmidt. Wir reden hier doch nach wie vor über eine der schillerndsten Damen im Sportspielbereich. Da können doch die ganzen Fürsprecher nicht falsch liegen, oder?"

Ich: "Nein. Ich meine ja. Also... ich wäre ja wohl sonst nicht mit ihr liiert, oder? Aber abseits der innigen Offline-Erfahrung, wenn die Lupen der Kritiker längst schon andere Diven ins Visier genommen haben, wenn sich das dunkle Schattenreich über ihr Rampenlicht stülpt, dann wird das gewahr, womit unsereins sich tagtäglich herumschlagen muss. Dann wenn keiner mehr hinschaut, offenbart sie ihre hässlichen Online-Seiten: Gündogan zieht an... Pause, läuft weiter... Pause, Pass auf … Pause …"

Beziehungstherapeut: "Aber Herr Schmidt. Sie ist doch keine Maschine! Das müssen sie doch verschmerzen können, dass sie auch mal einen schlechten Tag hat ..."

Ich: "Aber ich verstehe es einfach nicht! Warum lässt sie es zu, dass sich ein Usbeke mit einem 56K-Modem mit mir verbinden kann? Ja, sie liebt Charity über alles. Bloß niemanden ausgrenzen! Und wenn es kein netzseitiges Problem ist, dann will ich mir nicht ausmalen, wie dort Buchhalter und Quartalszahlenknechte die Serverkapazitäten auf ein Maß zusammenschrumpfen lassen, der den Spielfluss zu einem Ruckelbach versiegen lässt. Ein Glück kam dieses Jahr kein weiteres Battlefield! Da konnte man ja im letzten Jahr über Tage hinweg das Spielen mit ihr vergessen. Aber dafür fehlt in diesem Jahr der Ball!"

Beziehungstherapeut: "Mmmh. Vielleicht will sie ihre Aufmerksamkeit mehr auf ihre inneren Werte als auf ihre Bälle legen ..."

Ich stehe auf.

Beziehungstherapeut:
"Herr Schmidt. Nun bleiben sie doch hier. Das war ein schlechter Scherz ..."

Ich: "Ihren Scherz empfinde ich aber als weitaus schlimmer! Wie oft musste ich hinter diesem unsichtbaren Ball hinterherhechten, den man nur aufgrund der gegnerischen Bewegungsabläufe erahnen konnte, um so schnell wie möglich in den Ballbesitz zu kommen. Und das bitte schön in den ersten fünf Minuten, in denen der Verbindungsabbruch nicht als Niederlage zählt – was langfristig übrigens dazu geführt hat, dass man partout darauf verzichtet, frühzeitig ein Tor zu schießen, denn ansonsten kappt der Gegner die Verbindung, und das Spiel wird nicht gewertet. Ja, das ist doch mal ein rasanter Spieleinstieg!"

Beziehungstherapeut: "Aber, aber, sachte, Herr Schmidt. Das haben sie doch längst schon gepatcht."

Ich: "Aber es fängt an, mächtig zu stinken! Wieso kann meine werte Freundin bei einem Dauerruckeln nicht einfach die Partie automatisch beenden? Wieso lässt sie überhaupt solch eine Partie zu? Warum hat sie keinen Algorithmus, der so etwas zu verhindern weiß? Und wieso hat sie kaum genügend Serverkapazitäten, wenn sie so mit Geld vollgestopft wird? Wie oft lag ich hinten und habe nach einem gegnerischen Verbindungsabbruch einen Sieg zugesprochen bekommen? Wieso kann sie nicht nach einem 3:0 in der 82.Minute das Spiel nach dem Verbindungsabbruch für den Führenden werten? Oh ja, das macht sie, aber auch nur in 70% der Fälle.  Ich will keine 70% und ich will auch keine 90%. Ich will eine hundertprozentige Sicherheit, dass so etwas ausgemerzt wird!!!"

Beziehungstherapeut: "Herr Schmidt... ich will Ihnen da jetzt nicht zu nahe treten. Aber kann es sein, dass ihre Verärgerung daraus resultiert, dass sie mit den anderen Spielern nicht mithalten können? Vielleicht haben sie einfach keine Skills? Sie sind. Nun ja. Ein eher mittelmäßiger Spieler. Wer immer nur verliert, baut erhebliche Spannungen auf ..."

Ich: "Spannungen? Ich hab mehr Spannungen als das AKW Brunsbüttel im Meiler hat! Vielleicht drifte ich da zu sehr in den metaphysischen Bereich ab. Aber mir ist aufgefallen, dass das Ligasystem auch eine Art Spannungsbogen besitzt. Wer einmal die Karriere gespielt hat, weiß wie witzlos drei Siege als Erstplatzierten erscheinen, wenn der Zweitplatzierte stets einen Punkt Abstand hält – denn Gleiches passiert auch bei drei Unentschieden. Und was habe ich nicht schon online für unglaubwürdige Spiele gesehen: Pfosten, Latte, Pfosten, Stürmer tänzelt Torwart aus und schießt aus drei Metern Entfernung ins Leere – das habe ich ebenso bei mir erlebt wie auch bei meinem Gegner mit dem jeweiligen Sieg für den vermeintlich Schlechteren. Wie kommen solche Spiele zustande? Da zählt auch nicht Brehmes Spruch: "Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß." Aus fünf Metern vor dem leeren Tor stehend den ruhenden Ball an die Latte pfeffern, ist schon starker Tobak – macht aber wiederum dann Sinn, wenn man abgestiegen ist und aus Motivationsgründen wieder direkt aufsteigen soll. Ich habe mich schon etliche Saisons durch eine Liga gequält, bin aber bei Wiedereintritt in jene Liga wie von selbst sofort wieder aufgestiegen. Und in jene Kerbe schlägt auch das Gefühl, man spiele so einige Begegnungen gegen die KI, die so schöne Namen wie „Nathaniel29823748202“ trägt. So peitscht sie mich mit einem Zuckerbrot quasi auf meinen Scheitelpunkt der Spannungsparabel."

Beziehungstherapeut: "Gut. Dann fassen wir das doch mal zusammen: Sie sind offline voll und ganz mit ihr zufrieden?"

Ich: "Ich könnte kotzen, wenn zum 278. Mal mein Stürmer ein wenig Platz hat, um zu schießen und zum 277. Mal irgendein Körperteil des Gegners lädiert. Aber... mmh...ja. Bin voll zufrieden."

Beziehungstherapeut: "Sie spielen aber hauptsächlich online im Ligamodus mit ihr und wünschen sich eine gerechtere Auswertung der Spiele?"

Ich: "Yup."

Beziehungstherapeut: "Und was ist, wenn das auch in dem nächsten Jahr so weiterläuft wie bisher: Wie wären dann ihre Gefühle für sie?"

Ich: "Das Problem … es ist … ich glaube, ich will einfach nicht mehr mit ihr online spielen. Ich … ich habe die Lust aufgrund dessen verloren. Ich... vielleicht will ich sie auch nicht mehr."

Beziehungstherapeut: "Sie bringen doch jetzt nicht wieder ihre Ex-Freundin ins Spiel?"

Ich: "Hach… das ist sehr… kompliziert. Ich empfinde ja schon noch so viel für sie… aber wenn PES sich endlich mal mit den Online-Modi so rausputzen würde wie sie, dann…"

Beziehungstherapeut: "Ja… dann ist es Zeit, Abschied zu nehmen."


Dieter Schmidt
Redakteur

 

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Xanija schrieb am
Ich frage mich, warum hier auf 4Players immer wieder uralte Kolumnen nach oben gespült werden. Entweder auf die Hauptseite oder sogar, wie diese, nach 2,5 Jahren auf Facebook gepostet werden.
SWey90 schrieb am
Auf der letzten Seite habe ich mich ziemlich über Fifa ausgelassen (was ich in den letzten Jahren immer nach einigen Wochen des Spielens tue :mrgreen: ).
Daher habe ich mal 3 Defensiv-Situationen hochgeladen. Lieber würde ich mal wirklich ein 10 Minuten-Video zusammenschneiden, um zu zeigen, wie schlecht das Engine ist (wenn man die Situationen mal gesondert in der Wiederholung anschaut...)
Kurze Zwischenfrage: Gibt es irgendwas, womit ich das laufende Bild auf der 360 legal speichern und bspw. auf einen Stick ziehen kann?
Meine Kritik bezog sich im Karriere-Modus auf immer gleiche Spiele: Hoher Ballbesitz für den menschlichen Spieler, KI-Abwehr blockt alles ab dem Strafraum ab und in den letzten 15 Spielminuten zieht die KI bei Rückstand ein extremes Pressing ab, während die eigenen Spieler nur noch Mist machen.
Hier drei Beispiele:
1.FC Köln vs. Dynamo Dresden (Spielstand 1:0 auf Weltklasse)
Klick zum Video
Ich steuere den Spieler im Mittelfeld. Das Interessante: Meine KI-Mitspieler in der Abwehr lassen gleich zwei Spieler 20 Meter vor dem Tor freistehen. Genau in dem Moment, wo der Pass kommt, gehen sie einen Schritt von ihrem Gegenspieler weg! Unten der Spieler (Brecko) hebt das Abseits auf. Wohl gemerkt: Ich steuere den Spieler im Mittelfeld...Kann also nur zusehen, wie zwei Spieler plötzlich frei vor dem Tor stehen. Dann bleibt nur Hoffen, dass die KI die Chance versiebt.
Okay, das zweite Beispiel fällt aus, weil ich irgendwie nur ein paar Sekunden nach dem Tor hochgeladen habe. Hä? :? Dann auf zu Nummer 3:
Hamburger SV vs. VfB Stuttgart (Spielstand 0:0 auf...
Freakstyles schrieb am
A Vile Saint hat geschrieben: Edit: FIFA 13 ist übrigens eine Parodie auf FIFA 12. Ich frage mich wirklich, wie man ein Spiel, dass zu 95% identisch mit der Vorjahresversion ist, so dermaßen mit Bugs füllen kann.
Das traurige is, dass das 75% der Fifa Community nicht mal bemerken. Für die is das original ein super Spiel. Vorgänger wird völlig ausgeklammert, Vergleiche werden nicht gezogen, neu muss einfach besser sein, denn es kann nicht sein was nicht sein darf. Dementsprechend wird Fifa wohl auch nur alle paar Jahre mal nen Teil rausbringen wo es sich für alle Leute lohnt reinzuschauen.
Es sind ja nicht nur die Bugs, die Verschlimmschlechterungen oder die neuen Features welche zu 90% völlig uninteressant sind. Es sind die einfachen Vergleiche. Man nehme sich NHL 13 vor und Vergleiche. Es ist wirklich ein Witz wenn man sieht wie weit NHL ist und mit was für steinzeitalterlichen Mitteln Fifa noch arbeitet. Man sollte ja meinen bei einem der erfolgreichsten Spiele von EA sollten mehr Mühen investiert werden, aber das scheint gegen EA`s Logik zu gehen.
Randall Flagg78 schrieb am
Ich hab zwar mit Fußball nichts am Hut, spiele aber NBA2K13 und davor alle vorherigen Titel, bis 2K6 zurück.
Beim aktuellen Titel ist es sehr viel besser geworden, aber davor war es auch immer so, dass ich geführt habe und dann die KI einen Run hingelegt hat, während meine Spieler scheinbar nicht mehr wussten, wo der Korb hängt.
Da kam es schon mal vor, dass der Gegner einen 15-0 Run hingelegt hat und plötzlich mit 10 Punkten führt, die man dann innerhalb von 5 Minuten nicht wieder aufholen kann.
Ist diese Marke erreicht, treffen meine Spieler dann auch wieder. Bei 2K13 ist es nicht mehr so oft, kommt aber auch noch ab und zu vor (besonders auf den höheren Stufen).
Das ist extrem ärgerlich, da ich die Game Slider so eingestellt hab, dass wir ziemlich gleich stark sind.
Online zocke ich nicht wirklich oft. Meistens trifft man dort eh auf Leute, deren Skills scheinbar das 4 fache vom eigenen Können sind.
Ich bleib dann aber auch tapfer und quitte nicht. Ist doch nur ein Spiel. Wenn ich so einen Gegner habe, der das Spiel abbricht, haue ich ihm immer eine schlechte Bewertung rein.
Das gehört sich nicht. Bei Gears of War ist es mir im Horde Modus auch schon passiert, dass ich nach Welle 40 plötzlich ganz alleine da stand und die anderen sich völlig ohne Comment aus dem Staub gemacht haben. Was soll so etwas?
SWey90 schrieb am
Aufgrund des Threads hier habe ich noch mal sehr bewusst gespielt und auf viele Kleinigkeiten geachtet. Und ich muss sagen, es ist wirklich erstaunlich wie viel fehlerhaft, merkwürdig und ausgewürfelt ist.
Zum Karrieremodus auf Legende Es gibt in der Tat nahezu perfekte Spielzüge der KI zum Ende eines Spiels, wenn man führt. Bedeutet, habe es jetzt wieder xfach erlebt, dass man in der 90. Minute den Ausgleich bekommt. Da gibt es auch kaum eine wirksame Strategie, weil die eigenen Spieler seltsamerweise in diesen Momenten die einfachsten Pässe nicht mehr hinkriegen. Ansonsten enden eben sehr viele Spiele 0:0 oder 1:1. Bei mir jedenfalls. So richtig realitätsnah fühlt sich die Karriere bei Weitem nicht an. Auch deshalb, weil sich die Spieler völlig beliebig und manchmal nicht nachvollziehbar entwickeln (teilweise zu stark, trotz schlechter Spielbewertungen). Die KI verändert ihren Spielstil kaum. Spiele sehen abseits des Ergebnisses so aus: Hoher Ballbesitzwert von mir (mindestens 60 %), tausend geblockte Schüsse und viele lange, überbrückende Bälle von der KI direkt in die Spitze. Da kann dann ein Zweitliga-Verteidiger auch den ultimativen Befreiungsschlag 60 Meter zum Stürmer auf dessen Fuß. Punktgenau. Gähn.
Online habe ich gerade bewusst sehr locker gezockt. Hier hat es mich wirklich überrascht, welche Beobachtungen man macht, wenn man auf Kleinigkeiten achtet, sie abspeichert und nicht so verbissen auf den Sieg aus ist: Grafikfehler, gerade bei Zusammenstößen, sollten im Jahre 2013 nicht mehr so häufig vorkommen. Eine ganz kurze Ruckelphase führte bei mir zu einem Gegentor (Kam umgekehrt aber auch schon vor!). Oft ist es einfach Glückssache, ob die Zweikampf-Automatik greift. Mal geht der Fuß dazwischen, ein anderes Mal gibt es eine Art Pressschlag-Grafikfehler und der Stürmer läuft einfach durch. Gerade dieses Wegschieben, die Zusammenstöße und die Luftzweikämpfe sind reine Zufallsprodukte. Überhaupt ist die Steuerung immer noch zu langsam, nicht...
schrieb am

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