Der 4Players Kommentar: Die digitale Hexenjagd

 

Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 25
Freitag, 19.06.2020

Die digitale Hexenjagd


Die Vorverurteilung von The Last of Us Part 2 hat auf hässliche Art gezeigt, wie politisiert die Spielewelt ist - da wünscht man sich als Zocker alter Schule jeden Konsolenkrieg zurück.

Während dieses endlich anerkannte Medium weiter reift, während wir uns Fotorealismus, Cloudvernetzung und virtuellen Realitäten nähern, wirken Teile der Gesellschaft immer unreifer. Was man in Foren, auf YouTube oder in E-Mails lesen musste, war unter aller Sau.

Das war nichts anderes als Hetze, nichts anderes als eine digitale Hexenjagd: Dieses Spiel und dieser Entwickler sollten brennen. Und wer nicht mitmacht, ist eine linke Zecke oder gekaufte Lügenpresse - am besten beides.

Ganz wichtig: Ich meine damit nicht die Leute, die aufgrund der Gewalt, des Szenarios, des Plots oder des Spieldesigns ihre verständliche Ablehnung formuliert haben. Oder jene, die die schlecht begründete Verschiebung von The Last of Us Part 2 sowie Crunch & Co kritisierten. Leider wurde da vieles über einen Kamm geschert!

Ich meine damit nur jene, die scheinbar Angst vor diesem Spiel hatten, weil es ihrer intoleranten Weltanschauung oder politischen Gesinnung widersprach. Ich meine nur jene, die sowohl das Spiel, den Entwickler als auch Neil Druckman auf üble Art verleumdet haben - da war "entartete Kunst" nicht weit weg.

Das erinnerte entfernt an die Vorverurteilung von Kingdom Come: Deliverance, nur aus anderer politischer Richtung: Damals wurde Daniel Vávra an den Nazi-Pranger gestellt und mit abstrusen Forderungen an seine Mittelalterwelt konfrontiert. Ich versuchte in einem Talk mit Eike klarzustellen, dass man erstens "rechts" nicht mit "Neonazi" gleichsetzen kann und dass man zweitens das Spiel erstmal für sich betrachten müsse.

Aber das Differenzieren ist einigen zu anstrengend. In ihrem Aufregungspotenzial sind sich extrem Linke und Rechte manchmal ähnlich. Beide attackieren in ihrer ideologischen Empörung letztlich die Kunstfreiheit - aber kein Buch, kein Film ist ästhetisch wertvoll oder als Spiel per se cool, nur weil es die eigene Weltanschauung abbildet!

Diesmal wurde aus der Vorverurteilung allerdings eine organisierte Propaganda mit regelrechten Fake-News: Die Leaks wurden missbraucht, um das Zerrbild eines Spiels zu zeichnen, dessen "egomanischer Regisseur" angeblich nichts als "linksversiffte LGBT-Propaganda" im Sinne hätte, die allen "konservativen Werten von Familie und Moral" widersprechen würde - grotesk!

Diese Radikalität in der Debatte um Spiele schien bis vor einigen Jahren eher ein amerikanisches Phänomen, aber es trumpt wohl heutzutage alles ab. Wenn selbst Diplomatie wie Bullshit-Bingo wirkt, was will man erwarten? Diese Verflachung, Verdummung und Verrohung wird ja von Regierungschefs weltweit vorgelebt.

Dass die Diskussion derart in unversöhnliche "Lager" zerbrach, die scheinbar kein Differenzieren, keine Vernunft der Mitte mehr zuließen, lag natürlich auch daran, dass der Cocktail an Themen so explosiv war: Gewalt, Sexualität, Politik, Religion - alles war scheinbar (!) dabei.

Jetzt könnt ihr selbst spielen. Und ihr werdet erkennen, wie wenig ideologisch, wie wenig radikal dieses Spiel ist, weil es letztlich normale Beziehungen darstellt, allzu menschliche Konflikte behandelt und den Hass, der zu Fanatismus und Gewalt führt, aus mehreren Perspektiven nachvollziehbar macht: Es gibt nicht das eine Feindbild. Und selbst wenn? Auch das wäre natürlich erlaubt, wir sprechen über Fiktion! Schwarz und Weiß haben in der Geschichte der Spielebranche schließlich Tradition. Da gab es bei all den Call of Dutys keine Empörung, dass man da einer ideologischen Agenda folgen würde...

Dabei lauerte das kulturelle Unheil ohnehin nie im Spiel. Dabei musste man nie Angst vor dem haben, was auf dem Bildschirm passiert. Sondern höchstens vor dem Menschen, der davor sitzt. Und jetzt, wo das Spiel in globaler Vernetzung in der Mitte der Gesellschaft von Tokyo bis Toronto angekommen ist, sitzt da auch wirklich jeder - darunter Rassisten, Frauenfeinde, Homophobe, Extremisten & Co.

Sie verdienen nichts anderes als unseren Widerstand. Gerade von uns Spielern. Denn in ihrer beschränkten Welt würde es nur eine Art davon geben - und der Rest verboten werden.


Jörg Luibl

Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

MannyCalavera schrieb am
Lord Hesketh-Fortescue hat geschrieben: ?14.07.2020 11:12
Arkatrex hat geschrieben: ?14.07.2020 07:52 Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht ob diskutieren überhaupt noch Sinn macht. Ich beiße mir hier regelmäßig die Zähne aus, bei dem Versuch den / die anderen zu überzeugen sich auch mal in die Lage des anderen zu versetzen. Das ist aber weder gewünscht noch hat man Lust dazu.
Und wenn man dann versucht die Gründe dafür rauszukitzeln wird man beleidigt, die Nazi Keule ausgepackt oder das einfachste: Man reißt einfach Sätze aus dem Kontext. Aber das hier wirklich jemand mal seine Meinung dazu schreibt und auch Gründe dafür nennt warum das so ist. Pustekuchen.
Vorweg: Bezieht sich nicht auf dich oder deinen Diskussionsstil, sondern ist ein allgemeiner Einwurf dazu:
Abseits der gar nicht mal so unklugen Variante, dieses Politzeug hier ganz sein zu lassen, wäre es wichtig, seine eigene Sprachverwendung mal kritisch zu überprüfen. Und nein, damit meine ich nicht, hier nur noch fluffige Wattebäuschchen als Argumente zu verwenden. Aber wenn ich sprachlich-rhetorisch die üblichen Geschütze aus meinem antrainierten Rechts-Links-Schema hier in Stellung bringe, KANN da gar nichts Vernünftiges draus erwachsen. Dann schleppe ich nur die immergleichen ollen Denkmuster wieder hier ein. Die dann folgenden hässlichen Schubladen, die wir für uns selber ja überhaupt nicht wollen und über die wir logischerweise jammern, sind aber die Geister, die wir mit unserer Sprache meist selbst riefen.
Beispiel: Ich diskutiere z.B. ungern mit Leuten, die wie selbstverständlich von ?SJW? sprechen, sofern sie das jedenfalls nicht im Diskussionsverlauf schnell einstellen. Auch offline schalte ich da schnell auf Firewall. Das ist nämlich ein solch spaltender Begriff, der mit einem pejorativen Rundumschlag sofort provoziert und signalisiert: Kulturkampf!!! - Alle ab auf ihre (gewohnten) Positionen!! Sollte man LASSEN, wirkt unmittelbar diskursverschärfend, obwohl man das vielleicht gar nicht so...
loewenheim schrieb am
Entschuldigung für meine späte Antwort, ich habe nicht oft die Energie für diese Diskussion.
Nuracus hat geschrieben: ?10.07.2020 10:47
loewenheim hat geschrieben: ?10.07.2020 01:39 Natürlich ist Mike Stoklasa nicht in Wirklichkeit Mr. Plinkett. Aber die Tatsache, dass er meint, in Reviews von Star-Wars-Filmen eine Nebenhandlung über entführte Sexarbeiterinnen einbauen zu müssen, gibt meiner Meinung nach ein bisschen Aufschluss über sein Frauenbild.
(...)
Um es mit Kurt Vonnegut zu sagen: ?We are what we pretend to be, so we must be careful about what we pretend to be.?
Zu Kurt Vonnegut: Keine Ahnung, wer das ist, aber selten so einen Kappes gelesen. Dann ist Joaquin Phoenix ein wahnsinniger Irrer, der auf Inzest steht (Joker, Gladiator)? Christoph Waltz ein kalter Nazi (Inglorious Basterds)? Tom Hanks zumindest ein klein bisschen zurückgeblieben (Forrest Gump)?
Dies sind zwar keine selbst kreierten Rollen, aber alles Rollen, in die sie sich bewusst entschieden haben zu schlüpfen.
Weiterhin müsste man sämtlichen Comedians, die in Rollen schlüpfen (sei es Kaya Janar mit Ranjid/Francesco ... ach ein riesiges Fass), ähnliches vorwerfen.
Das ist einfach nur Getrolle. Anstatt auf das Zitat in dem Kontext einzugehen, in dem ich es gebracht habe ? Angry Joe, der in Videos eine mehr oder weniger fiktionalisierte Version von sich selber darstellt ? wählst du lieber bewusst eine absurde Auslegung, die nichts mit dem Thema zu tun hat. Ich glaube nicht für einen Moment, dass dir der Unterschied zwischen Schauspieler*innen und einem Reviewer auf Youtube nicht klar ist.
Nuracus hat geschrieben: ?10.07.2020 10:47 Zu Mike Stoklasa/Mr. Plinkett: Zwar spricht Stoklasa Mr. Plinkett in den Reviews, allerdings wurde eben dieser Mr. Plinkett in früheren Videos - also vor den Reviews - vor der Kamera bereits von Rich Evans gespielt.
Der Charakter der Nadine (die Prostituierte) ist neu für die Reviews kreiert worden. Da es sich bei Red Letter Media aber um ein Team handelt, kann man nicht...
Arkatrex schrieb am
Lord Hesketh-Fortescue hat geschrieben: ?14.07.2020 11:12
Arkatrex hat geschrieben: ?14.07.2020 07:52 Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht ob diskutieren überhaupt noch Sinn macht. Ich beiße mir hier regelmäßig die Zähne aus, bei dem Versuch den / die anderen zu überzeugen sich auch mal in die Lage des anderen zu versetzen. Das ist aber weder gewünscht noch hat man Lust dazu.
Und wenn man dann versucht die Gründe dafür rauszukitzeln wird man beleidigt, die Nazi Keule ausgepackt oder das einfachste: Man reißt einfach Sätze aus dem Kontext. Aber das hier wirklich jemand mal seine Meinung dazu schreibt und auch Gründe dafür nennt warum das so ist. Pustekuchen.
Vorweg: Bezieht sich nicht auf dich oder deinen Diskussionsstil, sondern ist ein allgemeiner Einwurf dazu:
Abseits der gar nicht mal so unklugen Variante, dieses Politzeug hier ganz sein zu lassen, wäre es wichtig, seine eigene Sprachverwendung mal kritisch zu überprüfen. Und nein, damit meine ich nicht, hier nur noch fluffige Wattebäuschchen als Argumente zu verwenden. Aber wenn ich sprachlich-rhetorisch die üblichen Geschütze aus meinem antrainierten Rechts-Links-Schema hier in Stellung bringe, KANN da gar nichts Vernünftiges draus erwachsen. Dann schleppe ich nur die immergleichen ollen Denkmuster wieder hier ein. Die dann folgenden hässlichen Schubladen, die wir für uns selber ja überhaupt nicht wollen und über die wir logischerweise jammern, sind aber die Geister, die wir mit unserer Sprache meist selbst riefen.
Beispiel: Ich diskutiere z.B. ungern mit Leuten, die wie selbstverständlich von ?SJW? sprechen, sofern sie das jedenfalls nicht im Diskussionsverlauf schnell einstellen. Auch offline schalte ich da schnell auf Firewall. Das ist nämlich ein solch spaltender Begriff, der mit einem pejorativen Rundumschlag sofort provoziert und signalisiert: Kulturkampf!!! - Alle ab auf ihre (gewohnten) Positionen!! Sollte man LASSEN, wirkt unmittelbar diskursverschärfend, obwohl man das vielleicht gar nicht so...
Lord Hesketh-Fortescue schrieb am
Arkatrex hat geschrieben: ?14.07.2020 07:52 Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht ob diskutieren überhaupt noch Sinn macht. Ich beiße mir hier regelmäßig die Zähne aus, bei dem Versuch den / die anderen zu überzeugen sich auch mal in die Lage des anderen zu versetzen. Das ist aber weder gewünscht noch hat man Lust dazu.
Und wenn man dann versucht die Gründe dafür rauszukitzeln wird man beleidigt, die Nazi Keule ausgepackt oder das einfachste: Man reißt einfach Sätze aus dem Kontext. Aber das hier wirklich jemand mal seine Meinung dazu schreibt und auch Gründe dafür nennt warum das so ist. Pustekuchen.
Vorweg: Bezieht sich nicht auf dich oder deinen Diskussionsstil, sondern ist ein allgemeiner Einwurf dazu:
Abseits der gar nicht mal so unklugen Variante, dieses Politzeug hier ganz sein zu lassen, wäre es wichtig, seine eigene Sprachverwendung mal kritisch zu überprüfen. Und nein, damit meine ich nicht, hier nur noch fluffige Wattebäuschchen als Argumente zu verwenden. Aber wenn ich sprachlich-rhetorisch die üblichen Geschütze aus meinem antrainierten Rechts-Links-Schema hier in Stellung bringe, KANN da gar nichts Vernünftiges draus erwachsen. Dann schleppe ich nur die immergleichen ollen Denkmuster wieder hier ein. Die dann folgenden hässlichen Schubladen, die wir für uns selber ja überhaupt nicht wollen und über die wir logischerweise jammern, sind aber die Geister, die wir mit unserer Sprache meist selbst riefen.
Beispiel: Ich diskutiere z.B. ungern mit Leuten, die wie selbstverständlich von ?SJW? sprechen, sofern sie das jedenfalls nicht im Diskussionsverlauf schnell einstellen. Auch offline schalte ich da schnell auf Firewall. Das ist nämlich ein solch spaltender Begriff, der mit einem pejorativen Rundumschlag sofort provoziert und signalisiert: Kulturkampf!!! - Alle ab auf ihre (gewohnten) Positionen!! Sollte man LASSEN, wirkt unmittelbar diskursverschärfend, obwohl man das vielleicht gar nicht so wollte. Gleiches gilt für die von dir angesprochene Nazi-Keule....
schrieb am