Kolumne

hundertprozent subjektiv

KW 34
Montag, 22.08.2011

Zwischen Kinderbefehl und Panzerpause


Wirklich klasse, diese Spielemesse: Besucherzahlenrekorde, Flächenausstellungsrekorde und Weltneuheitenvorstellungsrekorde!  Wart ihr da, in Köln? Konntet ihr die Begeisterung spüren? Da schlenderte man am Puls der Branche durch die Hallen, atmete den Duft der virtuellen Faszination und begegnet all diesen Ikonen.

Sonnenbebrillte Snakes zum Beispiel, die in Tarnanzügen versuchten Close-Quarter-Combat zu performen.  Oder Ivy, die weißhaarige Kampfmatrone aus Soul Calibur, die sich mit üppig hängenden Brüsten und dermaßen angewidertem Blick an Besuchern vorbei schleppte, dass einige angesichts der Bildgewalt fast stürzten. Vielleicht lag das auch am glitschigen Boden: Nach drei Tagen bildete sich in Köln ein kunterbunter Teppich voller Magazine, Flyer, Taschentücher, Dosen, Socken und Müsliresten.

Am Samstag musste man allerdings fast Loveparade‘sche-Ängste bekommen, als sich vor den Hallen tausende Menschen wie bei einem Fußballderby stauten. Da konnte man froh sein, dass man schon mitten drin war im Spektakel: All die Männer, die in schmatzenden Sandalenkolonnen zum Diablo-Stand marschierten. Die jungen Eltern, die ihre Kinder zur Sicherheit an Leinen mit Brustgeschirr (!) herum führten, die ich sonst nur aus Zoohandlungen für Katzen kannte - im Trubel hörte ich tatsächlich Befehle wie „Greif!“, „Steh!“ oder „Geh!“.

Gut, dass man sich angesichts der fehlenden Bänke mal in aller Ruhe in einen Panzer setzen und mit World of Tanks ein paar Rohre gerade sein lassen konnte – wunderbar, wie das krachte! Warum wurde das eigentlich nicht Spiel der Messe? Vor kurzem kannte es niemand, aber in Köln hatte es einen größeren Stand als Capcom; so eine steile Karriere gibt es sonst nur in der simulierten Landwirtschaft. Da hat die national und international hoch qualifizierte Jury scheinbar geschlafen: Panzer und Deutschland - das ist doch eine traditionell schlagfertige Kombo! Vielleicht wartet man ja auf Counter-Strike: Global Offensive, das man in Köln vergeblich suchte.

Aber die Jury musste ja auch schon ganz früh, quasi vor der Messe, die besten Spiele der Messe küren. Ein Knochenjob ist das: Da soll man ohne eine Minute Spielzeit, aber mit viel Fantasie über die Qualität urteilen – das können nur Experten. Heutzutage bleibt ja kaum noch Zeit: Die Messe-Awards müssen vorher gedruckt und auf die Stände gepappt werden, damit man vor der Präsentation auch weiß, dass man angesichts der „groundbreaking“ Qualität gleich ohnmächtig werden könnte. Angesichts der berauschenden Zitate wurde einem durchaus schwindelig, denn obwohl The Elder Scrolls V: Skyrim noch gar nicht fertig ist, war es „Das beste Spiel des Jahres“. Diese teutonische Gründlichkeit hat nur die amerikanischen Kollegen verwundert, die ihre E3-Awards erst vergeben, nachdem sie die Spiele in Los Angeles auch wirklich gezockt haben.

Wie es da auf den Gängen raunte und rumorte! Die Messe fing ja schon unheimlich spektakulär an, mit der Preissenkung der PlayStation 3 um satte 50 Euro sowie der Wiederauferstehung der PSP als 100-Euro-Zombie – so ein Vertrauen in schlecht verkaufte Hardware kennt man nur von Nokia. Nicht, dass die untote Kiste noch die frisch angekündigte PS Vita infiziert. Der wünscht man als Hardcore-Zocker mindestens so einen Erfolg wie der Wii.

Habt ihr mitbekommen, dass Nintendo bald ein neues Modell veröffentlicht, das noch weniger kann? Da muss man sich nicht mehr so viele Gedanken machen, welches GameCube-Spiel man nicht zocken will – sie funktionieren alle nicht mehr. Ansonsten haben die Japaner schwer begeistert: Wii U wurde exklusiv für Europa komplett unsichtbar gemacht! Auch Eidos ließ Lara und den Hitman ohne ein Lebenszeichen wegzaubern.

Am Fachbesuchertag und im Business Center war man unter sich mit all den Profis der schreibenden Zunft – Köln ist mittlerweile auch ein Mekka der ludologisch interessierten Autorengilde. Da konnte man endlich mit fünfzehnjährigen Chefredakteuren aus der Slowakei darüber fachsimpeln, wo es was Vernünftiges zu futtern, Kölsch gratis oder die besten Werbegeschenke abzugreifen gibt. Ein besonders kniffliges Fragequiz innerhalb der Presse: Welche Präsentation in Köln war keine Kopie aus Los Angeles? Diese inspirierenden Begegnungen mit Spieletestern aus aller Welt machen ja den Reiz der Messe aus: Investigativer Ehrgeiz, wohin man schaute – bis hin zum Handheld-Mundraub!

Am Sega-Stand hat ein (mir allerdings gänzlich unbekannter) Kollege nach der Präsentation  tatsächlich eine 3DS-Hardware mitgehen lassen. Und bei der Vorführung von Mass Effect 3 wollte sich ein besonders arbeitswütiger Journalist mit zehn prall gefüllten Goodie-Taschen in einen fünf Quadratmeter großen Raum hinein zwängen. Der in seiner Präsentation unterbrochene BioWare-Mitarbeiter hatte gerade das „world class role-playing“ intoniert und war für einige Sekunden sichtlich beeindruckt angesichts des energischen Pressvorgangs zwischen Tür und Angel – das erinnerte durchaus an den unbeugsamen Trotz der Kroganer.

Scheinbar wusste der Kollege nicht, dass man an der Garderobe von Ausgang Ost bereits ganze Areale für einzelne Besucher am Boden einklebte, weil sie nicht mehr nur ihre Jacken, sondern zwanzig bis dreißig Taschen abgeben wollten. Zwischen Garderobe und Hallen herrschte ein karawanenartiger Betrieb, der eBay in den nächsten Wochen einigen Umsatz bringen wird. Manchmal wurde dort auch direkt verhandelt und vertickt: Call of Duty-Shirts für zehn Euro – frisch vom Stand! Wer will noch mal? Wer hat noch keins?

Aber selbst mit Presse-Ausweis durfte man nicht überall hin – Sicherheit geht vor: Microsoft hatte einen Flur exklusiv für seine Mitarbeiter reserviert. Wenn man da einfach so durchgehen wollte, weil am Ende des Tunnels die frische Luft lockte, wurde man von einem Türsteher aufgehalten und in tiefem Moll an die eigene Nichtexklusivität erinnert. Sehr fair: Man bekam nicht gleich eine Anzeige wegen Messeflurfriedensbruch. Und immerhin: Normale Besucher kamen erst gar nicht so weit!

Angesichts all der rheinischen Rekorde, weltexklusiven Highlights und beruflichen Höchstleistungen schlurfte man am Ende des Tages unheimlich fasziniert, aber verdammt müde gen Ausgang. Nur der Gedanke daran, dass es nächstes Jahr sicher noch exklusiver, unwichtiger, größer, peinlicher, bedeutender, lauter und natürlich schöner wird, hielt einen bis zur nächsten Bar aufrecht.



Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Geschichten aus der Welt der Videospiele
Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

ey4playersjunge schrieb am
Also wer geht bitte noch Samstag auf die Gamescom?!!!!111einseinself
(Naja Leute die halt Donnerstag und Freitag arbeiten?! )
War am Samstag da, ziemlich früh, es war trotzdem voll.
Da ich mein Grundwehrdienst beim Wachbattalion geleistet habe bin ich langes und stupides rumstehen gewöhnt. Hey auf der Gamescom darf ich mich wenigstens noch mit Kumpels unterhalten, beim Bund hieß es geradeaus gucken und nicht mal mit der Wimper zucken!
Dafür konnte ich in der Gears of War 3 Schlange noch einige witzige Perfomances beim Dance Central 2 Stand beobachten :wink: . Drei Stunden Anstehen für 15 Minuten Gameplay sind trotzdem frech! Wenigstens gabs von einem paar wirklich netten Microsoft-Mitarbeiterinnen ein gratis T-Shirt(ÖHHHHHHH)
Mein Fazit: Samstag auf die Gamescom zu gehen ist einfach suboptimal.
Es ist voll und du musst für wirklich JEDEN Scheiß lange anstehen und eigentlich kriegt man für das Geld was man zahlt zu wenig zu sehen.
Ich mag zwar das Feeling, welches die Gamescom vermittelt, aber ich werde den Teufel tun mich da nochmal Samstag blicken zu lassen!
Nächstet Jahr ergammel ich mir mit meinem Amteurblog einfach auch ein paar Buisnesspässe oder nehm einfach Urlaub für Donnerstag/Freitag. :P
gollum_krumen schrieb am
David WG hat geschrieben:Ein kleines Prosa-Stück für euch ...*räusper* ... es heisst "Der Allesfresser"
Bestehlt mich!
Quält mich!
Alles was ihr tut - es stählt mich!
DRM auf dem PC
Free-2-Play und DLC
In-Game Purchase ist okay
nur Nintendo find' ich gay
Jörg halts Maul von wegen Messe
sonst gibts echt was auf die Fresse
ich scheiss auf Leute von der Presse
weil ich ungefiltert Content fresse
Ich warte gerne auch 10 Stunden
denn ich gehör' zu EAs besten Kunden
Nichts ist neu - ´der alte Scheiss?
Na und - ich zahl nochmal den gleichen Preis!
"Zwar nicht Rilke, dafür aber kurz!"
Aber lustig auf jeden Fall.
Arkinos schrieb am
David WG hat geschrieben:Ein kleines Prosa-Stück für euch ...*räusper* ... es heisst "Der Allesfresser"
Bestehlt mich!
Quält mich!
Alles was ihr tut - es stählt mich!
DRM auf dem PC
Free-2-Play und DLC
In-Game Purchase ist okay
nur Nintendo find' ich gay
Jörg halts Maul von wegen Messe
sonst gibts echt was auf die Fresse
ich scheiss auf Leute von der Presse
weil ich ungefiltert Content fresse
Ich warte gerne auch 10 Stunden
denn ich gehör' zu EAs besten Kunden
Nichts ist neu - ´der alte Scheiss?
Na und - ich zahl nochmal den gleichen Preis!
Oh mein Gott, das dürfte glaube ich der beste Post in dieser Diskussion sein :^^:
T.H. schrieb am
4P|T@xtchef hat geschrieben:
starscream12334 hat geschrieben:Kurze Frage mal an Jörg: Wieso schreibst du nichtmal etwas konstruktives oder positives über die Spieleindustrie ?
[...]
Die richtig bösen Texte kommen noch.
Ich freu mich drauf. :)
I love TitS schrieb am
4P|T@xtchef hat geschrieben:Und gerade ist ja der Import-Test zu Catherine online...auch eine interessante Nische.
Das war doch Absicht :P
Ne, find ich gut, find ich gut. Mehr davon. Mehr ;)
schrieb am

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