Test: This War of Mine: The Little Ones

29.01.2016, Autor: Jörg Luibl

Simulation für PlayStation 4, Xbox One




Wie erleben Kinder den Krieg?


Video: This War of Mine: The Little Ones, NEU: Video-Test (gesprochen)



Neue Charaktere, darunter sechs Kinder



Warum This War of Mine eines der ersten konsequenten Antikkriegsspiele ist, warum es nicht nur thematisch, sondern auch hinsichtlich seines Artdesigns sowie vor allem spielerisch überzeugt hat, indem es ein heikles Thema nicht nur anreißt, sondern den Spieler mit direktem Feedback tatsächlich so teilhaben lässt, dass eine emotionale Erfahrung entstehen kann, hat Eike in seinem tollen Test vor zwei Jahren ausführlich geschildert.

Sieht komplexer aus als es ist: Die Steuerung ist auch auf Konsolen sehr schlicht; lediglich das Treppensteigen kann zu Beginn etwas fummelig sein.
Sieht komplexer aus als es ist: Die Steuerung ist auch auf Konsolen sehr schlicht; lediglich das Treppensteigen kann zu Beginn etwas fummelig sein.

Ich konzentriere mich auf die Wirkung der Kinder sowie die wenigen technischen Unterschiede auf Konsolen. Abgesehen von kleineren Bildratenproblemen ist die Steuerung auf PlayStation 4 sowie Xbox One zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, so dass man schonmal unfreiwillig die Treppe rauf oder runter läuft. Wenn man den Analogstick nur einmal in die jeweilige Richtung antippt, bewegt man die unterschiedlichen Charaktere bald besser durch das mehrstöckige Versteck - man kann jederzeit auf Knopfdruck zwischen ihnen wechseln und so z.B. parallel ein Bett bauen, Wasser filtern oder Schutt wegräumen. Schade ist, dass der Zoom in das Geschehen so gering ausfällt.

In der Urversion gab es zwölf Charaktere, jetzt kommen neun weitere inklusive frischer Biographien sowie Fähigkeiten hinzu - und darunter gibt es mit Kalina, Misha, Sergei & Co auch sechs Kinder. Die 11 bit studios haben teilweise ihre eigenen Kinder per Motion Capturing aufgenommen. So erkennt man sehr natürlich anmutende Bewegungen beim Herumstromern oder Seilspringen. Aber die Kinder wurden nicht nur oberflächlich integriert. Sie treten als eigenständig handelnde Figuren auf, die sich hinsichtlich ihrer Kommentare, ihrer Bedürfnisse wie etwa weniger Nahrung, dafür mehr Spieltrieb, aber auch Fähigkeiten von den Erwachsenen unterscheiden. Für zwanzig bis vierzig Tage werden sie so zu einem prägenden Teil dieser Schicksalsgemeinschaft, die selbst Opfer und Täter hervorbringen kann.

Die 11 bit studios haben die Kinder nicht nur als kleine Polygone, sondern als handelnde und reaktive Figuren angenehm glaubwürdig integriert.
Die 11 bit studios haben die Kinder nicht nur als kleine Polygone, sondern als handelnde und reaktive Figuren angenehm glaubwürdig integriert.

Man braucht Lebensmittel, Medikamente, Schutz und Waffen. Auch wenn man à la Minecraft, Don't Starve & Co aus vielen Materialien etwas bauen sowie Werkstätten aufrüsten kann: This War of Mine ist ein schlichtes Spiel, das kein komplexes Tutorial benötigt. Der Anspruch besteht weniger im klassischen Sammeln und Aufbauen oder den mit etwas Stealth-Action garnierten Plünderungen, sondern eher in der Gnadenlosigkeit. Man kann jeden Tag die körperlichen und seelischen Folgen des Krieges an den Charakteren erkennen: Wer nicht genug schläft, seine Wunden nicht heilt oder von den Aktionen seiner Mitmenschen deprimiert wird, der schleicht irgendwann gebückt wie ein Wrack, langsam und traurig vor sich hin murmelnd durch die Flure. Und falls jemand stirbt, ist dieser Charakter ähnlich wie in Darkest Dungeon für immer verloren - man kann also nicht perfekt "spielen", sondern muss mit Verlust leben - auch mit dem eines Kindes.



Der Krieg soll aufhören, Papa!

Die Charaktere entwickeln ihre eigenen Gedanken in Tagebüchern. Sie können auch sterben.
This War of Mine: The Little Ones wurde komplett auf deutsch übersetzt. Die Charaktere entwickeln ihre eigenen Gedanken in Tagebüchern. Sie können auch sterben.

Die soziale Interaktion wird dadurch bereichert, dass sie teilweise auch direkt mit Erwachsenen verwandt sind: Ivano ist z.B. der Enkel von Henrik; es gibt auch Onkel und Neffe, Vater und Tochter. Die Beziehung zwischen ihnen kann man aktiv pflegen, indem man sich um die Kleinen kümmert - reden und spielen gehören ebenso dazu, wie sie nicht all zu lange alleine zu lassen. Wenn der Vater für eine Plünderung das Haus verlässt, wartet die Tochter voller Angst auf seine Rückkehr. Man freut sich nach einem Streifzug über jede Begrüßung an der Tür. Sehr schön ist auch, dass man sie nicht einfach mit Spielzeug & Co abspeisen kann - manchmal werden sie trotzig, verlangen vielleicht das sofortige Ende des Krieges oder wollen in die Schule gehen. Auch die Erwachsenen lässt das nicht kalt: sie verfluchen den Krieg angesichts der tragischen Situation für den Nachwuchs umso mehr.

Wen schickt man wohin zur Plünderung? Wer darf in einem Bett schlafen? Wer hält Wache?
Wen schickt man wohin zur Plünderung? Wer darf in einem Bett schlafen? Wer hält Wache?

Kann man sein Kind im Krieg schützen? Kann man auch seine Unschuld bewahren? Diese beiden Fragen stehen im Vordergrund, wenn die Kleinen zum Teil eines Szenarios werden. Ihre integration ist übrigens komplett optional, ihr könnt also auch nur mit Erwachsenen spielen. Der Szenario-Editor lässt euch alle Charaktere, die Spielzeit, die Orte sowie die Schwierigkeit hinsichtlich der Härte des Winters oder der Gefahr des Krieges auswählen.

Aber erst wenn man auch auf ein Kind in seinem Unterschlupf achten muss, fühlt sich die Spielerfahrung komplett und manchmal auch intensiver an. Denn als Vater verhält man sich im Zweifel gnadenloser als ein Freund - sprich: Wenn das Kind zuhause leidet, greift man vielleicht eher zur Waffengewalt bei Plünderungen. Während ich ohne Kinder weitgehend friedlich zu spielen versucht habe, ertappte ich mich mit Kind dabei wie die Hemmschwelle zur Gewalt schneller sank.

Allerdings wirkt sich die Verrohung auch auf das Umfeld aus. Schon im Original reagierten die Mitbewohner deprimiert, wenn man in Wohnungen einbrach und stahl, oder entsetzt, wenn man Menschen verletzte oder gar tötete. All das wirkte sich auf die Moral und das Verhalten aus - und bei den Kindern ist es nicht anders. Man kann versuchen, die heile Welt möglichst lange aufrecht zu erhalten, indem man ihnen Spielzeug baut, sie unterstützt und seine moralischen Grundsätze behält. Man kann sie aber auch auf diese schreckliche neue Welt vorbereiten, indem man sie ausbildet oder trainiert. Dann helfen sie z.B. beim Reinigen von Wasser oder dem Heizen. Nicht nur die eigenen, auch fremde Kinder sind wie im Original als Besucher integriert. Sie klopfen vielleicht an der Tür und fragen, ob man ihrer Mutter helfen kann.





  Fazit