Terraforming Mars (Brettspiel) - Brettspiel-Test, Brettspiel, Spielkultur

 

Brettspiel-Test: Terraforming Mars (Brettspiel) (Aufbaustrategie)

von Jörg Luibl



Entwickler:
Publisher: Schwerkraft Verlag
Release:
10.10.2016
Spielinfo Bilder  
Sauerstoff, Temperatur oder Ozeane?

Auf welchen Bereich konzentriert man sich? Am lukrativsten erscheinen Pflanzen und Energie, denn wer Grünflächen errichtet, erhöht den Sauerstoff, und wer Energie in Wärme umwandelt, erhöht die Temperatur auf dem Mars - für beides bekommt man die wichtigen Terraformpunkte. Außerdem erhält man sie für die Entstehung von Ozeanen, die auch durch Ereignisse wie Polschmelzen entstehen können. Und weil der Terraformwert auch gleichbedeutend ist mit dem Basiseinkommen an Geld für die nächste Runde, sollte man ihn in seinem Zug möglichst steigern. Denn mit Geld kann man irgendwann alles kaufen, während Stahl und Titan nur zusätzliche Bezahlmethoden für manche Gebäude oder Forschungen darstellen.

Da sammelt sich etwas an, wenn der Konzern expandiert.
Da sammelt sich etwas an, wenn der Konzern expandiert.
Hinzu kommt eine geostrategische Komponente: Wer in der Nähe von Ozeanen baut, bekommt dafür Geld und wer Grünanlagen in der Nähe seiner Städte hat, bekommt am Ende für jede einzelne Siegpunkte - auch wenn das Gras von einem anderen Konzern gepflanzt wurde. Sprich: Wer als Erster viele Städte baut, kann das zu seinem Vorteil nutzen, weil irgendwann die Bauplätze fehlen. Aber es gibt auch interessante Möglichkeiten auf den Handkarten, die das ausgleichen können: Zum einen gibt es lukrative Produktionsboni und einmalige Siegpunkte, wenn man z.B. Asteroidenbergbau einsetzt. Zum anderen gibt es kumulative Siegpunkte, die am Ende z.B. jeden Ozean um eine Stadt, jedes Jupitersymbol auf einer Karte oder jedes Tier in einem Naturschutzgebiet belohnen.

200 Karten von Atomkraft bis Tierzucht

Wer hat am cleversten Städte, Grünflächen und Ozeane ausgelegt?
Wer hat am cleversten Städte, Grünflächen und Ozeane ausgelegt?
Innerhalb der über zweihundert Karten, von denen man jede Runde maximal vier gegen Bezahlung ziehen darf, gibt es eine Fülle an einmaligen und kombinierbaren Möglichkeiten von eher aggressiver Atomkraft oder unterirdischen Detonationen bis hin zu Züchtung von Mikroben oder Tieren. Damit soll die Forschung der Konzerne symbolisiert werden. Alle bedienen sich dabei allerdings von einem Stapel: Schade ist, dass so natürlich viel dem Zufall überlassen ist, so dass man manche Kartenkombos gar nicht erhält, obwohl man sich vielleicht darauf spezialisieren will. Dem kann man über eine Zusatzregel zumindest etwas entgegen wirken, indem man das Draften einsetzt, bei dem die Karten ähnlich wie in 7 Wonders herumgereicht werden.

Da es kein Handkartenlimit gibt, hat man andererseits auch viel Auswahl. Nur reicht meist ein Blick auf den Preis der Karte, um den besten Terraformertrag für sich zu erzielen, so dass man eine wirklich thematische Entwicklung seines Konzerns immer mehr ignoriert. Befriedigender wäre es gewesen, dass man auf bestimmte Karten erst dann Zugriff bekommt, wenn man ein Zeitalter erreicht oder entsprechend geforscht hat - das wird immerhin im Ansatz durch die Symbole erreicht, die für manche Aktionen erfordlich sind. Außerdem kann es sich lohnen, gleich zu Beginn in Karten zu investieren, die aufgrund des Klimas oder des Preises noch nicht sinnvoll erscheinen.

Man kann auch für Leben auf dem Mars sorgen und Siegpunkte durch Tierzucht erzielen.
Man kann auch für Leben auf dem Mars sorgen und Siegpunkte durch Tierzucht erzielen.
Dieses Horten von Handkarten wird sogar mit Sondersiegpunkten belohnt, die man für das Beanspruchen von Meilensteinen erreicht: Wer als Erster drei Städte oder Grünlagen, acht Gebäude, sechzehn Handkarten oder einen Terraformwert von 35 vorweisen kann, bekommt fünf Siegpunkte. Diese Meilensteine sorgen zusammen mit den Auszeichnungen für zusätzliche Motivation, in einem Bereich wirklich führend zu sein. Letztere werden am Ende für die höchste Produktion von Geld, Wärme, Stahl und Titan sowie die meisten Plättchen im Spiel vergeben.

Sehr schön ist übrigens, dass es mit "Zeitalter der Konzerne" nicht nur eine Variante für Fortgeschrittene gibt, bei der man mit weniger Produktion startet und auf exklusive Konzern- sowie Handkarten zurückgreift. Dort steht nicht das Terraforming, sondern Wirtschaft und Forschung im Vordergrund. Hinzu kommt eine Variante für Solisten, die man inkl. neutraler Städte nur vierzehn Runden für eine Highscore spielt - auch das macht Laune.

Was gefällt nicht so gut?

Zunächst der Kleinkram: In der insgesamt guten deutschen Anleitung fehlen mir manchmal mehr Beispiele wie z.B. zur Anzahl der eigenen Aktionen: Man kann die Phase missverstehen und meinen, dass man nur eine oder zwei Aktionen pro Generation hat - das ist aber falsch und würde in der Praxis für extremen Überfluss sorgen. Denn erst wenn alle passen, endet eine Generation, so dass man theoretisch so lange bauen und forschen kann wie man Geld bzw. Rohstoffe dafür hat - das wurde mir erst über die Online-FAQ ganz klar. Schade ist, dass die Bronzefarbe auf den Ecken der Steinchen so schnell abblättert. Außerdem hätte man die numerischen Werte auf den Spielertableaus vielleicht vertiefen können, damit die leichten Steine darauf nicht so schnell verwackeln.

Gegen Ende des Spiels hat man zig Gebäude gebaut, Forschungen betrieben und Ereignisse ausgepielt.
Gegen Ende des Spiels hat man zig Gebäude gebaut, Forschungen betrieben und Ereignisse ausgepielt.
Inhaltlich fehlt mir lediglich die angesprochene Entwicklung im Kartenstapel: Man hätte  über thematische Stapel oder freigeschaltete Forschung vielleicht mehr Spieltiefe rausholen könnne. Vielleicht hätte man auch eine Regulierung durch marsianische Zeitalter schaffen können, an die auch Forschung, Projekte & Co gekoppelt sind wie etwa in Through the Ages. Aber das ist im Rahmen dieses tollen Spiels nur Kritik auf hohem Niveau.

Fazit

Dass Terraforming Mars auf der SPIEL'16 in Essen schnell vergriffen war, ist kein Wunder. Zum einen ist das Thema aufgrund aktueller Raumfahrtprojekte interessant, zum anderen hat Jacob Fryxelius das futuristische Szenario sehr ansehnlich und thematisch gut ausgearbeitet: Ein Wettlauf fiktiver Konzerne über mehrere Generationen mit kompetitivem Anspruch, bei dem bis auf die Eroberung alle Elemente der 4X-Strategie wie Aufbau, Ernte sowie Expanison auf einer hübsch designten Hexfeldkarte ineinander greifen. Die gemeinsame Umwandlung eines Planeten in den drei Bereichen Sauerstoff, Temperatur sowie Ozeane sorgt für authentisches Flair, während man seine Karten und Ressourcen möglichst effizient einsetzen und seine Städte sowie Grünanlagen geschickt platzieren muss. Es macht sogar Spaß, die wissenschaftlichen Kartentexte laut vorzulesen! So entsteht auch schnell eine angenehme Stimmung am Tisch. Vielleicht hätte man noch mehr Spieltiefe erreichen können, indem man spezielle Forschungen nach Zeitaltern oder Stufen staffelt. Aber selbst wenn der allerletzte Feinschliff fehlen mag, der großartige Strategie wie Dominant Species oder Through the Ages auszeichnet, kann ich Terraforming Mars nur wärmstens empfehlen!

Für alle, die eine Wertung vermissen: Wir werden hier nur unsere Highlights vorstellen. Natürlich gibt es auch in der Brettspielwelt einen bunten Mainstream und billigen Murks, aber wir wollen euch alle zwei bis vier Wochen kreative Geheimtipps und ungewöhnliche Spieleperlen empfehlen, die man vielleicht nicht in jedem Kaufhaus findet.

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Kommentare

danibua schrieb am
Ja es dauert halt relativ lang bis dann mal nachwuchs herausspringt, weil halt jede runde nur eines der tiere trächtig wird, dafür sind zumindest die schafe noch relativ billig zu bekommen, aber ich gebe dir hier recht, gemessen am aufwand bringt die viehzucht relativ wenig ein.
Was eigentlich ja auch etwas enttäuschend ist weil im buch ja explizit auf das langfristige potential der viehzucht hingewiesen wird.
Wandert man mit 2 schiffen aus, gibts jedenfalls mehr punkte als man mit 7 runden viehzucht erreichen könnte, wäre halt gut wenn da je runde noch ein paar tierische erzeugnisse rausspringen würden (ohne arbeiter einsetzen zu müssen) um die lagerhäuser noch besser vollkriegen zu können - vielleicht ne idee für ein paar hausregeln.
M_Coaster schrieb am
Ja, bei Odin ist das Auswandern sehr mächtig und die Tierzucht irgendwie weniger ertragreich als ich es mir wünsche. Wobei ich immer noch überlege ob ich da Spielmechanisch einen Fehler mache. Ich finde die Tiere vom Aufwand her furchtbar schwach.
danibua schrieb am
Mal sehen, vielleicht zündet terraforming mars bei mir erst noch, ich habe erst 4 partien, wovon 2 solo stattfanden.
Mit abstand am besten gefiel es mir zu viert, weils da halt schon sehr darauf ankommt wie man seine plättchen platziert.
Bei odin bringe ich auch halbwegs hohe scores zusammen, die lernkurve ist dabei auch ziemlich steil, nach zwei, drei partien ist man da ja schon sehr gut drin finde ich.
Mein einziger kritikpunkt dabei ist das auswandern, das gibt für meinen geschmack ein bisschen zu viele punkte.
Bei odin gefallen mir halt die vielen verschiedenen spielmechaniken sehr gut während man bei terraforming mars halt einfach nur die karten ausspielt bzw. die standardaktionen kauft.
Scythe habe ich noch gar nicht probiert, hab aber schon gehört das einige davon nicht so begeistert sind, wurde auch nach der messe wieder ziemlich häufig abgegeben.
Generell gefallen mir solche materialaufwändigen spiele allein schon vom anschauen :D , ob ich es kaufe entscheide ich nach ner probepartie bei meinem händler.
Erstmal kommt bei mir aber ganz sicher die 2te edition der villen ins regal - als alter cthulhu fan hat die ohnehin vorrang!
Mal schauen was ich mir vor weihnachten sonst noch hole.
M_Coaster schrieb am
Terrafroming Mars finde ich auch zu zweit witzig. Grundsätzlich ist das besondere am Spiel aus meiner Sicht seine enorme Abwechslung. Du kannst auf so viele Arten gewinnen, das ist schon beeindruckend.
Ein Fest für Odin z.B. hatte ich wesentlich schneller meine hohen Punktzahlen zusammen. Insgesamt ist es wohl das bessere Paket. Von Scythe solltest du nicht zu viel erwarten - dann ist es der Hammer. Hast du es auf der SPIEL Probe gespielt? Der Preis ist halt saftig, der Hype war auch derbe groß - beides Dinge die ich nicht so ganz nachvollziehen konnte.
Der Hype um Terraforming Mars war ja selbst gemacht. Ein gutes Spiel in wenigen Stückzahlen auf fragwürdige Weise verkaufen. Klar das dann ein Hype entsteht, wenn jeder einigermaßen interessierte Spieler darum kämpfen muss als wäre es sein letztes Hemd.
danibua schrieb am
Konnte jetzt auch endlich ein exemplar zum vernünftigen preis ergattern und bin von terraforming mars doch etwas enttäuscht, nicht das es ein schlechtes spiel ist aber dem riesigen hype der in essen darum entstanden ist wirds mmn nicht wirklich gerecht - aber das ist ja geschmackssache
Richtig interessant wirds auch erst ab 3-4 spielern, schade finde ich dass das solospiel eigentlich nichts zu bieten hat. (Ich zocke halt einfach gerne mal ne solopartie)
Was die spielkomponenten anbelangt bin ich auch etwas enttäuscht, gerade die vielgepriesenen ressourcenwürfel (in bronze, silber und gold) blättern doch relativ leicht ab - da hätte man sich doch für herkömmliche spielsteine entscheiden und dafür etwas an der preisschraube drehen sollen.
Ein fest für odin habe ich mittlerweile auch selbst, davon bin ich restlos begeistert - das matcht sich mit roll for the galaxy um mein diesjähriges brettspiel des jahres, hat wegen der erstklassigen solovariante eigentlich auch die nase vorne.
Besonders toll sind da auch die vielen möglichkeiten zum erfolg zu kommen und die vielen spielmechanismen die wunderbar ineinandergreifen.
Trotz allem bleibts sehr leicht zu spielen und ist auch ohne stundenlange erklärungen für neueinsteiger spielbar.
Ich würde sogar soweit gehen das spiel auch nicht ?vielspielern? ans herz zu legen.
Für mich mit abstand das beste rosenberg spiel, auch wegen der auch mal für mich interessanten thematik. (Mit caverna, arler erde oder agricola konnte ich nicht so viel anfangen)
Scythe steht auf meiner weihnachtswunschliste gemeinsam mit the others, der 2ten villen des wahnsinns edition und dem arkham horror lcg , selber spielen konnte ich es leider noch nicht, wird aber sicher die nächsten wochen mal nachgeholt
schrieb am