Die 4Players Kolumne: Per Anhalter in die Spielezukunft XIV

4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell. 4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell.

Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 13
Freitag, 27.03.2009

Per Anhalter in die Spielezukunft XIV


Die Schreie kommen aus der Richtung des kleinen Kabuffs. Erst hört es sich an, als würde jemand vor Schmerz aufheulen. Dann wird daraus ein lärmender Tumult aus abgehackten Rufen, hellem Geklirre und derben Flüchen. Da muss eine wilde Prügelei im Gange sein!

Ich lass den Kofferraum los und geh leicht geduckt hinter einer Zapfsäule in Deckung, während laute Splittergeräusche und ein dumpfes Krachen zu mir hallen. Aber ich kann noch zu wenig erkennen: Da ist nicht mehr als ein Knäuel aus zuckenden Schatten - alles spielt sich im schlecht beleuchteten Platz vor dem Kiosk ab. Also pirsche ich mich weiter ran, ein paar Meter vor bis zu einem Busch.



"Per Anhalter in die Spielezukunft" ist eine Fortsetzungsgeschichte, die alle 14 Tage erscheint. So lange, bis Jack der Sprit ausgeht oder die Welt gerettet wurde. Was bisher geschah:

Kapitel I - Das gelbe Taxi

Kapitel II - Der Spielehistoriker

Kapitel III - Tennis for Two

Kapitel IV - Der Feuerwehrmann

Kapitel V - G.R.I.N.

Kapitel VI - Der Spieleshop

Kapitel VII - Die alte Frau & das Bild

Kapitel VIII - Verrat im Regen

Kapitel IX - Jack is back

Kapitel X - Wahrheit oder Pflicht?

Kapitel XI - Der Alptraum

Kapitel XII - Whiskey im Buick

Was zuletzt geschah:

Kapitel XIII - Der Traum wird wahr

Und jetzt ist alles ganz deutlich zu erkennen: Die aschgrauen Uniformen, die Taschenlampen - verdammt, es sind die Männer der BKfiBU! Wie konnten sie uns hier finden? Ich hab doch das Ortungsprogramm über G.R.I.N. gar nicht aktiviert! Egal, jetzt sind sie da. Hinter ihren Helmen mit Visier und Nackenschutz sehen sie aus wie Feuerwehrmänner. Zwei von ihnen liegen stöhnend am Boden, vier weitere haben einen Halbkreis um Jack gebildet, der mit dem Rücken zum Kiosk steht. Er keucht und schwankt wie ein verwundeter Bär.

Hinter ihm erkenne ich die zersplitterte Tür - es muss heftig zur Sache gegangen sein. Und Jack muss ordentlich ausgeteilt haben. Denn die Typen scheinen trotz ihrer Überzahl Respekt zu haben und nähern sich nur zögerlich, obwohl sie kurze Knüppel mit einem blauen Glimmen an der Spitze tragen. Jack hat ihnen nur seine geballten Fäuste und stechenden Blicke entgegen zu setzen - aber ich kann seine unbändige Wut bis hierher spüren. Er sieht aus wie ein in die Ecke gedrängter tasmanischer Teufel!

Für einen Moment muss ich an die Kettensäge denken, die noch auf dem Beifahrersitz liegt: Wenn ich sie hole, könnte alleine ihr martialischer Klang und der Überraschungseffekt für einen Vorteil sorgen...

...aber dann betritt eine kleinere Gestalt die Bühne und die Männer bleiben sofort stehen: Das streng zurück gekämmte Haar, der Gang - es ist die Zangen-Alte! Und mit einem Mal weicht die Entschlossenheit aus Jacks Gesicht. Sie stolziert ruhig auf die Gruppe zu und trägt ein starres Plastiklächeln vor sich her. Ich fühle mich wie ein Paparazzo in eigener Sache, warte auf den spektakulären Schnappschuss.

"Wen haben wir denn da, hm? Wenn das mal nicht Jack Higginbotham ist?"

Jack schweigt. Er starrt sie ungläubig, fast entsetzt an.

"Verschlägt es Ihnen die Sprache, dass wir Sie hier aufgespürt haben? Hier, in diesem illegalen Nest der FreeGamer? Nun, unserer Behörde entgeht nichts - und schon gar kein krimineller Irrer, der das Zeitgefüge beschädigt und einer terroristischen Organisation angehört."

Jetzt kommt wieder Farbe in Jacks Gesicht - er funkelt die Alte an und spuckt demonstrativ aus:

"Terroristische Organisation? Dass ich nicht lache! Wer manipuliert die Gesellschaft mit seinem biometrischen Wahrnehmungsscheiß? Wer hat die Spieler gleichgeschaltet und alle kriminalisiert, die nicht das konsumieren wollten, was ihr ihnen als sterile Reste mit Propagandacode vorwerft?"

Die Alte funkelt Jack an:

"Wir sind als Datenschützer im Auftrag der Regierung unterwegs. Wir führen Gesetze aus und schützen die Allgemeinheit vor gewalttätigen Testosteronbullen wie Ihnen, die sich an virtuellem Schund aufgeilen! Sie haben nicht nur Gesetze gebrochen, sie haben einen jungen Mann aus der Vergangenheit entführt!"

"Woher wissen...?"

"Wissen Sie, was auf Entführung steht?"

"Er ist freiwillig mitgekommen."

"Ach ja? Er hat Sie jedenfalls freiwillig verraten."

"Wie...?"

"Sie haben schon richtig gehört: Ohne seine Hilfe hätten wir diesen Hinterhalt nicht legen können. Er hat unser Ortungsprogramm auf seinem G.R.I.N. laufen - ich dachte, Sie kennen sich mit Trojanern aus, Jack? Hat ihr Hightech-Buick etwa keinen Scan für sowas?"

Jack schaut zu Boden. Dann dreht er seinen Kopf in meine Richtung und seine Augen fixieren mich unter seinen buschigen Brauen - hat er mich wirklich gesehen? Mir sinkt ein schwerer Kloß in den Hals, trocken und schmerzhaft. Ich fühle mich wie ein Haufen verräterisches Elend.

Aber bevor ich mich selbst bemitleiden kann, bricht die Hölle los: Jack brüllt auf, springt mit einem mächtigen Satz nach vorne und schnappt sich einen der Typen mit seiner Riesenpranke - sein Knie schnellt vor und der Mann fällt wie ein nasser Sack zu Boden. Die Alte kreischt "Looos, Zugriff, sicherrrrt iiiihn!" Die restlichen drei stürzen sich sofort auf Jack, der sich jedoch blitzschnell umdreht und sie anfunkelt. Für einen kurzen Augenblick sieht es so aus als würde er wie Honda in Street Fighter seine Fäuste fliegen lassen: Er fuchtelt um sich wie ein Karate-Berserker und die Männer bleiben tatsächlich kurz stehen. Dann verstehe ich das Ganze, als Jack mich direkt anblickt und anschreit:

"NIMM DAS UND HAU BLOSS AB, JUNGE!!!" Er geht einen Schritt zurück, holt aus und kann mir etwas zuwerfen, bevor er von drei Männern nieder gerungen wird und in einem Tohuwabohu aus Armen, Beinen und aufblitzenden Stromknüppeln verschwindet.

Ich bin hin und her gerissen zwischen Wut und Verzweiflung: Soll ich Jack helfen oder abhauen? Meine Beine sind schwer wie Blei. Und der Gegenstand fliegt quälend langsam, fast wie in Zeitlupe auf mich zu. Er dreht sich, er glitzert und beschreibt einen hohen Bogen, bevor mir bei seinem Landungsflug dämmert, was da eigentlich auf mich zu fliegt - es ist der Autoschlüssel!

Mein rechter Arm schießt in die Luft und das Metall klatscht klirrend in meine Hand - gotcha! Ein kurzer Blick auf die kühle Beute zeigt drei Schlüssel, darunter ein größerer mit Hammerhaikopf und der kursiven Inschrift "FreeGamer Buick v.13" - das muss er sein. Jack will wirklich, dass ich mit der Karre fahre!

Plötzlich durchbricht ein hysterisches Fluchen meine Fangfreude. Die Alte kreischt in nur schlecht beherrschtem Kommandoton "Jetzt er, ihr Idiooooten!" Und dann geht alles ganz schnell: Stromknüppel blitzen auf, Stiefel scharren auf dem Asphalt und drei Visiere wenden sich mir zu. Aber sie sind nichts gegen den fanatischen Blick der Alten, die ihre Stimme nur mit Mühe unter Kontrolle bringt:

"Sie, sie sollten jetzt keinen Fehler machen, junger Mann! Sie haben unserer Behörde sehr geholfen - das wird man vor Ge... vor allem berücksichtigen. Und sie wollen doch ihre Familie zurück? Das wollen sie doch, oder?"

Angst und Unsicherheit würgen mich für einen Moment in ihrem unsichtbaren Griff. Zu lange.

"Los jetzt, Zugriff, holt ihn euch!"

Erst als die Typen loslaufen und ein Donnern wie von schwer gepanzerter Kavallerie durch die Nacht hallt, dreh ich mich um und renne los - als hätte sie eine Meute Hunde auf mich angesetzt! Meine Beine geben alles. Meine Arme fliegen auf und ab. Mein Herz pocht wie ein Subwoofer.

Und die mahnende Stimme meines Sportlehrers ist plötzlich da: "Nicht so wild - du musst gleichmäßig atmen und dich aufrecht halten!" Scheiß auf Haltung, scheiß auf Herrn Quäl-Sie-Sinkewitz - ich konzentriere mich auf das grelle Gelb, das immer näher kommt. Das ist mein Ziel, da muss ich hin und die Vordertür kommt schaukelnd näher. Also renne ich weiter wie ein panischer Affe darauf zu, ramme den Wagen fast in vollem Lauf, nestle nervös an den Schlüsseln, höre "Haltet ihn!"-Rufe hinter mir und bewältige die Quick-Time-Öffnung der Tür auf Anhieb!

Ich lande im Leder, knall die Tür zu und steck den Schlüssel ins Zündschloss. Mein Herz pocht nur noch in einem Rhythmus: Flucht, Flucht, Flucht! Aber ich schau kurz nach rechts auf den Beifahrersitz - die Kettensäge grinst mich an wie ein exotisches Reptil. Und eine böse Stimme in mir flüstert: "Mann oder Memme?"


Jörg Luibl
Chefredakteur

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

Jetzt bei amazon.de

 

Kommentare

Snoopwolf schrieb am
Also das ist imba
hab vorhin mit dem ersten Teil angefangen und alles in einem Stück durchgelesen =)
Weiter so !^^
Zulustar schrieb am
Und eine böse Stimme in mir flüstert: "Mann oder Memme?"

einfach göttlich, kann sich jeder bis nächste Woche selber überlegen ob oder ob nicht.
PS: Jörg wird es nen OsterAnhalter geben, so bissl mit Ostergeschichte mal anders :D ?
turningdog schrieb am
wiedermal sehr geil geschrieben
Rednerebo schrieb am
"Mein Herz pocht wie ein Subwoofer" ^^ find ich cool!
Deine Geschichte ist der Hammer! Kanns kaum abwarten, bis der nächtse Teil kommt.... Hoffentlich kommen noch mehrere Teile!
Achja, ich würde die Kettensäge nehmen.... :twisted:
4P|T@xtchef schrieb am
@AEV-Fan: Jau, das war ein Vertipper - es soll ja ein verschlucktes "vor Gericht" sein. Ist korrigiert, danke!
schrieb am

Facebook

Google+