Blizzard Entertainment: Wie Blizzard seinen Glanz verliert - Special

 

Special: Blizzard Entertainment (Unternehmen)

von Marcel Kleffmann



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Mehr Standorte werden dichtgemacht

In der zweiten Jahreshälfte 2020 rückten die europäischen Zweigstellen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, denn der Hauptstandort von Blizzard Entertainment in Versailles bei Paris soll komplett dichtgemacht werden. Die seit Ende 2004 bestehende Zweigstelle (kurz nach dem WoW-Boom in den USA) kümmerte sich hauptsächlich um Marketing, Kundenbetreuung und die Lokalisierung der Titel, die Activision Blizzard in Europa veröffentlicht hatte. Das Community-Management-Team agierte ebenfalls von diesem Standort aus und besonders in diesem Bereich wurde zunächst der Rotstift angesetzt. Laut einem Bericht bei Buffed ist die Anzahl der Community-Manager u.a. für World of WarCraft in den letzten Jahren drastisch reduziert worden. Gleiches ist bei der Kommunikation mit den Spielern (in Europa) zu beobachten. Eine Randnotiz: Die einzige Kommunikationsform, die mittlerweile viel häufiger als früher genutzt wird, ist die Werbung für Produkte von Blizzard und vor allem von Activision via Newsletter.

Bereits 2018 und 2019 wurden 133 Mitarbeiter in Versailles entlassen, aber nun sollten die restlichen 285 Mitarbeiter gehen. Zudem hätten sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Monaten verschlechtert und die Angestellten wurden im Unklaren über ihre Zukunft gelassen - und das inmitten einer Pandemie mit unsicheren Zukunftsaussichten. Drei Gewerkschaften riefen zum Streik auf und erst so gelangte das Geschehen stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Auch die langjährigen Mitarbeiter, die sich um den deutschen Markt kümmerten, blieben von dem Kahlschlag in Europa nicht verschont, in dessen Verlauf auch eine Zweigstelle in Den Haag (Niederlande) still und heimlich Anfang 2020 dichtgemacht wurde. Eine Unternehmenssprecherin sagte, dass einige der Aufgaben in andere Büros verlagert wurden.

Nach Novas Geheimmissionen gab es nur noch Koop-Kommandanten für die kooperativen Multiplayer-Einsätze und viel Kosmetikkram, teilweise auch mit eSports-Bezug. Einzelspieler-Inhalte gab es seit Mitte 2016 nicht mehr.
Nach Novas Geheimmissionen gab es nur noch Koop-Kommandanten für die kooperativen Multiplayer-Einsätze und viel Kosmetikkram für StarCraft 2, teilweise auch mit eSports-Bezug. Einzelspieler-Inhalte gab es seit Mitte 2016 nicht mehr, auch wenn bei Presse-Veranstaltungen immer wieder danach gefragt wurde.
Viele dieser Schließungen und Entlassungen wurden "so leise" wie möglich durchgeführt, damit möglichst keine Berichte in der Presse auftauchen. Eigentlich sollte laut Jason Schreier (Bloomberg) der Europa-Sitz nach London verlegt werden, aber das lang anhaltende Brexit-Chaos und die Covid-19-Pandemie haben diesen Plan wohl zunichtegemacht. Die drei französischen Gewerkschaften schätzen, dass der Umzug nach London nur geplant war, um Steuern in Europa zu vermeiden. Übrigens: "Überkapazitäten" und redundante Strukturen werden in asiatisch-pazifischen Standorten ebenso angepasst. MCV UK berichtet von ca. 30 Kündigungen, während zu Beginn von 100 Entlassungen berichtet wurde. Activision Blizzard reduziert und zentralisiert also die weltweiten Standardorte, baut Doppelstrukturen ab und vergrößert die Produktionskapazitäten.

Quellen: Französische Gewerkschaften via TaliesinEvitel, Kotaku und Bloomberg (Streikaufruf nach Schließungsankündigung), Buffed (Community-Team-Reduktion), GamesIndustry (Den-Haag-Schließung), MCV UK (APAC-Schließungen)

Wer ersetzt Team 1?

Die Lücke, die durch die Auflösung von Team 1 entstanden ist, wird wohl das 200 Mitarbeiter starke Studio Vicarious Visions füllen, das mittlerweile von Activision zu Blizzard transferiert wurde. Sie hatten vorher u.a. Crash Bandicoot N. Sane Trilogy sowie Tony Hawk's Pro Skater 1+2 entwickelt. Vicarious Visions wird sich in Zukunft um die Blizzard-Marken kümmern und keine eigenen Spiele oder Titel auf Basis von Marken aus dem Activision-Fundus mehr entwickeln. Gemäß einschlägiger Gerüchte soll das Studio seit 2020 an der Diablo-Reihe arbeiten, wahrscheinlich an einem Remaster oder Remake von Diablo 2.

Quellen: GamesIndustry (Vicarious Visions bei Blizzard), Bloomberg (Remaster oder Remake von Diablo 2)

Mitarbeiter-Exodus

2016 verließ Chris Metzen Blizzard Entertainment. Er war nicht nur ein zentraler Stimmungsmacher auf der BlizzCon, sondern auch "Lore-Master" von WarCraft und für Geschichten sowie Charaktere aus Diablo oder StarCraft verantwortlich.
2016 verließ Chris Metzen Blizzard Entertainment. Er war nicht nur ein zentraler Stimmungsmacher auf der BlizzCon, sondern auch "Lore-Master" von WarCraft und für Geschichten sowie Charaktere aus Diablo oder StarCraft verantwortlich. (Foto von der BlizzCon 2014.)

Im Verlauf der sukzessiven Machtübernahme von Activision kehrten viele führende Köpfe und leitende Mitarbeiter dem Unternehmen den Rücken, offenbar weil der Einfluss von Activision auf die Unternehmenskultur und die internen Vorgänge stetig größer wurde (laut Jason Schreier). Der ehemalige Blizzard-Präsident Mike Morhaime hat mit Dreamhaven z.B. sein eigenes Projekt aufgemacht, dem die beiden Studios Moonshot und Secret Door untergeordnet sind. Dreamhaven will Entwickler dabei unterstützen, ihre Ideen zum Leben zu erwecken und originelle Spielerlebnisse zu schaffen, die "bedeutungsvolle Verbindungen zwischen den Spielern fördern."

Bei Moonshot Games und Secret Door arbeiten mehr als ein halbes Dutzend namhafter Personen, die vorher wichtige Aufgaben bei Blizzard übernahmen, z.B. Dustin Browder (Game Director von StarCraft 2 und HotS), Ben Thompson (Creative Director von Hearhstone), Chris Sigaty (Produzent von Hearthstone, StarCraft 2, HotS, WarCraft 3), Jason Chayes (Produzent von Hearthstone) und Alan Dabiri (Techninal und Game Director von WarCraft 3 und StarCraft 2).

Auch Chris Metzen (Senior Vice President, Story and Franchise Development) als Chef-Stimmungsmacher auf den BlizzCon-Messen macht mittlerweile etwas Eigenes und bastelt Brettspiele bei Warchief Gaming. Michael Chu (Lead Writer von Overwatch; nun Narrative Director bei 31st Union), Ben Brode (Game Director von Hearthstone; nun bei Second Dinner), Rob Pardo (Entwicklungsleiter von World of WarCraft; nun bei Bonfire), Dave Kosak (Lead Narrative Designer von World of WarCraft; nun bei Deviation Games) und Frank Pearce (Mitbegründer und Vizepräsident von Blizzard) sind nicht mehr bei Blizzard tätig.

Natürlich stellt Blizzard Entertainment fleißig ein und hat z.B. den ehemaligen Xbox-Vizepräsident Mike Ybarra verpflichtet sowie Rod Fergusson (Gears of War), der sich in Zukunft um die Diablo-Marke kümmern wird.

Kommentare

traceon schrieb am
4P|Marcel hat geschrieben: ?
02.03.2021 14:13
(...) danke für die Lobe (seltsamer Plural). (...)
In der Tat. Deswegen auch: die Lobs. [/Klugsch..]
Klasse Special, gut recherchiert!
4P|Marcel schrieb am
Hallo zusammen,
danke für das reichhaltige und vielschichtige Feedback zu der Blizzard-Reportage. Und auch danke für die Lobe (seltsamer Plural). Sorry für die späte Rückmeldung, aber nach der Blizzard-Reportage und der BlizzConline hatte ich erstmal eine Woche Urlaub ;-) Hatte auch indirekt mit der Reportage zu tun, weil die natürlich sehr, sehr, sehr viel Zeit verschlang - aber es hat sich gelohnt. Ob wir in Zukunft mehr solcher Formate/Reportagen bringen, müssen wir noch intern klären, aber ich hätte schon Lust darauf. Themen gibt es auch reichlich :)
Schöne Grüße
Marcel
Ryan2k6 schrieb am
Kann man mal aufhören Blizzard immer dieses Activision Alibi zu geben? Genau wie Bioware mit EA hat Blizzard genug selbst beigetragen, dass es eben nicht mehr das von früher ist. Activision hat sicher seinen Anteil, aber ist nicht der alleinige und einzige Grund.
casanoffi schrieb am
...die Auswirkungen der Umstrukturierung werden erst später ersichtlich, zumindest in Europa, da im Gegensatz zu den USA viele Arbeitnehmerrechte nicht so lax sind...
"Nicht so lax" ist aber nett ausgedrückt.
Wirtschaftliche Rekorde, der CEO streicht jährliche Bonis in Millionenhöhe ein, aber gleichzeitig werden hunderte Mitarbeiter entlassen.
Das ist halt immer das Problem, wenn unterschiedliche Philosophien aufeinander treffen.
Sowas wie soziale Marktwirtschaft verstehen die einfach nicht.
schrieb am