Der 4Players Kommentar: Wertung abschaffen?

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 45
Mittwoch, 04.11.2009

Wertung abschaffen?


Das Spiel nimmt Fahrt auf: Es hat die Freaknische der Arcadezeit hinter sich gelassen, erobert immer mehr unseren Alltag, ist von Klein bis Groß nicht mehr nur in Japan beliebt, wird zur Primetime im Fernsehen immer öfter beworben als diffamiert, beschäftigt Wissenschaftler aller Gattungen und prägt unsere Gesellschaft seit zwei Generationen - und Wii sei Dank sogar Senioren. Was mit Pong seinen piepsenden Anfang nahm, hat sich als Kulturgut längst neben Buch und Film etabliert.

Und die Spielepresse? Ist sie mitgewachsen? Falls ja: Muss sie dann nicht endlich die idiotische Wertung abschaffen, die ein virtuelles Erlebnis in Punkte oder gar einzelne Prozente presst? Schließlich handelt es sich doch nicht um Staubsauger-Analysen der Stiftung Warentest! Würde man sich nicht totlachen, wenn Reich-Ranicki den nächsten Roman von Günter Grass nicht nur verreißt, sondern auch noch 38% drunter schreibt? Würde man bei einer Filmrezension von District 9 etwas mit 88% am Ende anfangen können?

Dieses Wertungssystem sorgt zu Recht für intellektuelle Abscheu. In meinem Blog würde ich darauf verzichten und Kritiken ohne Prozente schreiben. Und wenn der Kulturteil einer Tageszeitung auch Spiele neben Filmen, Theateraufführungen oder Literatur bespricht, dann findet man da in der Regel keine Prozente. Aber intellektuelle Bedenken hin, journalistisches Kopfschütteln her: Es gibt auch drei Gründe für eine Prozentwertung - die Tradition, das Internet, den Wettbewerb.

Der erste Punkt ist auf den ersten Blick der schwächste, denn nur weil Generationen von Spielemagazinen etwas Idiotisches gepflegt haben, muss man das ja nicht dumm weiter führen. Man könnte mit dem Verzicht sogar Zeichen setzen! Es kann sein, dass ähnlich wie beim Test zu Dragon Age mehr über den Inhalt eines Tests diskutiert wird. Es kann auch sein, dass man damit jene anspricht, die auch gerne Buch- und Filmkritiken lesen. Aber das ist - bei allem Verständnis- eine Minderheit. Warum? Die Zahl unter einem Test ist ein Teil der kollektiven Tradition, an den sich nicht nur viele Leser seit der Pionierzeit der Printmagazine gewöhnt haben, sondern auch Entwickler und Hersteller. Sie ist ein integraler Bestandteil der Branche - Publisher bemessen den Erfolg eines Spiels oder die Karriere eines Producers nicht nur in Euro, Dollar oder Yen, sondern auch in den Prozenten des internationalen Schnitts.

Wie dämlich das ist, habe ich kürzlich dargestellt. Aber Schulnoten sind auch dämlich - man ist der Willkür von Zahlen ausgesetzt. Allerdings haben Magazine ähnlich wie Lehrer damit auch eine Macht, die in ausgenutzter Form sogar Früchte tragen kann. Wen würde eine spitze Polemik à la "next fucking military shooter is not more than a disappointing weapon porn" von IGN, 1up & Co gegen Call of Duty: Modern Warfare 2 interessieren? Einige Leser, die Kollegen und einen PR-Mann. Wen würde eine 30% von IGN, 1up & Co interessieren? Die ganze Welt, alle Kollegen und die komplette PR-Abteilung von Activision! Man stelle sich den Jubel bei EA, Ubisoft, THQ, Capcom oder Sega vor, wenn gerade die kritischen Magazine auf die Zahl, die neben dem Gewinn so wichtig für künftige Produktionen sein kann, verzichten würden! Ich hätte mich auch gefreut, wenn nur meine Physik-, Religions-, Mathe- und Französischlehrer auf Noten verzichtet, meine Beschränktheiten nur formuliert und damit meinen Abischnitt nicht ruiniert hätten.

Der zweite Punkt ist noch mächtiger, denn das Internet hat das Zeitalter der schnellen Information für alle eingeläutet. Wer online ist, der will seine Bedürfnisse so effektiv wie möglich befriedigen - wenig Klicks, aber möglichst viel Ausbeute. Und wer online etwas kaufen will, der sucht vorher die größtmögliche Bestätigung der Qualität. Deshalb ist das Internet ein Eldorado der Zahlen, der Sterne und Noten. Und deshalb kann ein Online-Magazin mit unserer Reichweite schlecht auf diesen Service verzichten - vor allem, weil die mobile Information noch verkürzter sein muss: Wer im MediaMagic steht und mal kurz checken will, ob sich der Kauf von FIFA 10 lohnt, der will nicht fünf, sechs Seiten, nicht mal ein Fazit lesen, der will nur einen kurzen Blick auf die Wertung werfen.

Über diese Oberflächlichkeit des Internetzeitalters kann man sich ärgern - und viele Kommentare im Forum sind zum Haare raufen, weil man nicht mal die Lesekompetenz, sondern die grundlegende Lesefähigkeit vermisst: Da steht alles im Text, aber trotzdem wird danach gefragt oder darauf rumgehackt. Deshalb erfreuen sich einfache Vergleichsportale so großer Beliebtheit - alles bitte schön aufreihen, schön einordnen und bloß nicht zu viele Buchstaben.

Und damit wären wir beim dritten Punkt: Dem Wettbewerb. Es ist natürlich ein Vorteil, wenn die Tests eines Magazins möglichst weit gestreut und oft verlinkt werden. Das werden sie deutlich öfter, wenn man ein Fazit samt Wertung anbietet, die man komfortabel in eine Tabelle packen kann. Natürlich wird die eigene Kritik auch in Foren wesentlich öfter diskutiert, wenn sie sich mit zwei Zahlen in das bekannte Schema pressen lässt - all das sorgt für Diskussion, all das sorgt für Aufmerksamkeit und die ist natürlich das Lebenselexier für ein Magazin. Egal ob Spiegel, Hamburger Abendblatt oder 4Players: Alle Redaktionen buhlen um Leser.

Außerdem darf man den alten Leitspruch nicht vergessen: Never change a running system! Wir sind momentan sehr erfolgreich mit unserer Berichterstattung. Wenn wir feststellen würden, dass die Prozentwertung ein Wettbewerbsnachteil für uns ist, weil uns zehntausende Leser abspringen, dann würde Handlungsbedarf bestehen. Aber davon kann keine Rede sein, im Gegenteil: Wir gewinnen an Relevanz, gerade weil wir mit diesem System national und international vergleichbar sind. Und so umstritten wie es in der Hitze der Debatte manchmal wirkt, ist es auch gar nicht. Nur ein Bruchteil, etwa ein Sechstel unserer Leser, ist ja überhaupt als Community-Mitglied registriert. Und von diesen ist wiederum nur ein ganz kleiner Teil gegen die Prozentwertung.

Ist die Mehrheit also ungebildet, unreif und oberflächlich? Natürlich nicht! Wir erreichen als Spielemagazin hunderttausende passive Leser. Wir gehen davon aus, dass viele davon gar kein Problem sehen, weil sie das pubertäre Geflame und Gezicke um Prozente ignorieren und sich einfach das aus einem Test heraus picken, was sie für wertvoll erachten - vor allem die Argumentation und das Fazit. Wir haben ja auch ein duales Wertungssystem: Schulnoten und Prozentwertung; und wir haben Erstere dieses Jahr bewusst prominenter platziert, direkt im Wertungsring. Trotzdem wollen wir jene nicht ignorieren, die die Prozente nicht mehr sehen können, denn sie haben ja in vielen Punkten recht. Und wenn wir uns den Luxus der Nische leisten könnten, würden wir ein 4Players unplugged anbieten, den Wertungsstecker einfach rausziehen.

Was werden wir also tun? Wir werden in Zukunft jedem Leser die Möglichkeit geben, die Prozentwertung auszublenden. Wir werkeln gerade an diesem System: Man kann in seinem 4Players-Profil den betreffenden Punkt deaktivieren und wird keine Zahl mehr am Ende eines Tests sehen. Wir sind gespannt, wie viele User das in den nächsten Wochen oder Monaten wirklich nutzen, denn dieser aktive Verzicht unserer Stammleser ist ein wesentlich besserer Maßstab als eine Umfrage - trotzdem starten wir parallel auch diese. Schließlich werden wir bei wichtigeren Spielen oder jenen, die einem ebenso strengen wie blödsinnigen Embargo (Tests bitte erst am Releastag!) unterliegen, häufiger Berichte in mehreren Etappen anbieten und die Wertung erst am Schluss veröffentlichen - davon profitiert auch das Forum.

Jetzt könnte man ja auf die Idee kommen, Wertungen grundsätzlich erst später anzubieten, also 6, 12 oder 24 Stunden nach der Veröffentlichung des Tests. Das mag sich spannend anhören und würde die Foren für kurze Zeit etwas säubern, lässt sich aber nicht ohne Serviceverlust in die Praxis umsetzen: Die meisten Leute wollen sich schnell bei uns informieren - wir würden sie damit zur Geduld zwingen. Und spätestens bei Spielen, die wir erst eine oder gar zwei Wochen nach Release testen, wäre die zusätzliche Zeitverzögerung einfach nicht mehr akzeptabel. Warum soll man bei 4Players warten, wenn alle anderen sofort zur Sache kommen?

Aber selbst wenn die Prozente für das immer gleiche Jammern in den Foren sorgen, selbst wenn man sie nicht akzeptiert: Sie gehören auch zur Streitkultur! Und sie stehen ja nicht alleine für sich, sie stehen nicht am Ende einer kleinen Spalte mit leeren Worthülsen und Floskeln. Da ist immer noch der ausführliche Text. Und wir haben nicht so viele Stammleser, weil wir am Ende eine Zahl ins System hacken, sondern weil wir seit Jahren viele Leser inhaltlich überzeugen und sie mit Leidenschaft in unsere Erfahrung, direkt auf unsere Testcouch mitnehmen - manchmal rennen sie nach einem Absatz schreiend weg, manchmal fiebern sie bei jeder Zeile innerlich mit. So lange sich die Buchstaben mit allen Pros und Kontras in die argumentative Spannungskurve legen, kann einem die Zahl als Leser egal sein.

Als Magazin können wir leider nicht auf die Prozentwertung verzichten.


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

4P|IEP schrieb am
T34mKill0r hat geschrieben:
Daher verzichte ich wirklich ungern auf die Prozente..
Allerdings, und da werden mir viele zustimmen, ist die 4P-Wertung nicht immer Stand aller Dinge :-)
Oftmals ist sie weit unterm Durchschnitt aller anderen Zeitschriften.
... was die Spiele dann ja auch direkt schlechter macht. Oh, das macht es gar nicht? Oh, die Wertungen gehen bei verschiedenen Magazinen weit auseinander? Oh, die Wertung stimmt nicht mit der eigenen Meinung überein?
Prozentzahl=Wertlos
T34mKill0r schrieb am
Bei mir ist es nunmal so, dass ich bei Spielen die mich nicht brennend interessieren, halt nur schnell auf die Punktezahl / Wertung schaue. Das selbe ist bei Filmen...
Diese langen Tests lese ich nur bei meiner Meinung nach TOP Games / gehypten Games.
Daher verzichte ich wirklich ungern auf die Prozente..
Allerdings, und da werden mir viele zustimmen, ist die 4P-Wertung nicht immer Stand aller Dinge :-)
Oftmals ist sie weit unterm Durchschnitt aller anderen Zeitschriften.
feyja schrieb am
Ich hab als Printzeitschrift die GEE abboniert, genau aus dem Grund, da sie keine Zahlenbewertung hat, sondern sie nach der Rezession des Spieles eine kurze Zusammenfassung macht, was der Redaktion am Spiel Spass gemacht hat und was nicht und geben Empfehlungen raus, mit welchen Spieleklassiker man das neue Spiel vergleichen kann.
Somit kann kann ich viel besser sehen, ob mir das neue Spiel persönlich gefallen wird, als mit einer Prozentwertung.
Z.B. das "neue" Prince of Persia finde ich persönlich sehr schön, wenn ich hier sehe, hat es hat nur eine 70%, dafür würd ich so gut wie keine Ego-Shooter anfassen, auch wenn er eine Wertung über 90% hat.
Xyluz schrieb am
Servus liebe Redaktion, servus liebe 4P-Leser,
da dies mein erstes Posting in diesem Forum ist, will ich nur kurz und ganz OT ein Lob an die Redaktion aussprechen. Ich kenne sonst keine Seite und auch kein Magazin, das sich so ernsthaft mit dem Medium "Videospiele" auseinandersetzt. Gerade der MW2-Kommentar von Jörg ist mir doch sehr positiv aufgefallen, wenn man ihn mal im Vergleich zu anderen Magazinen (ich war langjähriger Gamestarleser. Meiner Ansicht nach hat die Gamestar hier ihren Tiefpunkt in ihrer Geschichte erreich) betrachtet.
Da ich einige Jahre aus dem "Gaming" raus war und erst vor kurzem wieder eingestiegen bin, ist mir 4Players auch erst vor kurzem aufgefallen, seid also nicht überrascht, wenn ich vielleicht etwas anmerke, lobe oder kritisiere, das eigentlich schon lange bekannt ist.
Aber zum Thema:
Die Gedankengänge, die Jörg in seinem Kommentar niedergeschrieben hat sind meiner Ansicht nach gut und wichtig. Mir stellt sich nämlich die Frage, ob ein 100-Punkte-Wertungssystem einem Medium wie den Videospielen gerecht wird. Der Spaß an Videospielen ist etwas sehr subjektives, genauso wie die Unterhaltung durch einen Film oder einem Buch. Jeder Mensch fasst die Unterhaltung durch diese Medien aufgrund von eigenen Erfahrungen, Vorzügen, Geschmäckern etc. völlig anders auf. Wie soll man solch eine hoch subjektive Erfahrung in ein objektiv aussehende 100-Punkte-Schema einfügen?
Andererseits kann ich natürlich auch die Leute verstehen die sagen "wir wollen Prozentwertungen am Ende des Tests". Man hat eben nicht unbedingt immer die Zeit 20 Minuten einen Test zu lesen, aber trotz allem will man natürlich wissen, was die Redakteure von diesem Machwerk halten. Gerade in der Situation, in der der Spieler nur das Geld für ein Spiel hat, es aber mehrere interessante Titel gibt und sich nun entscheiden will bzw. muss welches Spiel denn nun gekauft wird.
Komplett ohne Wertung würde die Recherche und Abwägung wahrscheinlich mehrere...
-Scythe- schrieb am
Mir is die Zahl eigentlich egal, Es gibt spiele mit niedriger wertung die mir Spaß machen und spiele mit hoher wertung die es nicht tun.
Ich les mir den Bericht durch, das Fazit und die zusammengefassten Vor- und nachteile des Spiel durch, mehr brauch ich nicht um mir eine eigene Meinung über das spiel zu bilden.
Ich achte nur noch Grob auf die wertung. ;)
schrieb am