Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 44
Dienstag, 30.10.2012

Das Problem der Allmacht


Kennt ihr das? Man will in ein Abenteuer abtauchen, man hat richtig Lust auf ein Erlebnis, aber dann verfliegt der Zauber, weil die Welt plötzlich unglaubwürdig und zu schnell durchschaut ist. In dieser Branche wird so gerne von "filmreif" und "cineastisch" gesprochen. Aber wie schlecht es um die Regie in Spielen steht, demonstriert Assassin’s Creed 3 in einer kleinen, aber wichtigen Szene des Abenteuers. Ein Dramaturg hätte sie in jeder gewöhnlichen TV-Serie rigoros gestrichen.

Keine Spoilerbange, es handelt sich um eine Situation im ersten Drittel, die für Geheimnisse oder die Auflösung der Story keine Relevanz hat. Also, worum geht es?

Der mittlerweile vom Kind zum Jugendlichen gereifte Connor will sich nach einer Vision von einem erfahrenen Mann ausbilden lassen, um seinen bedrohten Stamm zu retten. Das Halbblut macht den Lehrer ausfindig, klopft wild entschlossen an dessen Tür. Der störrische Alte will jedoch nichts von dem Jungspund wissen, wimmelt ihn ab. Anstatt aufzugeben, legt sich Connor in den angrenzenden Stall, um es am nächsten Tag erneut zu versuchen.

Bis hierher macht Ubisoft noch alles richtig, legt die Köder für eine archetypische Schüler-Meister-Beziehung aus wie man sie von Karate Kid bis Highlander kennt, wo aus viel versprechenden Novizen mit viel Scheibenwischerei und Katanatänzen so langsam Experten werden. Aber hier macht die plumpe Regie alles falsch. Warum? Weil der Teenager in der Nacht in einen unglaubwürdigen Konflikt verwickelt wird, in dem er bereits wie ein Meister agiert.

Er gerät in eine Schlägerei mit zwei, dann drei und vier oder mehr zwielichtig aussehenden Männern, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur aufgrund aufgepflanzter Bajonette eine ernste Bedrohung darstellen müssten. Anstatt eine Abreibung zu bekommen oder gar in Lebensgefahr zu geraten, mischt der jugendliche Connor die schwer bewaffnete Bande erwachsener Kerle locker auf. Nicht, weil er seine indianischen Instinkte clever einsetzt oder sie mit Manövern überlistet, sondern weil er draufhaut wie ein abgebrühter Kämpe. Sieht cool aus, fühlt sich aber verdammt falsch an.

Als irgendwann noch zwei von den zusammen geschlagenen Angreifern stehen, kommt der Meister aus dem Haus und meuchelt sie mit einer Klinge humorlos von hinten – die Kunst der Assassinen in Aktion. Aber er wirkt hier nicht wie ein Retter in der Not mit besonderen Fähigkeiten, nicht wie ein mysteriöser Lehrer à la Mr. Miyagi oder Ramirez, sondern wie ein Handlanger, der die ohnehin wehrlosen Reste für dieses Kampfschwein Connor beseitigt. Was soll man also von ihm lernen können? Hätte man doch alles alleine weggehauen, weil man alles kann!

Hier bekommt man viel zu früh ein fatales Gefühl der Allmacht - und das darf Spielen nicht passieren, wenn sie einen Helden aufbauen wollen. Das ist ein atmosphärischer Gamebreaker, der die Immersion unverzüglich stoppt. Man will ja abtauchen, man will sich ja identifizieren, aber die Regie ist zu flach und der Karriere fehlt der Reiz der Entwicklung. Die Lust auf Ausbildung, die Neugier auf weitere Talente oder andere Charaktere wie den Meister schwinden. Diese Szene hat leider Symbolcharakter für das komplette Gamedesign. Ubisoft lässt Connor auch im weiteren Verlauf keine martialischen oder subtilen Talente erlernen; er kann bis auf eine Ausnahme quasi alles von Anfang an.

Damit konterkariert ein hinsichtlich der Fähigkeiten statisches Spielerlebnis eine lobenswert dynamische Story, die ja den Weg vom Kind zum Mann beschreibt und die Ubisoft laut unserem Test richtig gut hinbekommt. Aber der Weg ist nicht mehrstufig, steinig und fordernd, sondern seifig und seicht: Connor flutscht nahezu ohne Widerstände durch ein ansehnliches, teilweise toll erzähltes, aber weitgehend automatisiert anmutendes Abenteuer. Selbst wenn man den angenehmen Flow der Reihe als traditionelles Merkmal nicht aufgeben will, wäre es möglich gewesen, hier für etwas mehr Drama und Anspruch, also mehr Verletzlichkeit und Herausforderung zu sorgen. Wo sind die Regisseure in Montreal?

Ich habe mich bisher auf jeden Assassinen gefreut, denn ich mag historische Zeitreisen und schätze das Artdesign der Serie, diese wunderbare Illusion einer gut recherchierten Welt. Aber aufgrund des oberflächlichen Gamedesigns habe ich bisher keinen bis auf den ersten Teil zu Ende gespielt. Assassin’s Creed ist ja nur ein Beispiel dafür, wie schwer es Großproduktionen aktuell fällt, die Faszination des Mediums wirklich zu erfassen. Man darf nicht vergessen: Dieser Ausflug in den amerikanischen Bürgerkrieg bleibt den Wurzeln der Serie treu, hat seine starken Momente, nimmt sich Zeit für die Story und ist weit entfernt vom erbärmlichen Mischmasch eines Resident Evil 6. Warum das Spiel gut unterhält, analysiert Mathias in seinem Test.

Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten zum Zombiedesaster. Auch hier riecht es (weniger deftig, aber doch salzig) nach Call of Duty, wenn man für den Showeffekt auf dem Meer ballert. Warum biedert man sich an explosive Action in den Seegefechten an, anstatt das Wesen des Assassinen an Land weiter zu schärfen und zu vertiefen? Auch hier kollidieren wie bei Capcom der starke Anspruch einer etablierten Marke und die schwache Gamedesign-Wirklichkeit einer zu kompromissbereiten TripleA-Produktion. Ubsioft meint: „AC III ist das größte Spiel, das Ubisoft jemals in Angriff genommen hat und sicherlich einer der wichtigsten Titel dieses Jahr.“

Das mag aus der Perspektive der Franzosen so sein. Schade ist, dass sich hinter einem Titel mit diesem Budget und diesem Namen nicht auch eines der prägenden Spiele des Jahres verbirgt.


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

  • Ich fand das AC3 bis er als Schüler aufgenommen sehr langweilig war. Die Story wurde mehr dahin geplätschert als in Brotherhood... Der Attentätter selbst (Connor) ist charakterlich Farblos, wie sein Ausbilder und im Grunde der Rest der Welt. Einzig der Britische-Typ zu anfang macht was her.  [...] Ich fand das AC3 bis er als Schüler aufgenommen sehr langweilig war. Die Story wurde mehr dahin geplätschert als in Brotherhood... Der Attentätter selbst (Connor) ist charakterlich Farblos, wie sein Ausbilder und im Grunde der Rest der Welt. Einzig der Britische-Typ zu anfang macht was her. Langweiliger scheiss, der sein Geld nicht wert ist und womöglich keiner brauch...
  • Ich zitiere einfach aus Jörgs Vorschau zu Max Payne 3: Irgendwann schneidet sich der Ex-Cop die Haare ab. Warum?
  • "Sieht cool aus, fühlt sich aber verdammt falsch an." damit bringt man m.e. das problem der gesamten assassins creed reihe auf den punkt.

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