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Spielkultur | Special | 4Sceners

26.08.15, 22:52 Uhr, Bobic

Instant Remedys "Insert Disk 2" - Das Amiga-Remix-Album unter der Lupe

Es gibt leichtere Aufgaben als im Jahr 2015 einem neu erschienenen Amiga-Remix-Album ohne Vorbehalte zu lauschen. Zu oft hat man die zwar legendären, aber immer gleichen Melodien in den letzten Jahren rauf und runter gehört. Wenn diese CD jedoch von zwei waschechten Pop-Produzenten gemastered wurde, dabei einer von Beiden (Holger Lagerfeldt) sogar den diesjährigen Siegertitel des Eurovision Song Contest gemastert hat, wird man hellhörig. Was ist also dran an Instant Remedys Insert Disk 2, das kürzlich beim Label 010101 Music erschienen ist? Und vor allem: Wie klingt es?


Stolze 30 Jahre alt ist der Commodore Amiga in diesem Jahr geworden. Auf der ganzen Welt feiern Fans und Prominente aus der Ära des Kultcomputers mit. Der Amiga steht aktuell wieder stärker im Mittelpunkt - obwohl er nie ganz weg war. In den vergangenen Jahren sind immer wieder feine Spiele erschienen, es wurden nie veröffentlichte Games ausgegraben oder gar neue Portierungen, beispielsweise von Titeln für den Atari ST, fertiggestellt. Den Beweis liefert etwa ein Besuch beim English Amiga Board. Mithilfe von Emulatoren können auch die Kultspiele von damals auf modernen Rechnern gestartet werden. Denn vor allem die Spiele sind es, denen der Amiga seinen Status als Legende zu verdanken hat.

Kult-Games mit Kultmusik

Wer kennt sie nicht, die actionreichen Spektakel vom Schlage eines Turrican oder die krachende Shoot'em up-Kost, die ein Battle Squadron bot. Wer war nicht von den raffiniert gestalteten Flippertischen eines Pinball Dreams begeistert, oder hat seinen roten Flitzer in Lotus Turbo Challenge 2 über die Piste gejagt. Neben Optik und Spielspaß blieben Spiele wie diese vor allem auch ihre Musik wegen auf immer und ewig im Gedächtnis der "Amiganer". Soundvirtuosen wie Chris Hülsbeck, Allister Brimble, Olof Gustafsson oder Jochen Hippel sind untrennbar mit der Geschichte des Amigas verbunden. Mit dem Album Insert Disk 2 setzt Instant Remedy diesen, und weiteren Künstlern der damaligen Zeit ein Denkmal. Insgesamt zwölf Tracks aus bekannten Amiga-Spielen hat sich der schwedische Remix-Künstler angenommen, sie neu arrangiert und klangtechnisch an moderne Standards angepasst.

Was lange währt...

Fast acht Jahre hat es gedauert, bis Martin Noriander, so der bürgerliche Name von Instant Remedy, sein neues Album fertigstellen konnte. Eine lange Zeit, während der die Remix-Szene sowohl im Commodore 64 Lager, als auch in der Amiga-Ecke stapelweise hochklassige, neue Arrangements bekannter Melodien im Netz verteilt hat. Es ist daher ein schwere Bürde, die auf den Schultern des Interpreten liegt. In welche Richtung möchte er sich bewegen? Taucht er mehr in unbekannte Gefilde ab und nimmt sich nicht ganz so populäre Titel zur Brust? Der 2011 erschienene Sampler Immortal 4 hat bereits bewiesen, dass dies vorzüglich klappen kann. Oder greift Martin doch wieder auf die bekannten Soundtracks aus Amiga-Spielen zurück? Diejenigen, die den Amiga und seine Werke so unsterblich haben werden lassen.


Nach acht Jahren hat Martin Noriander, alias Instant Remedy, Insert Disk 2 fertiggestellt.

Deutsches Klanggut
Nein, Instant Remedy geht kein Risiko ein. Er setzt auf Bewährtes und Bekanntes, setzt nur hier und da dezent neue Duftmarken. Ansonsten lässt er die Kultmelodien aus Spieleklassikern deutlich sauberer erklingen. Ein Umstand der wohl Holger Lagerfeldt zu verdanken ist. Er hat sich um das Mastering der CD gekümmert, wobei Thomas Detert dem Remix-Künstler ebenfalls beratend zur Seite stand.

Die Meisterwerke von Chris Hülsbeck und Jochen Hippel fasst er jeweils in einem Megamix zusammen. So kommen beim 17 Minuten langen Hülsbeck-Mix Stücke aus Turrican 1 und 2, Quik & Silva, sowie Apprentice zu neuen Klangehren. Auch wenn hier und da augenscheinlich ein wenig mehr Geschwindigkeit gelebt wird, so reicht die Neuinstrumentierung nicht an die Versionen heran, die Hülsbeck selbst für seine mächtige Turrican Soundtrack Anthology geschrieben hat. So manches Mal klingt die Hauptmelodie ein wenig dünn und drängt sich nicht so sehr in den Vordergrund wie man es vom Original gewohnt ist. Auch hätte ein wenig mehr Nachhall an der ein oder anderen Stelle für mehr Atmosphäre gesorgt. Ansonsten bewegt sich Martin Noriander nah an den Originalstücken und bricht nicht mit dem originalen Synth-Pop-Stil.

Von Jochen Hippels Stücken haben es Titel aus Lethal Xcess, Wings of Death, Chambers of Shaolin und Warp in den Megamix geschafft. Außerdem ist noch das RSI Theme enthalten, das noch aus Hippels Demoszene-Ära stammt. Mit einer Spielzeit von 14 Minuten fällt dieser Mix etwas kürzer als der Hülsbeck'sche aus. Doch was auch schon für den zuvor genannten Megamix galt, ist auch hier festzustellen. Es hört sich alles ordentlich und moderner an, ist gut arrangiert und zusammengemischt, klingt aber nach wie vor fast wie eine 1:1 Kopie der legendären Vorlagen. Natürlich ist trotz allem genug Hörspaß vorhanden. Immerhin reden wir bei diesen Megamixes nicht von einem One-Hit-Wonder, sondern von faszinierenden Melodien, die man selbst nach über 20 Jahren bedenkenlos rauf und runter hören kann.

Holland vs. England

Mit der Ingame-Musik, sowie dem Game-Over-Track aus Battle Squadron tummeln sich zwei weitere Klassiker der Amiga-Spielemusik auf dieser Scheibe. Während Ron Klarens erster Ohrwurm in gewohnter Manier ertönt, stehen der neuen Game-Over-Version die leichten Dance-Einflüsse gut zu Gesicht und regen nicht nur die Lippen zum fröhlichen Mitpfeifen an, sondern lassen - ganz automatisch, ohne Chance auf Verhinderung - auch die Füße rhythmisch mitstampfen.

Mit zwei Stücken ist auch Englands Musikveteran Allister Brimble auf Insert Disk 2 vertreten. Dass die Titelmusik aus dem Prügelspiel Full Contact enthalten ist, muss dabei lobend erwähnt werden, handelt es sich hierbei doch um nicht ganz so bekanntes Liedgut des englischen Sound-Wizards. Im Gegensatz zur neuen Battle-Squadron-Version wirken sich die Dance-Elemente bei diesen, eigentlich so atmosphärischen, japanischen Klängen aber eher störend aus. Brimbles zweites Stück auf diesem Album ist ausgerechnet die Titelmusik aus Project-X, einem der am häufigsten geremixten Soundtracks der Amiga-Ära. Schon auf Amiga Works, dem eigenen, nicht ganz geglückten Remix-Album von Allister selbst, zündete die Musik im 90er-Jahre Techno-Stil nicht allzu gut. Instant Remedys Variante fehlt die so dringend benötigte Frische ebenfalls.

Ganz anders präsentiert sich das Titelthema aus dem Vietnam-Spiel Lost Patrol. Hier hat Martin Noriander die prägende Originalmelodie von Chris Glaister um sinnvolle Effekte und Arrangements erweitert, setzt außerdem auf klanglich perfekte Instrumente, durch welche die Stimmung nochmal intensiviert wird. Die bleibt beim Remix von Lotus Turbo Challenge 2 leider wieder auf der Strecke. Vor allem bei der Inszenierung der Hauptmelodie ist die Klangauswahl nicht vollends geglückt und man wartet auch beim Arrangement auf etwas Neues, auf den besonderen Kick, der den Remix vom Original abhebt.

Gecrackte Sehnsucht

Bleiben also noch drei Tracks übrig. Da wäre zum einen Nightmare, der Gruselsong aus einem der Flippertische aus Pinball Dreams, der sich in das bisherige Gesamtbild einfügt. Doch ein Stück, das eigentlich gar nicht ins bisherige Konzept passen möchte, macht mit fetzigen Drums und zauberhafter Melodie sofort hellhörig: Die Musik aus dem legendären Paranoimia Cracktro, komponiert von Enzo Cage. Ausgerechnet ein Kult-Track aus der Raubkopiererszene holt die Kohlen aus dem Feuer und entfacht eben jenes, denn es stimmt einfach alles. Hier beweist Instant Remedy sein Können, zeigt Mut zu Neuem und trifft mit jedem Ton ins Schwarze.

Um den besten Track auf diesem Album handelt es sich beim Paranoimia Cracktro nicht. Diese Ehre bleibt dann doch der Spielemusik vorbehalten. Als Musterbeispiel für einen frischen Remix, der sofort Aufmerksamkeit erregt und etwas völlig neues probiert, ohne dabei die so wichtige Erkennungsmelodie zu untergraben, muss ausgerechnet der Gastauftritt von Peter W. dienen. Bei Turrican - The Tower wird der Hörer erst einmal an der Nase herumgeführt. Er bleibt im Ungewissen, weil sich das originale Stück zu Beginn nicht erkennen lässt, die treibenden Beats aber dennoch sofort fesseln. Nach Eintritt der bekannten Melodie verschmelzen beide Welten, alt und neu, auf perfekte Art miteinander.


Chris Hülsbeck mit brandneuer Insert Disk 2 CD.

Fazit:

Wenn mich anno 2015 ein Amiga-Remix aus den Socken hauen möchte, dann erwarte ich eines: Mut! Mut zur Innovation, die Bereitschaft, neue Wege einzuschlagen und nicht hundertmal Gehörtes nur in besserer Klangqualität zu erleben. Dabei muss nicht krampfhaft jeder Trend mitgegangen und bis zum Erbrechen ausgereizt werden. Was nutzt der 100. Dubstep-Mix, wenn dabei Atmosphäre verloren geht und der Funke einfach nicht überspringen möchte.

Leider fehlt genau dieser Mut den meisten Stücken, die auf Insert Disk 2 zu finden sind. Hier einfach eine neue Bassline eingebaut, dort die Hauptmelodie in ein Dance-Music-Korsett gezwängt. Das hört sich alles nett an, weil die kultigen Klänge nicht umsonst so legendär sind. In der heutigen Zeit ist das aber zu wenig. Ausgerechnet Peter W. zeigt mit seinem Remix von Turrican - The Tower wie es anders geht. Aus diesem Schatten kann Instant Remedy mit keinem seiner Stücke treten. Bei Paranoimia Cracktro - Ready und Lost Patrol nähert er sich zwar an, doch der Rest drängt sich leider nicht weiter auf. Hier macht sich meiner Meinung nach die lange Produktionszeit negativ bemerkbar, da sich auch die Remix-Szene weiter entwickelt hat.

Insert Disk 2
ist beileibe kein schlechtes Album, denn die Melodien zünden selbst nach über 20 Jahren auf unnachahmliche Art und Weise. Beinharte Amiga-Fans, die einfach nicht genug von ihren Lieblingsmelodien bekommen können, sowie Hörer, die Wert auf authentische Melodien legen, die möglichst nah am Original sind, werden gut bedient. Wer jedoch die Remix-Szene verfolgt, könnte enttäuscht sein.


Insert Disk 2 ist beim Label 010101 Music erschienen, kostet 17,50 Euro (inkl. Versandkosten)
und wird im hübsch gestalteten Digipack geliefert.


Track-List:

1.) Battle Squadron "Ingame"
2.) Lotus Turbo Challenge 2
3.) Paranoimia Cracktro "Ready"
4.) Seven Gates of Jambala
5.) Jochen Hippel Megamix
6.) Lost Patrol
7.) Project X
8.) Chris Huelsbeck Megamix
9.) Battle Squadron "Game Over"
10.) Full Contact
11.)Turrican "The Tower"
12.) Pinball Dreams "Nightmare"

Persönliche Favoriten:
Turrican - The Tower, Paranoimia Cracktro, Lost Patrol

Bildquellen: Jan Zottmann, Ronald van Dijk




 
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