Der 4Players Kommentar: Call of Blutbad

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 45
Donnerstag, 05.11.2009

Call of Blutbad


Es gibt bald ein Spiel für Erwachsene namens Call of Duty: Modern Warfare 2. Und ein klitzekleiner Teil davon, hier im Video, wird moralische Fragen aufwerfen und hysterische Antworten nach sich ziehen. Es wird dann egal sein, ob man die kuriose Wahl hatte, diese "anstößige" Mission zu spielen oder sie lieber zu überspringen. Gibt es eigentlich eine bessere Aufforderung, sich gerade das besonders gut anzusehen? Der goldene Schlüssel von König Blaubart lässt grüßen. Was für ein geschickter Aufmerksamkeitsjoker und gleichzeitig heuchlerischer Schutzmechanismus! Der Mensch ist doch von Natur aus so neugierig.

Aber so kommt man natürlich in die Schlagzeilen, die der Vorbestellerspitzenreiter doch gar nicht nötig hat. Und Paul attestiert dem Rest des Spiels im Test seine gewohnte Shooterqualität. Komisch, oder? Ja, hier ist vieles komisch, vor allem dieses proaktive Wegblenden. Wie würde man in einem Buch lachen: Verehrte Leser, bitte über die nächste Seite von "Feuchtgebiete" blättern, denn sie könnte ihnen aufgrund der drastischen Darstellung von Menstruationsblut, Urin und Eiter missfallen. Oder in einem Horrorfilm wie Saw: Sie können die nächste brutale Szene überspringen! Vielleicht gibt es ja bald auch in der Tagesschau diese Warnung, bevor man direkt auf die realen Blutlachen und schreienden Opfer von Kabul schaltet - das würde ich als Vater übrigens begrüßen. Aber zurück zum fiktiven Blut in einem Spiel, das heutzutage scheinbar mehr Aufregungspotenzial birgt als der perverse Alltag um uns herum.

Was passiert eigentlich in der optionalen "Skandalszene", die in Australien bereits für Jugendschutzalarm sorgte?

Man ist in diesem Shooter als amerikanischer Doppelagent unterwegs, der das Vertrauen einer russischen Terrorzelle gewinnen soll. Man folgt also vier schwer bewaffneten Männern in einen fiktiven Moskauer Flughafen. Der einzige Satz, der noch im Fahrstuhl fällt: "Denk dran, kein Russisch sprechen!" Warum das wichtig ist, wird später in der Story deutlich. Als sich die Tür öffnet, zücken die Männer die Waffen und schießen auf wartende Passagiere, Personal und Polizei, halten auf alles drauf, was sich bewegt. Nicht wild, chaotisch und brüllend, sondern ruhig, gezielt und kommentarlos. Das trockene Missionsziel: Man soll dem Anführer Makarov folgen.

Als Spieler folgt man also der Gruppe durch Check-ins und über dutzende Leichen, beobachtet wie alle fliehenden oder schon am Boden kriechenden Menschen kaltblütig erschossen werden - und das knapp drei Minuten lang. Wenn man die eigene Waffe, die der Doppelagent sichtbar im Anschlag hält, auf Zivilisten oder auch Terroristen feuert, heißt es in der deutschen Version: Game over. Aber nicht, weil es aus erzählersicher Perspektive verwerflich wäre oder gegen Missionsziele verstoßen würde, sondern ganz einfach, weil es in Deutschland erscheint. Übrigens darf man hierzulande immer noch auf die Polizisten schießen, die sich zwischen den Zivilisten zur Wehr setzen - was für eine Farce, was für eine Doppelmoral!

Falls man diese Mission als Deutscher akzeptiert, wird man also erstens bevormundet und zweitens gezwungen, den Terroristen hinterher zu marschieren und sich das Blutbad mit anzusehen, das unter den Zivilisten angerichtet wird. In der internationalen Version und damit dem Original, das u.a. auf YouTube zu sehen ist, hält der Spieler nämlich auf alles drauf und erschießt gemeinsam mit den Terroristen auch die Zivilisten. Da gibt es nur dann ein Game Over, wenn man selbst erschossen wird.

Trotzdem warb Activision noch am 25. September in einer Pressemitteilung mit: Modern Warfare 2 stürmt am 10. November ungeschnitten in den deutschen Handel! Und weiter: Die deutsche Version enthält jeden einzelnen Level der US-Version in ungekürzter Fassung! Wieso belügt man seine Käufer so dreist? Wir haben bei Activision nachgefragt und die Antwort erhalten, dass man die Streichung der Schussmöglichkeit auf Zivilisten selber gar nicht als Schnitt definiert - man sehe ja sonst alles. Ach so! Ist das nicht eine Art von Augenwischerei? Und hätte man diese Einschränkung dann nicht auch in einer Pressemitteilung nennen müssen? Oder pocht man etwa nur deshalb darauf, weil dieses Wort "ungeschnitten" auf uns Deutsche (und den Abverkauf der hiesigen Version) eine ähnlich magische Wirkung ausübt wie "Freibier"? Da rennt man hin, da greift man zu, da muss man nicht erst etwas importieren, selbst wenn der Gerstensaft so schlecht schmeckt wie diese überflüssige Flughafenszene inszeniert wird.

Was schockiert eigentlich?

Die Flughafenszene wirkt vielleicht befremdlich, die Szene wirbelt moralische Fragen auf, aber sie ist einfach schlecht gemacht. Infinity Ward präsentiert das Ganze erstens mit technischen Macken, wenn zwanzig Zivilisten kollektiv zusammen zucken, und zweitens ohne dramaturgische Qualität - primitiv und steril.

Aber warum ist dieser überflüssige Level überhaupt drin? Wenn man böse wäre, könnte man meinen, dass man ihn noch mal schnell zusammen geschustert hat.  Der Doppelagent zeigt nämlich keinerlei Reaktion und marschiert wie ein Roboter mit. Es gibt kein moralisches Feedback, keinerlei Regung der Spielfigur. Jetzt könnte man sagen, dass das eine Art dokumentarischen Charakter haben sollte, um die Wirkung zu verstärken - so etwas Ähnliches hat Activision uns erklärt. Aber das verpufft, denn es wirkt alles viel zu klinisch, man hat die Panik und das Entsetzen der Situation gar nicht eingefangen: Infinity Ward scheitert hier auf ganzer Linie. Ach ja: Keine Angst auf den Forenplätzen, denn als Call of Duty-Verschmäher werde ich natürlich keinen Test schreiben. Ich komm da einfach so schlecht in den Flow und hab keine Ahnung von den Vorgängern. 

Ich  erkenne jedoch, wie wenig es den Entwicklern wirklich darum ging, hier einen dramaturgischen Kontrapunkt zu setzen, der dem Spieler vielleicht die Schrecken dieses Terrors oder gar den moralischen Konflikt des Doppelagenten näher bringt, der ihn zur Reflektion zwingt: Dann hätten sie seine Gedanken in Form innerer Monologe abbilden können, dann hätten sie zeigen können, wie seine Waffe zittert, dann hätten sie seinen Herzschlag erhöhen können, eine Kamerafahrt auf das Entsetzen in den Gesichtern einleiten oder eine Zeitlupe des Mordens inszenieren können. Außerdem ist das Ganze schrecklich unlogisch: Warum wundern sich die russischen Killer eigentlich nicht darüber, wenn gerade der Mann nicht mit feuert, der ihr Vertrauen erwerben will? Warum stellen sie ihn nicht zur Rede? Denn sowohl in der amerikanischen als auch der deutschen Fassung kann man untätig mitlaufen.

Die Szene ist nicht deshalb "krass", weil sie so intensiv ist und gekonnt schockiert, sondern weil man so etwas in der Spielewelt nicht oft sieht, weil so etwas den pubertären Hauch des Illegalen verströmt, weil es zum entsetzten Spannen animiert: Boah, das trauen die sich - cool! Wenn man schon zu diesem umstrittenen Stilmittel greift, dann muss man es auch gut machen. Etwa wie in Dragon Age, wo ich als erwachsener Spieler die Wahl habe, ob ich z.B. einen "unschuldigen" Priester hinterrücks ermorde, weil er eine Bedrohung für die ganze Welt darstellt - wenn danach das Messer in seinen Hinterkopf fliegt, muss man schlucken, muss man reflektieren, weil die Szene so gnadenlos ist. Infinity Ward hätte auch hier eine Zwischensequenz einspielen können, die das Grauen darstellt. Und wenn schon interaktiv, dann bitte richtig: Warum kann ich z.B. nicht die Terroristen erschießen, wenn mir der moralische Kragen platzt?

Das hier ist keine Moralkeule: Ich schüttle als erwachsener Spieler nicht den Kopf darüber, dass man überhaupt Gewalt an Zivilisten darstellt - das, was wir im Tatort und im Kino sehen, muss auch am Bildschirm möglich sein. Denn wenn sich virtuelle Abenteuer irgendwann reifen Themen öffnen sollen, wenn dieses Medium wachsen soll, dann muss man auch die heißen Eisen anfassen, die diese Gesellschaft erhitzen - dazu gehören auch Krieg, Terror und Gewalt. Ob so eine Szene überhaupt nötig ist, hat auch nicht die gesellschaftliche Moral oder gar die Politik zu entscheiden, sondern einzig und allein die Regie. Und in diesem Fall hat sie versagt. Ich schüttle als erwachsener Spieler darüber den Kopf, dass man diese potenziell bedrückende Perspektive auf so  dilettantische und heuchlerische Art und Weise präsentiert.

Was wird kommen?

Man braucht sich nichts vormachen: Diese Szene ist natürlich die beste Munition für alle Spielegegner, Primitivpolemiker und Gesetzesverschärfer da draußen. CounterStrike musste man noch mit Absicht über fingierte Hinrichtungsszenen & Co in ein Menschen verachtendes Licht rücken. Jetzt braucht Frontal 21 gar nicht mehr Fakten verzerren oder geschickt zusammen schneiden, um die Menschen am Fernseher zu hysterisieren: Jetzt müssen die Hardliner unter den Videospielgegnern nur noch voll draufhalten und aus allen moralischen Rohren feuern. Genau so wie man als Spieler diesem schlecht inszenierten Massaker am Flughafen zusehen muss, wird man als Spieler auch der kommenden Verunglimpfung in der Berichterstattung zusehen - Auge um Auge, Skandal um Skandal.

Unterm Strich hat die Spielwelt hier nichts gewonnen als weitere Gegner und einen schlagenden Beweis für ihre dramaturgische Rückständigkeit.

Ich freue mich jetzt noch mehr auf Heavy Rain!


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Blutonos schrieb am
the curie-ous hat geschrieben:Hat er eigentlich gar nicht mal so unrecht. War ja ein geschickter Werbeeinfall von Activision. Einfach durch negative Schlagzeilen auf das Spiel aufmerksam machen.
Aber ohne Mr. Ich-beobachte-von-meinem-weit-entferntem-Paradies-alles-und-jeden-um-euch-Flame-Bash-und-pseudo-kluge-Sprüche-zu-schenken wären wir nie darauf gekommen. Danke, jetzt fühle ich mich erleuchtet.
Darf ich mein Haupt für den Rest meines Lebens senken und in ständiger Selbstgeißelung mich wegen meiner Dummheit bestrafen?
Tut mir leid das ich erst jetzt 2 (!) Jahre später antworte:
Man sollte halt nie ins Forum schreiben, wenn man gerade wegen irgendwas extrem angepisst war (ist nur auf mich bezogen) 8O
FreshG schrieb am
Ich stimme diesem Artikel bzw. Jörg in allen Punkten geau zu.
Alles was du erwähnt hast habe ich, bevor ich den Artikel gelesen habe, auch schon meinen Freunden und besonders meinen einsichtslosen Bruder gesagt.
Mehr muss ich jetzt eigenlich auch nicht sagen : D :wink:
CQuadrat schrieb am
Sehr guter Kommentar! Und Sie haben vollkommen recht, das ist nur Wasser auf die Mühlen der Videospiel-Gegner. So wird man einfach aus der Schmuddelecke nicht rauskommen und macht sich das Leben für die Zukunft nur unnötig schwer.
Hut ab noch einmal...
gtainfizierterzombie schrieb am
markrzr1037 hat geschrieben:Habe im Fernsehen gesehen das es jawohl ne Aktion gegeben hat wo die Container aufgestellt haben und dort drin Spiele vernichten werden sollten.. Das finde ich z.B. wesentlich schlimmer und gefährlicherals "Killerspiele".
Hatten wir das in unserem Land nicht schon einmal??? Damals hatten solche Aktionen nur Namen wir Reichskristallnacht und Bücherverbrennung.Da können sich die Gutmenschen wieder auf die Schulter klopfen..tolle Aktion...
naja n paar deppen ham das vll gemacht ! der vergleich is ja mal völlig banane !solche leute die des tun werden ja eh nich respektiert ausser vll in der usa!
markrzr1037 schrieb am
Habe im Fernsehen gesehen das es jawohl ne Aktion gegeben hat wo die Container aufgestellt haben und dort drin Spiele vernichten werden sollten.. Das finde ich z.B. wesentlich schlimmer und gefährlicherals "Killerspiele".
Hatten wir das in unserem Land nicht schon einmal??? Damals hatten solche Aktionen nur Namen wir Reichskristallnacht und Bücherverbrennung.Da können sich die Gutmenschen wieder auf die Schulter klopfen..tolle Aktion...
schrieb am