Die 4Players Kolumne: Endstation Keller

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 44
Freitag, 02.11.2007

Endstation Keller


Friede, Freude, Feierabend. Ist das nicht herrlich? Gerade jetzt im Herbst locken so viele Titel zum dunklen Stelldichein: Der ganze Sportkram von Fußball über Eishockey bis Basketball, dann all die Shooter und Rollenspiele. Wenn man abends nach Hause kommt, will man endlich ran an die Kiste seiner Wahl.

Kennt ihr dieses Kribbeln im Bauch, wenn man ein frisch verschweißtes Spiel im Handel erlegt und erfolgreich nach Hause geschleppt hat? Diese süße Vorfreude? Man will es sofort häuten und ausnehmen, die alten Jägerinstinkte fordern ihren Tribut. Ja, das Leben könnte so schön sein - isses es aber nicht. Vor allem nicht für verheiratete und sonstwie in einer Beziehung gebundenen Spielefresser. Ihr Singles dieser Welt wisst ja gar nicht, wie schmerzhaft das Teilen sein kann...

Die Wohnhöhle ist für einen echten Freak samt Lady und HDTV einfach zu klein. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Frau, die es sich am Erscheinungstag von PES 2008 mit einem Tomate-Mozarella-Salat sowie dem Director's Cut von "Vom Winde verweht" vor dem einzigen Fernseher gemütlich macht. Mann starrt verzweifelt und machtlos auf ein schnurrendes, zwischendurch knabberndes Stillleben, das für jede noch so süß formulierte Alternative unempfänglich ist - und das für die nächsten viereinhalb Stunden.

Der Anblick der eigenen Frau ist - im Regelfall- natürlich weniger schlimm als der der eigenen Xbox 360 oder PlayStation 3, die gerade als dämlicher DVD-Player missbraucht wird. Was will man da auch sagen? Etwa: Schatz, ich wollte heute eigentlich Fußball spielen? Oder: Schatz, sollen wir es uns nicht lieber morgen richtig gemütlich machen? Frauen durchschauen solche Manöver sofort. Und irgendwie haben sie einen siebten Sinn für die Fußballgefahr. Sie lesen dich wie ein Buch, sie sehen quasi die runde Pille in der männlichen Pupille!

Und das macht sie dann so streitlustig, dass sie zum psychologischen Knockout ansetzen: Musst du eigentlich immer spielen? Und dann auch noch Fußball? Fehlen ja nur noch Jogginghose und ne Flasche Bier... Autsch. Das hat gesessen. Man empört sich kurz und heftig. Aber man weiß, dass sie es weiß. Schließlich kapituliert man und anstatt mit Drogba, Frings oder Klose online zu kicken, darf man sich eine völlig überbewertete Hollywood-Schmonzette ansehen. Die einzigen Waffen, die einem noch bleiben, sind die eigene säuerlich verzogene Hackfresse sowie besonders blöde Kommentare zu Vivian Leighs Auftreten...

Ihr wollt vorbeugen? Dann müsst ihr schon bei der Einrichtung des trauten Heims richtig schlau sein - ja sogar schlauer als die Frau! Ist schwer, geht aber. Mein Tipp an den zockenden Mann: DDaP. Stufe I. Was das ist? Disziplinierte Dezentralisierung aller Plattformen. Ihr dürft auf gar keinen Fall zulassen, dass Fernseher, Computer und Konsolen zentral an einem Fleck im Wohnzimmer stehen. Ja, ich weiß wie herrlich das ist, wenn man auf Knopfdruck zwischen Toaster, Anlage und Konsole umschalten kann, ohne sich bewegen zu müssen. Aber diese Bequemlichkeit kann sich heutzutage nur ein Single oder ein tyrannischer Chauvinist leisten. Als moderner Spielepapa (in spe) muss man flexibler an die Sache rangehen.

Man darf nicht zulassen, dass sich die ganze Familie auf diesen einen Punkt konzentrieren kann - beim Kühlschrank ist das schon problematisch! Und das Problem wird durch Kinder dann noch im wahrsten Sinne des Wortes potenziert: Stellt euch vor, ihr habt das neue Virtua Fighter 5 in der Tasche, einen Tag frei und eure Frau vergnügt sich glücklicherweise beim Kreuzworträtsel, auf der Tupperparty oder vor dem Affengehege im Tierpark. Das sind theoretisch glorreiche Aussichten! Doch dann lauern da noch zwei oder drei Kinder, die sich eifrig darüber streiten, ob sie jetzt Mario Party am Wii oder lieber Sega Rally auf der PS3 zocken:

Papa, erst darf ich am Wii, dann wechseln wir uns fünfmal ab, spielen kurz Sonic und dann kommt Mama ja schon! 

Frauen kann man ja schon schwer davon überzeugen, die einmal besetzte Couch zu verlassen. Aber zwei, drei Kinder zwischen fünf und zwölf aus dem Wohnzimmer kriegen, ohne den totalen Erpressungskrieg anzuzetteln? Von dem sie dann noch petzen? Mahlzeit, meine Herren. Ihr wollt vorbeugen? Auch hier gibt's einen Tipp: DDüP. Stufe II. Disziplinierte Desinformation über Plattformen. Ihr müsst schon bei der Erziehung des Nachwuchses darauf achten, ihm die Handhelds so schmackhaft zu machen, dass sie die großen Bildschirme von alleine verschmähen. Ihr müsst eine regelrechte Anti-HD-Propaganda betreiben: Große Fernseher sind böse, schlecht für die Zähne und am Ende sieht man aus wie Onkel Pfeiffer oder Tante Merkel. Der Vorteil: Mit dem DS oder der PSP werden sie sich in jede Ecke verziehen und sogar draußen spielen - herrlich! Und wer weiß, vielleicht begnügt sich die Frau mit der alten Röhre, während woanders im Geheimen 1080p laufen!

Natürlich ist das knifflig. Aber das muss das Ziel sein: Full HD ohne Family! Wer ins Paradies will, muss eben vorsorgen. Wo landet also ein Spielevater mit Kindern, wenn er alles richtig macht? Wenn er sowohl die disziplinierte Desinformation als auch die disziplinierte Dezentralisierung aller Plattformen beherzigt? Im Keller. Oder im Schuppen. Okay, es ist dunkel. Und ein wenig muffig. Gezockt wird in Sockennähe, direkt neben dem Wäscheraum und den gelben Säcken. Aber wer will sich beschweren? Es gibt wirklich gute Heizdecken und wahrlich Schlimmeres als Xbox Live, NBA 2K8 oder die Explosionen der Orange Box. Denkt an eine Kochsendung mit Johannes B. Kerner! Oder an einen Singstar-Abend mit Nachbarn! Schließlich kann man die Kellertür auch zumachen und sich ganz den virtuellen Tempeln der Lust oder dem Gamerscore-Fetisch hingeben.

Ein schlechtes Gewissen? Ach Quatsch! Wir haben alle tapfer unsere biologische Hauptquest für dieses Land erfüllt. Wir sind Level für Level in diesem Leben aufgestiegen und haben uns in vielen sozialen bis asozialen Raids den Rang von angehenden oder aufstrebenden Spielepapas erworben - also lasst euch nicht in die Falle der zentralisierten Wohnzimmerunterhaltung locken! Ein wahrer Spielefresser muss auch präventiver, architektonisch vielseitiger Egoist sein!

Ganz wichtig: Man sollte die Frau und den Nachwuchs weiter im Auge behalten. Die sind ja nicht dumm. Die wissen genau, wo und warum man da steckt. Versorgt euch mit einem Schlüssel und wirklich guten Ausreden für den Aufenthalt im Untergeschoss. Ich hab über Jahre hinweg die besten gesammelt - hier sind sie:

Ich bin dann mal unten.
Ich frier gerne für euch.
Ich muss noch was erledigen.
Die Kabel machen Probleme.
Irgendwas stimmt mit der Heizung nicht.

Wenn ihr all das beherzigt, sieht man sich auch mal vor Mitternacht auf Xbox Live, im PlayStation-Network oder auf dem Server eures Vertrauens!


Jörg Luibl
4P|Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Alpha eXcalibur schrieb am
Ich wurde kürzlich von einer Kollegin auch mal beiläufig "Noob" genannt. Dazu fiel mir dann überhaupt nichts mehr ein.
Und ich dachte immer Mädels hätten keinen Sch... zum vergleichen. ;)
Als wären die Progamer nicht schon in der männlich pubertären Variante schlimm genug. :P
btw, frohes Fest wünsche ich allen... die Weihnachten im Keller verbringen müssen. ;)
Schneesturm schrieb am
Gibt aber auch Frauen die spielen... wie ich zum Beispiel...;)
Zwar kein Fußball, dafür aber am liebsten Ego-Shooter... :twisted: 8)
Weeper_1 schrieb am
Mein Sohn wird bald nach nem Nintendo DS schreihen und ich will natürlich auch endlich mal wieder einen Zelda-Titel zocken.
Nun ist mir beim lesen dieses Artikels aufgefallen, dass ich langsam mit der Planung meines "Herrenzimmers" beginnen sollte :D
elektronaut schrieb am
Hervorragende Kolumne und genau in das Herz der älter werdenden zocker generationen :)
Meine Herren, ich sehe hier tatsächliches Konfliktpotenzial auf uns zukommen! Tatsächliche Lösungsansätze vermisse ich aber noch :D Ich sehe Millionen Männer die zuhaus darben müssen und sehnsüchtig auf einen Pflegeheimplatz im Alter warten, wo sie dann endlich wieder.. wie damals in der goldenen Jugend... zocken können bis nix mehr geht!
Wäre das nicht ein brisantes Thema für einen weiteren heissen Herbst!? :)
Danke und weiter so!
nurderhsv schrieb am
Jörg, wenn Du neben so lustigen Texten endlich mal auf die Probleme beim Pro Evo 2008 Multiplayer hinweisen würdest, dann werde ich schmunzeln... :lol:
schrieb am

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