Die 4Players Kolumne: Per Anhalter in die Spielezukunft XI

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 07
Freitag, 13.02.2009

Per Anhalter in die Spielezukunft XI


Die Burger, die Wärme, das Rauschen - all das zieht mich wie Blei in den Rücksitz. Wie lange hab ich nicht mehr geschlafen? Ich bin todmüde. Aber die Gedanken an die Kettensäge lassen mich nicht ruhen. Woher kommt das Blut? Was zur Hölle hat Jack gemacht, als ich im Spieleshop war?

Ich wollte ihn erst fragen, aber er hat seit der Auffahrt einen Plauderton angeschlagen, der mich regelrecht einlullt. Außerdem will ich mehr über diesen Mann, die FreeGamer und diese Narbe in seinem Nacken wissen, bevor ich ihn zur Rede stelle. Oder trau ich mich etwa nicht? Hab ich Angst? Will ich erst abwarten, bis wir das nächste Mal abfahren, um dann über einen verräterischen Klick auf G.R.I.N. die Zangen-Alte zu informieren?

Der Buick hat 2011 mittlerweile verlassen, jagt über die Datenautobahn und schaukelt in einem sanften Rhythmus bei schnurrendem Motor. Jack erklärt mir, warum der Wagen vier Monate pro Stunde schaffen würde - das wäre angeblich ein Jahr in drei Stunden. Und das sei nur möglich, weil irgendein indischer Physiker im Jahr 2054 eine "XASL-Zeitrutsche samt ludologischer Raumkrümmung" entdeckt hätte. Ach so. Ist schon klar.



"Per Anhalter in die Spielezukunft" ist eine Fortsetzungsgeschichte, die alle 14 Tage erscheint. So lange, bis Jack der Sprit ausgeht oder die Welt gerettet wurde. Was bisher geschah:

Kapitel I - Das gelbe Taxi

Kapitel II - Der Spielehistoriker

Kapitel III - Tennis for Two

Kapitel IV - Der Feuerwehrmann

Kapitel V - G.R.I.N.

Kapitel VI - Der Spieleshop

Kapitel VII - Die alte Frau & das Bild

Kapitel VIII - Verrat im Regen

Kapitel IX - Jack is back

Was zuletzt geschah:

Kapitel X - Wahrheit oder Pflicht?

Wenn dieser Jack in Wahrheit kein Spielehistoriker ist, dann kann er den monotonen Vorlesungston samt glaubwürdiger Fachesoterik jedenfalls gut nachahmen. Ich versteh ohnehin nur die Hälfte, schau träge aus dem Fenster und kann kaum etwas erkennen. Ab und zu leuchtet irgendwo weit entfernt mal ein Schild oder eine Anzeige auf, aber jeder Funke der Zivilisation verglimmt rasend schnell in einem Meer aus Nebelfetzen, während im Hintergrund Jacks Zeitreiseseminar vor sich hin plätschert. Silben und Informationen vermengen sich zu einem unwirklichen Hallen.

Als ich mir gerade ausrechnen will, wann wir nach Jacks Tempobeschreibung im Jahr 2058 ankommen müssten, wird der Buick langsamer. Der Blinker flackert hysterisch und Jack schert nach rechts aus. Sind wir schon an einer Ausfahrt? Dann legt sich der Wagen in eine weite Kurve, bevor er unter einem blau erleuchteten Dach ausrollt, das wie ein futuristischer Schutzschild über einer Armee wacht: Eine Phalanx aus Zapfsäulen ragt in zwei Sechserreihen vor mir auf. Die Schläuche sehen aus wie geschulterte Sturmgewehre, die Füllanzeigen starren wie Augeeeen-geraaaaadee-ausss. Jack dreht sich um:

"Ich muss mal austreten und auftanken; kann etwas dauern. Soll ich dir was mitbringen? Bier, Kaugummi, Eis?"

"Nein, danke. Lass mal."

"Okay, aber denk dran: Ein Onkel, der Gutes mitbringt, ist besser als eine Tante, die bloß Böses vorspielt."

Was? Bevor ich antworten kann, zieht Jack die Handbremse, wuchtet sich mit einem Ächzen aus dem Wagen und stapft zur Zapfsäule. Als er an meinem Fenster vorbei kommt, tippt er mit dem Zeigefinger an seinen Hut und lächelt mich verschwörerisch an. Auf seinem T-Shirt steht in großen weißen Lettern "Papa Caesar was here!"

Wieso hab ich das vorher nicht gesehen? Und woran erinnert mich dieser blöde Spruch noch? Egal. Jack stöpselt irgendwas in den Buick, der ein paar Sekunden später wie eine voll gestopfte Waschmaschine vibriert. Weit und breit ist sonst niemand zu sehen - keine Wagen, keine Menschenseele.

Aber hinter den Zapfsäulen kauert etwas zwischen zwei riesigen Fichten: In einem kleinen, mit Werbung zugekleisterten Kabuff, brennen tatsächlich drei Kerzen. Eine Langnese-Fahne weht einsam im Wind. Wieso ist sie eigentlich so groß? Warum habe ich so einen Durst? Ich muss gerade an ein Rieseneis denken, als es hinter mir rumpelt.

Das Vibrieren verstummt. Ich dreh mich um und schau aus dem Heckfenster: Jack starrt mich an. Und da ist kein Lächeln mehr in seinem Gesicht - etwas Wildes lauert in seinem Blick und sofort schleicht sich die Warnung der Alten in mein Ohr: Wissen sie, welche Gefahr für die Öffentlichkeit besteht? Es gibt keine dämpfende Wirkung mehr! Jetzt regiert nur noch sein Testosteron. Für einen Moment sticht mich die Angst, aber dann stelzt er plötzlich wie ein unförmiger Käfer davon. Moment mal, wieso sieht seine rechte Seite so verzerrt aus? Als hätte er einen verlängerten Arm oder eine...

...fucking Kettensäge! Ein Blick nach vorne auf die zerknüllte Zeitung genügt. Sie ist nicht mehr da. Einfach weg. Und ich Idiot hab nix bemerkt. Wie geht das? Plötzlich höre ich ein entferntes mechanisches Rattern, dann hysterische Schreie. Mein Herz rast. Ich hätte fragen sollen! Ich hätte aussteigen sollen! Ich hätte IRGENDWAS machen sollen! Scheißegal jetzt, ich muss HIER RAUS: Ein Griff zur linken Tür - versperrt! Ein Griff zur rechten Tür - versperrt! Fuckfuckfuck!

Verdammte Scheiße! Was ist hier eigentlich los? Als ich mich nach vorne beuge, schmatzt es unter mir. Ich schau runter auf meine Schuhe, die gerade ein Bad im durchnässten Filz nehmen. Aber da ist kein Wasser an meiner Sohle, da kriecht auch kein Wasser langsam in zwei, drei fingerbreiten Strömen unter dem Rücksitz hervor - da ist einfach nur Blut. Ich bemerke den kalten Schweiß gar nicht, als ich mich panisch nach vorne zwänge. Ich will nur noch raus aus dieser Karre.

Das Armaturenbrett lacht mich mit all seinen pulsierenden Schaltern, Knöpfen und Anzeigen aus: Na, wo wollen wir denn hin? Irgendwo hinter dem Lenkrad blinkt es grellgrün: Freitag, 13. Februar 2013.  Ich will sofort raus, aber meine Beine gehorchen mir nicht und diese Schreie sind kaum auszuhalten.  Freitod, 13. Februar 2013. Was? Ich kann mich nicht bewegen und muss auf diese blöde Anzeige glotzen. Das Datum wird immer größer, dreht sich, verändert sich: Freitod, 13 FreeGamer töten 2013! Freitod, 1 Kofferraum und 3 Tote. FREITOD, 1 KOFFERRAUM FÜR MARIE, EMMA UND LUKE!

Es reicht! Ich trete mit Schmackes auf das Scheiß Amaturenbrett, zwänge mich auf den Beifahrersitz und stürze hinaus. Eisige Luft küsst mich, als ich auf dem Asphalt lande. Ich rappel mich auf, hetze zum Kofferraum und taste atemlos nach dem Öffnungsmechanismus. Es macht Klick, die Haube springt auf und ich starre auf drei blutgetränkte Plastiksäcke. Ich muss würgen. In einem der Säcke erkenne ich nur Füße, in einem anderen Hände und schließlich ein kalkweißes Gesicht mit schmierigen grauen Strähnen - ich atme kurz auf, es ist die Frau von der BKfiBU.

Dann zieht sich mein Magen zusammen. Ich kotze gerade, als ich Jacks Stimme hinter mir höre:

"Hey, was ist denn mit dir los, Mann?"

Ich steht wie ein Häufchen Elend in der Nacht, während er die blutige Kettensäge wie eine Schrotflinte schultert und mich schief angrinst.

"Was hast du getan?"

"Ich hab sie auf die gute alte Art fragmentiert! Echte Handarbeit, capiche? Jetzt starr mich nicht so an - ich hatte einen Goregasm. Das kennst du doch von früher, oder? Jetzt wurde aus der alten Zicke eben eine bloody Bibu-Mary, hahaha!"

Ich schreie und schlage wie wild um mich. Plötzlich rüttelt etwas an mir und eine tiefe Stimme rauscht wie ein Zug aus weiter Ferne heran, erst leise, dann immer lauter:

"Hey Junge!"

"HEY JUNGE, WACH AUF!"


To be continued...


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

butwin schrieb am
ich will sofort den nächsten teil ...überspannend :D
aber ich denk nicht dass es jetzt fertig is. ich denk der is nur im auto eingeschlafen und nur dass mit der kettensäge war ein traum...hoffentlich :D
jörg genial wiedermal
Cayman1092 schrieb am
Geil einfach nur krass. Sowas normal in die Geschichte eingebunden :arrow: :D
ali4 schrieb am
Eventueller Spoiler:

Hab mal nachgedacht wer die Bibus-Tante sein könnte...könnte das nicht sein dass es Marie ist? Alter würde ja ungefähr passen wenn sie aus der Zukunft käme und das würde erklären wieso sie soviel über den Protogonisten weiß und wieso sie(Marie) sich einfach so im Jahr 2008 verabschiedet hat...

Btw. wie immer super geschrieben Jörg.^^
DoktorAxt schrieb am
Oh mann... extrem spannend aufgebautes Kapitel, hervorragend geschrieben, bin über die Zeilen geflogen... Und ich freue mich auch, dass das Gemetzel nicht wirklich passiert ist... aber ein TRAUM? Sehr unkreativ. Schade, wäre mehr drin gewesen. Hoffe die nächsten Kapitel machen mehr draus!
MoonSceAda schrieb am
Hunk hat geschrieben:Ich hätte ja mit einem Cameo von Jason Voorhees gerechnet.
Passend zum heutigen Datum.

Ich mag deinen Humor :) !
...die Füllanzeigen starren wie Augeeeen-geraaaaadee-ausss.

Ist das eine Anspielung auf irgendetwas? Falls ja, wäre es nett, wenn mir jemand diese sagen könnte ^^
Ansonsten sehr guter Teil.
Hoffentlich ist der Protagonist aber nicht schon an dieser Stelle
Silben und Informationen vermengen sich zu einem unwirklichen Hallen.
eingeschlafen, jedenfalls ist das eine typische Beschreibung für so etwas...
Wenn dann der Rest nur unbedeutender Firlefanz wäre, wär das nicht so toll :?
schrieb am

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