Der ganz normale Widerspruch

20.11.2014, Autor:

"Wieso hat Hü aus dem Jahr 2008 eine höhere Wertung als das aktuelle Hott? Dann müsste es ja das bessere Spiel sein - lächerlich! Warum wird das nicht mal abgewertet? Und überhaupt: Euer Archiv ist voller Ungereimtheiten, da fehlt jegliche Konsequenz! Ihr messt mit zweierlei Maß, ihr berechnet falsch, ihr testet komisch. So blickt man doch als Käufer gar nicht mehr durch. Wo ist denn da die einheitliche Redaktionslinie?"

So ähnlich liest es sich, wenn manche allein die Zahlen am Ende von Spieletests vergleichen, vielleicht noch über Zeiten oder Autoren hinweg. Und ja: Unser fünfzehn Jahre altes Archiv ist – natürlich - voller Widersprüche. Es gibt zwar auch nachvollziehbare Entwicklungen, aber daneben viele dieser komischen Zahlen, die bei strenger Prüfung mit dem Wertungslineal irgendwie schief aussehen. Wie kam bei Hü diese irre 91 zustande, wo Hott doch nur die 83 trägt und besser sein soll? Was für ein Wirrwarr!

Das liegt daran, dass eine Kritik immer ein sensibles Kind seiner Zeit ist. Sie entsteht in einem Kontext, in den nicht nur offizielle Versprechungen des Herstellers, die aktuelle Technik sowie all die Eindrücke einfließen, die ein Tester von der Ankündigung bis zur Veröffentlichung aufnimmt. Hinzu kommen die Impulse, die andere Abenteuer und direkt vergleichbare Spiele in den letzten Wochen und Monaten hinterlassen haben. Dazu gehören auch wechselnde Mentalitäten: Tester entwickeln sich (hoffentlich), was Ansprüche und Vorlieben betrifft. Ich habe mal eine Gänsehaut im Kino bei Braveheart bekommen – zwanzig Jahre später kann ich Mel Gibson kaum noch sehen.

Bereue ich manche Wertungen? Oh ja – nicht wenige! Im Nachhinein würde ich Shadow of the Colossus gerne monumentale 95% und Gothic 3 die konsequenten 35% geben. Ich würde die meisten Versionen von PES und FIFA vielleicht um jeweils zehn bis dreißig Prozent anpassen, weil ich erst jetzt die wesentlichen Brüche erkenne. Und ihr werdet sicher noch zig andere Empfehlungen für all die "Wertungsverfehlungen" parat haben. Nach aktuellen Tests füllen sich dann die Threads mit Forderungen nach Auf- oder Abwertungen, weil eine Wertung irgendwie nicht mehr zu dem zu passen scheint, was man damals lobte oder kritisierte.

Aber ein nachträgliches Korrigieren wäre Unsinn. Was hätte ich davon, wenn ich mit dem Wissen aus dem Jahr 2014 ein Spielerlebnis aus dem Jahr 2012 oder 2006 abwerten würde? Mal abgesehen davon, dass sich Journalisten hüten sollten, ihre Meinungen dem öffentlichen Druck anzupassen: Das hat letztlich auch etwas von Geschichtsfälschung – man manipuliert eine Primärquelle. In letzter Konsequenz sogar noch schlimmer: man verändert bloß eine Zahl, ohne den wichtigen Text umzuschreiben. Und zu welchem Zweck? Nur um im Nachhinein für künstliche Plausibilität zu sorgen? Für so etwas wie Wertungshygiene? Dabei könnte man die Widersprüche einfach als normale Entwicklungen akzeptieren.

Im idealen Fall gelingt einem (außerirdischen) Tester vielleicht eine stets nachvollziehbare, vollkommen logische und relativ chronologische Einschätzung plus Wertungsentwicklung, mit der er noch nach zehn Jahren genauso zufrieden ist wie all seine Leser – da passt einfach jedes Prozent wie angegossen. Da bereut man keinen einzigen Test, da gibt es eine ganz saubere Gerade. Ich bin allerdings bisher keiner dritten Art begegnet, der das gelungen wäre. Selbst jenen Magazinen, die sich objektiv nennen, gelingt das nicht. Selbst jenen, die Toaster oder Autos testen, gelingt das nicht.

Denn schon der Anspruch ist naiv. Er beruht auf der dummen Prämisse der mathematischen Messbarkeit von Unterhaltung. Ja, touché: Wir wissen selbst, wie blöd diese Zahl aus kultureller Perspektive am Ende ist. Und wir haben schon oft versucht zu erklären, warum wir sie aus strategischer Sicht trotzdem brauchen: weil wir ohne sie empfindlich an Relevanz und Lesern verlieren würden. Man stelle sich vor, in Fußballspielen würde plötzlich das Ergebnis wegfallen. Wer kommt noch ins Stadion, weil da „schön gespielt“ bzw. „gut argumentiert“ wird? Die Leute wollen Tore, Sieger und Verlierer.

Aber wir sind uns der Austauschbarkeit von Nullen und Einsen am Ende so bewusst, dass wir ja die Option anbieten, die Wertung abzustellen – was nicht mal fünf Prozent nutzen. Wenn man Kritik wirklich ernst nimmt, dann kann es  natürlich keine absolute Berechnung und damit auch keine einheitliche Linie geben. Und zwar weder innerhalb eines Magazins noch innerhalb der Vita eines Kritikers.

Wir werten auch deshalb nicht auf oder ab, weil es letztlich gar keine Wahrheit gibt. Wer im Rahmen von Spieletests von „Abweichungen“ spricht, glaubt tatsächlich an eine Norm. Wer stellt die denn auf? Es gibt nicht diese einzig gültige, vollkommen klare und unbestreitbare Wertung für ein Spiel. Die wird einem nur vom größten Feind guter Kritik vorgegaukelt: dem Schnitt. Und die wird von seinem besten Kumpel untermauert: dem Gleichschritt. Der entsteht schon, wenn man drei abweichende Meinungen aus einer Redaktion auf eine zurechtharmonisiert, damit sie besser ins Bild passt. Das ist wie Wasser in den Wein.

Es gibt aber immer einen Spielraum zwischen 0 und 100, zwischen ungenügend und ausgezeichnet – oder wie man das immer bemessen mag. Dazwischen ist immer nur eines, und zwar in hundert Facetten: Meinung, Meinung, Meinung. Die eine ist nie wahrer als die andere, sondern höchstens nachvollziehbarer argumentiert oder interessanter geschrieben. Deshalb darf man sich erst gar nicht von internationalen Wertungen einlullen und auch nicht immer vom eigenen Archiv beeinflussen lassen. Wie wirkt dieses Spiel hier und jetzt auf deinem Bildschirm? Nur darum darf es gehen.
Falls gerade die deutsche Spielepresse etwas braucht, dann sind es noch mehr markante Standpunkte, noch mehr kreative Abweichungen – auch innerhalb der Art und Weise, wie man an Tests herangeht.  Die Spielepresse ist nicht dann gesund, wenn alle brav in einen Singsang der „Metacritical Correctness“ einstimmen, sondern erst dann, wenn sie darauf pfeifen und sich heftig in der Einschätzung von Spielen unterscheiden. Nur wenn man den Widerspruch als wertvollen Teil der Kritik akzeptiert, gewinnt der Leser auch mehr Vielfalt.


Jörg Luibl
Chefredakteur


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