Gleichgewicht des Schreckens - Brettspiel-Test, Brettspiel, Spielkultur

 

Brettspiel-Test: Gleichgewicht des Schreckens (Wargame (Konfliktsimulation))

von Jörg Luibl



Spielinfo Bilder  
Schlachtfeldländer im Visier

Die Karten können entweder als historische Ereignisse oder als Aktionen für Einflussnahmen gespielt werden - dann zählt der Punktwert oben links.
Die teilweise stimmungsvoll mit Archivmaterial illustrierten Karten können entweder als historische Ereignisse oder als Aktionen für Einflussnahmen gespielt werden - dann zählt der Punktwert oben links.
Aber wo lohnt sich die Kontrolle? Dabei muss man genau hinschauen, denn Land ist nicht gleich Land: Es gibt normale Nationen wie etwa Ungarn, Tunesien oder Honduras, aber auch so genannte „Schlachtfeldländer“ wie Frankreich, Ostdeutschland oder Israel. Diese sind lila markiert und besonders wichtig, wenn  ähnlich wie im Klassiker Risiko irgendwann Kontinente bzw. die sechs Regionen gewertet werden, indem man die Länder zählt. Dann bekommt man aufsteigend Siegpunkte je nach Präsenz, Vorherrschaft oder gar Kontrolle – Letztere erreicht man nur, wenn man alle Schlachtfeldländer sowie insg. die Mehrheit der Länder kontrolliert; also auch mind. ein normales.

Und jetzt kommt wieder die Kartenspannung inklusive einer gesunden Portion Glück ins Spiel: Denn es wird nicht nur in der letzten Runde final in allen Regionen gewertet, sondern schon früher und teilweise mehrmals pro Spiel in einer Region! Und zwar immer dann, wenn jemand das entsprechende Ereignis ausspielt. Da es drei Stapel früher, mittlerer und später Krieg mit zunächst fest zugeordneten, später durchmischten Karten gibt, weiß man z.B., dass es zu Spielbeginn theoretisch nur drei Wertungen in drei bestimmten Regionen geben kann: Asien, Europa und Naher Osten. Also sollte man sich evtl. in weiser Voraussicht in den entsprechenden Schlachtfeldländern platzieren. Und in dem Moment, wo man das tut, passiert was? Der Gegner kontert! Oder er spielt die Wertungskarte genau dann, wenn er mehr Punkte rausholt!

Glück und cleveres Karten-Management

Über Kuba können sind die Russen in Zentralamerika eingefallen: Aber Washington konnte sie mittlerweile zurückdrängen.
Über Kuba sind die Russen in Zentralamerika eingefallen: Aber Washington konnte sie mittlerweile zurückdrängen. Nur in Südamerika sieht es für Rot gut aus...
Das Schöne an diesem Konfliktsimulationsspiel ist, dass man auch abseits dieser zentralen Abrechnungen auf der gemeinsamen Siegpunkteleiste vorwärts kommen kann. Es gibt z.B. auch Punkte für Weltraumfortschritte, militärische Operationen oder Ereignisse. Man muss also eine ausgewogene Mischung für seine Strategie finden und sollte dabei gutes Karten-Management betreiben. Es kann sich z.B. lohnen, mächtige Karten für den Gegner zu blocken, indem man sie für den Wettlauf ins All einsetzt – dann werden sie erst später wieder eingemischt. Es kann sich lohnen, Ereignisse zu verknüpfen, also in ihrer chronologischen Reihenfolge auszuspielen, weil sie dann effizienter sind. Oder man kontert andere Karten: Wer „Willy Brandt“ als Russe spielt, kann „NATO“ für Westdeutschland aufheben; wer die „Awacs an Saudis verkauft“ verhindert „Muslimische Revolution“.

Ein Großteil des Reizes liegt darin, dass man immer abwägen muss, ob man entweder das Ereignis einer Karte oder aber deren Operationswert für Einflussmarker oder einen Putsch nutzt – nur dann darf man aktiv auf der Weltkarte seine Einflussmarker einsetzen. Selbst Letzteres kann allerdings empfindliche Folgen haben, denn falls das auf der Karte abgebildete Ereignis dem Gegner zugeordnet ist (wenn man also als Amerikaner die Operationspunkte der Karte „Willy Brandt“ nutzt), muss es grundsätzlich stattfinden! Dieser Kniff der wechselseitigen Beeinflussung trotz eigener Aktion sorgt zum einen für eine tolle Spieldynamik, zum anderen für die wichtige Balance. Alles ist quasi ein Geben und Nehmen – lediglich die Karten der eigenen Farbe, die man erstmal haben muss, nutzen auch nur der eigenen Weltanschauung.

Kommentare

grasshopperTS schrieb am
Auch ich hab's mir damals nach'm Test hier geholt, im "ganzen Internet" :wink: war nur auf spiele-offensive.de war ein Exemplar nur zum Ausleihen verfügbar... - ok, besser als nichts dachten wir uns. Und da war dann ein Zettel dabei, dass man das Ding für 49? kaufen kann. SOFORT gemacht :D
Aber ich habe gehört, im Mai 2014 soll eine neue Auflage erscheinen?! Und dann gibts da noch Wargameroom: https://www.youtube.com/watch?v=rvGTYTCYdZE
Das Spiel selbst ist auf jeden Fall großartig, gerade in der aktuellen politischen Situation haben wir es wieder rausgekramt und schon so einige Abende damit verbracht. Das interessante am Spielprinzip ist echt die Schlüsselrolle bestimmter Länder, um sich den Zugang zu Regionen zu sichern und das gleichzeitige Karten- bzw. Krisenmanagement: Lasse ich das gegnerische Ereigniss jetzt stattfinden und bin es los, oder versuche ich es bis Runde 3 zu halten um bis Runde 7 meine Ruhe zu haben - oder habe ich noch viel schlimmere Ereignisse auf meiner Hand und muss mindestens eines in den Weltraum schießen, wodurch ich die OPs nicht zur Verfügung habe und auf der Karte in Rückstand gerate.
Recht realistische Spieltaktik, dazu kein bisschen Dichtung bei den Ereignissen ergeben ein so tolles strategisches Brettspiel, dass wir gerne den Konsolen/PC fernbleiben 8)
JohnMiller schrieb am
Nachdem ich mich mit dem Brettspiel nun auch befasst hab und die Bewertungen ja für sich sprechen, wollte ich es mir nun auch holen, aber bei meinem Glück ist dieses Spiel überall ausverkauft :(
Habe mir nun "Polis", dank Jörgs Tests bestellt ;)
Hoffe, dass das Gleichgewicht des Schreckens (deutsche Version) irgendwann wieder lieferbar sein wird ;)
gracjanski schrieb am
für mich ist der kalte krieg auch super interessant. Denn erstens ist er nicht so lange her und ausserdem gut erforscht. Da wird sehr klar, wie Politik in Wahrheit abgeht. Psychos unter sich...
bwort_baggins schrieb am
Hab mir das Spiel letztes Jahr gekauft und bin auch ziemlich begeistert :) Ich musste unbedingt das Spiel haben, dass bei boardgamegeek auf Platz 1 ist :D Neben Ringkrieg für mich das beste Spiel für 2. Kann dem Tester aber in einem Punkt nicht zustimmen ; : von der Geschichte finde ich den kalten Krieg absolut faszinierend. Erstmalig in der Geschichte der Menschheit gibt es keine "großen" Kriege auf der Welt und auf der anderen Seite kann es jederzeit zu einer atomaren Vernichtung kommen. Der Film Thirteen Days zeigt das ja ziemlich genial. Umso interessanter fand ich das Spiel, das durch die ganzen Ereignisse die Zeit sehr gut wiederspiegelt. Tolles Spiel!
schrieb am