Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 50
Dienstag, 09.12.2014

Stürme im Forenglas


Von drauß‘ vom Forum komm ich her; ich muss euch sagen, es wütet sehr.

Entschuldigung, ich wollte den Storm nicht knechten. Gerade jetzt, wo es doch bald weihnachtet. Aber so besinnlich geht’s im digitalen Wald von heute ja tatsächlich nicht zu. Man könnte fast meinen, da wird nur noch gepöbelt, geschrien und geflucht.

Und das hat zumindest Tradition. Auch in den alten Geschichten tobte es über zwölf Tage in einer Wilden Jagd. Was man sich da alles erzählte von alten Königen, unheimlichen Kreaturen und grausigen Toten, die in den Nächten zwischen den Jahren umgingen. Das war damals auch zum Fürchten.

Trotzdem interessierte die Leute, was da wohl Sagenhaftes, Schreckliches oder vielleicht nur Peinliches passierte, während es draußen laut stürmte oder an den Türen polterte. Also spähte man mal kurz aus dem Fenster, um zu sehen, ob da wirklich ein fürchterliches Heer von Untoten durch die Gassen galoppierte. Ob sich der besoffene Nachbar mal wieder in den Schnee übergab. Vielleicht würde man zumindest den lallenden Fleischer dabei ertappen, wie er der  kichernden Bäckerin unter den Rock langte - oder umgekehrt.

Menschliche Neugier im Angesicht des Mythos. Ich will den alten Kumpel ja nicht mit Gewalt in diesen modernen Zeiten nachhallen lassen, aber diese Beschreibung der Wilden Jagd könnte auch unerschrockenen Forenreitern bekannt vorkommen:

"Wer das Heer provoziert oder ihm spottet, wird unweigerlich Schaden davontragen, und wer absichtlich aus dem Fenster sieht, um das Heer zu betrachten, dem schwillt etwa der Kopf an, so dass er ihn nicht zurückziehen kann."

Na, klingelt da was? Zack, hat man also - gegen alle Vernunft- kommentiert und reitet mit. Heute macht man nicht das Fenster auf und lauscht vor Neugier, sondern klickt ins Forum. Trotz der supermodernen Technik erkennt man da vor allem allzu Menschliches. Und nichts ist interessanter! Gelockt wird man nur nicht mehr von oraler Tradition, sondern digitaler Kommunikation - also Tratsch 2.0.

Schaut mal, was da wieder abgeht: Da brennt die Hütte - auf Holz. Da tanzen die Trolle - im Kreis. Das halbe Internet steht Kopf - ohne Anstand. Es wird im Sekundentakt geposted, geflamed, gelolt, gezetert, getextet, gejammert, geschrien, gekontert, geflucht, gebannt. Würde man aus den Threadvorlagen eine Geräuschkulisse komponieren, könnte man der chaotischen Wilden Jagd vielleicht sogar nahe kommen.

Es könnte ein feineres Gehör aber auch schrecklich schmerzen. Denn das digitale Feedback gibt es nicht nur zur Wintersonnenwende, sondern 24/7 - es wird jeden Tag künstlich aufgeblasen. Als würden zig Leute gleichzeitig in eine Talkbox mit Verstärker brüllen. Was für ein diabolischer Lärm - egal ob Fußball, Politik oder Spiele. Selbst so mancher Arsch geht nicht mehr ohne digitales Gezwitscher an den Leuten vorbei.

Aber egal auf welchem Portal man gerade dieser oder jener Entrüstung lauscht, säuselt es bald nur noch vor sich hin. Dann wird es irgendwann nahezu totenstill – der Thread wird wie eine Leiche begraben. Aber diese besinnliche Ruhe trügt. Hunderte dieser Untoten warten dann nur darauf, dass irgendjemand wieder buddelt. Schon einen Tag später stürmt es wieder in zig Forengläsern.

Wenn man sich die Gläser mal genauer anschaut, zeigt sich, wie viel Lärm da um nichts gemacht wird. Und wie maßlos das Wüten von außen überschätzt wird. Die Wahrnehmung von Foren als glaubwürdiges Stimmungsbild einer Mehrheit beruht auf virtueller Illusion, der modernen Feedbacküberschätzung und manchmal auch gezielter Manipulation, die professionell Meinungen fälscht.

Da ist man dem kaum greifbaren, in vielen Facetten ausgefransten, ganz unterschiedlich nachhallenden Mythos der Wilden Jagd fast wieder ähnlich, den ja auch jeder gerne für seine Zwecke deutet - oder missbraucht. Dann wird falsch oder unzureichend zitiert, es wird politisiert oder in Threads nach Verstärkung der eigenen Meinung gefiltert. Irgendwann fallen auch Sätze wie diese: „Eure Leser denken, dass (…)“ oder „Die User sind ganz anderer Meinung, wie man anhand der Postings erkennen kann...!“

Angesichts der tatsächlichen Zahlen ist es erstaunlich, wie ernst das Feedback aus Foren aller Art teilweise genommen wird, wie aus diffusen Meinungen schnell vermeintliche Wahrheiten werden - nicht nur in Spielemagazinen. Wir haben z.B. im Sommer im Schnitt 70.000 Leute, die pro Tag unser Portal besuchen und Videos anschauen oder News und Berichte lesen. Davon nutzen nur 4000 bis 7000 überhaupt das Forum - und zwar passiv, indem sie z.B. mal auf die Kommentare oder in Themen klicken.

Lediglich 200 bis 400 Leute davon tippen wirklich Beiträge an einem Tag. Und davon texten manche 30 mal in einem Thread dasselbe - wie in einer Endlosschleife. Sprich: Die Zahl der aktiv schreibenden User liegt manchmal bei nur etwa 0,3 bis 0,5 Prozent aller (!) Besucher. Das ist eine verdammt mickrige wilde Jagd, die nicht mal als Splitterpartei in den Bundestag einreiten könnte.

Trotzdem sorgt sie für Stimmung und Meinungsbilder in Foren und auch Verkaufsportalen - sie erzählt quasi viele Geschichten gleichzeitig, die einige Leute zumindest unbewusst für bare Münze nehmen. Schließlich ist im chaotischen Stimmenwirrwarr für jeden ein anderes Körnchen Wahrheit dabei. Und die Leute lieben den Mythos.

Das Beruhigende an dieser Statistik scheint, zumindest aus humanistischer und ludologischer Sicht, dass sie den Glauben an die Vernunft im Allgemeinen und normale Zocker im Speziellen bestärken könnte. Denn diejenigen, die im stillen Kämmerlein ganz rational der Wilden Jagd lauschen, sind ja in der absoluten, vollkommen vernünftigen, jederzeit anständigen sowie - natürlich - gute Spiele schätzenden Mehrheit. Und da sind wir uns doch immer einig, welche das sind.

Falls ihr euch doch mal zu weit aus dem Fenster lehnt, wenn es draußen stürmt: Verliert nicht den Kopf dabei.

Ich wünsche forenfrohe Festtage!


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

b2bmk77 schrieb am
Im Forum und auf Webseiten gilt folgende Regel, dein schlimmstes Mitglied ist dein bester Freund.
Es zählt vielleicht nicht der Inhalt, oder wieviele Mitglieder aktiv mitarbeiten, sondern ist intressieren nur Zahlen, wieviele Seitenaufrufe finden statt. Damit Werbungsplätze verkauft werden können.
Auch wenn viele Kommentare unötig und überzogen sind, Feedback bleibt Feedback und wieviele Ideen für weitere Artikel ( um noch mehr Klicks zu bekommen) sind dadurch schon entstanden ?
BesorgterBuerger schrieb am
4Wixxers hat geschrieben:Dieser Kommentar zeigt mal wieder, wie selbstverliebt so manch 4Players-Redakteur doch mal wieder ist. Nur sollte man, wenn man die aktiven und postenden Forenmitglieder als lautstarke Minderheit (mit entsprechend irrelevantem Geltungsanspruch) abtut auch bedenken, dass 4Players ebenso eine lautstarke Minderheit ist, die einfach nur versucht, durch irgendwelche kritischen Reviews Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ja, das sind schon schlimme Finger diese 4p Redakteure. Die versuchen doch tatsächlich noch kritische Reviews zu machen...
P.S. Ich mag, wie dein Name die Seriosität deines Beitrags noch unterstreicht.
4Wixxers schrieb am
Dieser Kommentar zeigt mal wieder, wie selbstverliebt so manch 4Players-Redakteur doch mal wieder ist. Nur sollte man, wenn man die aktiven und postenden Forenmitglieder als lautstarke Minderheit (mit entsprechend irrelevantem Geltungsanspruch) abtut auch bedenken, dass 4Players ebenso eine lautstarke Minderheit ist, die einfach nur versucht, durch irgendwelche kritischen Reviews Aufmerksamkeit zu bekommen.
Subtra schrieb am
dx1 hat geschrieben:
LePie hat geschrieben:Erinnere nexttothemoon nicht an Rechtschreibung und Grammatik, mein Freund, oder du weckst einen schlafenden Drachen. 8O
Bitte, ich bin doch kein Drache. :lol: Außerdem ist der Ausdruck "älterer werdender Mann" eindeutig. Damit ist ein männlicher Spätpubertierender gemeint.
Aber mal im Ernst: Bild
Ich spiele kurz mal den Rechtschreib Nazi, auch wenn meine eigene Rechtschreibung nicht perfekt ist. Der Ausdruck sollte "Ein Mann im gehobenen Alter" oder "älter werdender Mann" du brauchst nur einmal ein zusätzliches "er" oder du sagst "älterer Mann". Du kannst auch "alten Knacker" "alte Knackwurst" oder "Ein Spieler weit nach dem Ablaufsdatum" sagen. Es bleibt dem Author am Ende überlassen. :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:
schrieb am

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