Die 4Players Kolumne: And now... the end is near...

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 05
Montag, 28.01.2013

And now... the end is near...


Hm, da ist er nun also - der Tag. Mein letzter Tag hier bei 4Players. Nach zehn Jahren, acht Monaten und 28 Tagen. Ich lege die virtuelle Feder nieder und wechsle zum anderen Ufer der Spielebranche. Es ist ein für mich extrem schmerzlicher Abschied, denn bei 4Players Redakteur zu sein war nicht nur einfach ein Beruf wie bei anderen Magazinen (und ich habe zuvor bei zwei anderen gearbeitet, beim PC Joker und dem GameStar - ich weiß durchaus, wovon ich rede). Für mich war das der Ort, zu dem ich jeden Tag gehen durfte, um nicht unter Kollegen, sondern unter Freunden zu sein; wunderbar durchgeknallten Persönlichkeiten, die die Passion "Videospiele" mit mir teilten. Ich wünschte, ich könnte mir den Abschied so leicht machen wie bei den Oscars: Danke an meine Frau, meine Familie, meine Freunde, meinen Produzenten, an KFC. Klappt aber irgendwie nicht. Deswegen nerve ich lieber alle mit ein paar Erinnerungen aus meinen insgesamt fast 15 Jahren als Redakteur.

Wie diese Sache mit dem unpassendsten Merchandise aller Zeiten. Es war das Jahr 2005, 4Players hatte erstmals einen Stand auf der Games Convention. Vorab telefonierte ich bei diversen Publishern herum, ob sie uns nicht mit etwas Merchandise unterstützen könnten, das wir unter die Leute bringen. Das Ergebnis war überwältigend: Kisten über Kisten raubten mir und den Kollegen die Büroluft zum Atmen; Massen an Klamotten, Sammelfiguren, Kuscheltieren, Schlüsselbändern, Spielen oder Postern stapelten sich in beeindruckende Höhen. Und dann war da noch dieses unauffällige Paket von dem Publisher, den ich besser nicht beim Namen nenne. Ich öffnete es und konnte nicht glauben, was ich da sah: Die ganze Kiste war voller gebrandeter Teppichmesser. Teppichmesser! Ihr wisst schon, diese echt scharfen Dinger, mit denen man besser keinen Blödsinn anstellt, da sonst schnell ein Verlust von grundsätzlich einwandfreien Körperteilen zu beklagen ist. Da glotzten sie mich an, schweigsam, emotionslos, 100 Stück. Und ich fragte mich: Ist das euer Ernst? Ich sollte -Teppichmesser- einfach so unter die Leute werfen? Unter dieselben Leute, die sich bereits wegen einem verdammten Schlüsselband kloppen? Die potenziellen Zeitungsartikel erschienen wie greifbare Visionen vor meinem Auge: "Widerwärtiges Blutbad auf Spielemesse: 4Players mal wieder!" Ich hab’s dann gelassen.

Generell - die Messen. Ich habe noch nie eine Spielemesse aus der Sicht eines "Zivilisten" erlebt, ich habe immer versucht, so viel Zeit wie möglich im Business Center zu verbringen. Ich bin kein besonders großer Freund von Menschenmassen. Ab und zu, vor allem, wenn wir selbst einen Stand hatten, ließ es sich aber nicht vermeiden, dass ich ebenfalls auf oder neben der Bühne meine Nase zu präsentieren hatte. Und eines habe ich aus diesen Erfahrungen gelernt: Die Leute machen alles, wirklich alles, für etwas Merchandise. Der belangloseste Dreck wird auf einmal heißbegehrt, wenn er ihnen auf einer Messe vor die Nase gehalten wird. Ein wertloses T-Shirt mit grässlichem Motiv in die Lüfte gehalten - zack, 200 Arme gehen in die Lüfte. Wahnsinn! Alle verrückt. Aber gut, das gehört wohl irgendwie dazu.

Das Beste an den letzten Jahren waren aber, und ich bin mir durchaus darüber bewusst, dass das klischeeverseucht klingen mag, die Menschen. Nicht nur meine großartigen Kollegen und Freunde, sondern auch die vielen, vielen Personen und Persönlichkeiten, die mir und euch über all die Jahre die Pflege unseres liebsten Hobbys überhaupt erst ermöglicht haben. Ich hatte sie alle. Oder fast alle. Einen großen Teil zumindest. Ich habe mit Sid Meier hinter den Kulissen des Messeauftritts von Take 2 Merchandise-Kisten geplündert, in der Nacht vor dem Interview mit Nobuo Uematsu schlecht geschlafen, weil ich Schwierigkeiten damit hatte, mir die vielen japanischen Höflichkeitsfloskeln einzuprägen. Ich habe mit Peter Molyneux in Tokyo über verschiedene Interview-Stile geschwatzt, und mit Shigeru Miyamoto über die Nutzlosigkeit von Wii Music, mit Gabe Newell über die Pros und Kontras von Episodenspielen debattiert, mit IGA Indiana-Jones-Witze gemacht und mir Greg Zeschuks Geschichten über das Bierbrauen angehört. Ich habe die Helden meiner Jugend getroffen, die für einige der großartigsten Spiele aller Zeiten verantwortlich waren, und mich mit einigen von ihnen unter den Tisch getrunken. Ich bin um die ganze Welt gereist, war in den USA, in Japan, in Frankreich, Italien oder Russland. Ich bin bei Pressetouren in halsbrecherischer Geschwindigkeit auf dem Mountainbike die Alpen hinab gerast, habe den jungen Sebastian Vettel bei einem Formel-3-Rennen in Bahrain angefeuert und mit fröhlichen russischen Entwicklern irgendwo in der Pampa vor Moskau stundenlang fieses Paintball gespielt. Ich war bei DMA Design, bei Microprose, bei Ubisoft Montpellier und bei PopCap Games, habe die ersten Modelle der PlayStation 3 direkt in Sonys Hauptquartier in Tokyo ausprobiert und mit Kinect testgefuchtelt, als es noch Project Natal hieß. Ich habe Halo gespielt, als es noch auf dem PC erscheinen sollte und mir die Designer weismachen wollten, dass ein schneller 486er dafür ausreichen würde. Ich konnte die Entwicklung großartiger und grandios schlechter Spiele von Anfang bis Ende verfolgen. Ich traf viele fantastische, kluge und inspirierende Menschen. Kurz gesagt: Die letzten anderthalb Jahrzehnte waren echt super.

Größtenteils zumindest. Natürlich gibt es auch dunkle Erinnerungen. Ich rede dabei nicht von nervend schlechten Spielen oder Redaktionsschluss-Stress. Sondern von Trollen, für die ich inkompetent, ahnungslos, ein Idiot, Nintendo-Hasser, Microsoft-Hasser, Sony-Hasser, Spaß-Hasser, Sega-Hasser, Konami-Hasser, EA-Hasser, Ubisoft-Hasser, im Grunde Allesundjeden-Hasser und generell viel zu alt für den Scheiß war. Oder der Ekel erregenden Heuchelei mancher "Kollegen" anderer Magazine, die sich kaum eine Gelegenheit entgehen ließen, sich abfällig über 4Players zu äußern, sobald man ihnen den Rücken zudrehte - oder öffentliche Wertungsdiskussionen auf unterstem "Er muss wohl sexuell frustriert sein!"-Niveau führten. Nicht zu schweigen von PR-Managern, die einem am Telefon viertelstundenlang das Ohr abkauten, weil man es wagte, eine 87 zu geben, während andere Magazine doch eine 94 zückten. Und natürlich dem Klassiker: Publisher, die Werbemittel zusammenstrichen, weil eine Wertung oder Test-Tonalität mal "nicht passte", unabhängig davon, wie viele gute Wertungen es vorher gab.

Aber ich will nicht jammern. Denn das waren tatsächlich die Ausnahmen. Meistens hatte ich eine großartige Zeit. Und an die werde ich mich immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht erinnern. An die durchkreischten Tekken-Gefechte mit Ben. An die wahnwitzigen Japan-Abenteuer mit Michael. An die lautstarken Soul-Calibur-Turniere mit Jörg und Mathias. An die großartigen Nedderfeld-Mittagsstunden mit Heiko. An die albernen Videodrehs mit Dieter. An die endlos scheinenden Buglisten für das iPad-Magazin, mit denen ich Phillip in den Wahnsinn getrieben habe. An das Geschrei und Gezetere, das durch die Flure schallte, wann immer interredaktionelle Fußball-Turniere ausgefochten wurden (was eigentlich fast jeden Tag der Fall war). An das fachmännnische Geblödel mit Anne. An den süßlichen Geruch in unserem Büro, der von Jans Energy-Drink-Hektolitern ausging. An den rituellen Yaytag mit Pizza und Ring of Fire. An die höchst bequemen Auslandstrips, welche uns die Jungs und Mädels vom Empfang ermöglicht haben (Michael, Iris, Maren, Antje, Jan - vielen herzlichen Dank!) An all das Leid, das ich mit meinen Spontanwünschen über unsere Programmierer und Grafiker gebracht habe. An die komplett chaotisch-entspannten Anfänge im fernen Kirchheim. Und noch so viel, viel mehr. Aber ich wollte ja nicht schwafeln. Das hier ist ohnehin schon wieder viel zu lang geworden.

So bleibt mir nur noch eines zu sagen: Macht’s gut, Leute. Es war mir ein Festessen, euch so lange begleiten zu dürfen. Ich danke euch für die gute Zeit und wünsche meinen ehemaligen Kollegen und dem in meinen Augen mit weitem Abstand besten Computer- und Videospielmagazin nichts als das Allerbesteste!

Toodles,
Paul

Ex-Redakteur

P.S.: Um noch schnell ein paar Gerüchten vorzubeugen: Nein, mein Weggang hat nichts mit der Übernahme von 4Players durch Computec zu tun - meine Entscheidung war vorher schon in Sack und Tüten. Ebenfalls nein: Auch mit dem vor einiger Zeit aufgetauchten "Enthüllungsblog" hatte ich nichts zu tun.
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

relain schrieb am
Vermutlich will Paul, der Ex-Red, auch mal Geld verdienen. Als Online-Mag-Redakteur ne Familie durchzufüttern ist sicherlich kein Zuckerschlecken.
Gute Entscheidung. Aber das Rückrat behalten. Gell. :Häschen:
RENEGADE.78 schrieb am
Ein interessant zu lesender "Abschiedsbrief"... Er liest sich in weiten Teilen wie wenn ihn jemand geschrieben hätte, der mit seinem ganzen Herzen an seiner Arbeit hängt, welche zu großen Teilen von ihm gar nicht als Solche wahrgenommen wurde. Dann wiederum hat er sich (P.S.:) aber offensichtlich dennoch entschieden, diese Arbeit aufzugeben... (?)
Rein logisch und nüchtern (von außen) betrachtet, wirkt das recht eigenartig. Aber das ist vermutlich genau deswegen so, weil man eben außerhalb steht.
Da bleibt eigentlich nur zu wünschen, dass du dich in deinem neuen Job mindestens genauso wohl fühlst.
Levi  schrieb am
Ryo Hazuki hat geschrieben:[...] bin, 4players[...]

Der Kleine möchte kein Einzelkind bleiben :(
Hilf ihm bitte.
Boesor schrieb am
Ryo Hazuki hat geschrieben:Ok Jahre später bin ich jetzt ein Internet Aktivist einige nennen es die Gefährlichste Website der Welt für die ich aktiv bin.

:lol: geilstes Posing aller zeiten!
Ryo Hazuki schrieb am
wow,
danke jetzt merk ich das auch ich alt geworden bin. Die ersten CS Matchs in Internetcafes auf denen die Beta lief ganz zuschweigen vom sauteueren Internet zu Hause mit dem meine Sega DC ordentlich das Portemonnaie meiner Mutter beglückt hat.
Ich erinnere mich noch an die erste GC in Leipzig 2002 da traf ich die Entwickler von Stalker damals noch Oblivion Lost - war ich stoltz man!
Ok Jahre später bin ich jetzt ein Internet Aktivist einige nennen es die Gefährlichste Website der Welt für die ich aktiv bin. Aber das tut hier kaum was zu Sache. 2002 habe ich natürlich noch nicht so weit gedacht !
Der Werdegang eines Menschen ändert sich oft und stark im Leben eines Menschen und ich wünsche dir alles gute auf deinem Weg.
Ich weiß nicht wie lange ich schon hier im Forum dabei bin, 4players begleite ich seit der ersten Stunde als das Internet noch langsam war und 128kbits mit dem Ping von 110 - 90 der reine Wahnwitz.
Machs gut!
Ryo
schrieb am

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