Die 4Players Kolumne: Die Spiele-Industrie - eine Woche nach dem Terror

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 38
Donnerstag, 20.09.2001

Die Spiele-Industrie - eine Woche nach dem Terror


New York, World Trade Center, Washington - eine Woche ist es erst her, aber wahrscheinlich auf Ewigkeiten medial eingebrannt in unsere Köpfe: 24 Stunden täglich Berichterstattung mit Experten, Stellungnahmen, Interviews, Schweigeminuten und immer wieder die Bilder explodierender und in sich zusammenstürzender Wolkenkratzer.

Schreckens-Szenarien diesen Ausmaßes waren bisher Sache Hollywoods, zahlreicher Romane und vieler Spiele. Diesmal gab es kein Happy End, sondern blankes Entsetzen.

Wie hat die Spiele-Industrie auf den realen Terror reagiert? Der allgemeinen Betroffenheit und Bestürzung folgten schnell die ersten Meldungen von Verschiebungen (World War III), Gameplay-Änderungen (Metal Gear Solid) und Spielestopps (Majestic).

Dass Konami und Microsoft das World Trade Center aus ihren Produkten (Flight Simulator, Metal Gear Solid) entfernen ist verständlich - menschlich und wirtschaftlich. Auch die Umarbeitung von Covern (C&C: Yuris Revenge) und Namcos Japan-Werbestopp zu Ace Combat 4 lässt sich nachvollziehen.

Aber dass z.B. C&C 2: Red Alert aus US-Läden verschwindet, geht schon eher Richtung Hysterie. Machen wir uns nichts vor: Die Spielewelt lebt von gewalttätigen und militaristischen Themen - Commandos, Wolfenstein, CounterStrike. Warum? Gewalt-, Kriegs- und Terror-Szenarien faszinieren den westlichen Gamer, weil sie in der Regel nicht zum Alltag gehören, aber dank virtueller Welten erfahrbar und nachvollziehbar werden.

Trotzdem darf man nicht in eine neue Gewalt-Hysterie verfallen, denn Spiele sind und bleiben Fiktion. Überstürzte Maßnahmen könnten in der Öffentlichkeit leicht den Anschein von Schuldbewusstsein seitens der Entwickler und Publisher erwecken. Dabei hat sich die Gewalt-Debatte schon längst relativiert; Psychologen schreiben Computer- und Videospielen positive Auswirkungen auf den IQ zu. Selbst die Süddeutsche Zeitung hat unser Hobby gleichberechtigt neben Literatur und Film in den Kulturteil übernommen - endlich.

Angeblich wird der Terroranschlag die gesamte Welt verändern: Außenpolitik, innere Sicherheit und Religionskonflikte dominieren zur Zeit die Debatte. Aber wird sich die Spiele-Industrie wandeln? Wird sich das Angebot verändern? Wird es weniger Gewalt geben? Nein.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und deshalb werdet Ihr World War III, Rogue Spear: Black Thorn, C&C: Yuris Revenge und wie sie alle heißen spätestens Ende des Jahres in den Läden finden. Electronic Arts hat seinen Reality-Thriller Majestic auch schon wieder zugänglich gemacht.

Bei der Wahl der Schauplätze, Kriegsparteien und Boxcover werden Publisher sensibler vorgehen, aber das Grundprinzip wird in der virtuellen dasselbe bleiben wie in der realen Welt: Der Wille, schneller, stärker, besser, reicher - sprich „mächtiger“ zu werden.


Jörg Luibl
4P|Textchef
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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