Der 4Players Kommentar: PlayStation 4 Pro: Viel Lärm um Nichts!

4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell. 4Players.de Das Spielemagazin. Kritisch. Ehrlich. Aktuell.

Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 36
Freitag, 09.09.2016

PlayStation 4 Pro: Viel Lärm um Nichts!


So, da ist die Katze also endlich aus dem Sack, der in den letzten Tagen und Wochen schon immer durchsichtiger wurde: In New York hat Sony neben einer Slim-Version der PS4 die technisch aufgepeppte Neo-Variante vorgestellt, die man sogar noch in diesem Jahr unter dem Namen PlayStation Pro unters Volk bringen wird.

Diverse Revisionen gab es schon bei der ersten PlayStation, aber mit dem leistungsfähigeren Pro-Modell versucht sich Sony jetzt an einem Kunststück, an dem zuvor alle Konsolen-Hersteller von Sega mit dem 32X bis hin zu Nintendo mit dem 64DD oder seinem Expansion Pack fürs N64 gescheitert sind. Mehr Leistung innerhalb einer Generation – ist so etwas überhaupt sinnvoll? Ja! Wenn man die Konsolen nach Installationszwang und Patch-Wahnsinn jetzt endgültig zu PCs umfunktionieren will! Ich habe meinen Schwerpunkt beim Spielen vor vielen Jahren auch deshalb wieder vom PC auf die Konsole verlagert, weil ich keine Lust mehr auf den ständigen Aufrüstungszwang hatte, um Spiele in optimaler Qualität zu erleben. Stattdessen bekam ich mit Xbox, PlayStation & Co geschlossene Systeme mit perfekt aufeinander abgestimmten Komponenten, die auf einen Konsolenzyklus von fünf oder mehr Jahren ausgelegt waren. Sie waren eine Investition in die Zukunft. Vor allem aber konnte man sich durch den Verzicht auf Hardware-Upgrades sicher sein, dass sich die Entwickler eingehend mit der Hardware beschäftigen und mit vielen Kniffen das volle Leistungspotenzial der Plattformen ausschöpfen würden.

Und jetzt schmeißt Sony schon nach nicht mal drei Jahren seit Einführung der PS4 einen gefühlten Mini-Nachfolger auf den Markt, wirbelt mit Begriffen wie 4K oder HDR herum und spaltet seine florierende Community de facto in eine Zweiklassengesellschaft. Und wofür das Ganze? Um den Leuten einen Anreiz zu suggerieren, sich entweder einen 4K-Fernseher anzuschaffen oder ihnen das Gefühl zu vermitteln, erst mit der vorgestellten Pro-Variante dessen überragende Bildqualität zur Geltung bringen zu können. Das hörte sich in New York aber auch alles toll an: Doppelte Prozessor-Power! Viel mehr und viel, viel schnellerer Speicher! Traumhafte Kulissen im traumhaften 4K bei traumhaft hohen Bildraten mit traumhaft schönen Farben dank HDR!

Und was bekommt man tatsächlich? Eine Hardware, die bei all dem Lobgesang auf 4K und der Leistungssteigerung mangels Rechenpower überhaupt nicht dazu in der Lage ist, native 4K-Auflösungen für 3D-Spiele zu realisieren, sondern sich stattdessen auf eine gute Skalierung verlässt, wie es z.B. auch unsere aktuelle News rund um den 4K-Patch zu The Witness zeigt. Diese 4K-Vision wird sich mit der PlayStation Pro genauso schnell als heiße Luft entpuppen wie das 1080p-Versprechen bei der PS3-Generation. Wenn Guerilla Games von seinem Horizon: Zero Dawn in 4K schwärmt oder Activision für Call of Duty: Infinite Warfare ein 4K-Erlebnis mit einer Darstellung von 60 Bildern pro Sekunde verspricht, dann hört sich das sicher toll an, ist aber nur die halbe Wahrheit. Böse gesprochen könnte ich auch ein Spiel vom C-64 nehmen, den Pixelbrei auf 3840 × 2160 hochskalieren und es anschließend als 4K-Erlebnis anpreisen. Klar wird man im Vergleich zur Standard-PS4 grafische Fortschritte der Spiele an der Pro erleben - davon bin ich fest überzeugt. Und vielleicht wird ein natives 1080p/60 endlich zur neuen Norm, die man eigentlich schon von der normalen PS4 und Xbox One hätte erwarten dürfen, wenn Sony und Microsoft nicht nur einen mittelklassigen Spiele-PC in den Gehäusen verbaut hätten, um mit einem möglichst günstigen Preis zu locken und die Hardware nicht übermäßig subventionieren zu müssen. Für mich ist die PS4 Pro deshalb die Konsole, die die PS4 und Xbox One schon vor drei Jahren hätten sein müssen!    

Für HDR, das für Entwickler bei Naughty Dog die Zukunft darstellt, ist die Pro-Variante sogar gar nicht nötig, da Sony die Funktion auch für die alten Standard-Modelle per Firmware-Update nachreichen will. Dafür aber ein teurer 4K-HDR-Fernseher und die Hoffnung, dass sich die Hersteller irgendwann auf einen Standard einigen werden, denn derzeit kocht z.B. Dolby mit seinem Dolby Vision bereits ein eigenes Süppchen neben dem HDR-10-Standard, während andere Hersteller wie Philips oder Technicolor ebenfalls eigene Ansätze für HDR-Bilder entwickeln wollen. Was auch zur Frage führt, welchen der Standards Sony überhaupt unterstützen bzw. im Zusammenspiel mit der PlayStation erlauben wird... Ich sehe schon fluchende Besitzer von 4K-Geräten, bei denen die HDR-Vorteile aufgrund von Problemen mit den unterschiedlichen bzw. nicht einheitlich vorhandenen Standards gar nicht zur Geltung kommen.

Zugegeben: Die Vorteile von 4K und HDR lassen sich in einem 1080p-Livestream am FullHD-TV nur schwer rüber bringen und so lassen sich die rein visuellen Fortschritte von hier aus nur schwer abschätzen. Trotzdem sehe ich hinter all dem 4K-Hype im Zusammenhang mit der PS4 Pro vor allem eines: eine Mogelpackung! Dass die Konsole als Premium-Modell für 4K zudem nicht mal in der Lage ist, die neuen UHD-Medien auf Blu-ray abzuspielen, spricht ebenfalls Bände. Hat Sony schon jetzt kein Interesse mehr daran, die Scheiben mit ihren ultrahochaufgelösten Inhalten als zukünftigen Standard zu etablieren? Immerhin war die PS3 damals einer der entscheidenden Faktoren beim Sieg der Blu-ray über die HD-DVD. Und so könnte auch die PS4 Pro sicher ihren Teil dazu beitragen, die UHD-Blu-ray salonfähiger zu machen. Stattdessen setzt man auf Streaming-Dienste wie Netflix für das Konsumieren von 4K-Inhalten, wie Andrew House als Präsident von Sony Interactive Entertainment gerade als Rechtfertigung anmerkte. Ja, ausgerechnet Streaming, das selbst mit recht flotten Leitungen heute noch oft genug damit zu kämpfen hat, überhaupt ein halbwegs ordentliches HD-Bild durch die Internetleitungen zu pumpen. Vielleicht wäre der Download von 4K-Material noch eine sinnvolle wenn auch zeitaufwändige Alternative. Doch dann würde man noch schneller an die Grenze der unfassbar mäßigen Ausstattung der 1TB-Platte stoßen...

Trotzdem ist der Preis mit 399 Euro für die Pro-Variante attraktiv, das muss man Sony lassen. Hätte ich noch keine PS4-Konsole im Wohnzimmer, wäre das neue Premium-Modell meine erste Wahl. Warum sollte man auch zur Slim greifen? Dafür gibt es ja noch weniger Gründe, als sich noch ein altes Standard-Modell zu sichern, das bei vielen Elektronikmärkten seit der Ankündigung regelrecht verramscht wird. Deshalb fällt es mir auch schwer, überhaupt den Sinn hinter der Slim-PS4 zu erkennen: Für 100 Euro mehr bekomme ich schon die Premium-Variante, für 100 Euro weniger die alte Standard-Konsole. Wer braucht da eine Slim?

Viel wichtiger dürfte ab November aber die Frage werden, sich zwischen dem Standard- und dem Premium-Modell bzw. für oder gegen das Upgrade zu entscheiden. Dabei werden vor allem die Qualitätsunterschiede ausschlaggebend sein: Wird ein PS4-Spiel auf der Pro nur ein bisschen schicker aussehen und ein paar mehr Effekte auf den Bildschirm zaubern? Ach, kein Ding. Braucht man vielleicht nicht unbedingt. Doch sollte es zunehmend Unterschiede bei Performance und Inhalten geben, könnte es viele Nutzer zum Wechsel bewegen, gleichzeitig aber auch für einen zunehmenden Unmut und eine Spaltung innerhalb der Community sorgen. Was ist, wenn Besitzer der normalen PS4 irgendwann nur noch mit lieblosen Downgrades abgespeist werden, die z.B. nur noch Matsch-Texturen, eine halbierte Bildrate, halbherzige Qualitätskontrolle oder sogar Einschränkungen bei Online- und Mehrspielermodi bieten? Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die PS4-Software entwickelt, wenn die Studios nicht mehr unbedingt dazu gezwungen sind, das Maximum aus der alten Hardware herauszuholen... Wer eine flüssige Darstellung oder ein optimales VR-Erlebnis erhalten möchte, könnte über kurz oder lang dazu gezwungen werden, zum Premium-Modell zu greifen.               

Es ist aber auch verführerisch, wenn Microsoft und Sony zu Apple rüber schielen und dabei sehen, wie viele der Jünger ihr Geld bereitwillig Jahr für Jahr in mitunter spärliche Hardware-Upgrades investieren und diese Entwicklung sogar bejubeln. Oder wenn man die Entwicklung am PC betrachtet, wo viele Technik-Enthusiasten offenbar dazu bereit sind, regelmäßig viel Geld in die Aufrüstung ihres Rechenknechts zu stecken, um die Spiele in überragender Qualität auf dem Bildschirm zu genießen.

Aber der PC gibt mir immerhin die Freiheit, Details bei aktuellen Spielen zur Not immer weiter nach unten zu schrauben und Kompromisse einzugehen, bevor ich mir zwingend eine neue Grafikkarte in den Warenkorb legen muss. Meine Konsolen habe ich mir auch deshalb zugelegt, um mir darüber keine Gedanken machen zu müssen. Die geschlossenen Systeme waren nicht nur ein Garant für eine Leistungssteigerung innerhalb der Generation ohne zusätzliche Hardware, sondern auch eine Investition für viele Jahre. Dem setzen Sony mit der Pro und Microsoft mit der kommenden Scorpio-Konsole ein Ende und ich stelle mir die Frage: Wenn die Konsolen jetzt mit Hardware-Upgrades innerhalb einer Generation immer weiter zum PC mutieren, warum investiere ich nicht gleich in eine neue Grafikkarte, die der Teraflop-Power eines Project Scorpio schon heute überlegen ist? Bei Sony sprechen immerhin noch die vielen hochwertigen Exklusiv-Marken dafür, diese traurige Entwicklung mitzumachen und kürzere Hardware-Zyklen bzw. eine Zweiklassen-Gesellschaft widerwillig zu akzeptieren. Da wird es Scorpio Ende 2017 schon deutlich schwerer haben, falls Microsoft daran festhält, alle seine großen Marken auch auf dem PC zu veröffentlichen... 

Michael Krosta
Redakteur

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

Jetzt bei amazon.de

 

Kommentare

ChrisJumper schrieb am
Krokatha hat geschrieben:Die kostet natürlich erstmal Geld, da kann man auch gleich ne größere PS4 nehmen und muss nicht dran rumfummeln...
Der Eurogamer hatte da einen schönen Artikel zu: Eurogamer ps4 upgrade
Bei Amazon kostet die aktuell 86,89 ?.
P.s.: Ich lösche halt auch immer Spiele, aber die Patch-Problematik nimmt mit mehreren Spielen halt zu und 1 TB ist da schon angenehmer. Sonst kann man gerade mal die Top 5 an Spielen installiert haben.
Unken Uwe schrieb am
Ja, klar man kann es auch bequemer haben, aber länger als 5 Minuten dauert das nicht. Natürlich kann man sich mit weniger arrangieren oder gleich eine neue kaufen, ist ja alles kein Muß. Ich hatte halt schon in meiner alten PS4 eine 2TB Platte eingebaut und die dann in die Pro gesteckt. Mich nervt so wenig Speicherplatz, deswegen liegt die Vita bei mir auch in der Ecke herum.
sourcOr schrieb am
Die kostet dann aber auch mehr :D
Ich geb lieber weniger aus und arrangiere mich dann mit den 500GB. Mehr brauch ich eigentlich net, ich lösch halt immer Spiele.
Krokatha schrieb am
Die kostet natürlich erstmal Geld, da kann man auch gleich ne größere PS4 nehmen und muss nicht dran rumfummeln...
Unken Uwe schrieb am
Krokatha hat geschrieben:Generell macht sicher jede PS4 Sinn, die 1TB hat.
Du kannst dir auch einfach eine größere Festplatte in deine PS4 einstecken, ist recht einfach.
schrieb am

Facebook

Google+