Die 4Players Kolumne: Die Macht des Artdesigns

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 26
Dienstag, 27.06.2017

Die Macht des Artdesigns


Ich erinnere mich noch ganz genau an diesen magischen Moment in der Buchhandlung. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, hat mich das Cover eines Taschenbuchs so gefesselt, dass ich es sofort kaufen musste. Dabei kannte ich weder diesen Terry Brooks noch wusste ich etwas mit "Das Schwert von Shannara" anzufangen. Aber dieses Bild hat mich unwiderstehlich angezogen, es war wie ein Türöffner für meine Fantasie.

Was war zu sehen? Drei mit Schwert und Bogen bewaffnete Gestalten standen staunend vor einem gleißenden Schwert. Klingt nicht gerade spannend, aber aufgrund der warmen Farben und Schatten, vielleicht auch aufgrund der archetypischen Charaktere oder des mittelalterlichen Hintergrundes hatte diese Szene eine besondere Ausstrahlung auf mich. Oder lag es einfach daran, dass ich am am liebsten Robin Hood gewesen wäre und mit Playmobil-Rittern spielte? Irgendeine Sehnsucht in mir reagierte jedenfalls.

Heute schmunzle ich darüber, wenn ich den goldgelockten Elfen sehe, zumal die TV-Serie "Die Legenden von Shannara" für mich kaum zu ertragen ist und die Welt inhaltlich wie ein Abklatsch von Tolkiens Schöpfung wirkt. Aber die Brüder Hildebrandt haben mich mit ihren Illustrationen für Fantasyliteratur begeistert - ihr Artdesign steht für märchenhaftes Abenteuerflair, für Lagerfeuer, Magie und Monster. Und das hatte so lange exklusive Macht über mich, bis ich auch die düsteren, bizarren und experimentellen Facetten des Genres bis hin zu Simon Bisleys Slaine-Saga sowie die Science-Fiction zu schätzen lernte.

Manchmal vermisse ich diese Kindheit, in der einen Bilder noch so verzaubern konnten. Heute werde ich jeden Tag von visuellen Reizen überschüttet, jede Woche rauschen gefühlt hunderte Spiele an mir vorbei. Vieles davon landet in null Komma nichts im Papierkorb. Innerhalb von wenigen Sekunden entscheide ich - oder vielleicht besser: wird schon unbewusst entschieden - was mir gefällt. Und das ist nicht viel. Aber es gibt sie noch, diese besonderen Momente.

Für mich gibt es da drei Stufen: Die sofortige Ablehnung, die zustimmende Akzeptanz und die außergewöhnliche Faszination. Neunzig Prozent der Spiele landen in der ersten und zweiten Kategorie, denn das gut zu verkaufende Mittelmaß regiert die Branche. Nur ganz wenige schaffen es auf diese höchste Stufe, auf der Spiele über das bloße Äußere hinaus eine ganz eigene Ästhetik und damit auch eine Art sinnliche Anziehungskraft verströmen - natürlichen fließen in Bewegung sofort musikalische Reize sowie Animationen mit ein.

Dabei geschieht manchmal etwas auf der emotionalen Ebene, das man kaum erklären kann, denn sowohl das Gemütliche und Chaotische, das Zauberhafte und Schreckliche, das Realistische und Bizarre, das Reduzierte und Barocke können faszinieren - selbst eine Benutzeroberfläche! Bei mir gibt es z.B. zwischen Okami, Journey, Banner Saga, ICO, Swords & Sworcery, Ni No Kuni, Hohokum, Sorcery, Bloodborne, Dishonored, Shadow of the Colossus, Monument Valley und Darkest Dungeon keine klare Linie. Und warum fühle ich mich so zum reduzierten Baukastenflair eines Faster Than Light hingezogen? Vermutlich sind Captain Future und LEGO schuld.

Wir reagieren aufgrund unserer Persönlichkeit, unserer Sehnsüchte und Wünsche ganz anders auf Motive und Welten. Und was den einen fasziniert, stößt den anderen ab. Stichwort: Bayonetta oder Southpark - da kann ich z.B. nix mit anfangen, obwohl beide rein handwerklich sehr gut sind. Genauso wenig wie mit Kulleraugen und RPG-Maker-Sprites. Das Thema der Darstellung ist dabei aber nicht so relevant wie die Art seiner Inszenierung. Sprich: Ich bin zwar Freund düsterer Fantasy, aber Battle Brothers oder Lords of the Fallen lassen mich visuell kalt, während bei Darkest Dungeon oder Darks Souls ein Funke überspringt.

Man darf dabei nicht vergessen: Ein großartiges Spielerlebnis braucht kein faszinierendes Artdesign! Man nehme aktuell Prey oder The Legend of Zelda: Breath of the Wild - beide sehen richtig gut aus, beide sorgen für Stimmung, aber keines konnte ästhetisch diese besondere Magie verströmen - zumindest nicht bei mir. Und umgekehrt gilt natürlich: Ein großartiges Artdesign garantiert kein faszinierendes Spielerlebnis! Warten wir mal ab, wie sich das auf der E3 aufgrund seiner visuellen Reize gelobte The Last Night spielt.

Das Schöne ist: Die Spielewelt hat noch nicht mal ansatzweise das ausgeschöpft, was ästhetisch möglich wäre! Man muss sich nur mal anschauen, was Künstler auf Deviant Art, im Beautiful Bizarre Magazine oder bei Between Mirrors an Kreaturen, Kulissen, Stimmungen und Welten erschaffen. Manchmal fühl ich mich dann doch wieder wie ein Knirps, wenn ich etwas sehe und mir denke: Verdammt wär das cool, wenn die dazu ein Spiel machen würden!


Jörg Luibl
Chefredakteur

PS: Mehr zum Thema inkl. konkreter Beispiele findet ihr auch im 4Players-Talk mit Ben und Jan.
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Wuschel666 schrieb am
Ich verstehe vollkommen was gemeint ist. Ich reagiere auch sehr auf Artdesign.
Wie auch schon erwähnt, diese alten JRPG Menüs, oder einfach nur der "Spashscreen", wenn die Ps4 das Spiel startet. In Kombination mit meiner LED Beleuchtung hinterm TV jedesmal super :D
Ich hatte genau solche Momente die Tage wieder mit Abzu (vom Art Designer von Journey), mensch ist das Spiel großartig, es wirkt einfach grandios vor allem in Kombination mit der Musik :D
Sir Richfield schrieb am
1) SomethingsomethingdeshalbistMetroidPrimeheutenocheingutesSpiel
2) Bei den verlinkten Seiten sollte man sich bewusst sein, dass Angelsachsen den Inhalt öfter mal als NSFW deklarieren würden.
2.5) Wenn man gerade auf DeviantArt nach einem Videospiel sucht, sollte man vorher wissen, was Regel 34 ist. (Sollte eh Allgemeinbildung sein...)
Leuenkönig schrieb am
Artdesign ansich hat mich bis vor einer Weile gar nicht interessiert. Erst seit dem ich Wind Waker gespielt habe bin darauf aufmerksam geworden. Das komplette Spiel (vorallem die HD version) wollte mit dem Cell-Shading Stil komplett auf die Farbvariation setzen und hats damit auch geschafft. TP ist auch so unfassbar schön (leider existiert das gif nicht wo man einfach mit Link auf der Weide steht, wii/gc version), aber alleine das Wasser und das Dorf hat wirklich vieles rausgehauen oder wenn ich nur an die Artworks von MM denke, daran kann förmlich die Atmosphäre des Spiels sehen. Botw persönlich ist für mich bis dato das wahrscheinlich schönste Spiel, dass ich je gespielt habe, das Spiel sieht nunmal aus wie ein verdammter Ghibli Film und hat so viele Momente die sogut wie alles andere vernichten
Bsp: http://cdn3.twinfinite.net/wp-content/u ... otW-12.jpg
Jedes Mal wenn ich lesen darf "Nintendo schert sich nicht um Grafik, Kinderstil etc" kann ich dazu halt nur Müde lächeln. Denn Nintendo bietet etwas, dass ich bei vielen großen Entwicklern schmerzlich vermisse und zwar ein gutes Artdesign. Genau deswegen, kann man alte Nintendo Spiele immer noch spielen, wohingegen diese realistische grafik gealtert ist wie Milch. (Bsp. wieder unten)
Bsp (Little big planet kart): https://media.playstation.com/is/image/ ... l_Original$
Bsp (Mario kart 8): https://static1.gamespot.com/uploads/or ... oad_a2.png
Aber genug von Nintendo(die haben nicht immer ein guten Artstyle), natürlich haben auch andere Entwickler einen...
BigEl_nobody schrieb am
Artdesign war für mich schon immer der am meisten unterschätzte Aspekt bei Spielen. Liegt wohl wirklich daran das es die meisten Leute hauptsächlich unterbewusst wahrnehmen oder anderen Kategorien zuordnen wie Grafik, Sound, Atmosphäre, obwohl diese Punkte ja alle Teil des großen Ganzen, des Artdesigns sind.
Es gibt unzählige Beispiele für herausragendes Artdesign. Und in solchen Fällen können Spiele auch überdauern und zu zeitlosen Klassikern werden. Für mich ist die No. 1 klar STALKER: SoC. Technisch hat es seine Ecken und Kanten, aber das Artdesign zieht sich durch jeden Augenblick des Spiels und fängt schon im Menü an!
Wahrscheinlich auch einer der Gründe warum die IP bis heute immer noch extrem beliebt ist, inbesondere in der Modding Community.
Ähnlich gut war für mich Hyper Light Drifter, da fing die Gänsehaut auch schon im Menü an und ebbte erst ab wenn man aufgehört hat zu spielen :lol:
Ich persönlich bin immer begeistert wenn Entwickler wert auf eine einheitliche artistische Vision wert legen (wie auch bei Dishonored 1/2 oder Persona 5). Witcher 3 ist für mich zwar eines der besten Spiele aller Zeiten, aber die kargen Menüs und lesbaren Inhalte wie Bücher ala Exceltabellen oder Worddokumenten waren ein absolutes Graus und haben einen richtig aus der Immersion gerissen! :x
Auch wenn ich das CD Projekt in dem Fall nicht vorwerfen würde, aber häufig zeugt sowas in meinen Augen von Entwicklern, die nicht mit voller Leidenschaft dabei sind und einfach nur ihr Projekt arbeiten.
Ein anderes prominentes Beispiel dafür ist für mich Battlefield 1. Tolle Technik, aber das Artdesign rund um den Kern des Spiels eine absolute Katastrophe und wirkte für mich schon seit dem ersten Gameplayvideo wie ein seelenloses Produkt...
Veldrin schrieb am
slasher82 hat geschrieben: ?
30.06.2017 14:00
ronny_83 hat geschrieben: ?
30.06.2017 11:48
slasher82 hat geschrieben: ?
30.06.2017 10:39
schöner Artikel, auch mir ist Artdesign extrem wichtig... habe zB in Breath of the Wild hunderte von malerischen zauberhaften Screenshots gemacht, das Game ist ein einzigartiges Kunstwerk, ein spielbares Gemälde <3
Sehe ich auch so. Für viele ist dieser Grafikstill aber ein Zeichen von Rückstand und Schwäche, weil er so simplifiziert aussieht. Die Magie darin erkennen viele gar nicht.
ich glaube so einige haben durch die vielen graubraunen Ballergames/Schnetzelgames das Auge für's Ästhetische/Künstlerische verloren
Bin kein Zeldafan, aber das Artdesign und die Lebendigkeit die beschrieben wurde, das finde ich auch wichtig. Die Screenshots zu Breath of the Wild sehen tatsächlich viel ansprechender, lebendiger, farblich interessanter aus als die ganzen Fotorealismus-Blockbuster.
Mich stoßen z.B. viele Egoshooter nur noch ab. Ich kann diese Graubraun einfach nicht mehr sehen. Hard Reset hat mich diesbezüglich wieder etwas überrascht. Für Egoshooterverhältnisse...
schrieb am

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