Der 4Players Kommentar: Emotionslose Spielezukunft?

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 31
Freitag, 03.08.2012

Emotionslose Spielezukunft?


2K Games: verdammt guter Laden! Seine Plakette klebt auf einem Schwergewicht wie Civilization, auf dem großen BioShock, auf Mafia und dem ersten Darkness.

Es ist  kaum zu übersehen: 2K Games liebt Action. Den Shooter. Die Gewalt. Und so kommt es wohl, dass GamesIndustry vom Präsidenten des Publishers, Christoph Hartmann, wissen will, ob es nicht auch mit weniger Gewalt ginge. Immerhin kritisierte Urgestein Warren Spector zuletzt, dass der Blutdurst vieler Spiele pubertäre Gelüste befriedige, anstatt erwachsene Inhalte zu thematisieren.

"Wir können eigentlich nur Actionspiele und Shooter machen", sagt Hartmann. "Das sind die Spiele, die heutzutage zu den Konsolen passen."

Warum das so sei? Hartmann erklärt: "[...] es ist sehr schwer, starke Empfindungen wie Traurigkeit oder Liebe zu wecken [...]". Weil die Interaktion den Spielraum einschränke. Weil man die Emotionen eines Brokeback Mountain nicht im Spiel erschaffen könne. Weil nur fotorealistische Bilder solche Gefühle vermitteln könnten.

Ich empfinde diese Antwort als erschütternd.

Herr Hartmann, bin ich im falschen Film? Haben Millionen Spieler Aeris' Tod nur geträumt? Haben sie ihr eigenes BioShock 2 je gespielt? Hatten sie in Darkness keine Zeit, mit Jenny auf der Couch zu sitzen? Kennen sie Heavy Rain? Ist To the Moon an ihnen vorbei gegangen?

In keinem dieser Spiele agieren Figuren, die man mit realen Menschen verwechselt. Gerade To the Moon ist ein Paradebeispiel für krude Zeichnungen, die selbst einfach gezeichnete Comics untertreffen. Und gerade To the Moon wurde dafür ausgezeichnet, dass es Etliche mit seinem Humor, seiner Sehnsucht und seiner Liebe zu Tränen gerührt hat.

Nein, Herr Hartmann, es ist schlicht und ergreifend falsch, Gefühle an fotorealistischen Gesichtern festzumachen. Emotionen entstehen auch im Film aus einer Situation heraus. Aus dem Hineinversetzen in eine Figur. Und genau genommen kann ein Spiel dieses Hineinversetzen viel eindringlicher vermitteln als das Beobachten der Leinwand. Denn wo der Film mit Mimik und Gestik nur darstellt, leitet ein Spiel durch eigenhändiges Erleben.

Interaktion schränkt nicht ein - sie bietet unendliche Möglichkeiten. Möglichkeiten, an die wir heute gar nicht denken. Die aber gerade in den vergangenen Jahren deutlich erweitert wurden. Hatte Industrieveteran Hartmann etwa verschlafen, als Dear Esther das Erlebnis Spiel um eine Dimension erweiterte? Als Journey der Freude, der Freundschaft, der Angst und der Trauer eine neue Stimme verlieh?

Das können so nur Spiele leisten. Das sollten Spiele heute leisten. Und das muss im Bestreben eines selbst erklärten Big Players wie 2K Games erkennbar sein!

Hat es vielleicht mit Finanzen, Bilanzen, Investoren zu tun, dass ihm Action und Shooter so wichtig sind? Natürlich: das verkauft sich besser - absolute Einnahmerekorde leisten nur Kracher wie Call of Duty und das quasi hauseigene Grand Theft Auto. Ist Geld etwa der Grund, weshalb er schon vor einigen Monaten sagte: "Strategiespiele sind nicht zeitgemäß"? Ist es der Grund, weshalb heutige Konsolen laut Hartmann nur Blut vergießen können?

Ja, ich finde es erschreckend, wenn der Entscheidungsträger eines der größten Herausgebers von Videospielen öffentlich verkennt, dass einer der zentralen Aspekte des modernen Spiels - Emotionen - auch ohne technisches Feuerwerk seine volle Stärke entfalten kann.

Im besten Fall skizziert Hartmann so die beklemmenden Umrisse des Gefängnisses, in dem große gewinnorientierte Unternehmen festsitzen. Im schlimmsten Fall zeugt es von einer traurigen Ignoranz jenem Medium gegenüber, das ihm am wichtigsten sein sollte.

"Bevor Spiele nicht fotorealistisch aussähen, können keine neuen Genres entstehen", begründet Christoph Hartmann das emotionslose Spiel.

"Ich glaube, die meisten Probleme, die wir lösen müssen, sind kreativer, nicht technischer Natur", sagt Warren Spector.


Benjamin Schmädig
Redakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

TheSoulcollector schrieb am
Selbst bei Filmen kann man ohne Realismus sehr viel Emotion erzeugen. Man denke nur mal an die ganzen Disney-Filme: Der Tod vom Bambis Mutter -> Trauer, böse Hexen in Dornröschen, Schneewittchen oder Arielle -> Angst, Der Hakuna Matata Song oder Balu aus dem Dschungelbuch -> Freude.
Daran sieht man doch sehr gut, dass man auch mit abstrakter Darstellung und überzeichneten Figuren durchaus Emotionen erzeugen kann.
Das Problem des Herrn Hartmann ist wohl eher, dass er möglichst viel Geld mit seinen Spielen einspielen muss. Deshalb muss er zwangsläufig auf große Blockbuster setzen um die Quartalszahlen zu erfüllen. Da bleibt kein Raum für Experimente oder kleinere Spielprojekte. Man setzt auf Altbekanntes um die Stammkundschaft zu halten.
Oliver8316 schrieb am
Ich denke auch ohne Fotorealismus sind Emotionen in Spielen gut darstellbar! Die Vergangenheit hat uns mehr als einmal gezeigt wie gut Spiele auch ohne Foto realistische Grafik sein können. Final Fantasy 7 z.B. kann man hier sehr gut als Beispiel nennen. ;-)
connoroshox schrieb am
Sehr schöner und wahrer Beitrag. Emotionen kann man nur glaubhaft vermitteln mit fotorealistischer Grafik - über so eine Aussage kann ich ja nur lachen. Mich hat sogar ein Klonoa auf der PSX stark emotional bewegt. Das hat ja auch so ne unfassbar fotorealistische Grafik. :lol: Ich frag mich ernsthaft, warum manche nicht verstehen, dass mit solchen Annahmen jegliche Fantasie und Kreativität immer mehr zu Grabe getragen wird. Ich will in einem Videospiel verdammt nochmal keine beschissene Realität sehen, geschweigedenn spielen. Geht an meinem Geschmack absolut vorbei. Wenn die Gamesbranche, irgendwann des Geldes wegen, nur noch Shooter und Actionkram produziert, lege ich dieses Hobby sofort ab. Und selbstverständlich gehts auch wieder nur ums Geld.
Randall Flagg78 schrieb am
Mann sieht es auch sehr schön an den kleinen Spielchen, wie The walking Dead. Man wird viel mehr rein gezogen, weil man plötzlich über die Charaktere, deren Bewegründe und Vorhaben nachdenkt.
Ich war selbst ganz überrascht, als ich nach einem Gespräch laut "Mit dem stimmt doch was nicht!" gesagt habe.
Und bei den Antworten, die man zur Auswahl hat, überlegt man auch, wie man jetzt mit Antwort A rüber kommt und ob man nicht zu B greifen sollte.
Und das Ganze ist kein High End Triple A und Grafikblender. Sicher kratzt auch Walking Dead nur an der Oberfläche, man merkt aber innerlich sofort, wie einen eine richtige Geschichte, ein paar Geheimnisse und kleine Spannungen zwischen den Protagonisten plötzlich fesseln.
Grafik ist vielleicht ein Bonbon, essentiell ist es aber m.M.n. nicht.
Balmung schrieb am
Sorry, erst jetzt gelesen.
Emotionen brauchen realistische Grafik?
Ähm, das ist so eine blödsinnige Aussage, dass man direkt auf Anhieb hunderte wenn nicht tausende Beispiele nennen kann wieso das nicht stimmen kann. Es wurden ja schon etliche hier genannt. Mir fällt dabei zum Beispiel Wall-E ein, ein Paradebeispiel wie selbst ein mechanischer Roboter in einem Animationsfilm alle möglichen Emotionen bei den Zusehern auslösen kann. Und überhaupt, warum sind Animationsfilme denn so beliebt? Und auch Anime, mich hätten Serien wie Clannad oder Kanon kaum so emotional bewegen können, wenn man für Emotionen reale Optik bräuchte.
Die Wahrheit ist wohl eher die: nichts ist von der Optik/Grafik so unabhängig wie Emotionen.
P.S. Spielerisch ist bei mir auch Aeriths Tod das erste was mir dazu einfällt. Unvergessliche Scene, das war das erste Spiel das bei mir solche Emotionen in mir auslöste, kannte ich zuvor gar nicht von Spielen und seither vermisse ich dies sehr oft in Spielen.
schrieb am

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