The Last of Us Part 2 - Test, Action-Adventure, PlayStation 4

 

Test: The Last of Us Part 2 (Action-Adventure)

von Jörg Luibl



Entwickler:
Publisher: Sony
Release:
19.06.2020
19.05.2021
Erhältlich: Digital (PSN), Einzelhandel
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ab 19,98€
Spielinfo Bilder Videos
Die Tragik zwischen Joel und Ellie

Zwar muss man The Last of Us nicht zwingend gespielt haben, weil die Story all das stückweise in Erinnerung bringt, aber ich kann es nur wärmstens empfehlen, denn ohne diese Erlebnisse wird man vielleicht nicht nachvollziehen, wie stark, aber auch kompliziert die Bindung der beiden ist. Die Gewaltszenen waren für mich jedenfalls weniger bedrückend als die Tragik zwischen diesen beiden, die schon im ersten Teil zu einer emotionalen Kälte führen konnte, die mich - verstärkt durch die eindringlichen Gitarrenklänge von Gustavo Santaolalla - tief berührte. Okay, ich bin Vater, hab Töchter, kann Joel vielleicht besonders gut verstehen. Und ja, diesmal habe ich eine oder zwei Tränen verdrückt...

Apropos Musik: Die Kompositionen diesmal? Wunderbar, Crooked Still und andere ergänzen Santaolalla sehr gut. Akustisch und musikalisch wird diese Rache-Geschichte, in der es an der Oberfläche ja nur um Hass und Vergeltung geht, sehr gut mit ruhigen, melodischen Klängen verstärkt. Darunter verbergen sich ja unterschiedliche Schicksale, Motive und die Frage des Gewissens: Wie weit würde man für seine Freunde und Familie gehen? Was tut man seinen Feinden an? Kann man noch in den Spiegel schauen, wenn man selbst zum Killer wird? Zerstört die Rachlust letztlich die Menschlichkeit - und die Fähigkeit zu lieben? Oder um Nietzsche zu zitieren: "Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein." Dieses The Last of Us 2 wird euch sehr tief in die Augen blicken - und ihr werdet euch verdammt nochmal erschrecken.

Apokalyptische Idylle on Jackson

ededee
In den überfluteten Arealen kann man auch tauchen: Es gibt zig Wege zum Ziel.
Aber die Regie schmeißt euch nicht sofort in diese wilde emotionale Achterbahnfahrt - sie lässt sich Zeit dabei, damit euch erst langsam flau im Magen wird. Dabei beleuchtet sie neue Beziehungen mit anderen Konflikten und findet die so wichtige Balance aus Stress und Entspannung, aus Terror und Erkundung. Zu Beginn wirkt die Welt friedlich, fast schon idyllisch - und es gibt auch später viele wunderschöne Momente. Das ist kein Spiel, das einen komplett runterzieht. Wenn man die Holzpalisaden von Jackson sieht, fühlt man sich ein wenig an den Einstieg von Red Dead Redemption 2 erinnert, zumal sich Ellie in ihrem Tagebuch ähnlich Notizen macht und Tiere sowie Landschaften zeichnet wie Arthur Morgan. Auch dieses apokalyptische Amerika ist letztlich ein Wilder Westen.

In dieser geschützten Siedlung wohnen Joel und Ellie, die mittlerweile 19 Jahre alt ist. Es gibt in Jackson Strom, Geschäfte, eine Bar, Gärten, einen Stall und einen Alltag, an dem man ein wenig teilnehmen kann - inklusive Schneeballschlacht mit den Kids. All das sieht so klasse aus (mal darauf achten, wie tapsig das Kleinkind den Vater aus der Kita zieht!), dass ich mich über die vielen Klonfiguren in Version 1.01 wunderte: Eine Brünette mit kariertem blauen Hemd taucht sogar an die sechs, sieben Mal auf, sogar als Zwilling in der Bar. Ein Typ mit Kappe dreimal etc. Ich habe im Vorfeld bei Naughty Dog nachgefragt: Es kommen bis zum Release noch Patches, die das sowie einige Bugs (ich hatte eine Stelle mit einem schweren Grafikfehler bei Seilbenutzung sowie einen Absturz) beheben sollen. Das ist natürlich kein großer Kritikpunkt, aber angesichts der sonstigen Akribie ärgerlich. Und der Patch von gestern Abend (11. Juni) auf Version 1,02 hat die Klone leider nicht verschwinden lassen...

Der Kuss wird zum Aufreger

Ellies Beziehung zu Joel und die frische Liebe zu Dina werden thematisiert,
Ellies Beziehung zu Joel und die frische Liebe zu Dina werden thematisiert,
Auch in Jackson herrscht kein Friede, Freude, Eierkuchen, denn die lesbische Beziehung zwischen Ellie und Dina bzw. ihr Kuss auf einer Party sorgt bei jemandem für Ablehnung: Bitte nicht vor den Kindern! Wie bitte? Und dann noch zickig werden! Aber es geht in diesem Abenteuer nicht um einen besonderen Fokus auf LGBT, um irgendeine künstliche Fixierung, zumal alle anderen Beziehungen heterosexuell sind - es geht um ganz "normale" menschliche Konflikte. Übrigens wird die noch frische Beziehung zwischen den Frauen glaubwürdig und nachvollziehbar dargestellt - da habe ich mir extra weiblichen Rat geholt. Mimik und Gestik werden hier ja fast auf Filmniveau eingesetzt. Es gibt auch eine unheimlich starke Szene mit Joel, in der man die tiefe Traurigkeit, dieses Ringen um Fassung in seinen Blicken erkennt und emotional nachempfinden kann.

Abseits der Action warten in den 35 Stunden (ich habe allerdings fast jede Ecke durchstöbert) immer wieder Ruhephasen, darunter auch tolle Rückblicke, teilweise bis in die Jugend, damit man Beziehungen verstehen und Identifikation aufbauen kann. Während man u.a. durch verblüffend detailgetreu gebaute Museen spaziert, können sich Charaktere, die man vielleicht für Helden oder Arschlöcher hält, die man reflexartig in eine Schublade packt, ähnlich entwickeln wie in manchen TV-Serien. Das gilt auch für Fraktionen, denn Naughty Dog spielt über Graffiti, Texte und Symbole mit politischen oder religiösen Feindbildern, lädt einen quasi zur Vorverurteilung ein, nur um dann Stunden später zumindest einen anderen Blickwinkel zu öffnen. Das heißt aber nicht, dass sie Gleichmacherei betreiben oder alle über einen Kamm scheren. Die Unterschiede werden immer noch sichtbar.

Kommentare

No Cars Go schrieb am
15 Monate nach Release und in Version 1.09 rollten nun auch bei mir die Credits, und ich brauchte erstmal ein gutes Stündchen, um zu verarbeiten, was da über knapp 30 Spielstunden auf meinem Bildschirm passiert war. Selten hat mich eine Geschichte, ganz gleich ob erzählt via Videospiel, Film oder Serie, so aufgewühlt wie Neil Druckmanns jüngstes Werk, und ich bin froh, den ersten Teil zuvor bereits gespielt zu haben, um dramaturgisch die maximalmögliche Breitseite dieses Bretts vor den Latz gezimmert bekommen zu können. Zwar habe ich schon ein paar Kritikpunkte an manchen Aspekten der Erzählweise, auf die ich auch noch zu sprechen kommen werde, aber grundsätzlich kann ich dem Herrn Luibl nur zustimmen; The Last of Us Part II ist auch in meinen Augen nicht weniger als ein Meilenstein der Geschichte des Videospiels. Und nicht nur der des Videospiels: Auf Anhieb fällt mir kein filmisches Werk ein, das mir den Tropus der Rache reifer und im dramaturgisch-positiven Sinne unangenehmer nahgebracht hätte.
Menschen, so will es ihre Natur, fühlen sich in der Regel und gerade in Belastungssituationen, ganz selbstverständlich dem Lager verbunden, in das sie entweder zufällig hineingeboren wurden oder dessen Seite der Geschichte sie, ebenso zufällig, zuerst erfahren haben. Loyalität, und wem sie zugestanden wird, ist, genau wie bspw. beim Clubfußballfantum, selten rational begründbar und in erster Linie Werk der Göttin Tyche. Und wer Freund ist und wer Feind, das kann sich innerhalb kurzer Zeit ändern, wie uns im 20. Jahrhundert vor allem die Geschichte des Zweiten und des Kalten Krieges gelehrt hat. The Last of Us Part II zeigt auf herausragende Weise, was es bedeutet und wovon es abhängt, den Feind zu lieben und den Freund zu hassen, Identifikationsfiguren zu Endbossen aufzubauen und beim Gegner den Freund, die Gattin, die Familie eines anderen Menschen und einer anderen Biographie mitzudenken; "The Russians love their children, too ..." trifft den Nagel gut auf den Kopf....
ChiefMayhemSoap schrieb am
Ich habe vor dem Spiel - wie wahrscheinlich viele andere auch - noch einmal den ersten Teil gespielt. Im Anschluss dann Teil 2 und dann Teil 2 einfach nach ca. 2 Wochen direkt noch einmal.
Dabei hat mich tatsächlich der Personenwechsel im Spiel beim ersten Mal richtig gewurmt. Wenn man dann aber dabei bleibt, dann wächst das Spiel durch diesen Wechsel in meinen Augen noch einmal extrem. Die Nachvollziehbarkeit der Motivation beider Charaktere und auch diese Momente am Ende,... ich fand es großartig.
hA1Nz schrieb am
Ich habe es seit gestern nun auch durchgespielt.
Ich muss sagen mir gefällt Abby als Person besser als Ellie und ich kann ihre Geschichte auch besser verstehen. Ich denke einen leiblichen Vater, der für die Menscheit auch noch gutes tun wollte, zu verlieren ist in diese, Falle ?schlimmer?. War für mich zumindest greifbarer.
Trotzdem kann ich Ellies Feldzug auch verstehen.
Für mich war das Ende eigentlich an der Farm. Das Ellie noch einmal loszieht, nur weil Tommy es gerne hätte, empfand ich für nicht nötig. Ein Abschluss hier hätte mir besser gefallen.
Die größte Schwäche empfinde ich die nicht vorhandene Abwechslung. Es ist 30 (+) Stunden permanent das Gleiche. Einfach nur abschlachten, abschlachten, abschlachten. Empfand ich manchmal einfach als zu viel.
Trotzdem ein gutes Spiel bei dem ich aber nur versucht habe die Story voranzubringen.
Das beste Spiel dieser Generation? Meiner Meinung nach nicht.
Frater Baphomet schrieb am
Ich kann der Ode von Panikradio auf TLOU II nur zustimmen. Ganz ähnlich erging es mir auch. Seit 30 Jahren spiele ich Videospiele. TLOU II ragt aus der Masse an Spielen heraus wie ein einsamer Monolith. Jörg Luibl hat es treffend formuliert: Storytelling, Charakterzeichnung und Dramaturgie erreichen einzigartige Qualität. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, aber momentan reicht meine Vorstellungskraft nicht aus, dass mich ein Spiel mal schonungsloser, brutaler und leidenschaftlicher packen könnte als TLOU II. Für mich persönlich absolute Hall of Fame und ATG unter den Videospielen.
Fennec schrieb am
Mir geht's wie Panikradio. Ich bin seit gestern durch und ich möchte auch kein drittes, ich wollte schon kein zweites - und es ist doch das beste Spiel der Generation!
Klar, das Thema ist alt, Walking Dead (zumindest die Comics, die TV Serie hab ich nur am Anfang geschaut) behandelt ja zum Beispiel das gleiche Thema. Was tun Menschen um zu überleben? Wie weit gehen sie in schlimmen Situationen? Überlebenskampf, Wut, Rache - was passiert wenn es keine Regeln mehr gibt?
Last of Us bringt dieses Thema unglaublich gut rüber, es ist teils richtig hart, immer schonungslos, zeigt die Konsequenzen dessen was man tut. Die Schlüsselszenen machen dabei natürlich die Message klar, die hier schon besprochen wurde - Gewalt führt zu mehr Gewalt, Rache hilft niemandem - am Ende bleibt grenzenloses Leid.
Wenn an dem Spiel eins stört, dann die Tatsache, dass man hunderte Menschen töten muss um ans Ziel zu kommen. Klar, das ist Teil des Genres - aber eigentlich wäre es schön, wenn es noch den finalen Schritt auf den nächsten Level gehen und darauf verzichten würde. Großartig ist das Spiel vor allem dann, wenn man sich nicht in klassischen Feuergefechten mit Scars oder Wolfs befindet, zum Beispiel in Fluchtszenen, oder in den chaotischen Szenen in denen sich andere bekämpfen. Last of Us hat mit den Mutanten ja auch hinreichend Möglichkeit für Action ohne menschliche Opfer.
Dennoch - ein großartiges Spiel!
schrieb am