Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 31
Mittwoch, 01.08.2007

Die Hakenkreuz-Hysterie


Pfui! Böse Hakenkreuze. Ganz böse Hakenkreuze. Kaum taucht eines in Deutschland auf, klingeln die Glocken der sensationsgeilen Neugier im Takt mit der profilaktischen Abscheu. Und kaum taucht eines in einem Spiel auf, beginnt die Magie des staatlichen Verbotes bei vielen zockenden Bürgern zu wirken: Was? Ihr habt eines gesehen? Nein, wirklich? Wo denn? Und wie viele? In der Uncut? Coool. Was, am Kiosk? Oh je...

Nehmen wir The Darkness : In vielen Foren geht es den Leuten weniger um die Qualität des Shooters, sondern eher darum, an welcher Stelle, wie viele Hakenkreuze in der ungeschnittenen Variante zu sehen sind - dabei kommen sie im Spiel gar nicht vor, sondern nur im Bonusmaterial! Woher kommt diese stupide Faszination? Keinen Zocker in unseren Nachbarländern interessiert das. Und die Hysterie um ein Symbol kann idiotische Ausmaße annehmen: Die aktuelle PC PowerPlay muss aus dem Handel gezogen werden, weil im Video zu Turning Point: Fall of Liberty  tatsächlich für ein paar Sekunden ein Hakenkreuz zu sehen ist - ach Gottchen, da geraten die Grundfesten unserer Demokratie ins Wanken!

Warum diese drastischen Maßnahmen? Juristisch ist die Antwort klar: Gesetz ist Gesetz, Verbot ist Verbot - genauer gesagt: ist das Abbilden strafbar nach §§ 86a, 86Abs. 1 Nr. 1, 2 und 4 des Strafgesetzbuches. Ja, die Geschichte. Ja, Adolf Hitler. Ja, auf der Straße will ich Hakenkreuze auch nicht sehen. Aber muss man nicht mal losgelöst von allen Jugendschutzdebatten eine logische Antwort auf die Frage geben können, warum ich sie als Erwachsener in Spielen nicht sehen darf? Diese Bevormundung schreit zum Himmel! Die staatliche Zensur eines Symbols für ein virtuelles Medium ist Unfug - selbst meine Tochter darf sie in Was-ist-was-Büchern sehen!

In Jugendbüchern sind Hakenkreuze kein Problem. Im Schulunterricht sind sie kein Problem. In Archiven und Museen sind sie kein Problem. In Filmen auch nicht. Aber in Spielen. Zwischen PC und Konsole lauert scheinbar die große Gefahr der uralten Swastika. Die Angst vor dem Symbol war den Germanen, Kelten, Römern und Indern schon vor tausenden Jahren ebenso fremd wie heute den Amerikanern, Brasilianern und Israelis. Auch die Senegalesen und die Simpsons kennen sie laut aktuellen Hochrechnungen nicht.

Warum auch? Das einfache, anno dazumal noch "Winkelmaßkreuz" genannte Symbol galt Jahrtausende als Sonnenrad, als Fruchtbarkeits- und Glückszeichen. Das letzte Hakenkreuz habe ich übrigens am Wochenende in Schleswig gesehen, in einer Glasvitrine des Schlossmuseums Gottorf. Es gehörte zu einer Gürtelschnalle eines römischen Legionärs der Kaiserzeit.

Wie kann man ein Symbol in einem Medium so tabuisieren? Merkt man denn gar nicht, welche Anziehungskraft es dadurch gerade für junge Deutsche gewinnt? Alles, was man verbietet, wird nur interessanter. Welch abstruse, welch lächerliche Ausmaße das annimmt! Blödsinnige Faszination kann dann schon mal auf große Bildungslücken treffen.

Holländische Spielehändler können ein Lied davon singen: Sie berichten z.B., dass Deutsche über die Grenze gekommen sind, um sich die ungeschnittene Fassung von The Darkness zu besorgen. Als sie das Spiel komplett durch hatten, fuhren sie tatsächlich zurück und wollten es umtauschen, weil sie "keine Hakenkreuze gefunden haben, obwohl die drin sein sollen."

In diesem Land wäre noch nicht mal ein Spiel im Zweiten Weltkrieg möglich, in dem ich als Widerstandskämpfer (!) in einem heroischen finalen Akt ein Hakenkreuz-Symbol mit 100 Kilogramm Dynamit in die Luft sprengen würde! Selbst in der Rolle Stauffenbergs dürfte man den Nationalsozialisten nicht an den authentischen Kragen! Wäre das nicht aktive staatsbürgerliche Aufklärung im Sinne der Verfassung? Aber selbst für das Tragen durchgestrichener Hakenkreuze wurde man hierzulande ja bis vor kurzem noch bestraft - grotesk.

Deutschland? Du bist hysterisch! Eine Verfassung, die Symbole fürchtet, ist nicht stark genug. Eine Verfassung, die Symbole fürchtet, die in Spielen vorkommen, muss zum Psychiater.


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Oynox schrieb am
LePie hat geschrieben: ?
12.11.2017 12:50
Ich denk mal, das passt hier in den Thread rein: BIU-Geschäftsführer Felix Falk hat sich kürzlich zu diesem Thema in einem Interview mit GamesWirtschaft zu Wort gemeldet:
http://www.gameswirtschaft.de/politik/w ... -falk-biu/
Cool, das klingt ja absolut fruchtlos. Es bleibt alles beim Alten.
TheLaughingMan schrieb am
c452h hat geschrieben: ?
05.11.2017 19:15
Geil, wie da oben Deutschlands Verantwortung für den 2, WK relativiert wird.
Hä? Wo? 8O
c452h schrieb am
Geil, wie da oben Deutschlands Verantwortung für den 2, WK relativiert wird.
sourcOr schrieb am
Ego sum Noctis hat geschrieben: ?
07.03.2014 14:56
Alle Großmächte haben sich einen auf Ihre Herkunft und Ihren Technologischen Fortschritt heruntergeholt und machen das auch heute noch. Amerika beispielsweise kann ja sich gar nicht genug auf die eigene Flagge und das Militär einen herunterholen.
Jo. Man muss sich einfach mal anschauen was in der Welt heute passiert und wie das Ausland immer noch tickt, auch hier in Europa. Wie die Deutschen da mit dem Hakenkreuz umgehen ist im Großen und Ganzen sowas von irrelevant. Diese "Vorbildfunktion" ist in der Realität ein seichter Furz.
Früher hat man die Deutschen wegen ihrer durch Preußen geprägten militarisierten Gesellschaft belächelt. Heute kann man von hier aus lächeln, wobei ich das fast nicht zum Lächeln mehr finde.
ronny_83 hat geschrieben: ?
07.03.2014 17:09
Alter Sack hat geschrieben:Ja klar geht das auch ohne, keine Frage. Das ändert aber nichts an der Tatsache das die Deutschen das auch gerne als Vorwand nehmen um an unangenehmen Sachen vorbeizuschiffen, nur der Vorwand hat im Ausland keinen Bestand mehr.
Was hat das mit Vorwand zu tun und sich davor verstecken, wenn man das Hakenkreuz verbietet? Das sind doch auch nur Behauptungen, dass das Ausland so oder so denkt und wir uns vor irgendwas verstecken. Glaubst du ehrlich, wir sind immer noch die Überlebenden nach dem Krieg, die den Holocaust...
schrieb am

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