Die 4Players Kolumne: Quo vadis God of War?

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Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 27
Montag, 04.07.2016

Quo vadis God of War?


Wenn ein so auf Mechanik ruhender Gigant wie God of War seine Wurzeln auf dem angesagten Feld der Beziehungsgeflechte schlägt, dann ist der Aufruhr zunächst vorprogrammiert. „Biedern die sich denn jetzt auch schon an.“ Oder: „Kann denn Kratos nicht einfach so weitermetzeln wie bisher.“ Auch innerhalb der Redaktion gibt es diesbezüglich nicht wirklich eine klare Linie. Aber für mich klingt das so, als würde man aus einem Telltale-Spiel ein Jump&Run machen oder aus einem God of War ein filmisch inszeniertes Uncharted 4. Leute, Leute: Erst einmal ruhig bleiben, Tee trinken und abwarten, was die Entwickler da später veröffentlichen werden. Denn die Santa Monica Studios haben durchaus die Chance, die Spielwelt zu bereichern. Niemand sagt, dass in dem Reboot der Serie die Spielmechanik zu kurz kommt. Und dass man im nordischen Szenario die Chaosklingen durch eine Axt austauscht, empfinde ich als sehr erfrischend. Aber weswegen ich die E3-Spielszenen so abgefeiert habe, liegt genau an der Darstellung dieser kaputten Vater-Sohn-Beziehung, in der Kratos es offensichtlich nicht für nötig hält, seinen Nachwuchs mit dem Vornamen anzureden.

Wenn Joel in The Last of Us aufgrund des Verlustes der eigenen Tochter zunächst Ellie abweist und auch sonst anfänglich den griesgrämigen Vater spielt, so muss man davon ausgehen, dass der Kriegsgott dem noch eine Schippe drauflegt. Noch nie stand mir Kratos so nahe wie nach diesen acht Minuten. Noch nie habe ich die etlichen Liter Blut, die von den Chaosklingen auf den griechischen Boden getropft sind, so sehr als tonnenschwere Last auf diesen zerrütteten Charakter gespürt. Noch nie habe ich all den jahrelangen Hass so wahrgenommen wie in seinem rauen Befehlston. Anders herum: Was soll mir das als Spieler geben, wenn ein Kratos ruft: „Jonte, mein lieber Sohn, komm wir gehen zusammen auf Jagd. Wir werden bestimmt einen tollen Tag erleben!“ Das wäre ebenso unglaubwürdig wie ein kriegsmüder Vater, der aus russischer Gefangenschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Hause kommt und eine intakte Beziehung zu seinem Sohn aufbauen könnte. Genau das Gegenteil ist der Fall: Noch immer kann man vielerorts in meiner Generation das gestörte Verhältnis zwischen Vater und Opa in dem Verhalten des eigenen Vaters entdecken, dessen Kindheit sich an diesem Kriegstrauma wie an einer Gemüsereibe abgearbeitet hat. Und wenn mir die Santa Monica Studios das in all seinen Facetten vor den Latz knallen, dazu noch einbinden, dass der gute Mann sich schon das Leben nehmen wollte, weil er Frau und Kind verloren hat und dass sein Sohn nordischer Herkunft ihn stets an seine tote Tochter Kalliope erinnert – na dann Hut ab! Und dass der Sohn nicht einfach nur der KI-Hiwi ist, der den Hol- und-Bringdienst für den mürrischen Vater organisiert, ist jetzt schon absehbar: Statt schnöder Tabellen und Zahlenwerk wird ein Teil des Spielfortschritts durch die neuen Fähigkeiten des Sohnes ausgedrückt, die er sich aneignet oder verbessert.

Mit This War of Mine werden zwar  die Abgründe des Krieges aufgezeigt, aber ich kenne kein Spiel, das sich zum Beispiel mit einem Kriegsveteran aus Afghanistan beschäftigt, der massive Probleme damit hat, seine Familie vor der emotionalen Zerrissenheit und den seelischen Narben zu verschonen. Und genau hier setzt Sony hoffentlich an: Ein Kratos, der sich seinen Weg durch unzählige Gegner  geschnetzelt hat, der sich von Hass und Rache in einen Blutrausch hat leiten lassen, der schaut seinem Sohn nicht in die Augen, nachdem dieser zum ersten Mal ein Tier getötet hat. Der will vielleicht etwas Passendes sagen, dem Sohn beistehen - und scheitert dann doch. Ich sehe in diesem emotionalen Krüppel eine Chance, eine Geschichte zu erzählen, die durch die Wechselwirkung mit seinem Sohn das menschliche Wrack Kratos so darstellt, dass er glaubwürdiger  denn je wirkt und somit mir mehr ans Herz wachsen kann. Schließlich trägt er immer noch die verbrannten Körper seiner Familie als weiße Asche auf seinem Haupt und trat seinem Bruder Deimos in einem Kampf auf Leben und Tot gegenüber. Diese Vergangenheit lastet auf ihm. Und auch wenn der folgende Satz nicht bei jedem auf Verständnis stoßen wird: Meine Hoffnung beruht darauf, dass man vor den Augen des eigenen Kindes die Monster abschlachtet und dass der zunächst verständnisvolle Sohn sich durch die Gewalt immer weiter abhärtet, bis nur noch eine raue Hülle übrig bleibt.

Diesen Weg muss man nicht zwangsweise nehmen, aber mit diesem erzählerischen Trick begibt man sich nicht auf die kippelige Eisscholle aus dem kalten Stein Kratos etwas zu machen, was er nicht wirklich ist. Anhand des Sohnes würde man quasi den Prolog des griechischen Kriegsgottes erzählen:  Vom Menschen zum Überlebenstier. Diese Geschichte kann Kratos nicht mehr erzählen. Wenn Carl in der Fernsehserie The Walking Dead zum Revolver greift und kaltblütig nicht nur Zombies über den Haufen mäht, dann spricht aus seinen Taten die Umwelt, die ihn umgibt. Sein Vater Rick hält ihn weinend in den Armen. Schließlich haben sie ewige Jahre in trauter Familienruhe verlebt. Kratos hingegen ist wie der Vater, der bei einem Fronturlaub 1940 ein Kind zeugt, dann Stalingrad überlebt und sich 1946 mit Kindererziehung beschäftigt, während ein neuer Krieg anbricht. Und ich glaube auch kaum, dass man das Töten im Beisammensein des Sohnes einfach als Fremdkörper so kommentarlos stehen lässt. Und wie klasse wäre es dann auch, wenn der Vater Kratos der Verrohung seines Sohnes irgendwann nicht mehr tatenlos zusehen kann und am Ende derjenige ist, der die letzte Menschlichkeit in seinem Sprößling rettet. Die paar Sätze erfordern eine Inszenierung auf absolut höchstem Niveau. Und warum verliert man in den ganzen Aussagen während er E3 keinen einzigen Satz über die Mutter? Ist sie etwa eine nordische Gottheit? Vielleicht Freya? Und lebt die Mutter noch? Vielleicht wuchs der Sohn in mütterlicher Obhut auf und wir erleben den etwas anderen Trip des Kennenlernens von Vater und Sohn. Wie auch immer: Ich schaue dem nordischen Setting aufgrund des Potenzials zunächst erwartungsvoll entgegen.


Dieter Schmidt
Redakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

apocalyptic.nightmare schrieb am
Alandarkworld hat geschrieben:Um das klar zu stellen: die Santa Monica Studios dürfen liebend gern ein Game mit Vater-Sohn-Geschichte bringen, alles kein Thema. Ich seh' nur nicht ein, warum ausgerechnet Kratos dafür herhalten muss, warum "God of War" am Cover stehen muss. Warum nicht eine neue IP aufbauen und den Spartaner Spartaner sein lassen? Achso, ja, Marketing... :roll:

Ich glaube nicht, dass die Tough Guys aussterben, dafür wird sich immer ein Markt finden und früher oder später wird da auch ne Gegenbewegung einsetzen. Aus erzählerischer Sicht und der Charakterentwicklung sind solche Charaktere einfach lahm und wahnsinnig unkreativ. Klar gibts nen Markt dafür aber den gibts ja auch für Ken Follet- oder Dan Brown-Bücher.
Der Titel god of War ist denke ich ok, muss für mich nicht zwangsläufig mit Kratos verbunden sein, weswegen ich ehrlich gesagt auch enttäuscht bin, dass man Kratos einfach nur in eine neue Mythologie verfrachtet hat und offensichtlich auch über mehrere Teile nutzen will.
Geht das jetzt eigentlich von vorne los? God of War 1, 2, 3, Ghost of Valhalla?
Stormrider One schrieb am
Ich glaube das größte Problem der Serie Kratos selbst ist ,alles andere ist meine Meinung interessant und machen neugierig ,leider ist Kratos fehl am platz,was hat dagegen gesprochen den Titel behalten zu wollen aber den Helden neue erfinden (völlig neue char)?
Für mich hat das spiel dank Kartos nur eins bewirkt ,nämlich Ernüchterung: 8O :? :roll: :cry:
MFG
Antiidiotika schrieb am
Alandarkworld hat geschrieben:
apocalyptic.nightmare hat geschrieben:Ich fände ehrlich gesagt nichts schlimmer als wenn Kratos der selbe farblose, "tough-guy" wäre wie in den Spielen zuvor, denn das war einfach nur noch nervig.

Ich kann es nur nochmal wiederholen: das was du als "tough guy" bezeichnest, stirbt in der Gaming-Welt aus. Das wird alles zu Tode ge-re-booted. Und das finde ich schade, denn auch solche Charaktere sollten einen Platz haben, auch wenn sie oft als "flach" kritisiert werden. Kratos hat ja bereits eine Geschichte, die auf sehr drastische Weise erzählt, wie er zu dem wurde, was er ist. Ich mochte ihn so wie er war, er war einer der letzten echten Anti-Helden.
Um das klar zu stellen: die Santa Monica Studios dürfen liebend gern ein Game mit Vater-Sohn-Geschichte bringen, alles kein Thema. Ich seh' nur nicht ein, warum ausgerechnet Kratos dafür herhalten muss, warum "God of War" am Cover stehen muss. Warum nicht eine neue IP aufbauen und den Spartaner Spartaner sein lassen? Achso, ja, Marketing... :roll:

Ich glaube, er darf scho. weiter der verbitterte tobsuchtige Rachekrieger sein, der er ist.
Das Video zeigt ja schon auf sehr eindringliche Art, das Kratos nach wie vor als martialisch metzelnder Antiheld kämpfen darf.
Alandarkworld schrieb am
apocalyptic.nightmare hat geschrieben:Ich fände ehrlich gesagt nichts schlimmer als wenn Kratos der selbe farblose, "tough-guy" wäre wie in den Spielen zuvor, denn das war einfach nur noch nervig.

Ich kann es nur nochmal wiederholen: das was du als "tough guy" bezeichnest, stirbt in der Gaming-Welt aus. Das wird alles zu Tode ge-re-booted. Und das finde ich schade, denn auch solche Charaktere sollten einen Platz haben, auch wenn sie oft als "flach" kritisiert werden. Kratos hat ja bereits eine Geschichte, die auf sehr drastische Weise erzählt, wie er zu dem wurde, was er ist. Ich mochte ihn so wie er war, er war einer der letzten echten Anti-Helden.
Um das klar zu stellen: die Santa Monica Studios dürfen liebend gern ein Game mit Vater-Sohn-Geschichte bringen, alles kein Thema. Ich seh' nur nicht ein, warum ausgerechnet Kratos dafür herhalten muss, warum "God of War" am Cover stehen muss. Warum nicht eine neue IP aufbauen und den Spartaner Spartaner sein lassen? Achso, ja, Marketing... :roll:
casanoffi schrieb am
apocalyptic.nightmare hat geschrieben:Ich fände ehrlich gesagt nichts schlimmer als wenn Kratos der selbe farblose, "tough-guy" wäre wie in den Spielen zuvor, denn das war einfach nur noch nervig.

Das, und wenn man weiterhin das gleiche abgenutzte Gameplay bieten würde :mrgreen:
Ich bin aber ohnehin ein Fan von More of the same - but different.
Nur More of the same finde ich ziemlich Kacke...
schrieb am

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