Die 4Players Kolumne: Anonymer Hilferuf

 

Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 18
Freitag, 30.04.2004

Anonymer Hilferuf


Als wäre sie aus dem Nichts gekommen taucht sie aus dem Nebel auf. Sie lächelt schelmisch, strahlt so schön wie ein Frühlingsmorgen. Ach, wie schmilzt das Abenteurerherz dahin bei diesem Antlitz! Aber was ist das? Plötzlich verschwindet das zauberhafte Wesen hinter eisgrauen Schleiern: Tausende gierige Finger betatschen sie, zerren sie aus dem süßen Traum hinab in die bittere Wirklichkeit.

Hier ist keine Zeit mehr für Romantik und nostalgische Flirts. Hier taumelt sie abwesend durch die Welt, gestützt von pubertierenden Zauberlehrlingen und jeder Menge D&D-Fusel. Stolpert angetrunken von Release zu Release, von einem Baldur`s Gate-Abklatsch zum nächsten, wankt von einer billigen Fotosession zur nächsten Lesung.

Vom Börsenblatt des Deutschen Buchhandels muss sie sich anhören, dass die Menschen ihrer müde seien - der Trend gehe eben weg von Zauber und Magie. Von Analysten muss sie sich vorwerfen lassen, dass die Spieler noch mehr polygonreiches Geschnetzel, noch coolere Effekte verlangen - der Trend gehe eben weg von Epen. Von Testern muss sie sich ermahnen lassen, was für einen geilen Suchtfaktor Action-Rollenspiele auslösen.

Vor acht Jahren begann ihr Abstieg. Sie geriet nach einem heftigen Schneesturm in die Fänge des Teufels, der sie zur stupiden Leveljagd in drei Takten zwang: metzeln, einsacken, aufsteigen. Seitdem gibt sich die einstige Göttin aller Abenteurer blutenden Herzens für all die Freier hin - für Sacred, für Dark Alliance, für Champions of Norrath. Eine Endlosschleife garniert mit 08/15-Story und elender Klischee-Sauce.

Spät am Abend liegt sie dann ausgelaugt und angeekelt auf der Couch, führt wispernd Selbstgespräche: Gibt es da draußen wirklich mehr Levelfresser als Fantasten? Mehr Dauerklicker als Entdecker? Mehr Todesboten als Träumer? Und wenn sie der zuhaltende Alp des Marketings nicht gerade mit Zielgruppenanalysen, Actiontrends und Einsteigerfreundlichkeit malträtiert, träumt sie vielleicht von besseren Tagen, von alten Zeiten...

&vom Pfeife schmauchenden Professor aus Oxford und seinem Mythos, von Simon Schneelocke und Osten Ard, von den Lords aus Winterfell. Sicher auch von Planescape Torment, vom düsteren Morrowind und dem kernigen Gothic. Vielleicht sogar von all den nicht realisierten Welten, die der Macht des Marktes zum Opfer fielen: Torn, Hârn: Bloodline, Baldur`s Gate 3.

Was für eine Tragik! Die Muse aller Magier liegt enttäuscht, missbraucht und delirierend danieder. Dabei verwandelte die Grand Dame der Kreativität noch in den 80ern und 90ern schummrige Keller in heroische Paläste und knisternde Katakomben. Und wie viele durchlesene, durchspielte und durchträumte Nächte verdanken wir ihr?

Aber ist es ein Wunder, dass die First Lady der Imagination so verkommt? Ihr Charme, ihre Ausstrahlung - alles litt unter der Reizüberflutung der letzten Jahre, die in Peter Jacksons pompöser Ringverfilmung gipfelte. Ja, da strahlte die Diva noch mal in sagenhaftem Glanz! Aber das Genre hat seinen cineastischen Zenit überschritten. Seitdem ging es in Herr der Ringe-Socken steil bergab - ganz tief runter in den Keller der Niveaulosigkeit bis zum D&D-Film.

Im Spielebereich hat das zauberhafte Wesen allerdings gar keinen Zenit erreicht: Aus der zarten Schönheit ist viel zu schnell eine schwerbewaffnete Walküre geworden. Nur schreitet sie nicht stolz, sondern geknickt über das Schlachtfeld; schaut sich traurig all die Toten, all die Rollenspielkadaver an, die da verwesen: Pool of Radiance 2, Might&Magic IX, Summoner, Gorasul, Divine Divinity, Der Tempel des Elementaren Bösen, Lionheart, Dungeon Lords, Dungeon Siege.

Wer rettet die Faszination? Wer kann dieses Trauerspiel beenden? Ein Epos? Ja, das wär`s doch! Ein echtes Abenteuer. Aber nicht nach dem Motto "Höher, weiter, schneller", sondern "Tiefer, intensiver, geheimnisvoller"! Mit lebendigen Charakteren und erzählerischen Überraschungen! Ein packendes Rollenspiel, in dem es mehr Fragen als Feuerbälle gibt, mehr Rätsel als Waffen, mehr Herzklopfen als Hitpointkillen. Dragon Age: Origins? Fable III?

Oder hat das Börsenblatt doch Recht? Liegen die Marktforscher richtig? Glaubt man den Buchexperten, schaut man auf die Kinotrends, sind einfach andere Szenarien gefragt: Der Western sei wieder im Kommen. Auch das mystische Asien, allen voran China. Also wird Tolkiens Muse von ihrer Schwester aus Fernost gerettet? Von Final Fantasy XIII und XIV? 

Oder täte strikte Abstinenz mal ganz gut? Also mal ein Jahr kein Spiel mit Zwergen, Elfen und Orks. Mal ein Jahr ohne Zauber und Magie. Mal ein Jahr ohne all die Plagiate, Phrasen, Peinlichkeiten. Mal eine Kolumne, ohne den Namen der sterbenden Göttin auch nur zu nennen - auch, wenn`s schwer fällt.


Jörg Luibl
4P|Textchef
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Mhairin schrieb am
WOW, allein der Beginn dieser Kolumne spiegelt den Entwicklungsprozess des Gaming zwar sehr abstrahiert, aber umso tiefsinniger wider. Ein metaphorisches Bad suggerierender Eindrücke entfacht im Laufe des Lesens mein Flämmchen für diese virtuelle Kunst wieder zum Feuer.
Ebensolche kreativen Geister, wie der von Jörg, haben das offene Gespühr für Emotion und dessen Erfahrungen und wissen diese bewusst zu beeinflussen. Diese Schrift ist faktenorientierte Inspiration, sowie vor allem auch gezielte Motivation für mitlerweile unterforderte bis gelangweilte Interaktivisten. Und als freie Meinung kundgetan, bleibt auch der Kritiker zwischen seinen Worten erkennbar. Fließend bestätigt sich meine eigene Meinung in der Konzentration auf das Wesentliche, nämlich der Videospielwelt und ihrer frühreifen Kunst gerecht zu werden.
Künste und ihre Anhänger haben Konjunkturen wie die zeitlosen Philosophen in der stets modernen, spirituellen Entwicklung der Menschen und ich wünsche mir, dass unsere junge Alternativwelt und ihre momentan kleingeistige Phase aus ihrem Winterschlaf unter Lorbeeren aufwacht, sich erneut in die große Welt begiebt und nach eindrucksvollen Abenteuern neue Träume entwickelt.
Weiter so Jörg, denn im Gefecht zwischen Kritisieren und Überzeugen gewinnt immer der jenige, der näher am Menschen und damit ehrlicher ist.
Rutgar schrieb am
Oder man fängt einfach mit ein paar Kumpels mit Pen and Paper Rollenspielen an ;)
Da hat man dann alles nach Wunsch *g
KleinerNewbie schrieb am
Da diese etwas angestaubte Kolumne seltsamer- oder auch weniger seltsamerweise (?) trotz ihres beireits leicht muffigen Geruchs auf der Hauptseite verlinkt war, habe ich den Weg hierhier gefunden und muss einigermaßen deprimiert feststellen: Sie hätte auch von heute morgen sein können, denn tragischerweise hat sie in all' den Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren!
Ohne hier die 1001. Debatte darüber anstoßen zu wollen, was ein "richtiges" Rollenspiel ausmacht, kann man doch eines mit einer gewissen Sicherheit feststellen:
Das Genre "Fantasy-Rollenspiel" hat eine gewisse Tradition. In klassischen P&P-RPGs wie D&D, DSA etc. finden sich zahlreiche Elemente, die zumindest jeder "alte Hase" untrennbar mit diesem Genre verknüpfen und daher auch folgerichtig ganz bestimmte Erwartungen und Ansprüche an ein neues Spiel - übrigens völlig egal, ob nun ein P&P oder ein Videospiel - stellen wird, welches er als diesem Genre zugehörig anerkennen soll. Und: Wie Jörg richtig festgestellt hat, gab es durchaus eine Zeit, in der wenigstens versucht wurde, den Vorstellungen dieser speziellen (!) Zielgruppe möglichst gerecht zu werden, so, wie das in jedem anderen Genre eigentlich selbstverständlich ist.
Eben jene Erwartungen dieser speziellen Zielgruppe sind es, die seit Jahren kaum im Ansatz befriedigt werden! Für die Richtigkeit dieser Feststellung spielt es überhaupt keine Rolle, ob es auch Leute gibt, die dem modernen Genre des "Casualactionshooterhackandslayjumpandrunadventure-Rollenspiels" (Kurzform: "Cash-ja-RPGs") etwas abgewinnen können und wie viele das sind. Ich gönne ihnen von Herzen, dass sie seit Jahren reichlich bedient werden, doch: Sie gehören zu einer anderen Zielgruppe!
Tatsache ist und bleibt: Die angesprochenen RPG-Tugenden - und jeder Rollenspieler der "alten Schule" wird wissen, welche dies sind - finden sich seit Jahren - wenn überhaupt - allenfalls vereinzelt und marginal in den sogenannten "Rollenspielen".
Ich denke, sieben Jahre nach einer solchen...
azrael-79 schrieb am
Ich glaube, die Industrie hat es recht schwer mit RPGs. Die Produktionszeiten sind ungemein lang und teuer, man siehe die Entwicklungszeit von Dragon Age, da ist beim Release die Grafik schon veraltet. (Was nicht heißt, dass ich finde... usw.)
Früher, in den guten alten Zeiten, war Fantasy eine Art Underground. Frühreife Jungs und Mädels, die mit komischen Würfeln hantierten, in der Pause miteinander flüsterten, wie man den Drachen bei eye of the beholder besiegt, und ein komisches Buch lasen, dass aus drei grünen Bänden bestand...
Heutzutage ist Fantasy massentauglich geworden. Dies ist vor allem Herrn Jackson und seiner recht gelungenen Inszenierung des Ringkrieges zu verdanken. Plötzlich galt die Fantasy als neue Goldgrube- ein Spiel nach dem anderen wurde ausgespuckt, von anderen Entgleisungen wie Merchandising-Sünden ganz zu schweigen. Nun war da auf einmal eine riesige Nachfrage. Für mich auch ein Grund für den Erfolg WoWs.
Mit der Masse sinkt die Klasse. Die Spieler wurden für Einsteiger freundlicher, der Schwierigkeitsgrad und die Komplexität sausten beide zugleich in den Keller. Eben, wer will heute noch ein dickes Handbuch studieren, bevor er seinen Helden losschickt?
Das beklagen natürlich die alten Füchse, die schon bei Dungeon Master, die Werte und Ausrüstung der Helden in der Bildergalerie nächtelang miteinander verglichen. Denen stinkt auch langsam, dass schon tausendfach Erlebte wiederum zu erspielen. Den hundertsten Ork zu töten oder den fiesen Schwarzmagier um die Ecke bringen, wird auf Dauer kaum spannender.
Doch will die Basis der Genre-Fans überhaupt Innovation, und wenn ja, wie viel? Für einen Entwickler ein Horrorszenario. Da plagt man sich jahrelang ab, und entwirft ein innovatives, noch nie da gewesenes Szenario, und plötzlich will es keiner spielen, Markus spielt ja immer einen Zwergenkrieger, wenn das hier nicht geht, dann halt nicht. Was? Keine Drachen kommen vor? Das ist doch keine Fantasy!
Ich glaube, Innovationen in diesem Genre sind nur...
schrieb am