Der 4Players Kommentar: Ouya - Game(r) Over?

4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell. 4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell.

Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 28
Dienstag, 09.07.2013

Ouya - Game(r) Over?


Eine günstige Konsole für Gamer – das hat Ouya-Gründerin Julie Uhrman versprochen, als sie auf Kickstarter um Unterstützung für den kleinen Spielewürfel warb. Günstig ist bei den angepeilten 120 Euro mittlerweile relativ, da auch Microsoft, Sony und allen voran Nintendo an der Preisschraube gedreht und / oder neue Modelle veröffentlicht haben, die Ouya teilweise unterbieten.

Wenn schon nicht mehr beim Preis, muss Ouya jetzt vor allem mit Spielen punkten – und hier sieht es derzeit so düster aus wie in einem Bunker mit Stromausfall: Die Mehrheit der Titel, die man im Store finden und antesten darf, sind nicht viel mehr als simple Handyspiele, die auf dem großen TV-Bildschirm nicht nur völlig deplatziert wirken, sondern inhaltlich auch nicht viel zu bieten haben. Nur weil man sie jetzt auch mit dem Controller statt einer fummeligen Touch-Steuerung zocken darf, macht es sie nicht besser – Mist bleibt Mist! Den Tiefpunkt markiert derzeit ein Rennspiel namens Highway Rally: Es geht schon damit los, dass ich mich mit dem fummeligen Touchpad durch die Menüs quälen muss. Schafft man es endlich auf die Strecke, kommt einem angesichts der furchtbaren Ruckelorgie, der abstoßend simplen 3D-Kulisse sowie grauenhaft schwammigen Steuerung bei einer nicht vorhandenen und fehleranfälligen Fahrphysik die Galle hoch. Zum Glück muss man diese Folter nicht lange ertragen, denn nach wenigen Metern stürzt das Programm ab – wieder und wieder und wieder. Wie kann man so einen Schund offiziell im Store veröffentlichen? Dass es kostenlos angeboten wird, ist keine Entschuldigung! Angesichts dieser unterirdischen Qualität müsste man sogar noch bezahlt werden – quasi als Schmerzensgeld.

Und auch wenn ich mich weiter umsehe, treffe ich vor allem auf Kandidaten, die fünf Minuten angespielt und danach umgehend wieder gelöscht werden: Wer braucht schon einen minderwertigen WipEout-Klon wie Flashout 3D, einen Counter-Strike-Abklatsch für Arme (Critical Missions: SWAT)  oder einen weiteren Vertreter der Marke Doodle Jump? Und dann noch diese ganzen Zombie-Spiele, die fast schlimmer sind als der gefährliche Virus selbst. Nicht falsch verstehen, so ein kleiner Snack für zwischendurch kann auch mal Spaß machen – so z.B. eine Partie Curves (Snake-Klon) mit bis zu vier Leuten, coole Arena-Kämpfe im Retrostil mit TowerFall oder ein paar Stealth-Runden Hidden in Plain Sight, das quasi den Mehrspielermodus eines Assassin's Creed in eine charmante 2D-Kulisse packt.

Was Ouya fehlt, sind mehr „große“ und vor allem einzigartige Spiele, mit denen man mehr als eine viertel Stunde verbringen möchte und die mich als Spieler zum Staunen bringen können. Wie oft ich eben schon das Wort Klon oder Abklatsch geschrieben hab, spricht Bände. Es lässt die Hoffnung auf die Kreativität derzeit schwinden, die man in die Unterstützung durch unabhängige Entwickler gesetzt hat. Frische Ansätze wie Wizorb bilden die Ausnahme, obwohl hier eigentlich auch nur das Spielprinzip von Breakout mit einem 8-Bit-Rollenspiel kombiniert wird – das allerdings auf eine unerwartete sowie clevere Art und Weise. Doch auch dieser Titel ist nicht exklusiv, sondern steht schon länger für PC- und iOS-Besitzer zur Verfügung – selbst unter den PlayStation Minis und auf Xbox Live Arcade wurde er bereits veröffentlicht. Der Shooter ShadowGun hebt sich zwar technisch von der versammelten Ouya-Konkurrenz ab, verblasst dann aber umgehend, wenn man ein Gears of War, Killzone sowie Download-Titel vom Schlag eines Far Cry: Blood Dragon oder Giana Sisters: Twisted Dreams als Vergleich heran zieht. Inhaltlich bleibt es zudem bei einer 08/15-Ballerei mit stupider KI und simpler Action, die man anderswo nicht schon tausendmal, sondern auch tausendmal besser gesehen hat. Das Open-World-Rollenspiel Ravensword: Shadowlands ist zwar potenziell interessant, zeigt dem schwachbrüstigen Androiden-Würfel aber schnell seine Leistungsgrenzen auf, denn es ruckelt an allen Ecken und Enden. Warum sollte ich mir also eine Ouya zulegen, wenn das Erlebnis auf meinem technisch überlegenen Handy deutlich runder läuft? Im Idealfall kann ich mein Telefon oder Tablet sogar mit einem Controller sowie über die HDMI-Buchse mit meinem Fernseher verbinden und damit sowohl zu Hause als auch mobil zocken. Zusätzlich steht mir dank Google Play oder iTunes eine viel größere Softwarebibliothek zur Verfügung und ich muss mich nicht mit einer umständlichen Sideload-Funktion herumschlagen.

Entdeckt man endlich umfangreiche Titel mit einer gewissen Spieltiefe und Produktionsqualität, trifft man vornehmlich auf olle Kamellen wie Bard's Tale, Final Fantasy III oder die letzten Sonic-Hüpfer, die man schon längst auf einem anderen System durchgekaut hat. So sehr mich das Design auch anspricht und ich als Konsolensammler die Ouya willkommen heiße: Als Spieler gibt mir der kleine Androiden-Würfel nichts, was ich nicht woanders ebenfalls und meist sogar in besserer Qualität bekomme. Mir wird eine Auswahl an Spielen geboten, von denen ich den Großteil gar nicht erst ausprobieren, geschweige denn kaufen will. Denkbar ungünstige Voraussetzungen für ein Gerät, das in erster Linie eine Spielekonsole sein will.

Michael Krosta
Redakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

Jetzt bei amazon.de

 

Kommentare

Kivlov schrieb am
Lieber die 100? für indie Games am PC ausgeben. (IMHO)
Hiri schrieb am
Ich seh in diesem Kasten überhaupt kein Sinn. Da kann ich mein Geld auch aus dem Fenster schmeißen kommt für mich das gleiche dabei raus...nix.
johndoe755007 schrieb am
Sollte wohl eine Plattform für den Indie-Markt werden. Blöd nur, dass der Indie-Markt nicht die Resourcen hat, System-Seller herauszubringen (Minecraft etc. sind seltene Ausnahmen und vor allem: nicht exklusiv).
Was bleibt ist die Frage: Wozu?
- der Preis? Für 30 Euro mehr findet man (wenn man bissel sucht), die aktuellen Konsolen samt mehreren tausend teilweise grandioser Spiele
- die Spiele? Ähäm...
- die Hardware? Sicher nicht.
Na schauen wir mal. Die Ouya-Leute sind ja auch nicht doof.
Alandarkworld schrieb am
Die Mehrheit der Titel, die man im Store finden und antesten darf, sind nicht viel mehr als simple Handyspiele, die auf dem großen TV-Bildschirm nicht nur völlig deplatziert wirken, sondern inhaltlich auch nicht viel zu bieten haben. Nur weil man sie jetzt auch mit dem Controller statt einer fummeligen Touch-Steuerung zocken darf, macht es sie nicht besser ? Mist bleibt Mist!
Genau DAS hab ich mir gedacht, als ich zum ersten Mal von der Ouya gehört habe. Es ist nicht so, dass ich den Entwicklern den Erfolg nicht gönnen würde - ich finde nur, dass ihr Plan nicht sonderlich... durchdacht war.
Sabrehawk schrieb am
ouya ist nichts weiter als ein netter versuch der wegen mangelnder Hardwarequalität, zu hohem Preis im Vergleich zur Leistung, grottenmiesem Softwareangebot und schlicht mikroskopischer Verbreitung zum Scheitern verurteilt ist...nice try ...better luck next time (deutlich mehr fokus auf audio/videostream fähigkeiten insbes. des ruckelfreien plabacks von HD Material hätte dem Projekt evenutell mehr Zuspruch verschafft) Am Ende bleibt zu sagen ...wer ausser einem hardcore nerd stellt sich so ein Krüppelding in die Bude und sowieso ...android müll games auf Bigscreen zocken? Da scheiss ich lieber die Wand an...oder zock ähnlich beschissene Games die in heutigen Smart TVs auch verfügbar sind...sogar meine alte WD LIVE box hat spiele die kaum schlechter sind also der trash der für Ouya zu haben ist...und die basiert völlig auf customizable firmware + linux und ist deutlich OFFENER ^^.
schrieb am

Facebook

Google+