Actual Sunlight: Kampf gegen die Depression - Special

 

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Actual Sunlight: Die Innenansicht einer Depression
Kampf gegen die Depression
Adventure
Entwickler: WZOGI
Publisher: WZOGI
Release:
03.04.2014
07.10.2015
28.01.2020
Spielinfo Bilder Videos

Actual Sunlight ist das bereits 2014 auf dem PC veröffentlichte Projekt von Will O’Neill, der seit früher Jugend unter Depressionen leidet. Er verarbeitet seine eigenen Gedanken und Gefühle, geprägt durch die schwer nachvollziehbare Krankheit. O’Neill selbst bezeichnet es selbst als „Porträt“ und unterstreicht, dass es sich hier nicht um ein Videospiel handelt. Er wollte etwas dokumentieren, das er als menschlich und real betrachtet – und darum verzichten wir in diesem besonderen Fall auf eine Wertung.



„Ich weiß was du denkst: Warum weiterhin tagein, tagaus aufstehen – selbst wenn mein Leben ins Nichts führt?“

O’Neill nutzt den RPG-Maker, um die Geschichte von Evan Winter zu dokumentieren – einem Mann, der mit Mitte dreißig psychisch am Ende ist. Im Stil einer Graphic-Novel, immer wieder unterbrochen durch Texteinblendungen und Standbilder, erlebt man eine Kurzgeschichte, deren Ablauf und Ende unveränderbar ist. Man erhält einen Einblick in seine trostlose Gedankenwelt und kann nicht mehr tun, als jeden Schritt zur Katastrophe mitzuerleben.

„Keine Lohnerhöhungen, keine Beförderungen, keine Hoffnung, keine Zukunft. Und lass uns ehrlich sein: Keine Liebe“

Actual Sunlight illustriert das Leben eines Erwachsenen mit schweren Depressionen.
Actual Sunlight illustriert das Leben eines Erwachsenen mit schweren Depressionen.
Wohl deshalb schickt O’Neill eine Warnung vorweg. Irgendwo in der Mitte der rund 70 Minuten erhalte ich diese persönliche Anmerkung des Autors: „Dieses Spiel handelt von einem Mann in seinen Dreißigern. […] Es interessiert mich nicht, wie sehr du glaubst, dass dein Leben schlecht ist – wenn du nicht mindestens 25 bist, geht es hier nicht um dich! Ich warne dich!“ Es geht also nicht um Probleme von Teenagern oder um flüchtige Gedanken, die vermutlich jeder in seiner Jugend hatte. Hier geht es um eine schwere Depression. Begeh‘ keine Dummheit.

Denn Evan ist kein Teenager – und er ist am Leben gescheitert. Zumindest glaubt er das. Er ist ein übergewichtiger, in sich gekehrter, selbstzentrierter und zynischer Mann Mitte dreißig. Er hat einen Job, den er hasst, und eine Wohnung, die ihm egal ist. Er lebt zwischen Junkfood, Pornographie, Videospielen und unerbittlichem Selbsthass. Evan ist einsam, gebrochen und von einer hoffnungslosen Routine zermürbt.

„Du hast nichts, auf das du dich freuen kannst. Es ist wird der gleiche dumme Scheiß sein. Jeden Tag, für den Rest deines gottverdammten Lebens.“

Actual Sunlight ist eine spielbare Graphic-Novel. Viel Mechanik oder Interaktion gibt es nicht.
Actual Sunlight ist eine spielbare Graphic-Novel. Viel Mechanik oder Interaktion gibt es nicht.
Mit zynischen Beobachtungen der Umgebung und herzzerreißenden Oden an die Traurigkeit charakterisiert O’Neill einen Mann, der sein Selbst an die Depression verloren hat. Wie eine Maschine funktionierend, ist er nicht mehr als eine Hülle, in der ein verzweifelter Geist lebt. In Selbstgesprächen und Gedanken reflektiert sich Evan selbst. Er wirft sich vor, nichts aus seinen perfekten Voraussetzungen (weiß, männlich, gebildet) gemacht zu haben. Er hasst sich dafür, nie eine erwiderte Liebe gefunden zu haben, verachtet seinen Lebensstil, hasst seinen Körper. Anderen Menschen begegnet er kaum, echte Kontakte besitzt er nicht.

Er tendiert dazu diesen Selbsthass auf die Gesellschaft und seine Mitmenschen zu projizieren – dabei reflektiert er sich schonungslos selbst. So findet sich zu Beginn ein Eintrag von ihm in einem Alan-Wake-Fanforum, in dem er nicht nur das Spiel als oberflächlichen, pseudo-emotionalen Mist verreißt. Er geht auch seine Mitmenschen dafür an, genau so zu sein wie er: übergewichtig, emotional abgestumpft, hoffend, dass sie eines Tages so sein können wie die Protagonisten im Spiel. Das ist zynisch, finster und brillant. Ebenso brillant ist auch der abschließende Kommentar eines Moderators: „Entry deleted. Tl;DR. Faggot.“ Eine Metapher für Evans unglückliches Leben selbst.

 „Wenn Liebe bedeutet, eine andere Person glücklich zu machen, wie kann jemand, der niemanden glücklich machen kann, jemals wirklich lieben?“

O
O'Neill hat sein Spiel im RPG Maker entworfen. Entsprechend einfach sind Hintergründe und Umgebungen.
Jeder der trocken und mitunter quälend langsam über den Bildschirm flimmernden Sätze ist schmerzhaft ehrlich. Was bedeuten Konsumgesellschaft, Leistungsdruck, Geld – was bedeutet Liebe und Familie? Welchen Sinn hat die eigene Existenz, wenn das eigene Leben für niemanden etwas bedeutet? Zynische Formulierungen und ein fast komischer Fatalismus stehen im scharfen Kontrast zu brutalem Schmerz und schicken mich in ein Wechselbad der Gefühle. Dank dieser pointierten Zeilen kann ich über die sterile Kulisse und extrem minimalistische Spielmechanik hinwegsehen – obwohl ein prägnanteres Artdesign und stärkere Bilder mehr Atmosphäre schaffen würden.



Wer Suizidgedanken hat, sollte sich an vertraute Menschen wenden. Oft hilft bereits das Sprechen dabei, die Gedanken zumindest vorübergehend auszuräumen. Wer für weitere Hilfsangebote offen ist oder sich um nahestehende Personen sorgt, kann sich an die Telefonseelsorge wenden: Sie bietet schnelle Hilfe an und vermittelt Ärzte, Beratungsstellen oder Kliniken unter der Nummer 0800/1110111.
Einen Ausweg aus dem Dilemma gibt es für Evan - und somit auch für mich - scheinbar nicht. Ich habe keine Wahl in den Gesprächen, kann keinen Einfluss auf die Handlung oder Entscheidungen nehmen. Ich kann nur zusehen, wie die Welt eines Menschen zerfällt. Das schmerzt und die erzwungene Ausweglosigkeit unterstreicht die Absicht des Autors, die Innenansicht einer Depression nachzuzeichnen. Dennoch wäre etwas mehr Interaktivität, etwas mehr Freiraum oder einfach nur Antwortoptionen in den Dialogen schön gewesen. So kann ich nur vor jedem Objekt die Interaktions-Taste drücken und hoffen, dass es besser wird.

Doch Evans Gedankenwelt lässt keine Hoffnung und keine Möglichkeit aus seinem eigenen Selbst zu entkommen zu. Und während er ein trostloses Dasein zwischen Wohnung, Job und Supermarkt fristet, ist da immer wieder dieser Gedanke: „Geh auf das Dach und spring.“


Fazit

Actual Sunlight ist finster, ehrlich und schonungslos. Will O’Neill hat in dieser virtuellen Kurzgeschichte seine eigene Depression verarbeitet und erzählt in schmerzhaft ehrlichen, teils grandios zynischen Texten die Geschichte eines Mannes, dessen Leben in Scherben vor ihm liegt. Aber er hat kein Spiel entwickelt! Actual Sunlight ist eine interaktive Kurzgeschichte. Es gibt fast kein klassisches Videospiel-Element, keine Level, keinen Ausweg. Aber O’Neill hat die Ausweglosigkeit und die minimalen spielerischen Elemente absichtsvoll genutzt: sein Plan war nie, ein Papo & Yo oder ein Dear Esther zu schaffen, die erheblich mehr Videospiel sind und sein wollen. Selbst Gone Home bietet mir deutlich mehr Handlungsfreiraum und Interaktivität als Actual Sunlight. Dennoch: O‘Neill macht die Hoffnungslosigkeit einer Depression erlebbar, sensibilisiert und eröffnet einen verstörenden Blick auf den Sinn des eigenen Lebens. Es ist ein Titel, der die Videospielewelt bereichert – auch wenn er spielerisch wenig mehr bietet, als ein (sehr gutes) Ebook. Obwohl wir Graphic-Novels schon getestet haben, sind wir nach gründlicher Abwägung zu dem Schluss gekommen, dass eine Wertung dem Projekt und der ausdrücklichen Zielsetzung des Autors nicht gerecht wird. Actual Sunlight ist ein dokumentarisches Experiment. Es beinhaltet in seinem ehrlichen und erwachsenen Umgang mit einem komplexen Thema eine Reife, von der viele Entwickler lernen können.

Kommentare

abcde12345 schrieb am
Der Artikel macht mich sehr wuetend. Daraus leite ich ab, dass das Spiel die Gedankenwelt eines Menschen mit schwerer rezidivierender Depression sehr gut einfaengt. Denn Menschen wie der ingame Protagonist sind ein unfassbarer Abfuck, sowohl wenn man in der Rolle des Therapeuten wie der des Angehoerigen ist. Mich nervt die Egozentrik und das bewusst gewaehlte Elend (ja, das habe ich bewusst so formuliert. Gehoert zu meinen Glaubenssaetzen, bitte opfert nicht eure Zeit um darueber zu diskutieren, da erreicht ihr bei mir nichts. Spart euch die Zeit :))
Nicht alle Patienten mit schwerer rezidivierender Depression sind so wie vom Ersteller dargestellt; zum Glueck (fuer Angehoerige wie fuer die Patienten selbst).
Ich zweifel btw nicht das dargestellte Leid an, bevor hier gleich solche Schluesse gezogen werden.
Bei diesem Thema muss ich unweigerlich an meine Haltung zum Suizid denken und muss sagen, dass solche Faelle fuer mich zu den Situationen gehoeren wo ich sagen wuerde, man sollte den Leuten einen Suizid zugestehen. Wie bei bspw. terminalem Krebs, ALS oder anderen entsprechenden Erkrankungen die ein nach der Vorstellung des Pateinten hinreichend erfuelltes Leben nicht moeglich machen. Hier sollten diese dann auch nicht dazu angehalten werden, nur fuer die Familie/Betroffenen weiterzumachen, wenn sie selbst nach ihren Massstaeben dauerhaft unsagbar leiden.
dx1 schrieb am
ShadyAV hat geschrieben: ?
29.01.2020 01:36
Nur weil ein ernstes Thema humorvoll kommentiert wird bedeutet es nicht, dass es nicht Gehaltvoll sein kann.
Also nein Herr Moderator, mein Beitrag ist kein Troll.
Danke für die Klarstellung. Hab oben "entspoilert".
Brannigan schrieb am
Doc Angelo hat geschrieben: ?
28.01.2020 23:31
"Meditate" kann ich allerdings jedem empfehlen. Ganz egal ob depressiv oder nicht. Oder ganz modern auch einfach Achtsamkeit, ist auch ne Form von Meditation. Hauptsache man gönnt sich Ruhe und beschäftigt sich ein wenig mit sich selbst. Schaden kann das nicht. (Edit: Na gut... über Sport könnte man das auch denken. Sagen wir mal: In den meisten Fällen schadet es nicht, und wenn doch, dann lohnt es sich genau hin zu gucken.)
Kein Sport, aber Meditation.
Da sieht man mal, wie individuell das alles ist.
Das Problem mit der Psychiatrie ist auch, dass es doch keine handfesten Diagnosemöglichkeiten gibt. Alles was der Arzt hat, ist das Patientengespräch und die Beobachtung des Verhaltens.
Welcher Internist würde sich nur darauf verlassen, was der Patient ihm sagt?
Der macht ein Blutbild, EKG, bildgebende Verfahren uvm.
Im Vergleich dazu ist die Psychiatrie sehr schwammig. Und deswegen kommt es auch zu so vielen Fehlern, Falschbehandlungen.
ShadyAV schrieb am
ShadyAV hat geschrieben: ?
28.01.2020 22:18
Verächtlichmachung (Trolling?)
Show
Na ihr Hobbypsychologen. Jeder weiß doch das die einzige Lösung Dank Memes sind.
Ihr solltet ernsthaft aufpassen was ihr kranken Menschen im Internet ratet.
Die Lösung ist hier meistens sehr individuell und deswegen ein Spezialist von nöten.
Bild
Nur weil ein ernstes Thema humorvoll kommentiert wird bedeutet es nicht, dass es nicht Gehaltvoll sein kann.
Also nein Herr Moderator, mein Beitrag ist kein Troll.
Doc Angelo hat geschrieben: ?
28.01.2020 23:31
Kann ich so unterschreiben. Ich persönlich glaube, das momentan eine ganze Reihe von unterschiedlichen Erkrankungen unter diesem Deckmantel zusammengefasst werden. Die Erfahrungen und Symptome sind seeeehr unterschiedlich, die Lösungswege sind sehr unterschiedlich, und die Medikamente werden momentan nach dem Zufallsprinzip angewendet - noch dazu kommt das man nicht wirklich versteht, warum die Medikamente überhaupt wirken.
"Try sport" ist mein persönlicher Favorit was Tipps angeht, die grandios nach hinten losgehen können. Aber das kommt genau so von Fachärzten wie von allen anderen Menschen auch. Sehr viele Ärzte und auch einige Psychologen dachten das ich simuliere und faul bin. Nach 10 Jahren kam eine Psychologin endlich auf die korrekte Idee und hat auf einen Schlag fast jedes meiner Symptome erklärt.
Ja es scheitert nicht nur bei den Diagnosen sondern auch bei den Behandlungen. Deine Erkrankung scheint dazu noch sehr selten zu sein. Zumindest höre ich zum ersten mal davon.
Das mit den Medikamenten kann auch gerne mal nach hinten losgehen falls diese nicht mit der richtigen Therapie einhergehen. Da bekommen Menschen mit "Depressionen" antriebssteigende Medikamente verschrieben um im nachhinein den Antrieb zu finden sich von einem Gebäude zu werfen.
Freud mich das du an deinem Glück arbeitest. Sich selbst zu verstehen kann so viel helfen.
verwinkelt hat geschrieben: ?
29.01.2020 00:10
Haha. genau mein Humor das Bild :D
Noch ein Dank Meme
Show
Bild
verwinkelt schrieb am
Haha. genau mein Humor das Bild :D
schrieb am