Der 4Players Kommentar: Was Halo erzählerisch von Call of Duty lernen kann

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 46
Donnerstag, 12.11.2015

Was Halo erzählerisch von Call of Duty lernen kann


Es ist schon erstaunlich, welch großen Unterschied ein kleines Wort machen kann. Manch einer könnte es im Finale von Call of Duty: Black Ops 3 glatt verpasst haben, weil z.B. ein Freund im falschen Moment dazwischen gequatscht hat. (Und wer den Moment noch nachholen will, sollte in Anbetracht der massiven Spoiler lieber gar nicht erst weiterlesen!)

Eine einzige Sekunde stellt direkt vorm Abspann noch einmal die komplette Geschichte auf den Kopf - und genau das macht sie für Fans von The Prestige, Inception & Co. so interessant. Natürlich wirken die Dialoge und die dramaturgische Umsetzung nicht so geschliffen wie bei Nolan. Im Gegensatz zu Halo 5 hat mir Black Ops 3 aber etwas mit auf den Weg gegeben, das mich Tage nach dem Durchspielen noch beschäftigt. Für viele Serienfans mag es ärgerlich sein, dass sich die Handlung nur selten auf die Vorgänger bezieht. Ich bin aber froh darüber, dass Treyarch das erzählerische Experiment wagt, das im Finale einige Dinge aufklärt, aber trotzdem viel Interpretationsspielraum lässt.

Stundenlang hatte ich all das esoterische Wirrwarr über mich ergehen lassen. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob der Wust neuer Namen, Gadgets, Fraktionen und psychedelischer Grenzerfahrungen irgendwann einen Sinn ergibt - ob der spielerisch oft monotone Trip durch die Techno-Schießbude wenigstens erzählerisch belohnt wird. Und siehe da: Nach vielen platten Kämpfen hatte ich im letzten Drittel beinahe schon den Eindruck, das Spiel durchschaut zu haben. Ich stecke mitten im Kampf gegen die KI, die ein eigenes Bewusstsein entwickelt hat – ich liebe dieses Thema einfach! Es mag durchgeknallt klingen, aber im Endeffekt arbeitet unser Gehirn schließlich auch nur mit elektrischen Impulsen zwischen Nervenzellen. Kann vielleicht irgendwann auch eine KI ein Ichbewusstsein entwickeln? Schwer zu sagen.

Umso interessanter, dass dieses Call of Duty nach der Motivation von „Corvus“ fragt, einer traumatisierten künstlichen Intelligenz, die fast ausschließlich aus negativen Erfahrungen menschlicher Versuchsopfer besteht. Rebelliert sie deswegen wie ein Mitglied der Friedensbewegung gegen ihre „Eltern“? Will sie ihre Söldner lediglich ins sichere digitale Nirvana retten? Wer die Welt der Menschen nur mit Leid und Gewalt in Verbindung bringt, empfindet den (vermeintlichen) Bewusstseins-Transfer in die digitale Welt vermutlich als Reise an einen besseren Ort. Ein elektronisches Gegenstück zum christlichen Himmel.

Aber hält die KI den eigens kreierten Limbus überhaupt für das gelobte Land oder ist er nur eine Falle, damit Corvus wieder in die reale Welt entfleuchen und andere Computersysteme hacken kann? Diese Fragen sind vor allem daher spannend, weil die KI den Sinn ihres Wirkens nicht zu kennen scheint. Immer wieder fragt sie nach dem Grund ihrer Existenz und dem wahren Ort des „vereisten Waldes“, der in den beruhigenden Worten des Hypnotiseurs doch so idyllisch beschrieben wurde. Manch einer spekuliert auch, dass sich das kurze Wort vorm Abspann auf eine ganz andere Weise deuten lässt. Wie genau möchte ich hier nicht verraten - falls ihr doch noch Lust bekommen habt, die Kampagne selbst durchzuspielen.

Als ich Missionen zum zweiten Mal anging, sah ich manche versteckten Hinweise zumindest mit anderen Augen. Genau solche erzählerischen Ansätze machen das Genre Science-Fiction für mich interessant. In diesem Punkt können sich Konkurrenten wie 343 Industries ruhig mehr von diesem Call of Duty abschauen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das als Halo-Fan mal sagen würde.

Jan Wöbbeking
Redakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Mayhem89 schrieb am
Alking hat geschrieben:Ich bin großer Halo Fan. Halo 5 war das schlechteste Halo was ich bisher gespielt habe. Die Story war ein einziger Murks, den man selbst als Halo Fan nicht kapieren konnte.
BO3 hingegen hat mir sehr gut gefallen. Umfang, Abwechslung, Dramaturgie. Alles war auf einem schönen Popcorn Niveau. ABER: Auch da haben wir (wir haben es im 4er Koop gespielt) nicht genau kapiert worum es ging. Vielleicht muss man da echt einen zweiten Durchgang wagen.

Was gab es in der Story denn nicht zu verstehen O.o .
Spoiler: anzeigen
Cortana hält sich und die anderen K.I.s für die auserwählten für die große Aufgabe nachdem sie mit der Domäne verbunden war.
Da ist absolut nix über kompliziertes in der Handlung ^^
Leon-x schrieb am
TheGamer-X hat geschrieben:was soll man dazu sagen. Halo 5 ist halt nicht mehr von Bungie . Sonst wäre sicher vieles anders.

Du meist Halo wurde storytechnisch dann den Umfang von Destiny einnehmen. Ja da merkt man dass es Bungie noch drauf hat. ;)
Problem ist eher bei einer Serie wie Halo dass man nicht ewig das Gleiche aufbieten kann. Ständig die selben Gegner geht auf Dauer nicht. Man kann dieses Gefühl der ersten Teile nicht bis Teil 6 und 7 mitnehmen. Irgendwie miss sie eine Reihe auffrischen. CoD oder Final Fantasy können es ausgleichen weil man es in einer anderen Welt oder Zeit einfach ansiedelt und haufenweise neue Charaktere einbringt.
Halo hat aber ein festgesetztes Universum mit bestehenden Charakteren. Hier und da kommt halt neues hinzu ohne gleich alles umzukrempeln.
Zudem sollte man für die neuen Teile die ganzen Serien gesehen haben um die Hintergrundgeschichte einiger Leute zu wissen.
Halo 6 hat jetzt wieder die Chance nach der Abwechslung etwas Altes wieder zu bringen. Vorausgesetzt man kennt das Legendary Ending.
Randall Flagg78 schrieb am
Also ich bin ja ein CoD Verachter erster Güte, aber das klingt mal interessant. Ich hab letztens Ex Machina gesehen, den ich wirklich klasse fand und der in die gleiche Kerbe schlägt.
Das Thema gab es schon oft, aber so gut umgesetzt hab ich es selten gesehen. Vor allem weil der Film dem Zuschauer Intelligenz zutraut, auch auf die Gefahr hin, dass einige ihn nicht verstehen. Das dies so ist, sieht man in zahlreichen Kommentaren, auf den verschiedenen Plattformen. Aber so etwas ist mir 1000x lieber als wenn dem Zuschauer jede Handlung bis ins kleinste Detail erklärt wird, damit es auch jeder kapiert. Leider ist das in Videospielen fast ausschließlich so.
Das nun CoD auch etwas davon zu bieten scheint, dass überrascht angenehm. Ich werde mal rein schauen, wenn es mal irgendwo günstig zu haben ist. Vielleicht in einem Jahr oder so.
Halo hat mich irgendwie noch nie gereizt. Ich hab die ersten 3 Teile gespielt, den vierten schon nicht mehr. Ich hatte immer ein Problem mit den Gegnern, die ich nie wirklich ernst nehmen konnte. Besonders diese kleinen wuseligen Viecher wirke auf mich einfach nur lächerlich.
Online war immer super, aber ich bin auch kein großer MP Spieler. Wobei mich an Halo 5 der Warzone Modus reizt. Aber das ist mir nicht genug, da ich die Story wohl eh nicht verstehen würde.
Finsterfrost schrieb am
Black Ops III ist tatsächlich auch meine Überraschung des Jahres. Das Ding ist einfach große Klasse, hätte ich von einem Call of Duty so nicht mehr erwartet.
Alking schrieb am
Ich bin großer Halo Fan. Halo 5 war das schlechteste Halo was ich bisher gespielt habe. Die Story war ein einziger Murks, den man selbst als Halo Fan nicht kapieren konnte.
BO3 hingegen hat mir sehr gut gefallen. Umfang, Abwechslung, Dramaturgie. Alles war auf einem schönen Popcorn Niveau. ABER: Auch da haben wir (wir haben es im 4er Koop gespielt) nicht genau kapiert worum es ging. Vielleicht muss man da echt einen zweiten Durchgang wagen.
schrieb am

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