Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 13
Freitag, 31.03.2017

Danke für Drache und Schwert!


Warum soll ich diesen Fluch brechen? Warum soll ich diesen letzten Kampf in Dark Souls 3: The Ringed City eigentlich bestehen? Ist doch absurd! Dann beende ich ja diese abenteuerliche Reise, die vor acht Jahren mit Demon’s Souls begann. Dabei ist der Weg doch das Ziel! Und überhaupt: Ich hatte doch so eine unheimliche Freude zwischen all den Gestrandeten und Gequälten, zwischen all den Drachen und Dämonen. Dieses Glücksgefühl des letzten Schlages, dieser süße Geschmack von Estus und diese stets wachsende Seelenmacht – all das soll verloren sein? Einfach nein! Ich könnte doch auf ewig durch diese in sich verdrehte Stadt wandern und…

…ähm, Entschuldigung. Dieser kindliche Trotz. Ich war wohl in wirren Gedanken gefangen. Oder sind das schon die ersten Entzugserscheinungen? Als bekennender Soulholiker sitze ich ja bald auf dem Trockenen. Ist aber auch kein Wunder, denn im letzten Kapitel ver-rückt einem From Software nochmal gehörig die Sinne. Man taucht ab in eine in sich verdrehte Landschaft, die mit steilen Abgründen, skurrilen Bäumen und windschiefen Türmen aussieht, als hätte sie ein Riese voller Wut entwurzelt - besser hätte man das aus den Fugen geratene Gleichgewicht nicht visualisieren können. Und ist es nicht schön hier? Warum nicht nach tausenden Kämpfen mit all den Blumen verweilen?

Kaum kann man diese Welt als tapferer Ritter von ihrem Fluch befreien, stellt man sich plötzlich die Frage nach dem Warum. Natürlich sind das auch rein egoistische Konsumgedanken, denn es soll ja laut From Software keinen weiteren Teil geben. Und ja, das ist angesichts der mit Dark Souls 3 erreichten Reife des Spieldesigns vielleicht ein guter Zeitpunkt für einen Schlusspunkt. Dass aber auch die gestrandeten Charaktere innerhalb dieser apokalyptischen Stadt, am Ende ihrer eigenen Odyssee genau darüber sinnieren, dass man doch auf ewig bleiben könnte, demonstriert nochmal die ganze metaphorische Stärke dieser Fantasy. Der so oft diskutierte Schwierigkeitsgrad, das Gnadenlose oder der Anspruch sind ohnehin nie das Entscheidende gewesen.

Keine Spielereihe der letzten zehn Jahre war auch für andere Designer so prägend und wirkmächtig wie die Soulsreihe. Scheinbar einfache Ansätze der Spannung und Ehrfurcht vor dem Unbekannten wurden konsequent in das Design einbezogen -  wie etwa die Angst vor dem Absprung oder der Respekt vor dem Feind, den man erstmal hinter gehobenem Schild taxiert. Hinter jeder Ecke lauerte das Ungewisse, das ein Abenteuer ausmachen muss. Auf nahezu allen Entwicklerkonferenzen wurde zurecht das reduzierte Storytelling gelobt, das den Spieler nicht auf einem goldenen Pfad mit stets aktualisiertem Tagebuch leitet, das ihn nicht mit hunderten Quests und Minitexten zumüllt, sondern ihn auch über Symbolik, Szenen und Landschaft aufmerksam erleben und entdecken lässt.

Dass man auf seiner Reise fremden Charakteren begegnet, die ihren ganz eigenen Zielen nachgehen, die man je nach Aktion als Feinde oder Gefährten gewinnen oder ganz einfach nie mehr wiedersehen kann, hat auch viel zur Faszination beigetragen. Man konnte ebenso markanten wie bizarren NSC begegnen, die als Veteranen schon Jahre in dieser verfluchten Welt unterwegs waren – und überlebt haben. From Software hat mich im besten Sinne auch zu einem Beobachter gemacht, zu einem weiteren Reisenden, über den sich andere ob seiner heroischen Ziele lustig machen.

Diese kleinen Szenen sind für mich rückblickend wesentlich erinnerungswürdiger als die meisten kompletten Geschichten da draußen. Sie setzten wunderbare Kontrapunkte zu der sonst so blöden Verherrlichung und Verweichlichung des eigenen Avatars, der meist auf einem blinkenden Rollator sitzend mit GPS-Karte und Always-on-Lexikon ins Finale geschoben wird.

From Software hat mit der Soulsreihe ähnliches für die Spielewelt geleistet wie George R.R. Martin mit seinem Lied von Eis und Feuer seit 1996 für die Romanwelt. Auch wenn die Themen und Stimmungen nicht unterschiedlicher sein könnten - dort die machtpolitischen Konflikte im Stile der Rosenkriege, hier die melancholische Odyssee im Stile alter Sagas und gotischen Horrors: Beide haben die von allen Seiten misshandelte, von Elfen und Zwergen überrannte und seicht vor sich hin dösende Fantasy auf neue Art interpretiert - und um außergewöhnliche Mythen bereichert, die es zu erkunden lohnt. Beide haben den Kitsch gekillt, ohne den Kern der Faszination zu ignorieren.

Beide haben den Drachen und das Schwert restauriert.

 

Danke dafür, From Software!


Jörg Luibl
Chefredakteur


PS: Bloodborne 2 wird kommen – das ist so sicher wie der böse Boss hinter dem wabernden Nebel. Man darf nicht vergessen, dass Hidetaka Miyazaki lediglich die Soulsreihe für offiziell beendet erklärt hat.  Es ist nur die Frage, wann und für welche Plattform From Software den Nachfolger ankündigt.

PPS: Falls ihr nicht so lange warten wollt, empfehle ich euch – natürlich neben dem sehr guten Nioh – folgende kleine, aber feine Soulskinder. Zum einen das nur auf den ersten Blick niedliche DarkMaus für den PC, zum anderen das ghostngoblin'eske Salt and Sanctuary für PC, Vita und PlayStation 4.

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Kommentare

Stalkingwolf schrieb am
schwere Spiele lebten vor allem in der Geschichte der Videospiele immer von ihrer guten Story :lol:
James Dean schrieb am
Baralin hat geschrieben: ?
06.04.2017 15:27
Ich muss gestehen, dass mir diese bockschwere Spielereihe ohne Geschichte immer ziemlich gleichgültig war.
Die Souls-Reihe hat eine recht verworrene Geschichte, und dazu noch saugut erzählt. Denn man muss sie sich erarbeiten und kriegt sie nicht schaufelweise ins Gesicht gerieben durch Cutscenes, Dialoge und anderes. Die Haupterzähler in Dark Souls waren immer die Gegenstände und die Spielwelt an sich: Statuen, Gebäude, Ortsnamen, Gegnerdesign.
Flextastic schrieb am
Es hat Geschichte, kannst du natürlich nicht wissen.
Baralin schrieb am
Ich muss gestehen, dass mir diese bockschwere Spielereihe ohne Geschichte immer ziemlich gleichgültig war.
DirtyDirk41 schrieb am
@listrahtes
Auf die kleine "SJW"-Selbstdisqualifkation wurde schon hingewiesen, aber es hilft deiner Argumentation auch nicht, dass deine Kritik sich erst aufs Buch, dann aber ausschließlich auf die Serie bezieht. Da das nicht das selbe ist, musst du schon beim Buch bleiben...
schrieb am

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