Die 4Players Kolumne: Propaganda gegen Spiele – was tun?

 

Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 46
Mittwoch, 10.11.2004

Propaganda gegen Spiele – was tun?


Spieler, hört ihr die Signale? Erst malte die Süddeutsche Zeitung die "Verdoomung der Republik" an die Wand, jetzt pinselte die ZDF-Sendung Frontal 21 den Teufel mit blutroten Farben ins Kinderzimmer. Und zwar mit missionarischer, schlecht recherchierter Hand. Wer gestern kurz nach 21 Uhr den Beitrag "Video-Gemetzel im Kinderzimmer - Killerspiele und Behördenversagen" gesehen hat (hier der Link zur Aufzeichnung), bekam als Spieler das kalte Grausen.

Bevor ich jetzt auf alle inhaltlichen Fehler und die unglaubliche Verkennung der Gesetzeslage in Sachen Jugendschutzgesetz eingehe, verweise ich auf die detaillierte Dekonstruktion des Kollegen Thomas Theiler vom GameCube-Universe, der die ganze Sendung vorbildlich auseinander nimmt.

Aber was ist da eigentlich los? Warum erscheinen der SZ-Artikel und die Frontal-Attacke so dicht hintereinander? Das Sommerloch wurde doch längst winterlich zugeweht. Und es gab doch keinen Amoklauf, keine Tragödie, keine Toten - trotzdem wird von "Vorfällen" gesprochen. Warum beginnt dieser seltsam reaktionäre Wind zu rauschen? Hat das mit der Auflösung des VUD zu tun? Oder braucht man reißerische Themen für die Quote? Gewalt und Panikmache sind bekanntlich zuverlässige Publikumsmagneten.

Das Seltsame ist: Nicht Lehrer, Eltern oder die Kirche verlangen schärfere Gesetze und Indizierungen, sondern einzelne Vertreter der Presse! Und gerade die sollte unser Grundgesetz nicht nur kennen, sondern den Wert von Artikel 5, Absatz 2 zu schätzen wissen:

"Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."

Aber die verschreckten Moralkeulenschwinger haben gemeinsam: Sie werfen der USK Versagen bei der Einstufung von Spielen vor und verlangen ein wesentlich schärferes Jugendschutzgesetz, eine wesentlich strengere Handhabung der Indizierung - hier wird politisch Stimmung gegen Spiele gemacht:

"Hier muss eingegriffen, hier muss etwas geändert werden."

Wieso denn? Was funktioniert denn nicht? Wenn Jugendliche Spiele für Erwachsene zocken, stehen die Eltern in der Verantwortung, nicht die Juristen. Es ist eine Sache der Erziehung und der Aufmerksamkeit, ob Doom3 in Kinderzimmern läuft. Gebt den Familien mehr Geld und beruflichen Freiraum, damit sie sich um ihren Nachwuchs kümmern können! Aber Innenminister Beckstein zuckt unter den Frontal21-Sporen zusammen und galoppiert in vorauseilendem Eifer lieber zurück ins 19. Jahrhundert:

"Wir brauchen Herstellungsverbote."

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Herstellungsverbote. Sollen künftig etwa Spieleprojekte schon im Voraus geprüft werden? Will man V-Männer bei Rockstar und Valve einschleusen? Man kann da sicher ganz konstruktiv mit dem frisch gekürten Präsidenten der USA zusammen arbeiten. Oder will man erwachsene Bürger der Bundesrepublik Deutschland mit zensurähnlichen Praktiken und Importverboten bevormunden? Das darf doch nicht wahr sein!

Wie kann ein Polit-Magazin in einer Sendung fundiert über die Auswirkungen der Gesundheitsreform berichten und dann plötzlich so tendenziös sein? Teile der Presse und der Staat sitzen hier in einem unheimlich reaktionär schaukelnden Boot. Und das Schlimme ist: All die Eltern, all die Zuschauer da draußen vertrauen vermutlich noch auf die Qualität und die Seriösität dieser schlecht recherchierten Sendung. Die Kluft zwischen der Spielewelt und der gesellschaftlichen Meinung über selbige wird durch diese einseitige Propaganda noch verstärkt. Wie unfair das Spiel behandelt wird, verdeutlicht auch die heutige Kinobesprechung der Süddeutschen Zeitung (Seite 17) von Alien vs. Predator:

" (...) entwirft er [Regisseur Anderson] auch hier eine beeindruckende Topographie der Ängste und Begierden, in der Monster und Menschen einen irrwitzigen Actiontanz aufführen."

Das hätte man auch über Doom 3 sagen können! Aber Film und Spiel werden im Feuilleton mit zweierlei Maß gemessen. Die Frage lautet: Was können wir als Spieler, als erwachsene Zocker tun? Das Problem ist: Es gibt kein Sprachrohr, keine gesellschaftlich etablierte Lobby für Spiele und Spieler. Es gibt scheinbar keine Tageszeitung, die sich die reife und aufgeklärte Berichterstattung auf die Fahnen geschrieben hat. Aber gerade jetzt, wo der VUD seine Segel gestrichen hat und sich allmählich eine Propaganda gegen Spiele abzeichnet, sollten sich alle Zocker Gedanken darüber machen, ob sie sich diese Verzerrung bieten lassen wollen, die vielleicht in noch schärfere Gesetze mündet.

Was kann man machen? Eine Partei oder einen Verein gründen? Unterschriften sammeln? Eine Initiative zur Freiheit der virtuellen Fiktion ins Leben rufen? Vielleicht hilft es ja, wenn man sein Umfeld, seine Verwandten und Freunde nach einer solchen Berichterstattung mit klaren Argumenten aufklärt. Wenn man deutlich darauf hinweist, dass unsere Spielkultur verkannt und diffamiert wird. Wenn man sich in Foren, Gesprächen, Leserbriefen selbstbewusst zu Wort meldet. Und schließlich haben wir genau so wie das böse Fernsehen und der satanische Heavy Metal einen starken Verbündeten: die Zeit.


Jörg Luibl
4P|Textchef
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

johndoe-freename-77599 schrieb am
Kleiner Nachtrag. Der Beitrag ist auf der ZDF Seite nicht mehr verfügbar. Was auch immer das heissen mag.
johndoe-freename-77599 schrieb am
Also mal ganz ehrlich. Wenn man sich mal anschaut was Merkel und Konsorten so rausblasen. Mit Steuern und mehr Belastung und hat man nicht gesehen , was die noch alles tun wollen , um uns das Leben noch mehr zu erschweren. Wo man sich viele Hobbys nicht leisten kann. Sollten dann auch noch unsere Zunft verboten werden. Wir nicht mehr zocken dürfen. Oh ja dann könnte es schon einmal mehr und öfter vorkommen das CS auf der Strasse stattfindet. Ich persönliche baue beim Spielen frust ärger und stress ab. Viele meiner Zockerkollegen sind da nicht anders. Wir haben Spass dran zusammen immer neue Strategien zu testen ein Team zu sein. Das ist uns wichtig. Nicht das Rumballern. Wer nur rumballern will spielt nicht lange mit dem Game. Den er wäre auf Servern nicht lange Gast. Nun stellt euch mal vor wir machen aus CS - Tanzstrike. Das selbe Spiel ohne Waffen usw. sieht man einen Gegner tanzt man Ihn weg. Also mal ehrlich die sollen lieber auf dem Teppichbleiben die Herrn und Dame. Und mal ehrlich der nette Herr von Frontal der spielt bestimmt Karten an seinen PC. Aber ja die sind ja auch gefährlich, hatt man ja in James Bond gesehen........
In diesem Sinne.
PS.: Dein Beitrag echt Klasse. :-)
johndoe-freename-75217 schrieb am
Es war doch schon immer so, daß die meisten Politiker keine Ahnung von dem haben, wofür sie zuständig sind. Mal abgesehen von diesem beschissenen Bericht:
1. Bildung. Da sitzen Asbach- Uralte am Schreibtisch und sollen sich um ein Thema kümmern, daß mit ihrem Alter, ihrer Generation und ihrem erlernten Beruf nun wirklich überhaupt nichts zu tun hat.
2. Gesundheitsreform. Da kümmert sich jemand drum, der in dem Sektor (Pharmazie und Medizin) noch nie gearbeitet hat und keine Ahnung hat, welche Art von Konsequenzen das nach sich ziehen kann.
Anders ist das hier bei der ZDF-Reportage auch nicht. Da steht ein Moderator mit Hornbrille und erlaubt es sich \\\\\\\"handfeste\\\\\\\" Kommentare über ein Thema abzugeben, mit dem er sich sicherlich noch nie vorher beschäftigt hat!
Fazit:
Ich persönlich bin Hobby-PC-Zocker und verbringe viel Zeit damit. Nicht nur mit dem Spielen selbst, sondern ich befasse mich auch mit der Technik und eben solchen Themen hier. Meiner Meinung nach gibt es schon ein paar Ansätze über die man diskutieren kann (z.B. Gewalt). Es stimmt, daß Spiele wie Doom3 nicht einfach für Jugendliche zugänglich machen sollte, aber deshalb darf man sie nicht verbieten, da auch viele Erwachsene Spass an einer guten Horrorgeschichte haben. (Ich verstehe sowieso nicht, warum man sich dann nicht über Horrorfilme oder Horrorbücher Gedanken macht...) Aber solche Probleme lassen sich einfach mit einer schärferen Ausweis- und Ladenkontrolle (oder z.B. bei Steam mit Personalausweisnummer) beheben. Ich denke das größte Problem bei Kindern und Jugendlichen, die solche Spiele zu ernst nehmen liegt aber weiterhin bei der Unfähigkeit der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, sich mit ihnen zu beschäftigen und auch zu diskutieren.
Das sind alles Grundlagen, auf denen man diskutieren kann, aber mit solch Unfähigen und sachmäßig uninformierten Weltfremdlern wie den \\\"Berichterstattern\\\" vom sagenumwobenen ZDF würde ich mich über diese Themen sowieso nicht unterhalten.
Die Moral von...
johndoe-freename-75211 schrieb am
Der Bericht ist totaler schwachsinn.
Ich muss zugeben mir ist es Kalt den Rücken heruntergelaufen als das Wort Produktionsverbot gefallen ist.
Und ich meine den Bericht kann man nicht ernst nehmen alleine schon wegen den Spieletestern 14 Jährige Kinder ich Zietiere den Gta 3 Typen \"ich verstehe den eigentlichen sinn des Spieles nicht ich finde es nur Lustig leute umzufahren und zu erschiesen\" !!!
Welche gut recherchierte Nachrichten Sendung argumentiert auf solchen fakten von solchen beschränkten Spielern??
Naja purer schwachsinn.
Bis dahin
Happypapierkorb
schrieb am