Der 4Players Kommentar: Was von der nächsten Generation übrig blieb

4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell. 4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell.

Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 49
Mittwoch, 04.12.2013

Was von der nächsten Generation übrig blieb


Na, wie waren eure Tage mit den neuen x86-Cloud-Receivern? Hattet ihr auch so schlechtes Wetter zum Start? Man kam ja kaum durch zu den polygonal aufgespritzten Legionären, Soldaten und Fußballern. Mit ein wenig Geduld ging es aber ratzfatz: Freitag kam z.B. die PlayStation 4 an und schon Samstag oder spätestens Sonntag waren alle Patches, Updates und Spieldaten installiert. Einfach auspacken und wie bei einem PC erstmal loswarten!

Wenn man nicht das Pech hatte, zu diesem kleinen Kreis der Ausgegrenzten zu gehören, die nach Monaten der Wartezeit vor defekten Kisten hockten - und nichts Besseres zu tun hatten, als Amazon mit ihrer Kundendepression zuzukleistern. Dabei ist doch ein bisschen Schwund immer für 400 Euro aufwärts. Aber irgendwann flutschte es, irgendwann war die Schnitzeljagd auf die nächste Generation im heimischen Wohnzimmer eröffnet. Noch heute soll es überall sachdienliche Hinweise auf all die Spielerlebnisse geben, die technisch und emotional richtig begeistern.

Microsoft und Sony wollten diese Faszination nur nicht wie früher mit diesen altmodischen exklusiven „Killerapps“ spoilern. Es soll ja mal eine Zeit gegeben haben, in der Publisher ihre Konsolen verschoben haben, nur damit dieses eine wichtige Spiel noch rechtzeitig erscheint – ich sag nur Mario und N64. Hätte man in Redmond nicht warten können, bis ein Halo 5 oder Quantum Break fertig ist? Hätte man in Tokio nicht warten können, bis man das neue Uncharted oder Gran Turismo 7 fertig hat? Seid ihr idealistische Esoteriker oder was? Natürlich nicht - so läuft das heute nicht, Freunde!

Immerhin  haben Microsoft und Sony recht geschickt falsche Fährten ausgelegt, indem sie ihr mageres Lineup mit ganz viel Electronic Arts (NBA Live 14 ist übrigens die virtuell gewordene Antithese von Lernfähigkeit, Qualitätsbewusstsein und gesunder Selbstwahrnehmung) und einer diffusen Mischung auffüllten, die man sonst nur aus den Bereichen Free-to-Play und Browsergames kennt. Angesichts der Komplexität dieser über Jahre im Geheimen verfeinerten Hardware ist es ein lobenswertes Zeichen von Toleranz, dass man sich in der Not auch den besonders günstigen und kleinen Spielen öffnet. Ein bisschen Ramsch ist ja immer. Warum sollte man zum Start den richtig guten Independent-Spielen eine Plattform bieten?

Einfach mal 20 Euro in das zum Schreien Schöne Putty Squad, 30 Euro in die hochwertige Physiksimulation Angry Birds Star Wars oder satte 50 Euro in dieses anspruchsvolle Aufbauspektakel Zoo Tycoon  investieren. Es gibt so viele falsche Fährten, dass der Weg zur wahren Faszination ein ernüchternder sein kann. Irgendwann hat aber jeder sein exklusives  Kleinod gefunden, sein Resogun-Häppchen oder sein Forza-Starterpack. Zur Not gibt’s ja noch Sport für alle. Selbst Ryse soll satt machen. Was es dann wohl macht, wenn es noch einen Hauch der Qualität von God of War bekommt? Fett, sag ich euch, fett. Ich freu mich ja schon so.

Habt ihr diese elektronische Ergriffenheit in den Medien gespürt, als Xbox One oder PlayStation 4 eintrudelten? Ja, endlich sind sie da, diese Mittelklasse-PCs. Wie stolz Spielemagazine in aller Welt waren, als ihre "Konsolen" kamen. Und so kreativ, dass man gleich ein informatives Auspackvideo nach dem anderen fabrizierte. Da steckt aber auch einfach so eine bewundernswerte Entwicklung drin, dass man kaum an sich halten kann.

Es ist nämlich erstaunlich, wie liberal diese ehemals geschlossenen Systeme mittlerweile in den Zyklus des internationalen Datenverkehrs eingebunden sind: immer aktuell, immer online, immer gegen den nächsten Fehler arbeitend. Genau das, was man an Konsolen und Überwachungsdiensten so liebt. Beide können unheimlich schnell reagieren. Da kann man System- und Programmauffälligkeiten quasi live wegstreamen – schade, dass das bei Fighter Within nicht so ganz geklappt hat. Obwohl ein wirklich vorbildlicher Dienst das umgehend deinstalliert hätte, als es noch in der Entwicklerumgebung schlummerte. Wäre das nicht cool, wenn in Zukunft prophylaktische Spielspaßhygiene betrieben würde? Dann könnte knapp zwanzig Jahre nach Crash Bandicoot auch kein Knack passieren. Aber vermutlich hat sich der Systemarchitekt da einfach verrechnet. Man kennt das ja: Wenn man so viel Power unter der Haube hat, sieht man das Gamedesign manchmal vor lauter Polygonen nicht. Die Blinden aus Frankfurt sind immerhin Füchse und machen ein Lizenzgeschäft daraus.

Trotz dieser theoretischen Hightechpotenziale bin ich noch nicht so aus dem Häuschen, dass ich der PlayStation 4 eine Ode der Erstfaszination andichten würde – das hat damals nur Wii geschafft. Okay, heute schämt man sich etwas für den vorauseilenden Bewegungsdrang, aber es war ein bisschen Magie und sie war wirklich anders. Der knallharte Wettbewerb hat die aktuellen Konsolen so glatt geschliffen, dass man sie fast verwechselt. Zwar halten die Spieler die Folklore zweier Rivalen aufrecht, indem sie in rüpelhaftem Übermut ihre Einzigartigkeit skandieren – wir sind PlayStation, und ihr nicht! Ich finde das übrigens klasse, dass die Fans für diese Derbystimmung sorgen, die zwei konträre Weltanschauungen suggeriert. Wir brauchen diese Werte einfach. Man muss im MediaMarkt auch mal aneinander geraten können, wenn man im falschen Flur die falsche Frage stellt: Hey, warum kaufst du dir ne Horstbox? Bist du etwa doch blöd?

PlayStation 4 und Xbox One sind sich ja technisch, stilistisch und spielepolitisch so ähnlich wie keine Hardwaregeneration zuvor – selbst MP3 und MP4 verweigern beide.  Die Zeit der  klaren Unterschiede ist längst vorbei. Was habe ich mir z.B. in den 90ern den Kopf zerbrochen, ob ich mir eine PlayStation, ein N64, Segas Saturn oder Ataris Jaguar kaufe. Lange Zeit lag übrigens Letzterer in meiner Gunst ganz vorne – ich wollte als alter Amiga- & PC-Zocker natürlich in die Zukunft investieren. Und damals war man mit dem Kauf einer Konsole zumindest eine Saison technisch vor dem Rechner. Was für ein Zufall übrigens, dass in der PlayStation 4 auch ein Jaguar steckt; allerdings einer von AMD.

Ob das letztlich dieses geheime Zeichen war, privat auf Sony zu setzen? Oder war es doch der Preis? Hundert Euro mehr oder weniger sind für einen Familienvater mit zwei Kindern keine Kleinigkeit. Und beide Konsolen können sich nur die Freaks kaufen, die ihren biologischen Auftrag zugunsten der eigenen Kaufkraft ignorieren. Gerade jetzt vor Weihnachten sucht man ja auch wieder nach mehr Sinn hinter den kapitalistischen Kulissen. Man wird rührselig und denkt Sachen wie: Konsolen zum totalen Abkapseln, wo seid ihr? Last Guardian, wo lebst du? Select und Start, ich vermisse euch! Man will mal wieder selbst etwas Sinnhaftes schaffen, seinen Teil beitragen, damit die Spielewelt wieder mehr Seele bekommt.

Mir hat z.B. nicht alles an der PlayStation 4 gefallen, also hab ich in einem Anfall von Bastelwahn etwas modifiziert. Ich kann ja nicht mal mehr die Hintergrundfarben des Bildschirms ändern und muss dafür das dreispaltige Zuspammen mit den letzten Aktivitäten ertragen. Da steht dann so etwas Informatives wie „Joerg Luibl played Putty Squad“ -  ach was, hat er? Jetzt hat die elende Mitteilungsseuche à la Facebook schon die Startbereiche der Konsolen erreicht. Und selbst da gleichen sich Sony und Microsoft als hätte es irgendwo einen gemeinsamen Workshop mit Schwerpunkt Kachelinzest gegeben. Da kann ich leider nicht ran an diese Benutzeroberfläche.

Also musste ich von außen vorgehen. Der Dualshock liegt wirklich super in der Hand, aber dieser Schmalspurknopf oben links nervt mich einfach – er ist überflüssig und ein Symbol für das, was ich nicht will. Diese schöne neue Welt des Teilens, in der jeder Honk ein Video hochlädt. Noch schlimmer: Er quasselt es voll! Und noch viel schlimmer: Das Gequassel wird dann noch live kommentiert. Habt ihr euch das mal angeschaut? Was da alles im PlayStation Network auf Sendung geht? Packt einer seine zweiundzwanzig goldenen Ultimate-Team-Päckchen in FIFA aus und brabbelt die Welt mit seinen Fußballweisheiten voll. Gibt einer wertvolle Killzone-Tipps, während er vor laufender Kamera unter Lol-Lawinen weggeschossen wird. Let’s Player mussten zumindest noch einen PC bedienen können – hier reicht ein Knopfdruck und die Konsoleros sind on Air.

Was soll bloß dieser Share-Humbug?  Ich will das nicht. Ich will auch nicht aus Versehen irgendetwas aufnehmen. Also musste ich etwas tun. Ich hab mir ein Stemmeisen besorgt, so eines mit feiner Klinge. Damit hab ich den verdammten Button einfach aus dem Dualshock rausgehebelt – bisschen Spachtelmasse rein und gut ist. Klar wird das mit der Garantie schwierig. Aber jetzt sieht das endlich aus wie ein Gamepad für Männer, mit Narben und Charakter. Vor allem das gelbe Isolierband gibt dem Ganzen noch so einen derben Touch. Wo? Wieso? Na am Bauch! Weil mir das esoterische Geleuchte da vorne auch auf den Zeiger ging. Ich brauch kein Ambiente in der Hand, sondern Explosionskaskaden am Bildschirm, also hab ich die dumme Funzel erstmal abgebunden. Gerade überlege ich, ob ich mir nicht einen Impulse Trigger (darum beneide ich ja die Xbox One) umleiten kann, wenn ich mit einem Feinbohrer die beiden Rumble-Motoren anzapfe und eine kleine Leitung auf die Schultertasten lege.

Ich hab jedenfalls schon einen Bauplan für Weihnachten. Wenn ich jetzt auf der Couch sitze und Resogun suchte, fühlt sich das zwar immer noch nicht an wie diese nächste Generation, die ich angeblich gekauft haben soll. Aber jetzt fühle ich mich zumindest von meinem Controller emotional angesprochen. Je länger ich ihn anschaue, desto freier und inspirierter fühle ich mich. Wenn das im nächsten Jahr auch Spiele auf Xbox One oder PlayStation 4 schaffen, war das ja vielleicht doch eine Investition in die Zukunft.


Jörg Luibl
Chefredakteur

PS: Noch mehr Meinung zum Start der Konsolen im Gespräch. Hier geht's zum Video.
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

Jetzt bei amazon.de

 

Kommentare

johndoe1527797 schrieb am
Jaja, und nächstes Jahr machen sie die Wii U...
OriginalSchlagen schrieb am
Hätte man in Redmond nicht warten können, bis ein Halo 5 oder Quantum Break fertig ist? Hätte man in Tokio nicht warten können, bis man das neue Uncharted oder Gran Turismo 7 fertig hat?

natürlich. um die nachfrage noch stärker zu konzentrieren, die devs bis zum erbrechen crunchen zu lassen und teuere prestigetitel zum zeitpunkt der kleinstmöglichen hardwarebasis zu veröffentlichen. und wenn wir grad dabei sind machen wir die unfähige familienministerin zur ministerin für verteidigung.
Panikradio schrieb am
Jetzt sind sie da. Persönlich hätte ich es gerne gesehen, wenn die neuen Konsolen zum nächsten Weihnachtsgeschäft im Laden gestanden hätten. Das aus zweierlei Gründen - zum einem des Start-Lineups halber, klar, zum anderen weil ich als Hardware-Laie da doch einem Experten-Urteil sehr viel abgewinnen konnte, das insbesondere die CPU eher als Kompromiss bezeichnete. Ich selbst kenne mich in dieser Thematik nicht aus und male um Gottes Willen auch nichts schwarz, wofür mir die Stifte fehlen. Ich habe keine Ahnung, zu was die Kerne des Jaguars im Stande sind. Das Experten-Urteil nur äußerte, dass der CPU im ganzen GPU-Rausch unglücklicher Weise immer weniger Beachtung geschenkt würde. Schlicht und ergreifend, da die CPU noch immer ein essentieller Bestandteil sei, egal wie viele Aufgaben heutzutage eine GPU übernehmen kann. Man müsse sich die CPU vereinfacht als großen Tunnelbohrer vorstellen, der einfach die größte Arbeit übernehme, so das Urteil weiter. Letztlich geht das ja auch indirekt aus dem neuen Video von Jörg und Michael hervor, wo die beiden eben den großen Technikvorsprung nicht wirklich sehen, den die Konsolen früher noch gegenüber PCs hatten, wenn auch nur temporär. Auch hier ist das um Gottes Willen per sé nichts Schlechtes, sondern einfach eine reine Feststellung, da es letztlich die Spiele sein werden, die die Konsolen verkaufen. Aber ich freue mich über den großen Sprung, den der RAM machte. Ich denke, dass damit in Zukunft viel möglich sein wird, was vorher einfach nicht mehr ging. Und dabei spreche ich nicht einmal zwangsläufig von besseren Texturen. Naughty Dog beispielsweise hätte in TLOU gerne noch mehr Interaktivität zwischen Joel und Elly gehabt, stieß dann beim RAM aber auf Grenzen. Gerade also, was die KI-Routinen und Immersion betrifft, sollten 8GB RAM enorme und spürbare Verbesserungen ermöglichen. Mich interessieren 60fps und 1080p eigentlich weit weniger als schlichtes, gutes, gerne auch geniales Game Design und schließe mich da ganz...
okapi schrieb am
<> Thema Releasezeitpunkt:
"Hätte man in Redmond nicht warten können, bis ein Halo 5 oder Quantum Break fertig ist? Hätte man in Tokio nicht warten können, bis man das neue Uncharted oder Gran Turismo 7 fertig hat?"
Hätte Vor- und Nachteile gehabt - ich denke viele Spieler waren einfach so heiß auf neue Hardware (konnte der WiiU bisher nichts abgewinnen), dass sie trotz der fehlenden Hammer-Games direkt zu Beginn eine neue Konsole ins Haus holen wollten! Hätte man weiterhin auf Blockbuster-Games warten müssen, wäre die Wartezeit noch länger gewesen...
<> Thema Technik und Marketing:
"Habt ihr diese elektronische Ergriffenheit in den Medien gespürt, als Xbox One oder PlayStation 4 eintrudelten? Ja, endlich sind sie da, diese Mittelklasse-PCs."
Richtig, die Dinger sind technisch nicht mehr so nennenswert wie die alten Generationen. Das hat Microsoft auch erkannt und im Marketing eher die Bewerbung der Funktionalität des Gesamtprodukts in den Vordergrund gestellt. Man hat Kinect 2 als Next Gen verkauft, was natürlich aber nicht ganz so ist, da die 360 ja schon über deren Funktionalität durch die erste Kinect verfügte... Sony hat auf "die PS4 ist für die echten Gamer"-Strategie gesetzt, was ich genauso lächerlich fand. Aber mit irgendetwas muss man ja werben :-D
<> Thema Controller:
Wie schon gesagt - Share-Button, sowie meiner Meinung nach das Touchpad - sind unnötig. Zum Glück hat sich das Design des Controllers eher in Richtung des Xbox-Controllers verbessert, trotzdem reicht er mMn nicht an die Qualität des Xbox Controllers heran. Bei diesem finde ich außerdem die Rumbler in den Schultertasten saugeil und eine der besten Neuerungen. Das ist sinnvoll und verbessert das Spielerlebnis, und nicht ein Share-Button...
<> Fazit:
Ist man ehrlich, hat man sich die Konsole der neuen Generation einfach aufgrund der in 7 Jahren Wartezeit angesammelten Lust auf eine neue...
schrieb am

Facebook

Google+