Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 10
Freitag, 10.03.2006

Der Waffenporno


Neulich auf meiner Couch. Die Langeweile links von mir. Die Lustlosigkeit rechts von mir. Beide Ladys starren mich an, zupfen an mir rum und räkeln sich missmutig. Ich will sie ignorieren, aber es geht nicht. Denn sie flüstern einem fürchterliche Dinge wie "Treib Sport!", "Melde dich zu einem VHS-Kurs!", "Lass dich nicht so hängen!" oder "Spiel wenigstens was!" ins Ohr. Wie auf Kommando schlurft dann noch das schlecht geschminkte Gewissen ins Wohnzimmer und zieht ein Gesicht wie Glos beim G8-Gipfel. Jetzt reicht`s - das schmeiß ich raus!

Spiel was? Okay, darüber lässt sich wenigstens nachdenken. Da geht immer was. Ich bin Multiplattformer, aufgeschlossen, genrefrei. Aber was zockt man, wenn man nach Feierabend in den Seilen hängt? Wenn man einen langen Tag hinter sich hat und einfach nur abspannen will? Kein Civilization 4 . Kein Shadow of the Colossus . Und nach all den deutschen Fußballdepribomben auch sicher kein PES 5 . Nein, alles zu anstrengend, zu anspruchsvoll. Ab und zu braucht man den schnellen Kick, das kompromisslose Vergnügen, einen Medienburger, der sofort satt macht…

…mal überlegen…hmm...so etwas wie… "einen Porno?", flüstert die Langeweile und grinst schelmisch. Wie bitte? Hey, ich wollte doch was spielen - nicht einfach blöd glotzen! Plötzlich kommt laszive Bewegung in die Langeweile, die Lustlosigkeit schaut mich neugierig an. "Na und?", raunt die eine. "Man kann doch beides haben!", wispert die andere. Plötzlich summen sie im Duett mit großen Kulleraugen: "Grab your dick and doubleclick! Grab your gun and shoot for fun!"

Was zum Henker? Sind die jetzt völlig durchgeknallt? Aber ich hab kaum Zeit nachzudenken: Wie von Geisterhand flattern auf einmal die Boxen von Red Faction und Killzone um mich herum. Und schließlich, nach einem unwirklich lauten Bremsgeräusch, landet Black auf meinen Schoß. Wie abwesend füttere ich die PlayStation 2, lehne mich zurück und lade durch. Dann tauche ich ab, sauge Bilder auf, lege alles in Schutt und Asche, hetze von Checkpoint zu Checkpoint…

...ich bin mittendrin. Ich versinke in der Schießkaputtzeitlupenexplosivragdollorgie. Und während ich spiele, wird der unsinnige Vergleich immer sinniger: Porno und Shooter haben vieles gemeinsam. Was ist Black anderes als ein Waffenporno? Selbst Alex Ward, Executive Producer bei Criterion, sinnierte gegenüber Xbox Advanced: "If you love guns, it's like gun porno." Genau das ist es. Eine einzige Effektfickerei, die es auf den visuellen Kick abgesehen hat. Das kommt sogar der Wortbedeutung näher als die harmlose Hascherei. Es geht um schnelle, hektische Reibebewegungen bis zum Höhepunkt. Was macht man denn?

Man wedelt mit seiner Knarre, spuckt Blei und bringt jede Menge Statisten in die Horizontale. Körperflüssigkeiten werden ausgetauscht. Stehvermögen ist gefragt. Die Hitpointleiste muss gefüllt bleiben. Man darf nicht zu schnell schlapp machen. Man treibt es kooperativ, manchmal sogar in ganzen Teams. Man wechselt die Partner. Man gründet Swingerclans. Man beschimpft sich gerne beim Akt. Man legt sich hin, kniet, kraucht, keucht. Man bewegt sich mechanisch hin und her. Alle Stellungen sind einstudiert und auf den Abschuss fixiert.

Porno und Shooter. Beide locken mit dem Mantel des Verbotenen, den nur Erwachsene anlegen dürfen. Beide können Politiker und Journalisten auf die Palme des Nonsens bringen, bis sie hysterisch nach neuen Gesetzen kreischen. Und hat der Shooter nicht auch seine kernigen Archetypen und düsteren Gründungsmythen? Doom hier, Deep Throat da. Beides lief in Kinos, beides beschäftigt die Feuilletons. Und ist ein Porno nicht einfach bloß 3rd-Person-Action mit Biowaffen, ein Fleisch- und Hormon-Shooter? Beide können so verdammt stupide und monoton sein: immer dieselben Bilder, immer dieselben Aktionen, bis irgendetwas in finaler Erregung spritzt.

Die Ähnlichkeiten gehen noch weiter. Man nehme die Benennung: Serious Sam, Duke Nukem, CounterStrike, War World, Vivisector, Daemon Vector, The Stalin Subway, Painkiller, Starship Troopers, GSG9, Black, Prey, El Matador. So könnten auch Dolly Buster-Filme heißen. Obwohl die Jungs am Set der fleischlichen Lust schon weiter sind, sich wenigstens keinen Wortmüll wie ÜberSoldier abbrechen und den Fetisch einfach nummerieren. Das ist ehrlicher, denn es kommt dem Fließbandcharakter näher. Wieso nicht gleich Shootman 1, Shootman 2, Shootman 3? Oder Mature Explosives 1, 2, 3. Und wenn es am Ende des Zahlentunnels zu hoch wird, einfach mal geographisch variieren: Shootman in Vietnam, Shootman in Berlin, Shootman in Japan.

Natürlich gibt es Edel-Shooter genau so wie es Edel-Pornos gibt. Beide kaschieren den eigentlich triebhaften Grund ihrer Existenz auch gerne mit einer Story, damit auch Intellektuelle oder Verklemmte oder beides in einem mal gerne ohne schlechtes Blut- & Ballergewissen reinbeißen: Half-Life 2, Max Payne 2. Aber vielleicht hat sich der Shooter klassischer Prägung irgendwann überholt. Oder er wird verboten und es gibt nur noch Shooterkabinen in einschlägigen Etablissements. Auf dreißig Kanälen läuft dann all der projektilreiche Trash. Oder gibt`s die nicht schon? In Texas? Oder in München?

Porno und Shooter. Beide können so langweilig sein wie unsere Testerphrasen abgedroschen sind: partikelfrohe Explosionen hier, zehn feuchte Kamerawinkel da, üppiges Waffenarsenal hier, nackte Ärsche da, massenhaft Gegner hier, geiler Gruppensex da. Und dann diese Pfützen, in denen sich die stupide Monotonie in Echtzeit spiegelt! Wie jetzt gerade, nach ein paar Stunden Black. Viel zu schnell ist man so satt, so angeödet, so abgefüttert.

Woher kommt dann diese anfängliche Wummengeilheit? Die Masse will den Scheiß. Die Masse feiert den Scheiß. Aber ich? Ich brauch das nicht. Jedenfalls nicht mehr. Außerdem bin ich jetzt fast durch. Okay, Black hat irgendetwas befriedigt, aber mehr war da wirklich nicht. Das war alles zu primitiv. Wumm, wumm, wumm und gut. Ich werde keine Shooter mehr anfassen. Elende Waffenpornos. Industrie-Fastfood. Warum auch?

Außerdem: Die beiden flüsternden Nervensägen Langeweile und Lustlosigkeit sind ja jetzt weg - die Couch ist frei! "Grab your gun and shoot for fun!" - so ein Blödsinn. Ich mach jetzt auch langsam Schluss. Das war`s. Ist schon spät geworden. Hey, was liegt da für ein Zettel? Mal lesen:

"Wir treffen uns zum geilen Gears of War oder spätestens zur Killzone 2-Party, okay?
Deine Langeweile, deine Lustlosigkeit."

Verdammt. Ich werde kommen...


Jörg Luibl
4P|Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Bedameister schrieb am
Huch wo haste denn jetzt den Thread ausgegraben :P
ich dachte ja erst du schreibst, da diese Kolumne ja Black anspricht, etwas zum Bodycount Debakel.
Ich habe mich bei der Ankündigung von Bodycount von ganzen Herzen auf den Waffenporno schlechthin für die Nextgen Konsolen gefreut. Der Waffenporno 2.0 der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Aber naja war wohl nix. Black sucht in Sachen Waffenfetischismus bis heute seinen Nachfolger, und von eben diesem ist leider noch nichts in Sicht. Schade eigentlich, Black war einfach das Nonplusultra
FreshG schrieb am
Echt schön geschrieben (:
Ich lese eig. ungerne Bücher, Magaziene oder sonstiges.
Aber das hier macht echt Spaß zu lesen ^^
:D
Sephiroth1982 schrieb am
@ -donut-
liest du eigentlich nur die kolumne bevor du etwas schreibst? jörg hat doch zugegeben das ein oder andere bier intus gehabt zu haben als die kolumne entstand.
@ jörg
mal wieder ganz genial zu lesen. um kundschaft musst du dir keine sorgen machen jörg. ich glaube mindestens die hälfte der leute auf 4p ist speziell wegen den preisverdächtigen kolumnen hier angemeldet. ich hab zwar mit shooter so gut wie nix am hut, aber deine kolumnen sind meine geistige nahrung.
-donut- schrieb am
Ich wette er hat die Kolumne geschrieben, nachdem er ein paar Johnnies durchgezogen hat^^ So ein Vergleich kann einem doch nur einfallen, wenn man breit ist^^
GüntherGartenschlauch schrieb am
Das ist wirklich interessant. Wenn ich mir deinen Artikel durchlese frage ich mich ernsthaft, wieso mir diese Parallel nicht schon früher aufgefallen ist. Das springt einem ja förmlich ins Gesicht.
Vor allem die beiden Facetten, das zweischneidige bei beiden Themen.
Was du beschrieben hast dürfte nur allzu bekannt sein. Endlose Langeweile - schlimmer - gähnende Einfallslosigkeit gepaart mit dem Fehlen jeglicher Ambitionen etwas gegen die Situation zu unternehmen verleitet einen sich vor die Röhre zu pflanzen und sich aller Gedanken durch ein Spektakel der 'einfachen' Art zu entledigen, nur um nach all zu langer Zeit wie aus einem schlechten Mittagsschlaf zu erwachen und sich eigentlich zu freuen, die letzte Episode hinter sich gebracht zu haben.
Und auf der anderen Seite Erlebnisse von geradzu erschreckender Gebanntheit. Man wird gefesselt, und man vergisst das um-einen-herum; man vergisst Alltag, Banalität, ja sogar Ort und Zeit. Man taucht ein, tief genug, um auf seinem Stuhl herumzutaumeln. Und beides findet praktisch in unserem Kopf statt. Man lässt sich darauf ein. Und anders als Liebesfilme oder Rollenspiele sind Shooter wie Pornos hart und schnelllebig. Story hin oder her. Es ist ein eintauchen in eine Ohnmacht. Und ein Erwachen hinterher.
Ein wirklich sehr interessanter Gedanke.
Aber auf Dauer ist es immer das gleiche: Ob Shooter oder Porno - es macht mit anderen Leuten einfach mehr Spass als alleine ;)
schrieb am

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