Die 4Players Kolumne: Der Spielefresser

 

Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 13
Freitag, 26.03.2004

Der Spielefresser


Gulo gulo. Wolverine. Järv. Was hat dieses Kauderwelsch mit der Spielewelt zu tun? Ganz einfach: Alle drei bezeichnen im Reich der Tiere den nimmersatten Vielfraß. Egal ob Beeren, Wespen, Hühner, Marder oder Katzen – der kräftige Jäger verschlingt alles, was ihm in die Quere kommt. Er ist ein Einzelgänger, lebt in Baum- und Erdhöhlen, ist tag- und nachtaktiv sowie ausgesprochen anpassungsfähig.

Na, klingelt`s? Kein Wunder, denn auch in der Zockerzoologie ist diese Spezies längst bekannt: der Spielefresser, der Homo sapiens gamensis. Getrieben vom Hunger, vom schrecklichen Lechzen nach Futter, jagt er seine kleinen bunten Schätze ausdauernd und unnachgiebig. 

Aber der menschliche Gulo gulo ist eine Rarität. Es handelt sich nämlich nicht um den Quartalszocker, der sich extra für den Urlaub mit einem Titel in der Luxusedition eindeckt. Auch nicht um die Clan-Shooter, nicht um die Xbox-Puristen oder die Nintendomanen – das sind alles Herdentiere ohne den wahren, den bedingungslosen Futter- und Reinzocktrieb.

Nein, nein: Es geht um den gnadenlosen Spielefresser, den Alleszocker par excellence! Ein Blick in seine Wohnhöhle genügt, um die Gattung sicher zu bestimmen: Da gehören der PC und die europäischen Varianten der Konsolenwelt zur Standardausrüstung. Die amerikanischen und asiatischen PS2s, GameCubes und Xbox`en lauern im Dunkel der meist schlecht beleuchteten, nach alter Pizza und Kunststoff miefenden Kaschemme.

Kabelsalat? Lächerlich! Hier gibt`s dichten Kabeldschungel: Lang wie Anakondas, bunt wie Paradiesvögel schlängeln sie sich unter modrigen Teppichen, über Wände und hinter Schränken hin zu den elektronischen Fressnäpfen. Da geht es nicht um einen Dreierstecker, sondern um die zweite Zwölfersteckleiste! Da geht es nicht um ein, zwei Scart-Anschlüsse, sondern um die dritte Verteilerdose für das Dutzend vergoldeter RGB-Kabel!

Auf seinen Fresswanderungen streift er zielstrebig durch die Innenstadt, wühlt sich nervös durch einschlägige Shops oder surft sich einen Wolf zwischen Ebay, Amazon und Liksang. Hat er etwas gewittert, das noch nicht auf seiner Zweitfestplatte oder in den meterlangen Regalkonstrukten schlummert, schlägt er blitzschnell zu.

Natürlich ist der Spielefresser ein scheues Wesen. Man muss sich schon sorgfältig umschauen und -hören, um ihn zu entdecken. Aber er unterscheidet sich grundlegend von Otto Normalzocker. Woran man ihn in freier Wildbahn erkennt?

Er lästert nie über eine bestimmte Konsole – das würde die Nahrungskette nur unnötig eingrenzen. Grafikkartendebatten? Interessieren ihn nicht; in seinem Zweitrechner steckt eh die Alternative. Er hat kein einziges Lieblingsspiel, dafür unendlich viele Lieblingsreihen. Er kennt alle Releasedaten des letzten Jahrzehnts. Er feilscht über Mengenrabatte mit seinem Importhändler und quält sich mit existenziellen Fragen wie der Unterbringung des dritten Fernsehers.

Ja, der Spielefresser ist in vieler Hinsicht ein Experte, ein Profi, ein Alleskenner. Trotzdem fordert die alles verschlingende Generalisierung ihren Tribut: Im Laufe der Evolution verkümmerten Leidenschaft und Disziplin. Auspacken, reinbeißen, antesten. Auspacken, reinbeißen, antesten. Von Genuss kann hier keine Rede mehr sein, denn der Zwang Neues zu erlegen ist übermächtig.

Deshalb fürchten diese nimmersatten Konsumschweine eine Frage ganz besonders: Wann hast du das letzte Mal was durchgespielt? Dann perlt der Schweiß, dann bleicht der Teint und Finger nesteln nervös in Taschen. Vor allem, wenn man nicht ganz schnell die beste Alibi-Seite aller Frühaufgeber, Nie-den-Abspann-Blicker und frustrierten Spieletester ansurfen kann: www.gamefaqs.com.

Auch die gesundheitlichen Nebenwirkungen der plattformübergreifenden Alles-Spiel-Orgien sind nicht ohne: Da sind diese Ringe unter den Augen, da ist das Hohlkreuz, das sich gefährlich biegt, da ist die Magensäure, die feurig blubbert. Finanziell sieht`s auch nicht gut aus - das Konto knarrt fast so laut wie die Gelenke.

In Zeiten von Lohnkürzungen, Riester-Rente und 60-Euro-Games ist die Spezies des Spielefressers daher fast vom Aussterben bedroht. Hinzu kommt eine Titelflut, die selbst alte Videospiel-Alphatiere, also echte Gulo gulo-Saurier mit gehobenem Einkommen, nicht bewältigen können. Viele hocken total verschuldet und sozial isoliert in unzugänglichen Kellern.

Aber es gibt Orte, wo man sich um euch kümmert; Reservate, wo man eure Qualitäten schätzt und fördert. Wo Artgenossen warten und wo sich jeden Tag frische Beute selbstlos zum Verzehr niederlegt.

Also duscht euch, zieht saubere Klamotten an und werdet Spieletester!


Jörg Luibl
4P|Textchef

Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

fanboyauf3uhr schrieb am
ich bin da ganz anders. ich habe nur eine PS3 und die meisten spiele gefallen mir einfach nicht. ein spiel muss bei mir einen gewissen nerv treffen sonst läuft garnichts. sämtliche kriegsspiele z.b. interessieren mich seit medal of honour 1 nicht die bohne, japano-RPGs auch nicht, casual kram sowieso nicht. ich glaube ich bin ein absoluter durchschnitts-zocker. aber das seit immerhin 25 jahren (angefangen hats mit "rambo" auf dem c64 bei nem kumpel).
Bild
das waren noch zeiten. :D
aber irgendwie kommen immer mal wieder games die mich so richtig packen (unreal 1 war für mich bis dato das spiele-highlight meines lebens, dicht gefolgt von shadow of the colossus und demon's souls).
Lurijen schrieb am
Lieber Jörg,
nach zweimaligem Lesen habe ich die Prämisse deines Textes immer noch nicht ausmachen können. Ich kenne auch den ein oder anderen Zocker auf den deine Beschreibung zutrifft, aber wo jetzt der springende Punkt oder gar dein Ansinnen lag, habe ich nicht wirklich verstanden. Das kann ich bei deinen sonstigen Werken nicht unbedingt behaupten. Vielleicht klärst du mich auf?
Gruß,
Ich
eichholz schrieb am
Cum grano salis finde ich mich nach wie vor in dieser Kolumne wieder und lese sie auch nach Jahren immer wieder gerne. Ist halt schamlos in den Details übertrieben, aber die Tendenz "paßt scho'".
Als Spieletester hätten wir Gulo Gulos aber bei 4P keine Chance, denn für Tests müssen die getesteten Spiele doch immer noch durchgespielt werden, richtig?
Zum Glück meiner Familie, die ernährt werden will, bin ich mit einigermaßen gemäßigtem Sammeltrieb geschlagen. Ich würde auch nie Sachen zum Releasetag kaufen, sondern warte, bis sie "bezahlbarer" geworden sind. Als Jäger muß man auch schon mal Geduld haben...
Doch ein zweiter Zwang verhagelt mir noch mehr das "Abspann-Blicken", nämlich das "Alles-gesehen-haben-müssen", bzw. die verfluchten Sammelaufgaben (Goldkisten, Truhen, Ostereier, Fähnchen, ihr wisst schon). Das hält total auf. Die Kombination finde ich aber nicht weiter überraschend, denn im Grunde handelt es sich doch tiefenpsychologisch um den gleichen Neurosenpark.
Abspänne sehe ich also dann und wann zum Glück schon, wenn das Spiel kurz und knusprig ist (Gold of War, Primal, Uncharted, MGS2, The Darkness).
Kann was dauern, aber kommt vor. Und das ist dann immer ein kleines Fest :-)
Im übrigen bin ich auch bekennender Strategy-Guide-Luser und Besucher der angesprochenen "Lamer-Sites". So what? Hut ab, vor allen, die ohne glücklich und zufrieden sind. Mir hilft es, in der knapp bemessenen Freizeit möglichst viel Spiel-Luft zu schnuppern.
Ja das ist Generalismus. Jeder nach seiner Facon. :-)
San Andreas schrieb am
Ein Traum, den ich nunmehr seit über 15 Jahren hege.
Ja, ich kenne diese Spezies nur zu gut. Seit meiner ersten Atari-Spielekonsole, quält man sich alles zu verzehren. Dabei schmeckt nicht einmal alles! Vieles ist leider eines Erbrechens würdig, aber dennoch wird es gekaut, gekaurt, gekaut... und in den meisten Fällen ausgespuckt. ^^
Ich ebe gerne zu, dass ein erhöhtes Zeitpensum im letzten Monat doch glatt dafür gesorgt hat, dass ich tatsächlich mal wieder zwei Games durchgezockt habe (ja, ich gebe es zu AC2 und Saints Row 2). Aber hat geschmeckt, was ich da gefuttert habe? In beiden Fällen habe ich einen schalen Nachgeschmack, wenngleich dieser bei AC2 ungleich abstoßender ausgefallen ist.
Aber es ist generell mal eine interessante Frage an einen selbst? Könnte ich Spieletester werden? Naja, ich denke die nötigen Qualitäten wären gegeben, was insbesondere eine hohe visuelle Schmerzresistenz zeigt.
Aber ich muss ganz im Ernst fragen, ist das ein Aufruf für eine Bewerbungswelle? Ich meine, ich bin sofort beim Fotografen für neue Bilder und die Bewerbung kommt per Expressbote!
Spieletester... Süße, honigfarbene Versuchung. Ein Traum...
disdel schrieb am
Das Beste ist das Fazit: werdet Spieletester!
schrieb am