Die 4Players Kolumne: Online-Rollenspiele: Lust oder Frust?

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 41
Dienstag, 09.10.2001

Online-Rollenspiele: Lust oder Frust?


Taucht ein in eine Welt voller Geheimnisse, mystischer Stätten und längst vergessener Sagen! Wagt den Schritt in eine faszinierende Fantasy-Welt und kämpft als Krieger, Zauberer oder Druide Seite an Seite mit Tausenden Mitspielern für Ruhm und Ehre - zögert nicht, denn Euch erwarten dunkle Geheimnisse, mächtige Waffen und nie gesehene Schätze!

Treffen sich zwei Online-Rollenspieler:

Fragt der eine: Level?
Sagt der andere: 36.
Sagt der eine: Bin erst 12.
Sagt der andere: Bye.

Tja, so wortkarg geht es zwar nicht immer zu in den virtuellen Welten, aber diese Dialoge offenbaren das Herz der meisten MMORPGs: den Level bzw. den eigenen Status, den man sich über Tage und Nächte, Wochen und Monate hinweg erkämpfen muss - „Powerleveln“ nennt man das im Fachjargon. Wie man zum Level 36-Held wird? Genug Zeit und Internetzugang vorausgesetzt, ist das ganz einfach:

Jagdgebiet mit schwächeren Monstern suchen und die Keule schwingen bis die Erfahrungspunkte überlaufen. Bei Verwundung kurz ausruhen, im Todesfall noch mal laden und dann geht`s zurück ins Monster-Freibad - Monster? Ja, was da für Schreckenskreaturen am Anfang auf die Recken warten: listige Schlangen, gemeine Ratten, kläffende Hunde und unheimliche Skelette, die fast von selbst zusammenbrechen. Und für jeden Level ist was Passendes dabei, so dass es eigentlich vollkommen wurscht ist, ob man als Level 1- oder Level 99-Krieger durch die Gegend zieht - für jedes Level gibt`s ein geeignetes Gebiet, für jede noch so starke Waffe das passende Monster.

Wo der Story-verwöhnte Fantasy-Rollenspieler vor Langeweile gähnt, geraten die meisten Online-Spieler in Wallung: Jagdgebiete, Monster metzeln, Level machen - kein Wunder, dass der Schritt vom Shooter zum MMORPG nicht schwer fällt. Das Diablo-Prinzip wurde in die virtuelle Welt katapultiert, gewürzt mit Chat- und Interaktionsmöglichkeit.

Schneller geht das Ganze natürlich gruppendynamisch organisiert: Am besten zu viert, zu acht oder gar zu zehnt den größeren Fieslingen auflauern und draufsemmeln bis die Schwarte kracht - zugegeben: das rockt, bringt Erfahrungspunkte und lässt den Recken in der Statusleiter nach oben rasen. Aber es ist kein Rollenspiel.

Das Gameplay besteht bloß aus einer nie endenden Spirale der Leveljagd, die Story meist aus einer losen Aneinanderreihung von Quests. Wo ist das Geheimnisvolle? Wo entfaltet sich eine mitreißende Geschichte? Wo begegne ich mysteriösen Charakteren?

Trotzdem fasziniert das Genre Tausende: Online-Rollenspiel sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Neben den zahlreichen etablierten Spielen wie EverQuest & Co gibt es eine unüberschaubare Vielzahl an Projekten, die vor allem optisch beeindruckende Welten zaubern. Es wäre aber schön, wenn sich manche Entwickler neben spektakulären Grafik-Effekten und fetter Feature-Liste die Lettern I N N O V A T I O N ganz groß auf die Fahnen schreiben würden, damit nicht nur Level-fixierte Spieler ihren Spaß haben, sondern auch Entdecker und Schauspieler auf ihre Kosten kommen, die beim Wort Rollenspiel eher an den Herrn der Ringe als an Diablo denken.

Jörg Luibl
4P|Textchef
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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