Der 4Players Kommentar: Early Access = Entwicklungs-Arbeit?

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 13
Montag, 24.03.2014

Early Access = Entwicklungs-Arbeit?


Schon mal einen Fantasy- oder Science-Fiction-Streifen gesehen, der nicht fertiggestellt war? Furchtbar! Statt Raumschiffen schweben geräuschlose Drahtgittermodelle durchs Bild, Menschen im Motion-Capture-Anzug stellen Aliens dar und anstatt auf das prachtvolle Bruchtal zu blicken, glotzt Frodo auf eine grüne Wand. Von "Illusion" oder "Faszination" keine Spur. Unendliche Weiten reichen nur bis zum Greenscreen.

Und leider ist Early Access das Gegenstück zu einem Film in genau diesem Zustand – so will doch keiner spielen!

Ich habe es selbst erst erlebt: Rust heißt der Titel, der ähnlich wie DayZ auf den Überlebenskampf in einer Onlinewelt und ähnlich wie Minecraft auf den Bau einer sicheren Unterkunft sowie die Suche nach Nahrung setzt. Dank Steams Early-Access-Programm ist dieses Rust jetzt schon spielbar. Und wie! Oder vielmehr: wie nicht. Denn das Projekt der Facepunch Studios befindet sich in einer so frühen Phase, dass nur rudimentäre Programmteile vorhanden sind. Man kann sich bewegen, Tiere erlegen, Holz hacken und einfache Gebäude bauen. Es fehlen aber Animationen, Geräusche und viele weitere Bauteile. Statt in einen plastischen Schauplatz einzutauchen, langweile ich mich dort vor einer leeren Fassade.

Ausgerechnet das große DayZ hat es sogar noch schlimmer erwischt. In dessen weiter Onlinewelt fehlen ja nicht nur Zombies, sondern auch eine sinnvolle Verteilung überlebenswichtiger Gegenstände sowie etliche versprochene Spielelemente. Von einem teils katastrophalen Netzcode fange ich gar nicht erst an. Kurz, die zum Vollpreis erwachsene Modifikation ist überhaupt nicht so spielbar, wie sie gedacht ist.

Nicht ohne Grund rät Schöpfer Dean Hall öffentlich vom Kauf ab. Die Warnung ist lobenswert – seine  Einsicht kommt allerdings zu spät. Denn Hall hätte vorher sagen müssen: 'Dieser Zustand ist selbst für Early Access zu früh! Wir verzichten auf eine Veröffentlichung.'

Ich finde es ja richtig spannend, die Entstehung eines Abenteuers von einer frühen Phase bis zur Fertigstellung zu beobachten. Und ich will darüber diskutieren, wie gut seine Bausteine zusammen passen. Ich will durch den zeitigen Kauf eines Spiels die Umsetzung interessanter Ideen ermöglichen – immerhin ist es das erste Mal, dass wir Spieler unmittelbar darüber entscheiden, ob es ein Minecraft überhaupt geben soll. Ob wir ein zweites Wasteland wollen und ob Chris Roberts noch einmal Starterlaubnis erhält.

Und selbstverständlich muss eine frühe Fassung nicht fertig sein. Sie darf Fehler enthalten und auch mal zum Neustart zwingen. Doch ich verlange mehr Feingefühl. Ich verlange ein Gespür seitens der Entwickler, wann sie welche Version veröffentlichen sollten.

Divinity: Original Sin z.B. erlaubt einige Monate vor seiner Veröffentlichung das fast vollständige Erkunden eines kleinen Ausschnitts seiner großen Welt. Und Minecraft, das Phänomen, das Early Access überhaupt möglich machte, war in jeder Evolutionsstufe so spielbar, dass Frühentschlossene von Beginn an praktisch sorgenfrei ihr kreatives Potential entfalten konnten. In Zusammenarbeit mit den Spielern kamen lediglich immer neue Bausteine hinzu.

So kann Early Access funktionieren!

Denn unterm Strich bin ich bei Early Access und ähnlichen Frühverkäufen immer noch zahlender Kunde, ein ganz normaler Spieler. Ich will keine Entwicklungsarbeit im engen Sinne betreiben – ich möchte nicht für den Job bezahlen, für den die Angestellten einer Qualitätskontrolle bezahlt werden.

Und schließlich ist es ja gerade Rust, in dem Early Access seine Stärke zeigt. Denn während es zunächst wie im großen Vorbild eine ständige Bedrohung durch gefräßige Zombies gab, wünschten sich viele Käufer der ersten öffentlichen Fassungen einen Überlebenskampf ganz ohne Untote.

Also entfernte Facepunch Studios die Zombies einfach.

Wenn Spieler und Entwickler zusammenkommen, so dass beide gleichsam profitieren – das ist Early Access!


Benjamin Schmädig
Redakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

FuerstderSchatten schrieb am
Also wer ein komplett spielbare Frühversion erwartet, naja den nehme ich nicht für voll. Es kann sich hierbei auch nur um einen spielbaren Level oder quasi nicht spielbaren Level handeln. Ich hab nur bisher bei Jagged Alliance Flashback einen Early Access und zwar nicht um es wirklich zu spielen, was sogar irgendwie möglich war nach allen was ich so in den 10 Minuten, die ich es gespielt habe, sondern weil ich es tatsächlich das Projekt unterstützen wollte, ich liebe einfach die alten JA Teile und mir ab und zu ein bisschen Vorfreude "abholen" werde.
Außerdem gabs JA 1 Gold und Space Hulk als kostenlose Dreingabe, die Steambibliothek kann ja nie voll genug sein. ^^
Einziges anderes Spiel, wo ich auch mit dem Gedanken gespielt habe, war Wasteland 2, aber ich will nix vorweg spoilern.
LePie schrieb am
Passend dazu hat Steam die FAQ-Klauseln für EA überarbeitet, um sich vor Kritik abzusichern:
»Es ist zu beachten, dass einige Entwickler-Teams ihr Projekt nicht beenden können. Sie sollten nur ein Spiel bei Early Access kaufen, wenn Sie es in seiner derzeitigen Fassung spielen wollen.«

http://www.gamestar.de/news/pc/3056519/steam.html
BesorgterBuerger schrieb am
casanoffi hat geschrieben:Im Falle von Assetto Corsa muss ich zugeben, dass es sich hier weniger um Entwicklungshilfe, sondern mehr um Crowdfunding handelt. Hier ist man prinzipiell nur "frühzeitiger Teilnehmer" und darf nur auf die Erweiterung von Optionen/Fahrzeugen/Strecken hoffen, ohne großartig ein "Stimmrecht" zu haben.
So sehe ich z. B. ein Negativbeispiel für Early Access.
Wobei das Spiel ja grundsätzlich fertig ist, von daher ist die Qualität bereits ausgezeichnet.
Insofern beschwere ich mich darüber nicht.

Also als Negativbeispiel würde ich Assetto Corsa nicht bezeichnen.
Wie Du ja schon geschrieben hast, das Grundgerüst ist fertig, die Qualität (Fahrphysik, Automodelle, Grafik) ist hervorragend.
Und die Entwickler haben klare Ansagen gemacht, wann was implementiert wird und haben das bis jetzt auch alles so eingehalten (soweit ich das überblicken kann). Neuer Content kommt alle zwei Wochen.
Seit ein, zwei Wochen gibts auch einen Multiplayermodus, der wegen noch fehlender Regeln/ Einstellungen noch ziemlich chaotisch ist, aber morgen soll wohl ein Patch erste Abhilfe schaffen.
Wenn am Ende alles so kommt wie versprochen (Karrieremodus, mehr Autos, Strecken und voller Modsupport) dann ist das Spiel mMn ein echtes Schnäppchen, gerade wenn man es mit den Mondpreisen der anderen beiden "Next Gen" Rennsims RRE und iRacing vergleicht.
Und selbst wenn sie nicht alles so hinbekommen wie geplant, wäre ich immer noch zufrieden, hab schon ne Menge Spass damit und fasse keine andere Sim mehr an.
Balmung schrieb am
Early Access heißt für mich einfach, dass ich dem Entwickler vor der Fertigstellung Geld geben kann und dafür das Spiel meist auch vergünstigt kriege. Ich kann so schon vor dem fertigen Spiel Spaß damit haben und der Entwickler hat sicheres Geld in der Tasche, das er sich nicht mehr leihen muss und so auch unabhängiger von Investoren und Publishern ist. Im Grunde ist es nichts anderes als Crowdfunding mit direktem Zugang zum Spiel. Ein Entwickler könnte genau so gut hingehen und das Spiel über seine Webseite in der Alpha Version gegen Geld anbieten, ist vom Prinzip her exakt das gleiche wie Early Access auf Steam, nur das man auf Steam mehr Aufmerksamkeit bekommt.
Als Spieler hat man nun die einfache Wahl:
1. Will ich dem Entwickler vertrauen schenken und ihm für ein noch lange nicht fertig gestelltes Spiel bereits Geld geben und ihm damit ein Stück finanzielle Sicherheit das Spiel überhaupt fertig gestellt zu bekommen?
2. Will ich lieber auf das fertige Spiel warten?
Genau die Wahl hat man.
Early Access heißt NICHT, dass man sich damit irgend ein Recht einkauft mitbestimmten zu dürfen wohin sich das Spiel entwickelt, das Recht kauft man sich genauso wenig wie wenn man bei Kickstarter ein Projekt unterstützt. Da muss schon der Entwickler selbst sagen, ob er das möchte oder nicht, wenn er sagt "Nein, wir werden das Spiel so entwicklen wie uns das vorschwebt" ist das sein gutes Recht und jedem Spieler steht es frei zu entscheiden ob er dann noch Geld geben will oder nicht.
Ich persönlich tendiere bei so einer Aussage eher zum Geld geben, wobei es auf das Spiel und die Community ankommt, denn Spieler sind nun mal nur Spieler und keine Spieleentwickler und zeigen oft mit ihren Wünschen deutlich wie wenig Ahnung sie von Spieleentwicklung haben... so mancher Wunsch würde ein Spiel komplett versauen und das teilweise so offensichtlich, dass man sich fragen muss ob der Spieler bei seinem Wunsch auch nur eine Minute darüber...
casanoffi schrieb am
GrinderFX hat geschrieben:Kurz gesagt, es gibt nichts positives dran.
Einzig man versaut sich das Spiel, da man es eigentlich nicht mehr spielen möchte wenn es fertig ist.

Sprich bitte nur für Dich selbst.
Yui-chan hat geschrieben:Heute bezahlen die Leute schon vorher, weil sie sich dann besonders exklusiv fühlen :lol:
Man darf also nicht mehr erwarten, dass Entwickler eigenständig ein vernünftiges Spiel abliefern und uns damit überraschen.
...
Die Dummheit und Schmerzfreiheit der Spieler ist grenzenlos wie die Blüten des Kapitalismus.
Ich bin gespannt, was noch kommt, denn ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen.

Nach 35 Jahren Videospiel-Karriere wäre ich überrascht, wenn mich ein Spiel noch überraschen könnte.
Wenn ich aktiv an der Entwicklung eines Spiels teilhaben kann und tatsächlich sehe, dass gewisse Dinge umgesetzt werden, so wie ich es mir vorstelle, dann ist das eine geile Geschichte.
Ich wüsste nicht, was das mit einem Exklusiv-Gefühl oder gar Dummheit zu tun haben soll...
Schmerzfreiheit benötigt man natürlich schon, weil man oftmals enttäuscht vor dem Bildschirm sitzt, weil der letzte Patch ein technisches Desaster ausgelöst hat oder wenn gute Ideen schlecht umgesetzt werden.
Aber sowas gehört halt dazu, ein gewisses Risiko hat man immer.
Kajetan hat geschrieben:Nochmal von Vorne: "Steam Early Access" ist kein Beta-Test, sondern eine Form von Crowdfunding, wo man einen Entwickler dabei unterstützen kann ein bestimmtes Spiel fertigzustellen. Early Access ist nur etwas für Fans, die ihr "Ding" realisiert sehen wollen und KEINE Möglichkeit billig an Spiele heranzukommen.

Danke.
Ich bin derzeit bei zwei Spielen im Early Access aktiv - Assetto Corsa und Nether.
Im Falle...
schrieb am

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