Der 4Players Kommentar: Reputationssystem für Spieler? Ja, bitte!

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 13
Freitag, 28.03.2014

Reputationssystem für Spieler? Ja, bitte!


Microsoft hatte ja schon vor dem Start der Xbox One über ein Reputationssystem für Spieler geplaudert, mit dem man faire von verbesserungswürdigen Kandidaten und Störenfrieden abgrenzen will. Dieses Vorhaben will man wohl in den nächsten Tagen und Wochen umsetzen, aber von mir aus hätte es schon gestern, ach, sogar schon zum Start der neuen Konsole soweit sein dürfen! Ich finde es gut, wenn ich in den anonymen Weiten des Internets zumindest halbwegs weiß, mit wem ich es zu tun habe – und sei es nur, um mit den Leuten eine Runde zu zocken.

Denn es ist nun mal so: Es gibt da draußen leider eine viel zu große Zahl an Assi-Gamern, die sich unter aller Sau verhalten – auch deshalb, weil sie eben keine Konsequenzen befürchten müssen. Kategorie Eins ist der „Ich-kämpfe-mit-allen-Mitteln-für-den-Sieg-Typ“; er ist der klassische Egoist, der sich entweder durch Hilfen wie Aimbots oder unfaires Verhalten einen Vorteil verschafft, um am Ende als Gewinner da zu stehen. Schlechtes Gewissen? Ehrenkodex? Das sind Fremdworte für diese Spezies. Klar: Ein gewisser Ehrgeiz gehört beim Spielen dazu – wer tritt schon an, um zu verlieren? Aber es gibt eben Unterschiede, mit welchen Methoden und welcher Motivation man für den Sieg kämpft. Es sind vor allem die Kategorie-Eins-Prolls, weshalb ich mittlerweile kaum noch Lust habe, mit Fremden online zu zocken. Gerade Rennspiele sind eine Qual: Entweder man wird schon beim Start abgeschossen, wenn man sich nicht schnell genug absetzen kann. Oder die Verfolger heben sich die Aktion für die letzte Kurve auf, um doch noch vor mir die Ziellinie zu überqueren. Und das Schlimme daran: Sie haben Erfolg damit!

Kategorie Zwei sind die Art Leute, die quasi jeden besseren Mitspieler beschuldigen, zur Kategorie Eins zu gehören – und ihrem Ärger entweder im Voice-Chat oder mit Beleidigungen per Nachrichten-Penetrierung Luft machen. Was musste ich mir schon alles anhören: „Cheater“ gehörte noch zu den harmlosen Beschuldigungen, „dreckiger Scheiß-Nazi“ zu den heftigeren. Immerhin hat sich der Brite dabei noch selbst glücklich gemacht, indem er den Drang verspürte mir mitteilen zu müssen, dass man ja den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat. Ja, genau. Wer würde sowas nicht nach einem verlorenen Autorennen (!) in einem Onlinespiel (!!!) schreiben? Sorry, aber auf solche Leute habe ich sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt keinen Bock! Und wenn mir Microsoft jetzt die Gelegenheit bietet, mich schon im Vorfeld vor solchen Clowns zu warnen, kann mir das nur Recht sein.

Und dann gibt es noch die dritte Kategorie, die ebenfalls von schlechten Verlierern gefüllt ist. Das sind dann diejenigen, die ihre Niederlage zwar erkennen, aber sie nicht akzeptieren wollen und einfach die Verbindung kappen. Das ist besonders dann eine miese Masche, wenn man sich dadurch noch einen Vorteil erschummelt, indem z.B. eine Fußballpartie mit Rückstand doch noch als Unentschieden gewertet wird. Ja, so macht der Online-Kick Spaß, wie auch schon Kollege Dieter in seiner Therapie-Sitzung feststellen musste - und viele andere sicher auch.

Was fehlt noch? Genau: Die Schnarchnasen und Plappermäuler, die ich für mich in der vierten Kategorie der Online-Spielertypen zusammenfasse. Das sind die, die es in einer Lobby einfach nicht schaffen, den „Fertig-Knopf“ zu drücken, was besonders dann ärgerlich ist, wenn sie als Leiter einer Partie fungieren und die Runde erst dann losgehen kann, wenn sie ihr „Go“ geben. Ich bin mittlerweile so dankbar für das Countdown-System vieler Online-Titel, bei denen das Match nach Ablauf automatisch gestartet wird, auch wenn es selbst dort schneller losgehen könnte, wenn nicht wieder mindestens ein Teilnehmer am träumen wäre anstatt den Aufforderungen im Chat nachzukommen, endlich seine Bereitschaft auf Knopfdruck zu signalisieren. Ähnlich nervig sind die Labertaschen, die entweder generell nur Dünnpfiff von sich geben oder Wortgefechte mit Frau und Kindern bei eingeschalteten Headset austragen müssen, damit auch alle was davon haben. Mindestens ebenso unterhaltsam sind die Witzbolde, die meinen, ihre Lieblingsmusik allen anderen Teilnehmern über das Headset aufdrängen zu müssen. Was habe ich nicht schon alles an nervigen Geräuschen und überflüssigem Wortsalat aus meinem Headset oder meinen Lautsprechern ertragen müssen!

Ja, alleine mit diesen vier Kategorien gibt es für mich mehr als genug Gründe, die für ein Reputationssystem sprechen, das solche Spaßvögel im Idealfall herausfiltert und nur noch mit Spielern vom gleichen Schlag zusammenführt. In diesem Zusammenhang finde ich z.B. die Aktion von Respawn klasse, ertappte Cheater nur noch gegen andere Pappnasen im „Wimbledon der Aimbots“ bei Titanfall antreten zu lassen. Natürlich sollte jeder eine zweite Chance bekommen, an sich und seinem Verhalten zu arbeiten, wie es die Zwischenstufe in Microsofts System erlauben soll. Aber irgendwann ist eben Schluss mit lustig!

Problem dabei: Das System muss auch funktionieren! Doch schon die Vergangenheit hat auf Xbox Live gezeigt, dass vor allem die Typen der ersten beiden Kategorien nicht davor zurückschrecken, es als Krawall-Instrument zu missbrauchen. Wie das? Ganz einfach: Um ehrlichen, vielleicht auch einfach nur besseren Spielern mit einer negativen Bewertung doch noch eins auszuwischen. Microsoft behauptet zwar, man werde solche „Rachewertungen“ erkennen und herausfiltern können. Aber wie soll das bitte funktionieren? Will man sich Aufzeichnungen von jedem Spiel ansehen und danach wie die Stewarts bei F1-Rennen ein Urteil fällen? Fragt man bei der NSA nach? Ich habe schon alleine aufgrund der schieren Anzahl an täglichen Online-Partien meine Zweifel, dass das alles so funktioniert wie versprochen. Klar: Die Aufzeichnungsfunktion der neuen Konsole könnte dazu dienen, eine Beschwerde mit einem Videobeweis zu untermauern. Aber ist das alles den Aufwand wert? Reicht es nicht einfach aus, einen unfairen oder nervigen Mitspieler für zukünftige Online-Partien zu blockieren und gut ist?

Nein! Denn dann ist es zu spät und man hat seine negative Online-Erfahrung bereits gemacht. Genau das will Microsoft aber mit dem Reputationssystem verhindern: Hier soll schon im Vorfeld dafür gesorgt werden, dass z.B. durch Filtereinstellungen in Lobbys oder beim Matchmaking nur Zocker zusammengewürfelt werden, die von ihrer Spielweise auch gut zusammenpassen. Von mir aus gerne! Die Aussicht auf Belohnungen – und sei es nur ein Abzeichen – dürfte ebenfalls dazu beitragen, dass man sich im Umgang mit anderen ordentlich verhält - „Fair geht vor“. Allerdings darf man nicht vergessen, dass Spieler auch nur Menschen sind. Und Menschen machen Fehler oder nutzen Vorteile, selbst wenn sie eine weiße Weste tragen: Ich habe beim Heransaugen im Windschatten auch schon das eine oder andere Mal den Bremspunkt verpasst und bin meinem Kontrahenten ins Heck gebrettert. Oder habe mir meine Sporen in einem Shooter als Camper verdient. Reputation hin oder her, sollten auch die Entwickler mehr in die Pflicht genommen werden, für ein tolles Online-Erlebnis zu sorgen, bei dem Fehlverhalten Konsequenzen hat – so z.B. durch Anti-Cheat-Maßnahmen, Verwarnungen und Sperrungen. Aber eben auch durch Designentscheidungen: Ein Forza Motorsport 5 ist aufgrund des fehlenden Strafsystems geradezu eine Einladung für Pisten-Rowdies. Und warum wird ein identifizierter Camper nicht automatisch nach einer Weile der Bewegungslosigkeit für alle Spieler des gegnerischen Teams als solcher markiert? Es liegt in der Natur des Spielers, Vorteile zu nutzen, wenn sie sich ihm ergeben. Doch jeder gute Entwickler sollte es sich zur Aufgabe machen, diese Vorteile in einen Rahmen einzubetten, bei dem es immer noch fair zugeht und frustrierende Lücken zu schließen, mit denen ein Großteil der Mitspieler benachteiligt oder ebenfalls zum Cheaten gezwungen werden. Die Spiele selbst müssen bereits ein erstes Stoppzeichen gegen Nervensägen und Aggro-Typen setzen: Ein Mistkerl stört mit seinem Gequassel die ganze Gruppe oder hält den Verkehr auf? Dann gebt den Teilnehmern die Möglichkeit, ihn durch eine demokratische Abstimmung aus der Lobby zu werfen oder ihn zumindest stumm zu schalten. Das Rennspiel verkommt zum frustrierenden Autoscooter? Dann baut gefälligst ein Straf- oder Schadenssystem ein! Im Ansatz findet man solche Gegenmaßnahmen bereits, doch insgesamt sind sie immer noch zu selten oder nicht effektiv genug.  

Sollte das geplante Reputationssystem nur ein bisschen dazu beitragen, das Erlebnis bei Onlinespielen mit Fremden zu verbessern, ist es für mich schon ein großer Gewinn und ich würde es auch auf anderen Plattformen von der PS4 über Wii U bis hin zu Steam begrüßen. Allerdings habe ich noch meine Zweifel, ob das Konzept tatsächlich so verlässlich funktionieren wird wie von Microsoft versprochen und den Usern nicht weiterhin Negativ-Bewertungen nach dem „Wie-du-mir-so-ich-dir-Prinzip“ um die Ohren gehauen werden. Bleibt noch Plan B, der für mich derzeit am besten funktioniert und für den ich weder ein Reputationssystem noch Anticheat-Maßnahmen brauche: Ich spiele online einfach mit meinen Freunden, zocke lokal am geteilten Bildschirm oder feier eine LAN-Party.


Michael Krosta
Redakteur
  
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Kajetan schrieb am
HardBeat hat geschrieben:Ansonsten kann ich das nur unterschreiben, gibt halt zu viele Loser da draußen die nur durch cheaten ein Erfolgserlebnis in ihren sonst leeren Leben herbeiführen können...
Das ist auch ein Teil des Problems. Moralinsaure Überheblichkeit auf Seiten derjenigen, die meinen etwas besseres zu sein. Führt dann in der Regel zu Forderungen, dass "jemand mal was dagegen tun soll", anstatt dass man selber aktiv wird. Denn warum selber aktiv werden, wenn man doch "im Recht" ist?
Das führt dann dazu, dass solche Leute lautstark z.B. Bannwellen und Reputationssysteme zur Cheater-Kontrolle befürworten, weil " da jemand mal was gemacht hat", anstatt zu begreifen, wie sinnlos solche Aktionen sind und das erst dann Ruhe im Karton ist, wenn man die Möglichkeit hat sich selber auszusuchen, mit wem man zusammenspielen möchte und mit wem nicht. Denn Cheaten ist menschlich (jeder bescheisst, wenn nicht im Spiel, dann das Finanzamt oder den Ehepartner oder den Arbeitgeber) und Probleme entstehen erst dann, wenn Uneinigkeit darüber herrscht, welche Regeln in welchem Kontext in welchem Ausmaß gebogen oder gebrochen werden können und welche nicht. Keine Probleme gibt es nur dann, wenn alle Mitglieder einer Gruppe sich darüber einig sind, was wann wie auf welche Weise zu gelten hat. Deswegen ... dedizierte Server* :)
*oder andere Möglichkeiten/Features sich selber aussuchen zu können, mit wem man zusammenspielen will.
HardBeat schrieb am
Ähnlich nervig sind die Labertaschen, die entweder generell nur Dünnpfiff von sich geben oder Wortgefechte mit Frau und Kindern bei eingeschalteten Headset austragen müssen, damit auch alle was davon haben. Mindestens ebenso unterhaltsam sind die Witzbolde, die meinen, ihre Lieblingsmusik allen anderen Teilnehmern über das Headset aufdrängen zu müssen. Was habe ich nicht schon alles an nervigen Geräuschen und überflüssigem Wortsalat aus meinem Headset oder meinen Lautsprechern ertragen müssen!
Kann man ganz einfach umgehen: Headset abschalten und den Spielesound genießen...anders würde ich gar nicht mehr spielen...
Ok bei Shootern mit Taktik nicht wirklich sinnvoll, aber bei allen anderen Spielen (Racing, Sport etc) doch immer eine gute Wahl!
Ansonsten kann ich das nur unterschreiben, gibt halt zu viele Loser da draußen die nur durch cheaten ein Erfolgserlebnis in ihren sonst leeren Leben herbeiführen können...
Bambi0815 schrieb am
Langsam muss man gegen die Cheater was tun. Man ist immer Opfer wenn man ehrlich ist.
Wie im richtigen Leben.
Temeter  schrieb am
Scipione hat geschrieben:Hier sollen die Symptome einer Krankheit gemildert werden, die man selber erst geschaffen hat.
Entwickler reden zB so gern über das tolle Teamplay in ihren Shootern, aber in Wirklichkeit fördern sie mit diesem ganzen modernen Challenge und Achievement Quark ein egoistisches Einzelspieler Verhalten.
Habs erst küzlich in einem anderen Thread schon geschrieben... früher haben Spieler häufig freiwillig das Team gewechselt, wenn es zu unausgeglichen war. Das war bestimmt nicht nur so, weil Spieler früher netter waren, sondern mit Sicherheit auch, weil es kein System dahinter gab, das sie zu einem möglichst egoistischem Asi Verhalten angetrieben hat. Wenn es keinerlei Statistik oder pers. Achievements gibt, dann steht halt nur der eigentliche Spielspass im Vordergrund. Es ist vollkommen wurscht ob man gewinnt oder verliert oder welche K/D Ratio man hat, wird ja sowieso nirgendwo verzeichnet. Man will natürlich immer noch gewinnen, aber nicht mehr mit allmöglichen Mitteln, und man benutzt die Klassen/Waffen/Ausrüstungen, die im gegegwärtigen Spielverlauf am sinnvollsten sind, statt persönlichen Achievements nachzujagen.
Es ist ja auch bezeichnend, dass es in Spielen in denen es ranked und unranked Matches gibt, in letzteren immer gesitteter zugeht.

Umschreibt das Problem sehr gut, auch wenn ich bezweifle, dass es früher wirklich besser war. Counterstrike z.B. ist immer berüchtigt gewesen.
Aber heutzutage sind zumindest die großen MP-Shooter teils sogar auf Solisten ausgelegt. Gerade Titanfall ist ein prima Beispiel, mit seinen Bots, den winzigen Teams und dem Movement, welches kaum Platz oder Motivation für Teamkoordination bietet.. Das setzt eine Tradition fort, die schon mit den modernen CoD begann. Wobei z.B. in MW2 die Motivation blieb, dass die Teamkameraden in den verwinkelten Levels wenigstens noch als Meatshields und Spotter dienen konnten.
Natural...
AtzenMiro schrieb am
Steed hat geschrieben:
Usul hat geschrieben:
Steed hat geschrieben:Und in Sachen cheater vielleicht sollten cheater angezeigt werden und das gleich verfahren erleiden wie Raubkopierer. Über den Internet Hoster aufspüren und dann gleich den Arsch vor Gericht zerren. Und wenn das Cheaten nur minimal zurückgeht ist das schon eine Hilfe.
Abgemacht! Aber nur dann, wenn unsinnige Beiträge in öffentlichen Foren auch genau so behandelt werden!
Bist du sicher? Dann wer deine Antwort und die von Kajetan die Ersten die betroffen sind (Ich pranger nicht euer gegen Gegenargument an sonder die Art und weise, wie ihr es ausdrückt).
Im Grunde verstößt das cheaten nehmlich gegen die Richtlinien eines Spiels und schadet dem Spiel und somit auch den Betreiber des Spiels. Wenn man Cheatet Weiß man was man tut und sollte dafür belangt werden genau so wie, wenn man es für nötig hält, Raubkopien zu machen.
Vielleicht ist es etwas drastisch das gebe ich zu, aber wenn man die Grenzen nicht aufzeigt, wird sich nicht wirklich ändern.
Ich habe jetzt zwar keine Zahlen aber ich kann mir sehr gut vorstellen das seid dem Raubkopien so hart bestraft werden die Zahl an Raubkopieren zurückgegangen ist.
Nur stellt das Cheaten kein Strafbestand dar und somit ist das auch nicht ahnbar. In so einem Fall kann nur der Spielebetreiber selbst eingreifen und einen Cheater permanent aus dem Spiel ausschließen. Ob das aber dann auch rechtens ist, soll an anderer Stelle geklärt werden. Mir ging es nur um die Optionen, die man hat um gegen Cheater vorzugehen. Die beste Option bleibt aber weiterhin die Kontrolle den Spieler in die Hand zu geben. in Counter-Strike, das ein Ruf weghat als Cheat-verseuchtes Spiel überhaupt (was gar nicht zutrifft), funktioniert das nämlich wunderbar. Aber dazu braucht es natürlich auch dedizierte Server.
Und nur mal...
schrieb am

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