Chained Echoes - Test, Rollenspiel, PC

 

Test: Chained Echoes (Rollenspiel)

von Eike Cramer



Chained Echoes: Eine Ode an das Japan-Rollenspiel
JRPG-Highlight aus Deutschland
Entwickler:
Publisher: Deck13
Release:
08.12.2022
08.12.2022
08.12.2022
08.12.2022
Spielinfo Bilder Videos
Mit Chained Echoes kommt kurz vor Jahresende ein echtes Rollenspiel-Highlight in die 4Players-Redaktion geflattert. Das Ein-Mann-Projekt aus NRW bricht mit Traditionen, erzählt auf ganz hohem Niveau und ist eines der besten Rollenspiele des Jahres 2022. Wieso selbst JRPG-Verächter Eike von diesem Epos verzaubert ist, lest ihr in unserem Test.

Die deutsche Ode an das Japan-Rollenspiel


Ich bin kein großer Fan von Japan-Rollenspielen. Zwar mag ich einige der Genre-Klassiker, gerade in den letzten Jahren hat mich aber kein einziges JRPG mehr packen können. Egal ob Kampfsystem, furchtbare Abziehbild-Charaktere oder endlos gestreckte Belanglos-Story mit Backtracking-Grind, Wegwerf-Kämpfen oder oftmals schwacher Produktionsqualität: Das Genre steckt für mich in vielen Belangen in einer kreativen Sackgasse. Umso mehr hat mich die deutsche Solo-Produktion Chained Echoes aus der Feder von Matthias Linda überrascht – und ich kann es einfach nicht fassen, dass dieses Spiel von nur einem einzelnen Menschen entwickelt worden sein soll.

Denn Chained Echoes schneidet all die Zöpfe ab, die ich gerade genannt habe: In diesem Japan-Rollenspiel im wirklich zauberhaften 16-Bit-Look, der mich nostalgisch an Super-Nintendo-Klassiker wie Secret of Mana, Final Fantasy 6 oder The Legend of Zelda: A Link to the Past erinnert, gibt es keine Filler, kaum Grind und keine überdrehten Kulleraugen-Figuren. Stattdessen bekomme ich ein spannendes, rundenbasiertes Kampfsystem, glaubwürdige Charaktere und eine gleichermaßen geerdete wie epische Geschichte, die viele moralische Fragen zwischen Krieg und Frieden ins Zentrum der Erzählung rückt, ohne dabei das Zwischenmenschliche aus den Augen zu lassen.

Kurz vor der Katastrophe: Himmelsreiter-Söldner Glenn löst im Prolog eine gigantische Explosion aus.
Kurz vor der Katastrophe: Himmelsreiter-Söldner Glenn löst im Prolog eine gigantische Explosion aus.


Krieg und Frieden


Aber von vorn: Im Prolog kämpfe ich als Himmelsreiter Glenn, der sich im seit 150 Jahre andauernden Krieg der Reiche auf dem Kontinent Valandis als Söldner verdingt. Sein Auftrag: Im Namen der Krone von Taryn die Stadt Wyrnshire vom Feind Gavos zurückerobern. Doch der Auftrag endet in einer Katastrophe: Erst wird seine Himmelsrüstung, eine Art Kampfmech, abgeschossen und dann löst der junge Krieger auch noch unwissentlich eine verheerende Explosion aus, welche die Stadt und alle Soldaten außer ihm und seinem Begleiter Kylian vernichtet. Zwar ist diese Explosion die Grundlage für einen zerbrechlichen Frieden in Valandis, Glenn kommt jedoch nicht über seine Rolle in der Vernichtung von Wyrnshire hinweg – und will dem Ursprung dieser furchtbaren Waffe auf den Grund gehen.

Fieser Dämon: Das Gegnerdesign ist ganz große Klasse.
Fieser Dämon: Das Gegnerdesign ist ganz große Klasse.
Ohne zu viel von der Handlung verraten zu wollen: Der zerbrechliche Frieden in Valandis und die alles vernichtende Macht der Grimoires stehen fortan im Zentrum der Story, die sich mit politischen Intrigen, Verrat und epischen Wendungen stets spannend zeigt. Cool ist auch die ungleiche Gruppe völlig unterschiedlicher Figuren, von der magiebegabten Prinzessin Lenn bis zur Diebin Sienna, die mit Katana und Kampfkunst gegen ihre Feinde vorgeht. Die grundlegenden Archetypen von Krieger-Tank bis zum Glaskanonen-Rogue sind spielerisch klassisch gehalten, allerdings sind die Figuren intelligent geschrieben. Sinnloses Geplapper wie bei Fire Emblem & Co. gibt es nicht – stattdessen lese ich echte Dialoge zwischen glaubwürdigen Figuren. Ja, „lese“ – eine Vertonung gibt es nicht. Hier möchte ich vor allem die tollen deutschen Texte empfehlen, denen man den Ursprung des Rollenspiels jederzeit anmerkt.

Ein JPRG für Leute, die keine JRPGs mögen


Bosskampf mal anders: Die Schlachten gegen große Monster sind super inszeniert.
Bosskampf mal anders: Die Schlachten gegen große Monster sind super inszeniert.
Auch spielerisch wirkt Chained Echoes auf mich wie ein JRPG, dessen Entwickler ein Japan-Rollenspiel ohne den ganzen nervigen Firlefanz entwickeln wollte, den Fans oft nur zähneknirschend hinnehmen, weil man es halt gewohnt ist. So gibt es in Chained Echoes zum Beispiel keine Zufallskämpfe. Die Feinde sind in den großen und extrem abwechslungsreich gestalteten Gebieten immer sichtbar und können oft auch umgangen werden. Dadurch zählt jede Auseinandersetzung viel mehr, denn gleichzeitig sind auch Standard-Monster keine Wegwerf-Feinde. Ich kann mich hier nicht wahllos mit dem den Standard-Angriff durchklicken, denn dann rasieren selbst kleine Viecher meine Gruppe ziemlich schnell von der Karte. Stattdessen muss ich in jedem Kampf Synergien nutzen, Schwachstellen erkennen und Fähigkeiten präzise einsetzen, um den Sieg davon zu tragen.

Dabei muten die rundenbasierten Auseinandersetzungen zunächst sehr klassisch an. Nacheinander tausche ich mit den jeweiligen Fiesligen Hiebe aus, wobei jeweils vier Mitglieder meiner Party am Kampf beteiligt sind. Habe ich mehr Figuren dabei – insgesamt können in den rund 30 Stunden der Hauptstory 14 Streiter rekrutiert werden – kann ich vier weitere Kämpfer als Tauschpartner aufstellen. So kann ich im Kampf Charaktere austauschen, etwa um Elementar-Schwächen besser zu nutzen oder einfach um Backup zu haben, wenn die Lebensleiste des Kämpfers in der ersten Reihe gegen Null rauscht. Gleichzeitig muss ich mir gut überlegen, welche Kämpfer-Pärchen ich bilde, da für starke Synergien, etwa eine Elementar-Schwächung und einen darauffolgenden Angriff mit genau diesem Element, manche Figuren gleichzeitig auf dem Feld sein sollten.

Kommentare

Vejieta schrieb am
Habs nun zu 100% durch.
Für mich das Game 2022 neben 13 Sentinels: Aegis Rim.
Kam aus dem nichts und war somit die Überraschung schlecht hin.
Spoiler
Show
Wenn man weiß wie man die charaktere ausrüsten/zusammen stellen (Sienna :ugly: ) muss ist das spiel eigentlich keine große hürde. selbst die optionalen bosse sind da ein witz aber gerade am anfang ist es schon nicht ohne. gerade mit sienna wenn sich ba'thraz anschließt und dann die zwei kleinen bosse kommen
greenelve schrieb am
krutoi hat geschrieben: ?13.01.2023 00:57 Und bevor jetzt das Argument kommt "Ja aber wenn die Option da ist, dann nutzt man das automatisch ...."
Da denk ich mir immer, was wenn es optional einen höheren Schwierigkeitsgrad gibt, fühlt man sich dann gezwungen diesen nehmen zu müssen? :Blauesauge:
krutoi schrieb am
Ich verstehe auch nicht, wie man mit einem einstellbaren Schwierigkeitsgrad Probleme haben kann. Wenn es dir zu leicht ist, dann nutze es einfach nicht. Und bevor jetzt das Argument kommt "Ja aber wenn die Option da ist, dann nutzt man das automatisch ...." wenn das der Fall ist, dann ist deine Disziplin das Problem und nicht das Spiel. Sieh das dann doch als Herausforderung und du lernst etwas, was dich nicht nur in dem Spiel besser macht, sondern im Leben.
Roebb schrieb am
Im Gegensatz zu den meisten klassischen JRPGs kann man in Chained Echoes garnicht richtig grinden.
Man kann höchstens ein paar Punkte für Skills sammeln. Aber der "Level" und damit die Statuswerte sowie die Skillauswahl hängen am Spielefortschritt fest.
Und auf den Standarteinstellungen können die Kämpfe auch mal was knackiger werden.
Wie man mit einem einstellbarem Schwierigkeitsgrad da Probleme haben kann, kann ich mich kaum vorstellen. Außer für "Bragging Rights" oder mangels Selbstdisziplin.
Einfach auf normal lassen und fertig.
Ultimatix schrieb am
BasmatiUndPepsi hat geschrieben: ?30.12.2022 17:49
Ist für dich ein zuändernder Schwierigkeitsgrad "Leicht - mittel - schwer" auch ein Negativpunk, ein Cheat, der einfach alles obsolet macht? (Ist nämlich genau das gleiche wie die oben genanten Einstellungsmöglichkeiten)
Wenn ja: Damit musst du klarkommen, dass jeder einen unterschiedlichen Schwierigkeitsanspruch an Videospiele hat.
Das kommt auf das Spiel an. In manchen ist der Schwierigkeitsgrad "leicht", so leicht das es wie cheaten ist. Andere hingegen haben noch eine einigermaßen akzeptable Balance.
Bei J-RPGs finde ich Schwierigkeitsgrade aber Blödsinn. Man kann doch seine Werte zu genüge aufwerten. Das hat man in vielen J-RPGs wie Breath of Fire 3 auch nicht gebraucht. Und wenn das Game doch mal zu schwer wurde, hat man eben 10 Minuten gegrindet.
schrieb am