Der 4Players Kommentar: Grand Theft Zirkus

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Kommentar

hundertprozent subjektiv

KW 38
Mittwoch, 18.09.2013

Grand Theft Zirkus


Als ich ein Knirps war und auf einen Elefanten gesetzt wurde, war ich für Minuten komplett hin und weg. In so einer Art Grinsestarre. Da schaukelte ich auf diesem Riesen und war der King! Ich hatte natürlich Schiss, aber es konnte ja eigentlich nix passieren – schließlich war ich nicht wirklich im Dschungel, sondern im Zirkus. Und was es da noch alles gab: Akrobaten, Popcorn, Affen, Clowns, Eis!

Je älter ich wurde, desto langweiliger wirkte dieses Spektakel auf mich. Mittlerweile verabscheue ich den Zirkus sogar für die Art, wie man dort mit wilden Tieren umgeht. Eigentlich schade: Aus der Faszination an dieser bizarren Welt ist Ernüchterung geworden. Man hat die Illusion irgendwann durchschaut. Jetzt könnte mich nur noch eine authentische Begegnung in der Wildnis reizen, ein ehrlicher Nervenkitzel. Und was schau ich mir abends an? Tierdokus!

Wenn ich Grand Theft Auto 5 spiele, fühle ich mich wie ein Erwachsener, den man in den Zirkus seiner Kindheit entführt. Aus den Elefanten und Clowns sind eben Schrotflinten und Nigger geworden – es wird geflucht, geballert, gefickt und gerast. Da ist so viel Schwanz, Muschi und Porno drin, dass sich der Kauf nicht nur für Männer in der Midlife-Crisis, sondern auch für Kids in der Pubertät lohnt.  All das, was einem als Jungen rote Backen und vielleicht Lust auf mehr macht, lässt mich hier allerdings kalt. Mal muss ich schmunzeln, mal lachen, aber von Immersion ist keine Spur.

Ich sehe da weder etwas Skandalöses noch etwas Faszinierendes. Heiß dürften lediglich konservative Amerikaner werden. Denn wer sich schon über die harmlose Hot-Coffee-Mod aufgeregt hat, müsste schon beim virtuellen Titten-Grabschen im Strip-Club in Schnappatmung verfallen. Und spätestens im Angesicht von Trevors totaler Primitivität samt Gemächt in HD müsste man zumindest im Bible Belt ohnmächtig werden. Aber meine Güte, wie albern, plump und unerotisch Spiele immer noch sind.

Mein Problem ist ohnehin nicht, dass es inklusive Fäkalsprache, Rassismus, Gewalt, Drogen und Sex politisch inkorrekt zugeht – im Gegenteil: Wer einer rücksichtslosen Gesellschaft den Spiegel vorhalten will, muss all die aufgesetzte Schminke mit ihrem breiten Alles-ist-schön-Grinsen weglassen, damit die hässliche Fratze sichtbar wird. Das gelingt Grand Theft Auto. Zwar lange nicht so wie etwa den Sopranos oder Breaking Bad, wo man angesichts der Entwicklung der Charaktere von der Gewalt überrascht wird. Hier sitzt man als Spieler sofort als King auf dem Ich-scheiß-auf-alles-Elefanten. Wenn ich will, mach ich alles platt!

Das kann cool sein, es gibt tolle Momente in diesem Spiel. Aber es bleibt so viel unbefriedigte Neugier, weil Rockstar Games hinsichtlich Spieldesign und Dramaturgie so wenig Interessantes in seiner offenen Welt inszeniert. An der Oberfläche ist alles schick und alleine aufgrund der Größe der Welt immer noch verlockend. Aber tausende Quadratkilometer sind auch nicht mehr dieser Magnet, der vor zehn Jahren so anzog. Die Herausforderung liegt mittlerweile eher darin, stimmungsvolle Milieus abzubilden, die nicht nach dem ersten Besuch in sich zusammen fallen. Sobald man in diesem Grand Theft Auto eine Etage tiefer geht und etwas piekst, findet man abseits von situativer Komik, lustigen und derben Missionen leider mehr Staffage als Substanz.

Und man spielt teilweise in totalem Widerspruch zu dem, wie das Drehbuch z.B. Franklin darstellt.
Er will eigentlich raus aus dem Gangsta-Leben. Und was muss (!) er in einer der ersten Missionen machen, ohne dass ich als Spieler eine Wahl habe? Den Bodycount mit der Schrotflinte hochtreiben – da werden auch Polizisten aus dem Heli rausgeballert. Danach kommt er nach Hause und echauffiert sich darüber, dass seine Tante mit ihren Freundinnen irgendeinen Aerobic-Tanz aufführt? Dann legt er sich mit dem Prollkumpel aus dem Knast an? Das passt einfach nicht. Ich kann Trevor gar nicht so spielen wie Rockstar ihn zeichnet.

Mein Problem ist gerade dieser fehlende Fortschritt in der Regie, die mich wie in der Steinzeit des Spieldesigns zur Marionette macht. All das Oberflächliche kenne ich schon. Kick-Ass-Action und anarchistische Attitüde gibt es zur Genüge. Es ist so, als würde GTA in seine eigene Vergangenheit reisen, ohne sich weiter zu entwickeln. Als ich mit Franklin unterwegs bin, während Eazy-E und NWA im Radio laufen, dachte ich mir nur: Been there, done that. Dieses coole Gangsta-Kapitel wurde nicht nur von San Andreas, sondern schon längst von Film, Literatur und anderen Spielen durchgenudelt. Richtig cool und rebellisch wäre GTA übrigens, wenn man das verdammte Handy wegschmeißen, zertreten und endlich frei in Los Santos sein könnte. Stattdessen werde ich totgebimmelt und Rockstar springt inklusive App und Facebook auf den Social-Media-Zug auf.

Nicht nur weil hinsichtlich der Figuren eine neue Dimension charakterlicher Tiefe und Entwicklung fehlt, die u.a. Spiele wie The Walking Dead auszeichnet, sondern weil auch der Anspruch an die eigenen Skills gering ist, sitze ich vor dem Fernseher und spiele so wie ich Chips esse: Mach diese eine Mission, grabsch mal in jene Tüte, fahre in einen Stadtteil, futter nochmal etwas Action. Selbst wenn ich auf der Flucht rase oder in einer Schießerei ballere, bin ich dabei nahezu komplett relaxt, ohne Anspannung und weit weg von einer Immersion, die den Puls in die Höhe treibt. Wo ist der Nervenkitzel? Dafür reicht Trevors Penis nicht aus.

Eine Mission nervt? Einfach überspringen und die Story geht so weiter, als hätte ich Erfolg gehabt! Warum soll ich mir dann überhaupt die Mühe machen, nach Bronze, Silber oder Gold zu jagen? Auch die Fähigkeiten hören sich zwar gut an, wirken sich aber kaum spürbar aus, zumal eine Spezialisierung zum Schleichen, Fahren oder Kämpfen durch den Charakterwechsel eigentlich gar nicht nötig ist – jeder kann ja von Beginn irgendwas besonders gut. Die erste Schlägerei gegen eine Gang mit vier Mann? Kein Problem, man macht sie mit Franklin in den ersten Minuten fertig. Es gibt auch zu wenig Konsequenzen: Ich hetze der Nachbarin aus Versehen den Hund auf den Hals, der sie am hellichten Tag totbeißt. Und was passiert? Nix. Niemand stört sich. Sie liegt da einfach rum.

Es ist diese Sicherheit und Beliebigkeit, die aus dem nach außen so chaotisch und anarchistisch anmutenden Spiel für mich eher eine spießige, voll angeschnallte und lineare Fahrt durch einen Freizeitpark alter Schule macht. Das ist kein ungewisses Abenteuer neuer Art, das mich lockt und reizt. Dass mir letztlich nichts passieren kann, ist ja gar nicht das Problem, sondern der ureigene Reiz eines jeden Spiels mit viel Action – dem Alltag entfliehen, Extreme erleben, aber sicher sein. Wie als Kind auf dem Elefanten. Aber die Illusion einer lebendigen Spielwelt mit glaubwürdigen Charakteren und Reaktionen wird auch in Los Santos zu schnell zerstört. Grand Theft Auto bleibt mit seiner Sogwirkung ein Phänomen, mit dem man seinen derben Spaß haben kann. Aber Rockstars Popikone grinst mittlerweile wie eine zu stark geschminkte Diva, die ihren Zenit überschritten hat.


Jörg Luibl
Chefredakteur
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
Spielefresser, Biomonster & Fanboys
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Ausgewählte Kolumnen von Jörg Luibl, Chefredakteur bei 4Players.de, in einem Taschenbuch des CSW-Verlags.

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Kommentare

Jankiesnnae schrieb am
Mir ist nichtmal aufgefallen das man Missionen überspringen kann obwohl ich GTA V schon 2x durch hab. :lol: Absolutes Meisterwerk. Rockstar sind einfach die Beethovens der Spielindustrie freu mich jetzt schon auf GTA 6.
DextersKomplize schrieb am
Wen stört das denn das man Missionen überspringen kann? Wer es nicht nutzen will, nutzt es nicht. Spieler denen das Spiel zu schwer ist und primär die Story erleben wollen, können das halt so machen. Wem genau wird damit geschadet?
Und die ganzen Anzeigen bei den Missionen müssen ja teilweise sein, da manche Missionen ja sehr cineastisch in Szene gesetzt sind, actionreich, man weiß gar nicht genau, was die Regie da manchmal mit einem vor hat, bpsw. wo man mit Michael das Boot zurückholen soll. Ich wusste beim ersten Mal weder was ich drücken/machen sollte, da ja einiges automatisch abläuft. Allein das mit der Kamera, das der dann allein weiterfährt wenn man die umschaltet(was ja sonst nicht so ist).
Mir ging das zwar auch iwie manchmal auf den Keks, aber das ist halt der Knackpunkt wenn quasi ein unsichtbarer Regisseur die Missionen (manchmal) leitet. Es sieht gut aus, hört sich gut an, aber das Korsett ist etwas eng um alles machen zu dürfen, daher gibts quasi "Anweisungen". Mit Trial und Error glaube ich aber nicht dass das mehr Spaß machen würde. Schwierige Sache ^^
Danny1981 schrieb am
Ich verstehe nicht, wieso manche "Komfortfunktionen" mit "Deppenfunktionen" gleichsetzen.
Nur ein Beispiel :
Gestern habe ich MGS3 angefangen. Mit Komfortfunktionen wäre dieses Spiel grandios. So ist aber die Kamera / Steuerung / das seltsame Sichtfeld der größere Feind als die Gegner an sich.
Mit Komfortfunktionen könnte ich gegen das Spiel "kämpfen" und nicht gegen die Steuerung :)
Ist ein blödes Beispiel, weil das Spiel ja nun schon älter ist, aber kam mir gerade in den Sinn.
Eine "Autoplay-Funktion" wie in Mario auf der Wii ist hingegen eine Deppenfunktion. Genauso wie das Überspringen von Missionen / Minispielen. Wie erbärmlich kann ein Entwickler sein, etwas zu programmieren, was er aber dem Spieler als teilweise obsolet darstellt.
Elderbunnie schrieb am
Randall Flagg78 hat geschrieben:Zu GTA selbst:
Rückblickend muss ich sagen: Ein gutes Spiel, aber wenn ich ehrliche bin ist davon absolut nichts geblieben.
Ich kann mich an keinen Charakter mehr erinnern, an keine Mission, oder an die Story.

Von der Story ist mir lediglich der Überfall auf den Banktransporter richtig in Erinnerung geblieben, die 1:1 vom Film "Heat" kopiert wurde. Im Spiel dann nur leider mit einer riesigen Ballerei im Anschluss anstatt mal etwas professionelles Flair aufkommen zu lassen.
Leider bin ich auch nicht der Typ, der irgendwie sinnlos durch die Stadt fährt und Passanten tötet, oder sinnfreies Chaos verbreitet um sich dann von der Polizei jagen zu lassen.

Das ist natürlich ungünstig da das eins der Kernmerkmale von GTA ist. Vor GTA 3 war es sogar der zentrale Punkt des Gameplays da eine echte Story ja quasi nicht existierte.
In Sachen Kreativität ist GTA 5 da bisher die beste Spielwiese. Mit dem Cargobob Wohnmobile über der Stadt abwerfen ist einfach zu witzig. Das einzige was mir 'n bisschen fehlt ist die Möglichkeit Züge selbst zu steuern. In San Andreas ging das damals und man konnte das Ding entgleisen lassen.
Randall Flagg78 schrieb am
Sorry, aber wenn man keinen Bock drauf hat, sich wirklich mit einem Medium zu befassen, sollte man es einfach lassen.
Solche Causals versauen halt die ganze Spielewelt, da sie für sich in Anspruch nehmen, alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen und sich für den Nabel der Welt halten.
Das sind die gleichen Leute, die einen wählbaren Schwierigkeitsgrad für Dark Souls fordern, weil es ja nicht sein kann, dass man ihnen Spiele vorenthält, für die sie bitte schön nichts tun möchten.
Klingt hart, aber mir gehen diese Leute einfach absolut gegen den Strich. Muss ja nicht jeder ein Core Gamer sein, aber man sollte dann eben auch akzeptieren, dass einem gewissen Inhalte verschlossen bleiben.
Bei anderen Hobby muss ich auch investieren, oder ich hab eben Pech gehabt.
Beim Snooker kann ich auch nicht verlangen, dass für mich die Taschen größer gemacht werden, damit ich mal einen Ball versenke.
Zu GTA selbst:
Rückblickend muss ich sagen: Ein gutes Spiel, aber wenn ich ehrliche bin ist davon absolut nichts geblieben.
Ich kann mich an keinen Charakter mehr erinnern, an keine Mission, oder an die Story.
Das Einzige was mir in Erinnerung geblieben ist:
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