Der 4Players Kommentar: DLC - Fluch oder Segen?

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 02
Donnerstag, 13.01.2011

DLC - Fluch oder Segen?


»Pfui«, spuckt Hardcore-Holger auf den Boden. »Das ist ganz miese Abzocke!«, schnaubt er. Denn Holger ist es nicht gewohnt, nach dem Kauf noch für ein Spiel zu zahlen. Er hat doch schon sein Erspartes auf den Tisch gelegt. Und was ist das? Für ein paar Euro lädt er nicht etwa ein neues Kapitel seines Spiels herunter - für ein paar Euro mehr darf er nur endlich spielen, was sich schon längst auf seiner DVD befand. »Unverschämtheit!«, poltert Holger und gelobt, solchen Download-Inhalt aufs Schärfste zu verurteilen. Tut er dem neuen Vertriebsweg damit Unrecht?

Es gibt ja nicht nur Hardcore-Holger, der komplette Spiele spielte, seit er denken kann - es gibt auch den modernen Markus. Markus spielt vor der Flimmerkiste, seit es das Internet gibt. Er weiß, dass das Internet Spiele besser machen kann: Patches flicken Fehler und zusätzliche Inhalte erweitern den Umfang. Markus hat sich schon viele Rennwagen, Kämpfer, Kostüme und Episoden gekauft. »Meine Spiele wachsen und wachsen!«, freut sich Markus. Stimmt das? Oder zocken ihn die Entwickler doch nur ab, weil seine Spiele erst dann vollständig sind, wenn er nach dem Kauf noch draufzahlt?

Download-Inhalte (Englisch: Download Content, also DLC) heißen die Erweiterungen, mit denen sich Publisher und Entwickler seit dem Bestehen von Xbox 360 und PlayStation 3 zweite und dritte Standbeine finanzieren. »Abzocke oder Segen des Internet?«, rätseln Spielefans seitdem - und dürften so schnell wohl keine gemeinsame Basis finden.

Dabei versteht selbst Holger, warum DLC bei Publishern und Entwicklern so beliebt ist. Immerhin ist es um Welten preiswerter, die Technik eines bestehenden Spiels »nur« um neue Inhalte zu erweitern. Zusätzliche Missionen sind schneller geschustert als man ein großes Add-On finanzieren kann und gerade der Verkauf neuer Vehikel oder Kostüme gleicht dem automatischen Ausbaggern einer Goldgrube.

Publisher rechnen ja Manpower gegen den erwarteten Gewinn. Der Produzent eines namhaften Studios in Kanada erklärte mir mal im Vertrauen, dass die Entwicklung eines neuen großen Spiels, eines so genannten "Triple-A-Titels", inzwischen schon mal einen dreistelligen Millionenbetrag verschlingt. Das sind Summen, die der erste Teil einer neuen Serie nie und nimmer einspielen wird. Warme Semmeln wie derzeit alles, auf dem Call of Duty steht, sind die ganz große Ausnahme. Meist wird eine Serie erst mit der ersten Fortsetzung rentabel, weil bedeutend weniger Kosten in die Entwicklung von Technologie und Spielmechanik fließen. Teil zwei muss allerdings noch das Minus der anfänglichen Entwicklung ausgleichen - so richtig profitabel wird eine Serie deshalb mit dem dritten Teil.

Es hat also seinen Grund, dass so viele Studios inzwischen schon vom Start weg von einer Trilogie sprechen. Sind Technologie und Spielmechanik erst einmal vorhanden, kann ein Studio Inhalte erstellen, die mehr einspielen als sie Manpower kosten. Das ist auch der Grund, weshalb es im Gegensatz zu früheren Jahren nur selten rundum erneuerte Nachfolger gibt. Das und der enorme Konkurrenzdruck sind aber auch die Gründe für kleine Erweiterungen in Form von Download-Inhalten. Im DLC steckt ja noch weniger Aufwand als in Nachfolgern.

Das schnelle Geld ruft nicht nur, es brüllt geradezu und weil alle Publisher so zu neuem Geld kommen, manövriert sich jeder, der sich gegen diesen Trend stellt, ins finanzielle Abseits. Da kann Holger noch so lautstark jammern: Wer nicht alle Vertriebswege nutzt, wer heute also nicht schon bei der Planung Download-Inhalte einkalkuliert, der macht morgen keine Spiele mehr. Das hat mit Halsabschneiderei nichts zu tun; es geht ums wirtschaftliche Überleben. Wann die für später geplanten Inhalte erstellt werden, tut dabei wenig zur Sache. Im Idealfall sind sie eben so schnell fertig, dass sie gleich mit dem Spiel ausgeliefert werden. Die einzige Alternative wäre ein langer Download auf der einen und zusätzliche Serverkosten auf der anderen Seite. Das versteht selbst Hardcore-Holger.

Trotzdem poltert er aufs Neue: Ein paar zusätzliche Spielstunden sind ihm zu wenig - man setze die dafür fälligen fünfzehn Euro ins Verhältnis zum 50-Euro-Vollpreis! Und betrachtet man den Preis manches Downloads, steht er in der Tat in einem schlechten Verhältnis zum Inhalt. Dazu zählen nicht nur kurze erzählerische Fortführungen, das schließt auch spielerisch komplett sinnfreie Kleinigkeiten wie Kostüm-Pakete für Super Street Fighter IV ein, für die immerhin jeweils vier Euro fällig sind. Als Teil einer größeren Erweiterung sicher wertvoll, ist der Nutzen solcher Downloads zumindest fragwürdig.

Abgesehen davon will sich Holger nach dem emotionalen Abspann aber auch nicht durch kurzweilige brachiale Arcade-Action ballern, die mit dem eigentlichen Abenteuer nichts zu tun hat. Er sieht es überhaupt nicht gerne, dass seine faulen Online-»Freunde« ihm im Mehrspieler-Duell nur deshalb die Hosen ausziehen, weil sie gegen bare Münze starke Waffen gekauft haben! Und schon gar nicht will er zehn satte Euro zahlen, wenn er ein aus zweiter Hand gekauftes FIFA übers Internet spielen will! Gut, dass der moderne Markus schmunzelnd weiß: »Holger muss nicht alles kaufen. Er bezahlt einfach, was Spaß macht und ignoriert, was ihm missfällt - so werden beide Seiten glücklich.« Es sei doch schön, dass die Spielewelt dank Download-Inhalten so gewachsen ist.

Doch genau da hat sich Markus geschnitten, ganz gehörig sogar! Grundsätzlich hat er natürlich Recht. Allerdings ist unsere Spielewelt viel mehr als eine Imbissbude, an der jeder noch so kleine Appetit mit fingernagelgroßen Häppchen irgendwie gestopft werden muss. Genau dafür stehen derzeit nämlich viele Download-Inhalte, genau deshalb ist »DLC« ein Schreckgespenst für Spieler: Entwickelt wird, was entwickelt werden kann - Hauptsache, man kann es irgendwie mit einem Spiel verbinden. Hauptsache, »Geldmaschine Videospiel« druckt ununterbrochen Zahlen auf Papier.

Nein, es ist nicht verwerflich, dass die Finanzdenker der Spielemacher immer überlegen, wie sie möglichst viel Gewinn einfahren. Das Verwerfliche ist, dass sie ihre DLC-Imbissbuden rücksichtslos vor die Fensterläden edler Italiener, uriger Schänken sowie gediegener Spanier stellen. Und bei ihrem Fast Food-Rundumschlag vergessen sie glatt, dass sich trotz aller Moderne alles um die altmodischen Gourmet-Restaurants drehen muss. Natürlich ist Holger froh, wenn er seinen kleinen Hunger mit einem schnellen Snack stillen kann. So richtig genießen können Hardcore-Feinschmecker aber nur die gute Küche in gediegener Atmosphäre.

Was ich damit sagen will? Wenn zig Kostüme, Karten oder Extra-Episoden den Eindruck erwecken, dass eigentliche Spiel diene nur als Verkaufsfläche für einen Krämerladen, läuft die »Operation DLC« gehörig aus dem Ruder! Man braucht nicht nur eine Geschäftsnase, sondern das Feingefühl einer echten Zockerseele. Man kann Spieler nicht nur mit Angeboten torpedieren - man muss sie ihnen schmackhaft machen.

Am schlimmsten ist die brutale Rücksichtslosigkeit, mit der manche Mini-Erweiterung auf das eigentliche Spiel pfeift. Jüngstes Beispiel: Mafia II. Was im Urzustand nämlich eine feine Sammlung packender Kurzgeschichten ist, wird von plumper Download-Action mit The Club-Charakter gleich dreimal fast kaputt ge-DLC-t. Auch »Eine verzweifelte Flucht« für Resident Evil 5 ist nur die gut inszenierte Fortführung eines oberflächlichen Actionfilms - auf einen gut dosierten Spannungsaufbau verzichten die Entwickler zugunsten des banalen Zombiesturms. Und so sympathisch die unabhängige Bonus-Geschichte Pigsy's Perfect 10 auch sein mag, so sehr haben die Entwickler scheinbar vergessen, dass sich Enslaved eigentlich um die starke Charakterzeichnung eines ganz anderen Heldenduos drehte.

»Hauptsache, es spielt in der gleichen Welt« ist das wackligste Fundament für jede Form des kreativen Ausbaus - und nur um das Kreative sollte es den Entwicklern gehen. Ich bleibe doch nach dem abschließenden »Der Herr der Ringe« nicht im Kino sitzen, um für ein paar Euro mehr einen witzigen Kurzfilm mit irgendeinem Ork zu schauen! Publisher und Entwickler müssen ihre Spiele so zu schätzen lernen, wie sie den Spielern ans Herz wachsen sollen. Nur dann kehren sie gerne mit jedem neuen Kapitel zu ihnen zurück. Halbgare Download-Experimente bewirken das Gegenteil.

Es gibt ja längst hervorragende Beispiele: Minerva's Den erzählt zwar ebenfalls eine separate Geschichte, bleibt BioShock 2 aber in allen Belangen treu und auch Borderlands wurde spielerisch und erzählerisch sinnvoll ausgebaut. Ebenso Fallout 3, Assassin's Creed II oder Fable III. Publisher und Entwickler sind auf ihrer Suche nach sinnvollen Zugaben also längst auf Lösungen gestoßen. Und selbstverständlich haben auch ganz pragmatische Erweiterungen wie neue Musikstücke, Waffen, Lackierungen oder sonstige Gegenstände unbedingt ihre Daseinsberechtigung, wenn sie auf einer gut sortierten Online-Theke präsentiert werden. Mehrspieler-Profis freuen sich heute oft über neue Karten oder gar Spielvarianten. Vor allem EA probiert mit so vielen Möglichkeiten, dass man sie zum Vorreiter ernennen möchte.

Gerade EA oder THQ möchte man aber auch am Schlafittchen packen - für die Erfindung der kostenpflichtigen Mehrspieler-Anbindung. Klar erhalten Erstkäufer einen kostenlosen Zugang und natürlich verschlingt die Herstellung einer umfangreichen Online-Anbindung eine Menge Zaster. Aber muss man Spieler tatsächlich dafür bestrafen, dass sie lieber im Gebrauchtmarkt stöbern anstatt den Vollpreis zu zahlen?

Darf ein elementares Spielelement überhaupt zum Download-Inhalt werden? Hier werden bei allem Für und Wider Grenzen überschritten, die in moralisch fragwürdige Grauzonen führen. Mit käuflichen Gegenständen, die sich »regeltreue« Spieler mühevoll erarbeiten, hat EA ja schon länger einen Fuß in der Tür zur Zweiklassen-Gesellschaft - das Belangen ehrlicher An- und Verkäufer könnte der nächste Schritt sein. Dann würde selbst der moderne Markus seine Euphorie gehörig bremsen. Denn am Ende ist es doch nicht die Erforschung neuer Vertriebswege, sondern diese Begeisterung für alles, was mit Videospielen zu tun hat, die das stärkste Kapital der Spielemacher ist...

Unterm Strich haben ja alle irgendwie Recht: Markus freut sich nicht ohne Grund über kleine Extras, auf die wir ohne Internet schlichtweg verzichten müssten und Hardcore-Holger stöhnt zu Recht über jene Auswüchse der Pionierarbeit, die die kreative Vision beim Anblick des schnellen Geldes mit Füßen treten. Mit Sicherheit ist DLC nicht das Böse vor dem Herrn - die ewigen Buh-Rufe haben jedenfalls längst ausgedient! Im Kern ist DLC nur eine Vertriebsplattform unter vielen. Sie ist modern, vielseitig und öffnet spielerische Tore. Spieler, Entwickler und Publisher müssen lediglich entscheiden, ob sie endlich gemeinsam hindurch gehen oder ein Kräftemessen um den ersten Platz austragen wollen.

Benjamin Schmädig
Redakteur

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Pakolias schrieb am
Ich persöhnlich HASSE DLC's.... Wenn Jemand eh kaum Kohle Hat um sich Mal nen Neues Game zu Leisten sollte er nich noch für Lästige DLC's Bezahlen müssen -.-'
Wigggenz schrieb am
Natürlich gibt es auch Gutes an DLC.
Nur macht das vielleicht 10% des Gesamten aus...
Alleine schon für Mappacks Geld zu verlangen ist der größte Müll... am schlimmsten ist es, wenn es wie im Fall Mafia 2 abläuft:
Man hat ein eigentlich vollständiges Spiel für den Vollpreis gekauft.
Und fürs FREISCHALTEN zahlt man dann... die gleiche Arbeit oder Manpower bezahlt man also mehrmals... so eine absolute Dreistigkeit...
Ich weiß nicht, wer mit dem DLC-Wahn angefangen hat, aber der gehört verurteilt und weggesperrt!
T-Rex91 schrieb am
also zum dlc kauf ist niemand gezwungen und ich hab bis jetzt nur die borderlands dlc's weil das spiel selbst für mich einfach nur Super ist. Ich hab es ja schon Platiniert auf meiner PS3 aber zur abwechslung jetzt die Dlc's zu spielen ist nicht verkehrt. Wenn ich aber bei NFS HP denke. Spiel so lala und Online Pass. Also da ist mir n DLC es nicht wert genau wie bei Fallout 3. Das Spiel ist verbuggt und meine ps3 hat ab und zu gerne mal n paar freezes. Und ich will sagen diese Online Pässe gehn mir sowas von aufn Sack wer hat die kacke nur erfunden????
john1231 schrieb am
DLC - Fluch oder Segen?
FLLLUUUCH!!
hab ja nichts gegen add-ons aber was momentan abgeht ist echt nicht mehr schön..
hab apropos noch nie geld für DLC ausgegeben und bin stolz drauf..
ah, wär ich blos nicht der einzige (oder einer der wenigen) dann hätten wir wieder ganze/vollständige spiele zum vollpreis.
KingDingeLing87 schrieb am
Bei mir ist es so, dass ich finde, dass DLCs Fluch sowie Segen sind.
Ich werde ja nicht gezwungen, sie mir zu kaufen.
Bei mit entscheidet einfach das Preis/Leistungsverhältnis, so einfach ist das. :wink:
schrieb am