Die 4Players Kolumne: Wii ein Kind - die virtuelle Erstfaszination

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 36
Dienstag, 05.09.2006

Wii ein Kind - die virtuelle Erstfaszination


Ich hatte in Leipzig ein seltsames Déjà-vu: In dem Augenblick, als ich zum ersten Mal mit dem Wii spielen, zum ersten Mal Hand an diese beiden Controller legen konnte, stand plötzlich alles für eine Millisekunde still. Eine freundliche Nintendo-Hostess lächelte mich an und wies mich in die optimale Stellung für Wii Tennis ein:

Versuch's mal - ist ganz einfach!

Es funkte. Ich stand neben mir, traf kaum einen Ball. Die Luft schmeckte plötzlich nach Neugier und Aufregung. Es war wie eine Zeitreise zurück zu einem dieser psychischen Ankerplätze der Kindheit: der Insel der virtuellen Erstfaszination. Diesen Ort vergisst man nicht, er führt einen zurück zum First Touch. Wisst ihr noch, wie das war?

Bei mir passierte es irgendwann Anfang der 80er. In dieser quälend langen Phase, noch bevor die Spielesonne des Amiga 500 Dunkeldeutschland erhellen konnte. In diesem düsteren Paläolithikum des Homo ludens. In einer Zeit, in die man nicht so schnell zurück möchte. Nicole hatte ein bisschen Frieden geträllert und Gottlieb Wendehals' Polonäse ergoss sich in einer nicht enden wollenden Klamauksoße von Blankenese ins Land der 99 Luftballons. Rasierschaum für Frauen gabs auch noch nicht.

Man hatte schreckliche Bilder im Kopf. Und was noch viel schlimmer war: Die Welt ging 1982 unter. Fast genau so wie diesen Sommer. Man hatte das ganze Jahr über diesen azurblauen Kloß im Hals. Deutschland verlor bei der WM gegen Italien 3:1. Rossi, Tardelli und Altobelli machten Schluss mit Rummenigge & Co. Ich war fertig. Ich hab geheult. Kein Wunder, dass man das als Knirps im Wachstum irgendwie kompensieren musste...

...mit martialisch aufgepimpten Master of the Universe-Figuren. Ich hab sie alle gesammelt: He-Man, Skeletor, Beast-Man - der ganze Monsterstoff. Das hätte nach heutiger Medienhysterie alles ganz böse enden können. Schließlich habe ich auch noch Comics gelesen und Barbiepuppen verbrannt. Viele Jungs in meinem Alter haben sich geprügelt, sich mit täuschend echten Plastikwummen durch den Wald gejagt und heimlich Rambo gekuckt. Das war mein First Blood. Bloß gut, dass die Grenze nach Erfurt spielepolitisch noch dicht war.

Ja, die wilden 80er. Aber direkt nach der WM-Katastrophe kam dieser eine magische Tag. Dieser unvergessene Tag der Erstfaszination. Ich hatte drei Playmobilritter in der Tasche, dazu zwei Silberschwerter und einen Helm. Zur Sicherheit noch seltene Sammelbilder von den Förster-Brüdern und dazu ein goldenes Wappen vom BVB. Ich wollte zu meinem Cousin und wertvollen Krimskrams tauschen. Er war drei Jahre älter, drei Köpfe größer und hatte dreimal mehr Spielzeug als ich. Er war also Gott.

Als ich in sein Zimmer trat, blinkte und krachte es. Er saß vor dem Fernseher und seine Hände zuckten hin und her. Irgendetwas explodierte auf dem Bildschirm und er schrie vor Freude. Heute weiß ich, dass es Missile Command war. Damals dachte ich, die Pforten zum Star Wars-Universum hätten sich geöffnet. Er drehte sich um, winkte mich geschäftig heran, war stolz wie Oskar und sprach wie ein gütiger Herbergsvater: Das ist ein Heimvideospielsystem. Es heißt heißt Atari 2600. Dann drückte er mir ein komisches Gerät in die Hand:

Versuch's mal - ist ganz einfach!

...Déjà-wii. Genau so wie damals war es in Leipzig, bevor ich Mario über den Platz scheuchte, bevor ich das Katana in Red Steel schwang. Kaum hatte ich Nunchak und Remote in den Händen, fühlte ich mich wieder wie ein Kind. Schon als mein Cousin mir in den 80ern den Controller anvertraute, wusste ich gar nicht, wie ich ihn halten sollte: In einer Hand? Oder doch beide? Er war ein Fremdkörper. Ein komischer Steuerungsknüppel. Es fühlte sich anders an, aber dennoch unheimlich faszinierend.

Und er verströmte wie Atari damals schnell diesen unwiderstehlich süßen Duft der Spielezukunft: Denn alles hatte sofort Auswirkungen, man hatte Macht über den Augenblick, konnte auf Knopfdruck Explosionen auslösen, das Unheil abwehren. Ich hab zuerst keine einzige Rakete aufgehalten, mehrmals hintereinander verloren. Das war bei Missile Command 1982 so, das war bei Red Steel 2006 wieder so. In Leipzig musste man eine ganz neue Körperhaltung finden. Bei meinem Cousin hab ich auch zunächst so hektisch gezockt wie eine Gelenkpuppe, weil ich den Joystick als verlängertern Arm missbrauchte.

Irgendwann kam dann dieser erste Moment der Kontrolle, damals wie heute: Die Bombe rieselte herab, ich platzierte die Abwehrrakete; der Samurai kam näher, ich holte zum Hieb aus - Treffer, versenkt, gotcha! Dieses Spielzeug war einfach elektrisierend anders, genau so anders wie der Wii. Ich stand schließlich mit rot glühenden Backen vor dem Fernseher, wollte gar nicht mehr weg, krallte mich an den Stick, spielte weiter und weiter. Alles um mich herum vergessend, versunken im Flow von Aktion und Reaktion, völlig losgelöst wie Major Tom.

Diese kindliche Erstfaszination.

Deshalb will ich Wii.


Jörg Luibl
4P|Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Silver schrieb am
lol die Kolummne hab ich gestern in diesem Buch gelesen.
Cayman1092 schrieb am
Wieso wird das nochmal hervorgekramt???
johndoe-freename-102656 schrieb am
Mit dem Wii ist es eigentlich dasselbe wie mit dem DS... nicht die beste Grafik (das heisst nicht das sie schlecht ist), dafür innovativer als die Konkurenz ( PsP) und die besseren Titel... macht definitiv mehr Spass :D obwohl ich nie viel von Nintendo hielt werde ich mir den Wii zulegen xD Das Geschwafel von wegen, Nintendospiele seien Kinderkram, wie man es überall hört, ist Blödsinn (Bsp. Advance Wars, gibts auch für PSP, nur "erwachsen" xD)
johndoe-freename-103791 schrieb am
diese kolumne ist derhammer!
genauso wars bei mir damals beim N64 controller mit dem minijoystick da ^^ ich hatte vorher (auch) bei meinem cousin immer SNES gespielt. und ein freund von mir dessen vater eine videothek hat brachte den N64 mit zu ihm nach hause als ich da war und es war einfach unglaublich wie wir damals abgegangen sind als wir unser erstes richtiges spiel in 3d gespielt haben^^
allerdings haben wir es in 5 stunden nicht geschafft den ersten stern in super mario 3d zu bekommen xD ...jaja lang lang ists her ;-P
schrieb am

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