Die 4Players Kolumne: Per Anhalter in die Spielezukunft IV

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 43
Freitag, 24.10.2008

Per Anhalter in die Spielezukunft IV


Sie haben uns geortet? Das ist alles zu lächerlich, um wahr zu sein - fehlen ja nur noch Mulder und Scully! Während mein Verstand sich noch dagegen wehrt, dass ich zusammen mit einem Kerl namens Jack im Straßengraben einer Datenautobahn liege, erhellen die ersten Scheinwerfer die Nacht. Sie tanzen wie Irrlichter in ein paar hundert Metern Entfernung, während das Suchgeräusch in hysterischer Frequenz sein Echo hämmert: PING! PING! PING! PING! PING!

Dann verstummt es abrupt. Ein Pfeifen bleibt in meinem Ohr zurück. Die Scheinwerfer kommen näher.

"Scheiße, verdammte!"

Von vorne ist nur Jacks schwerer Atem zu hören, als er sich zum Amaturenbrett beugt, es hastig betastet und irgendwelche Schalter drückt. In seinem bulligen Nacken erkenne ich eine etwa fünf Zentimeter lange Narbe - Stiche und Naht sehen noch frisch aus. Es macht einmal Klick. Dann nochmal. Der Buick vibriert für eine Sekunde. Kurz darauf spannt sich ein hellblaues Flackern wie ein Netz über die Scheiben.

"Jack, was soll das?"

"Bleib cool. Das ist eine Tarntextur. Noch hat der alte Jack ein paar Joker im Ärmel. Trotzdem Kopf runter und schön still sein."



"Per Anhalter in die Spielezukunft" ist eine Fortsetzungsgeschichte, die alle 14 Tage erscheint. So lange, bis Jack der Sprit ausgeht oder die Welt gerettet wurde. Was bisher geschah:

Kapitel I - Das gelbe Taxi

Kapitel II - Der Spielehistoriker

Kapitel III - Tennis for Two

Ich kauere mich wie ein Flüchtling hinter den Rücksitz, begleitet von einer Szene aus Metal Gear Solid 4: Snake mit Kachelmuster an die Wand gedrückt. Was können diese Typen überhaupt wollen? Den Buick wegen illegaler Software konfiszieren? Was habe ich damit überhaupt zu tun? Dann kommt mir ein ebenso surrealer wie verzweifelter Gedanke:

"Sag mal, hast du keine Waffe?"

"Im Jahr 2058 gibt es keine Waffen mehr. Jedenfalls keine, die ballern."

Jack dreht sich um und funkelt mich mit einem wölfischen Grinsen an.

"Junge, schieb den Koffer rüber."

"Was?"

"Du sollst deinen Koffer rüberschieben - mach schnell!"

Schwingt da etwa Panik in seiner Stimme mit? Jedenfalls lasse ich mich anstecken und wuchte wie geistesabwesend den Koffer rüber. Jack öffnet ihn und grabscht hinein. Seine Pranke legt sich auf den grellgrünen Griff der Kettensäge, der wie ein Reptil aus einem Gewühl aus Jeans auftaucht. Vor ein paar Tagen war es nicht mehr als eine Schnapsidee, das Ding überhaupt zu kaufen - es war ein Sonderangebot. Bevor ich mir weiter Gedanken machen kann, erschallen die ersten Rufe, gefolgt von einem dumpfen Schlagen in regelmäßigen Abständen. Wer auch immer uns da draußen sucht: Sie gehen systematisch in unsere Richtung vor.

"Sie werden mein Baby nicht finden. Sie werden uns für eine Dornenhecke halten."

Jack klingt nicht sehr zuversichtlich. Und zum ersten Mal bemerke ich das rhythmische Klopfen in meiner Brust. Dann geht alles ganz schnell...

...die Rufe kommen näher, ich höre schwere Schritte und das Licht einer Taschenlampe trifft frontal auf den Buick - sie müssen den Wagen sehen! Mein Herz rast. Jack entriegelt die Kettensäge. Was gerade noch lächerlich schien, drängt sich plötzlich mit Gewalt in die Realität. Jacks gepresste Stimme legt sich wie eine Schlinge um meinen Hals:

"Jetzt keinen Mucks!"

Nur zwei Armlängen von der Scheibe entfernt schaut jemand direkt über den Buick hinweg. Er schwenkt seine Taschenlampe und sieht mit seinem Helm fast aus wie ein Feuerwehrmann. Hinter einer Art Schutzvisier starrt ein Augenpaar angestrengt in die Nacht. Auf der aschgrauen Uniform leuchten sechs blutrot gestickte Buchstaben über einer schwarzrotgoldenen Flagge:

B K f i B U

Das darf doch alles nicht wahr sein. Das kann doch alles nicht wahr sein! Es gibt tatsächlich eine "Bundeskontrollstelle für interaktive Bildschirm Unterhaltung"? Meine Empörung ist für kurze Zeit stärker als die Angst. Als mein Gerüst aus Sarkasmus, Skepsis und Zweifeln gerade zusammen brechen will, als ich den Motor der Kettensäge schon fast hören und ein Blutbad sehen kann, verschwindet der Mann wie ein Gespenst. Seine Schritte verhallen. Als sie nicht mehr zu hören sind, atmet Jack tief durch.

"Hab ich's dir nicht gesagt? Sie finden uns nicht!"

Schweiß perlt von meiner Stirn. Ich bemerke erst jetzt, wie kalt mir ist. Bevor ich antworten kann, zischt es im Buick und hundert kleine Funken jagen durch den Innenraum. Ich zucke wie ein kleines Kind zusammen. Verärgert über diesen wenig heldenhaften Reflex maule ich Jack an:

"Verdammt, was ist jetzt wieder los?"

"Die Tarntextur ist hungrig. Die Batterien haben den Geist aufgegeben."

Draußen ist nur noch Schwärze. Das blaue Licht auf den Scheiben ist verschwunden. Der Spuk scheint vorbei zu sein.

"Heißt das...?"

"Ja, das heißt, wir hatten Schweineglück. Wahrscheinlich sucht uns nur eine Einheit, noch nicht mal ein Kommando - die haben also nur vier Mann und einen SecuScanner. Aber sie waren nah dran. Ein paar Sekunden früher und die Bibus hätten uns geschnappt."

"Na und? Was können die schon wollen?"

"Sie würden uns lebenslang einbuchten."

"Du meinst wohl, die würden DICH lebenslang einbuchten! Das ist ja kaum zu fassen! Und was zur Hölle hattest du mit der Kettensäge vor?"

"Was hattest du denn damit vor, Junge? Kaum ist das Spiel aus, wirst du wieder zum Skeptiker. Kann dich eigentlich gar nichts mehr überzeugen? Reicht dir der Angstschweiß auf deiner Stirn nicht, um zu begreifen, dass wir gejagt werden? Ich würde dir die komplette Immersion empfehlen - das müsstest du als Zocker alter Schule hinkriegen."

"Wie bitte?"

"Ich würde dir empfehlen, komplett in diese Reise abzutauchen. Sonst wirst du den Abspann nicht sehen, capiche? Du musst das wie ein Spiel betrachten. Allerdings eines ohne Quicksave und Extraleben."

"Das reicht. Ich steige aus, wenn du mir nicht sofort erklärst, was ich mit dem ganzen irren Scheiß hier zu tun habe!"

"Beruhige dich, Mann! Das musst du sowieso - also hier im Jahr 2011 aussteigen. Hör mir zu: Du musst hier für kurze Zeit abtauchen. Noch wissen sie nicht, dass ich einen Beifahrer habe. Und das ist wichtig. Auch wenn sie uns nicht gefunden haben, werden Sie eine Datensperre errichten und den Weg in die Zukunft dicht machen. Ich muss da erst was organisieren. Ich hol dich ab, wenn ich so weit bin."

Jack öffnet das Handschuhfach und reicht mir mit besorgtem Blick einen kreisrunden, blau glimmenden Gegenstand, der wie ein flaches Jojo aussieht. Es schmiegt sich regelrecht in meine Handfläche.

"Das ist ein G.R.I.N. - Ground Radar Information & Navigation System. Du darfst es nur in Notfällen benutzen, hörst du? Damit finden wir uns. Es ist eine Art Wegweiser mit Lexikon, damit du dich in der Zukunft nicht verirrst - die Encyclopaedia Ludologica ist auch drauf, außerdem Sharewareschnickschnack der FreeGamer. Aber Vorsicht: Sie können es orten, wenn es zu lange aktiv ist!"

"Jack? Hast du mich vorhin nicht verstanden? Ich brauche Antworten."

"Frag."

"Ich soll also hier irgendwo im Jahr 2011 aussteigen und die Typen könnten mich aufspüren?"

"Ja. Nur werden sie nicht ihre Kluft tragen. Sie werden in zivil suchen. Sei auf der Hut. Verhalte dich unauffällig."

"Toller Tipp. Wirklich nützlich. Woran erkenne ich sie?"

"An ihren grauen Handschuhen."

"Was zur Hölle ist im Jahr 2058 eigentlich los, dass du in dieser Hightechkarre in die Vergangenheit fährst, um einen abgehalfterten Zocker am Straßenrand aufzulesen? Ist das Eis geschmolzen? Gibt es einen Dritten Weltkrieg? Sind Außerirdische gelandet?"

Jack zündet sich eine Zigarre an. Er nimmt einen langen Zug. Erst als sein Kopf komplett im grauen Dunst verschwindet, spricht er leise weiter.

"Die ganze Welt spielt."

To be continued...

Jörg Luibl

Chefredakteur

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Triple_T_&S schrieb am
Hey, das könntest du locker als Buch verkaufen :D Ich würde es sofort kaufen :D
MoonSceAda schrieb am
4P|T@xtchef hat geschrieben:Aber je tiefer das Spiel als Element in unsere Gegenwartskultur vordringt, desto stärker müsste das Bedürfnis nach mehr als nur Demo, Patch, Test & Co werden. Man kann Reportagen, Glossen, Kolumnen, Interviews, Bilderserien, Comics etc. anbieten - wieso nicht auch Gedanken, Gedichte oder gar so etwas wie einen Fortsetzungsroman? Je mehr in der Spielewelt experimentiert wird, desto besser.

Klasse, da hast du meine unbewussten Wünsche schön in Worte gefasst :) ! :D
Stimme 100% zu.
Ich find grade gut das man immer wieder mit kleinen Häppchen gefüttert wird und der große Hunger nicht sofort gestilt wird. Denn sonst wär der Spaß ja vorbei oder? Wink

Auch ein sehr guter Punkt ;)
Ich lese jedenfalls immernoch begeistert mit und finde auch schade, dass diese Geschichte anscheinend nicht 'massenkompatibel' ist, oder wie man das hier
Also sagen wir mal so:
der umstrittene Far Cry 2 Test hat in ungefähr einer Woche ja so um die 500 Kommentare bekommen Per Anhalter in die Spielezukunft IV im gleichen Zeitraum so um die 20 -.-.
auch ausdrücken mag.
Achja, Jörg:
Falls du Lust und Zeit hast, wäre es nett, wenn du auch meine Fragen bzw. Kritik zu Teil III ( http://forum.4pforen.4players.de/viewto ... c&start=15 ) lesen würdest.
Entschuldige die dreiste Ansage :D
Mindflare schrieb am
Billie_the_man hat geschrieben:Also sagen wir mal so:
der umstrittene Far Cry 2 Test hat in ungefähr einer Woche ja so um die 500 Kommentare bekommen Per Anhalter in die Spielezukunft IV im gleichen Zeitraum so um die 20 -.-.
Tja was schließt man daraus?

Daraus schließt man, dass die Leute im Forum lieber Kritisieren und über ien paar Prozente der Wertung streiten, als einfach mal eine gute schreiberische Leistung zu loben *g*
Aber dafür sind wir ja noch da! Klasse Geschichte; freu mich schon auf den nächsten Teil.
Billie? schrieb am
4P|T@xtchef hat geschrieben:Ahoi an alle Leseratten,
erstmal vielen Dank für das positive Feedback! Wie gesagt: Für mich ist diese Reise in die Spielezukunft ein Experiment mit offenem Ende. Ich weiß wirklich noch nicht, was Jack vor hat. Ich ahne zwar etwas, aber irgendwie durchschaue ich den Kerl noch nicht. Und was soll eigentlich diese Narbe in seinem Nacken?
Aber zurück in die Gegenwart: Einmal möchte ich wissen, ob so ein altehrwürdiges Format wie die Fortsetzungsgeschichte, die ja eine gewisse Geduld und Treue vom Leser verlangt, in den schnellklickigen Zeiten des Internets - und dazu noch auf einer Spieleseite, wo man sich mal eben eine Wertung und einen Download abholt - überhaupt funktionieren kann. Unser Hauptjob ist und bleibt natürlich der Test.
Aber je tiefer das Spiel als Element in unsere Gegenwartskultur vordringt, desto stärker müsste das Bedürfnis nach mehr als nur Demo, Patch, Test & Co werden. Man kann Reportagen, Glossen, Kolumnen, Interviews, Bilderserien, Comics etc. anbieten - wieso nicht auch Gedanken, Gedichte oder gar so etwas wie einen Fortsetzungsroman? Je mehr in der Spielewelt experimentiert wird, desto besser.
Außerdem will ich mit dieser Geschichte ein paar Dinge verarbeiten, die einige Zukunftsforscher und Branchenpropheten auf Messen und Konferenzen so von sich gegeben haben. Viel wichtiger als all die Perrys, Molyneuxs und Iwatas sind für diese Reise allerdings die Adams, Bradburys und Ubiks. :wink:
Wenn ich nur einen kleinen Hauch dessen vermitteln kann, was diese Herren mir mit ihren Büchern an Science Fiction-Spaß gebracht haben, dann wär das klasse. Und ich schwöre, dass der Buick sofort aus dem Verkehr gezogen wird, wenn mir die literarischen Reifen platzen.
Moment - ich muss weg: Fallout 3 ruft...

Also sagen wir mal so:
der umstrittene Far Cry 2 Test hat in ungefähr einer Woche ja so um die 500 Kommentare bekommen Per...
SilentPerfection schrieb am
Finde du übertriffst dich jedes mal aufs Neue. Meiner Meinung nach, macht ein Magazin wie dieses eben solche Dinge besonders, was anderen Spielemagazinen einfach fehlt. Weiter so und würde mich sehr über weitere "Experimente" freuen ;)
schrieb am

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