Die 4Players Kolumne: Mein Abschied, das war's!

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 49
Donnerstag, 07.12.2006

Mein Abschied, das war's!


Ich bin weg, das war's, ich hab keine Lust mehr. Ein Jahrzehnt als Spieletester in diesem Land hat Narben hinterlassen. Man kriegt alles später, darf nicht über alles schreiben, muss Ware importieren und Faszination rechtfertigen. Es war eine schöne Zeit, eine lehrreiche Zeit, aber irgendwann platzt einem der Kragen. Ich brauche wieder freie Luft zum Atmen und zum Zocken.

Gestern Abend, als die Kettensäge in virtueller Unschuldigkeit im Keller ratterte, habe ich über Xbox Live eine private Nachricht von Gamertag "BKfiBU" bekommen: Ob ich wüsste, dass ich indizierte "Killerspielpornographie" konsumieren würde, auf die ein Jahr Gefängnis steht. Ob ich noch andere verbotene Shooter spiele, ob ich in einem Clan aktiv bin und welchen Schulabschluss oder Waffenschein ich hätte...

...Big Beckstein is watching us. 1984 war gestern, heute ist 2010 und der Staatsfeind Nr.1 ist der erwachsene Killerspieler - egal ob Konsument oder Hersteller. Viele haben Cryteks Flucht nach Amerika belächelt, sie als Hysteriker und Steuerflüchtige diffamiert. Und dann? Nach Florida-Rolf hat die BILD im Sommer 2007 die Texas-Connection gehetzt, die sich aus Coburg davon machte. Spätestens als sich die Hamburger Replay Studios Mitte 2008 nach Dänemark abgesetzt hatten, um ein Zombie-Abenteuer für das Ausland zu entwickeln, hätte ich auch mein Ticket buchen sollen.

Aber nein, ich hielt diesem Hosenscheißerland die Treue, obwohl es im Laufe der Jahre zu einer Glucke mutierte, die sich in moralischer Selbstgefälligkeit immer dreister auf Erwachsene pflanzte. Es gibt seit zwei Jahren einen regelrechten Trek an Kulturflüchtlingen - ab nach Japan, ab nach Amerika! Und ich? Hab die BkfiBU im Wohnzimmer! Es reicht. Seit zwei Monaten ist die "Bundeskontrollstelle für interaktive Bildschirmunterhaltung" flächendeckend aktiv. Laut SPIEGEL soll sie eine in China entwickelte Software namens Kripocrawler nutzen, um damit im Internet zu patrouillieren.

Rasterfahndung nach Spielkriminellen? Quatsch - wir sind doch nicht bei Orwell! Doch, mittlerweile schon, vor allem im Freistaat. Die Suche nach potenziellen Amokläufern beginnt dort schon im Kindesalter. In Bayern werden hunderttausende Jugendliche Jahr für Jahr in fünf Kategorien eingeordnet: Leichtpotenzial, Mittelpotenzial, Starkpotenzial, Emsdettenpotenzial, Erfurtpotenzial. Das Ganze läuft in den Sommerferien in mehreren Wellen in der Allianzarena - dazu gibt's Weißwurst und blauweiße Infobroschüren.

Die Affinität zum Amok wird über eine ausgefeilte Datenbank ermittelt, die den Lebenslauf, die Noten sowie persönliche Gespräche mit Eltern und Lehrern auswertet. Ab der dritten Gefahrenstufe müssen Schüler dann eine schwarze CS-Binde tragen - zur Vereinfachung, denn laut BKfiBU hat sich die Gleichsetzung von CounterStrike = Killerspiel = Amokausbildung bei Kerner, RTL2 & Co bewährt. Und das verstehen die Leute nun mal.

Neben dem Sportabzeichen kann ab der fünften Klasse aber auch das rosa Unbedenklichkeitsabzeichen mit Schleife errungen werden. Voraussetzung: Man entsagt aller virtuellen Gewalt, man nimmt regelmäßig an VHS-Kursen zur Entspannung teil, man tritt aus Clans aus, bleibt Wii-präservativ und spielt nur die Spiele, die von der "Stiftung Spieletest" für den unbedenklichen Spaß freigegeben werden - das sind mittlerweile fast alle. Diese Behörde hat Anfang 2007 die USK ersetzt und besteht aus anerkannten Theologen und Parteipädagogen - selbstverständlich alle mit einschlägiger Erfahrung im artverwandten Psychotherapiebereich.

Man verteilt nicht nur wichtige Gütesiegel wie "Absolut Headshotfrei" und "Heile Family Ready (HFR)", sondern vergibt auch verbindliche Staatswertungen. Die Stiftungsmagazine liegen an allen Kiosken aus, enthalten als Covermount die neue Elstersoftware für die Steuererklärung und ihre Online-Versionen werden im Internet umgehend aufgerufen, wenn man Suchbegriffe wie Review, Test oder Spielnamen eingibt. Die BKfiBU arbeitet hier eng mit Google zusammen, um das Aufrufen von so genannten "Moralfreien Magazinen" zu erschweren, die eventuelle fragwürdige Werbung für Killerspiele machen könnten. Oder noch schlimmer: Die Gewalt als Stilmittel für Erwachsene feiern.

Um die moralische Integrität sowie absolute staatliche Objektivität der Stiftungstester zu gewährleisten, werden sie von einem Ethik-Gremium auf ihre kulturpessimistische Glaubwürdigkeit hin geprüft und danach vorsorglich kastriert. Sicher ist sicher: Emotionen haben in diesem Job nichts zu suchen, Testosteron erst recht nicht. Wenn der Tester Gewalt nicht geil finden kann, sind politisch inkorrekte Fehlwertungen ausgeschlossen.

In der anfänglich noch freien Presse hat sich 2006 noch der als Schimpfwort gebrauchte Begriff des "eunuchischen Journalismus" breit gemacht. Viele forderten im ersten Trotz ihr Recht auf Blut, Cojones und Dauerfeuer ein. Aber dann wurden die großen Portale im Laufe eines Jahres per Netzcode made in Peking blockiert - Maos Erben haben Erfahrung mit staatlicher Kulturselektion. Und mittlerweile hat sich "eunuchisch, gewaltfrei, unbedenklich" sogar zu einem Gütesiegel der wenigen erlaubten Magazine gemausert, die alle HF Ready sein müssen, um werben zu dürfen.

Widerstand? Es gibt einen Untergrund, aber der hat kaum noch eine Lobby, seit der "Antikillerspieltag" zum offiziellen Feiertag ernannt wurde und der Papst ein elftes Gebot absegnete: Du darfst nicht virtuell töten. Auch die Gewerkschaften, die Waffenhändler und Schützenvereine zeigen sich solidarisch: Man hilft aktiv mit, so genannte Schwarzentwickler des Killerspieluntergrundes aufzugreifen, die in dunklen Kellern weiter der Headshotsubkultur frönen.

Ich habe gerade meinen letzten Kill auf deutschem Boden gemacht. War richtig geil, aber leider auch kriminell. Deutschland? Ein Trauermärchen. Gleich geht der Flieger. Crytek, ich komme!


Jörg Luibl
4P|Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Wulgaru schrieb am
Ach Jörg war also der Trendsetter für diesen weinerlichen Gamertypus, der sich ja ach so sehr als Opfer fühlt. Mal wieder seiner Zeit vorraus :wink:
Jazzdude schrieb am
DIe Killerspieler werden es sein, die die Zombieapokalypse überleben werden. Weil sie dat alles schon mal gesehn haben 8)
XBoxer360 schrieb am
4P|T@xtchef hat geschrieben:Das Rad der deutschen Spielewelt dreht sich Jahr für Jahr um dieselbe Jugendschutzachse. Die Wiederkehr der ewig gleichen Hysterie kann wahrscheinlich nur durch einen Generationswechsel gestoppt werden. Das Schöne ist, dass Texte so eine gewisse Haltbarkeit haben. :wink:

dito :)
Cosii schrieb am
ich kapiers nicht! Wohnst du wirklich in amerika wegen SO was?
4P|T@xtchef schrieb am
Rickenbacker hat geschrieben:Diese Konstante gibt meinem Leben halt und geborgenheit.

:)
schrieb am

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