TGS-Eindruck: Realer Krieg?
Schon im Vorfeld der Veröffentlichung sorgt EA mit Medal of Honor
für reichlich Wirbel: Ist es in Ordnung einen aktuellen Krieg in Form eines Videospiels abzubilden, in dem man auch noch die Taliban und damit den Feind selbst spielen darf? Daran scheiden sich momentan die Geister...
Nachdem wir uns bereits den Mehrspielermodus vorgeknöpft haben, durften wir uns im Rahmen der TGS nach Afghanistan begeben und dabei in drei Missionen der Kampagne hinein schnuppern. Dabei waren wir sowohl mit einem Ranger-Trupp als auch in der Rolle eines Apache-Piloten und sogar als Scharfschütze in den unwegsamen Gebirgen des Landes unterwegs. Was man bereits jetzt schon sagen kann: Die Übergänge zwischen den einzelnen Missionen sind sehr gelungen. So ist man z.B. als Ranger irgendwann von zig Feinden umzingelt, die die wenigen Deckungsmöglichkeiten des Vierer-Teams immer mehr zerlegen, bis man der Übermacht an Taliban-Kämpfern schutzlos ausgeliefert ist. Doch gerade wenn man glaubt, die Situation sei hoffnungslos, kommt geskriptete Hilfe aus der Luft in Form der Apache-Helikopter. 
Anschließend geht es nicht wie erwartet mit den Soldaten am Boden weiter - nein, denn die nächste Mission verfrachtet den Spieler umgehend an Bord von einem der schwer bewaffneten Hubschrauber, die einem zuvor noch den Hintern gerettet haben. Zwar schließt das Geschehen unmittelbar an die vorhergehende Mission an, zeigt den Fortgang aber aus einem anderen Blickwinkel, wenn man in einer langen Rail-Sequenz den Taliban mit Raketen- und MG-Feuer einheizt. Auch der anschließende Übergang zum Scharfschützenteam ist ähnlich gut gelungen und es bleibt zu hoffen, dass EA diese Linie durchhalten kann, um innerhalb der Kampagne für die Abwechslung zu sorgen, die wir hier bereits erleben konnten.
Alle drei Einheiten spielen sich völlig unterschiedlich: Während man mit den Rangern die gewohnte Shooter-Kost erlebt, indem man z.B. Flak-Geschütze mit Lasern markiert und sich den Taliban im Nahkampf stellt, ist bei den Scharfschützen ein ruhiges Händchen und ein aufmerksames Zuhören gefordert, wenn der Partner die Positionen von Feinden sowie das Kommando zum Schießen gibt. Die Abschnitte mit den Apaches sind dagegen bestens dafür geeignet, einfach mal Dampf abzulassen und ein explosives Feuerwerk zu veranstalten, auch wenn sich Bazooka-Schützen als ernsthafte Bedrohung erweisen können, wenn man nicht aufpasst.
Fängt man sich als Ranger eine Kugel oder bekommt der Hubschrauber ein paar Kratzer ab, wird man sich allerdings schnell bewusst, dass EA keine Militärsimulation im Stil von ArmA verfassen will, sondern immer noch das zugängliche Spiel in den Mittelpunkt stellen will: Sowohl Mensch als auch Maschine erholen sich automatisch mit Hilfe eines generativen Heilsystems. Trotzdem will man im Gegensatz zu Call of Duty nicht die pompöse Hollywood-Inszenierung auffahren, sondern den Krieg trotz der spielerischen Kompromisse möglichst realitätsnah abbilden.
Ich war zum Glück nie in Afghanistan und will auch niemals dorthin. Aber sollten die Taliban in Wirklichkeit so kämpfen wie im Spiel, darf man sich ernsthaft fragen, warum die Alliierten den Krieg am Hindukusch nicht schon längst gewonnen haben. Warum? Die Gegner-KI ist in der aktuellen Fassung höchstens durchschnittlich - oft genug lassen sich die Gotteskrieger wie Moorhühner abschlachten und rennen ständig ins offene Feuer als könnten sie es kaum noch erwarten, die Reise ins Paradies anzutreten. Hier müssen die Entwickler noch eine Menge tun, wenn sie weiterhin dem Anspruch gerecht werden wollen, den Einsatz in Afghanistan realistisch zu inszenieren - der teils dramatische Funkkontakt oder (oft geskriptete) Vorgehensweisen der Kampftruppen reichen da nicht aus. Außerdem ist man zu oft auf linearen Pfaden unterwegs und vermisst mehr Spielraum und Freiheiten. Die drei Kameraden sind in den Ranger-Missionen leider nur Beiwerk, die ihr eigenes Ding durchziehen, denn ein Befehlssystem gibt es leider nicht. Schön sind dagegen die Momente, in denen die KI mit dem Spieler per Funk abspricht, welches der Ziele er auf ihr Kommando anvisieren und ausschalten soll.
Während im Mehrspielermodus die Frostbite-Engine von DICE zum Einsatz kommt, setzt man bei der Kampagne auf die Unreal 3-Engine. Eine Entscheidung, die man vielleicht noch bereuen wird, denn obwohl die Kulissen auf den ersten Blick ansprechend aussehen und atmosphärischen Lichteffekten für Stimmung sorgen, entdeckt man bei einem genauen Blick, wie grob und matschig doch viele der Texturen aussehen. Vor allem die Gebirgszüge im Hintergrund sind oft nur eine abstoßende Pixelsuppe. Gerade weil die Frostbite-Engine bei Battlefield: Bad Company
schon gezeigt hat, dass sie mit großen Arealen zurecht kommt, kann ich die Entscheidung für die Unreal-Engine in der Kampagne nicht ganz nachvollziehen. Das soll jetzt nicht heißen, dass Medal of Honor furchtbar aussieht - aber gerade angesichts der (u.a. hauseigenen) Konkurrenz kann man etwas mehr erwarten...
Einen besseren Eindruck hinterlässt die Soundfront: Wenn das MG hämmert und der Hall durch die Gebirge donnert, hört sich das fantastisch an. Dazu gesellen sich druckvolle Explosionen sowie ein authentischer wirkender Funkverkehr, bei dem der übliche übertriebene Patriotismus zum Glück nicht in jeder Silbe zu finden ist.
Sollten die Entwickler noch weiter an der KI feilen, könnte der Reboot der Medal of Honor-Serie glücken. Momentan sieht es jedenfalls danach aus, dass der Titel trotz leichter grafischer und inhaltlicher Schwächen ein guter, wenn auch nicht überragender Shooter in einem aktuellen Szenario werden könnte.
TGS-Eindruck: gut